Sachsen-Anhalt: „Lernen im Ganztag“ mit der Schulaufsicht

Die Schulaufsicht muss ins Boot, wenn es um Schulentwicklung geht. Sachsen-Anhalt beteiligt sich daher am Programm „Lernen im Ganztag“. Dr. Jonas Flöter vom Landesschulamt spricht im Interview über die Netzwerkarbeit.

PD Dr. Jonas Flöter© Jonas Flöter

Am Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator beteiligen sich rund 300 Ganztagsschulen aus fünf Bundesländern. Eine Besonderheit des Programms ist, dass nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Schulleitungen und Schulaufsicht als „Steuerungsebene“ der Qualitätsentwicklung angesprochen werden.

Online-Redaktion: Herr Dr. Flöter, was hat Sachsen-Anhalt veranlasst, sich am Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ zu beteiligen?

Jonas Flöter: „Lernen im Ganztag“ will individualisierten Unterricht an den allgemeinbildenden Schulen des Landes fördern und weiterentwickeln und diese Prozesse von Seiten des Landesschulamtes institutionell begleiten. Dies war der Anlass, die Qualifizierung der schulischen Führungskräfte ins Haus zu holen. So wurde ein optimales Zusammenspiel von Schulleitungen, Schulaufsicht und der Qualifizierung von schulischen Führungskräften möglich.

Lehrerhin malt im Unterricht einen Kreis an die Tafel
© Britta Hüning

In den 68 teilnehmenden Schulen in Sachsen-Anhalt haben sich Lehrkräfte und Schulleitungen spezifische Projekte zum individualisierten Lernen vorgenommen. Von Anfang an war auch die Schulaufsicht mit im Boot, die die Entwicklungsprozesse an den Schulen aktiv begleitete. Bei uns in Sachsen-Anhalt sind das 23 schulfachliche Referenten und Referentinnen, also diejenigen, die in anderen Bundesländern in der Regel „Schulrat“ oder „Schulrätin“ heißen. Ihre Aufgabe ist die schulfachliche Aufsicht, aber auch die Beratung der Schulen.

Das Programm LiGa stärkt gerade den Aspekt der Beratung, was wir positiv bewerten. Denn seien wir ehrlich: Wie das im Leben so ist, nehmen die vielen täglichen Aufgaben so viel Zeit in Anspruch, dass die Beratung und die Unterstützung in der Schulentwicklung, die ein schulfachlicher Referent leisten soll, manchmal zu kurz kommt. Wenn man so will, gibt das Programm den schulfachlichen Referenten den Freiraum, das qualifizierter zu tun, was sie tun sollen.

Online-Redaktion: Wie ist LiGa im Land organisiert?

© DKJS / Stiftung Mercator

Flöter: Wir haben fünf regionale Netzwerke, die mit den Betreuungsgebieten der schulfachlichen Referenten weitgehend deckungsgleich sind. Die Schulen konnten sich bewerben und mussten dafür ihre schulfachlichen Referenten sozusagen gewinnen. Umgekehrt ging es genauso. Es gab keinen Fall, wo das nicht geklappt hat, und es fanden viele motivierte Menschen zusammen.

Die Projekte in den Schulen sollen so gut begleitet werden, dass eventuelle institutionelle oder verwaltungstechnische Hürden gleich dadurch abgemildert werden, dass die Personen, die darüber zu entscheiden haben, an einem Tisch versammelt sind und sie miteinander arbeiten. Das hat auch gut funktioniert. Die schulfachlichen Referenten betreuen jeweils zwei bis sechs Schulen im LiGa-Programm, daneben aber noch jeweils bis zu 30 Schulen außerhalb des Programms, das ist eine hohe Anforderung.

Online-Redaktion: Das Programm schließt auch Qualifizierungsangebote ein – welche sind das?

Schüler lernen im Unterricht
© Britta Hüning

Flöter: Es gibt drei Ebenen. Da sind zunächst die Netzwerktreffen, bei denen sich die Schulen in ihren jeweiligen regionalen Netzwerken an einem Tagungsort oder in einer Schule treffen. Dort haben die Schulen die Gelegenheit, an ihrem spezifischen Projekt weiterzuarbeiten, wofür im Schulalltag oft zu wenig Zeit bleibt. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist es einfach günstig, mal einen Tag aus dem Alltag herauszukommen und sich mit anderen Schulen auszutauschen. Wobei ich betonen muss, dass die Netzwerktreffen freitags oder samstags stattfinden. Unterrichtsausfall oder Vertretungsnotwendigkeiten möchten wir selbstverständlich gering zu halten.

Die zweite Ebene besteht in der gemeinsamen Qualifikation der Schulleitungen und der Schulaufsicht. Diese sogenannte Führungskräfteakademie findet einmal im Jahr, immer Ende November, statt. Dort werden dem Entwicklungsstand des Programms angepasste Themen behandelt. 2016 ging es um die „Steuerung individualisierter Lernprozesse“. 2017 folgte die „Steuerung von Prozessen digital-vernetzten Lernens“. 2018 ging es insgesamt um die „Steuerung von Veränderungsprozessen“. In diesem Jahr ist das Thema „Zukunft der Schule“. Und wir werden natürlich auch vorstellen, was in drei Jahren Programm so alles entstanden ist.

© Britta Hüning

Drittens gibt es das Qualifizierungsprogramm für die schulfachlichen Referentinnen und Referenten: Sie qualifizieren sich dort zu „Systemischen Beratern“. Frank Schmelzer vom artop-Institut an der Humboldt-Universität Berlin hat ein Programm mit acht Modulen zur systemischen Organisationsberatung entwickelt. „artop“ war ursprünglich eine Arbeitsgruppe „Arbeits- und Technikgestaltung, Organisations- und Personalentwicklung“. Im Rahmen der Qualifizierung konnten die schulfachlichen Referenten für sich erfahren, dass das, was sie bisher für Beratung hielten, in Wahrheit nicht immer Beratung war. Ein Ziel der Qualifizierung ist es, diese Beratungskompetenz zu steigern.

Online-Redaktion: Wie erreichen Sie dieses Ziel?

Flöter: In den Modulen wurden die Grundlagen der Beratung, Fragen der Moderation in Konflikten und vor allem die Methode der kollegialen Fallberatung vermittelt. Und es hat tatsächlich schon etwas bewirkt: So wurden zum Beispiel Kollegen aus der Gruppe mitgenommen, wenn sie an ihrer Schule vor einem Problem standen, das sie lieber in einer gemeinsamen Sichtweise lösen wollten – sogar über Schulformen hinweg. Natürlich war das Instrument der kollegialen Fallberatung auch schon zuvor bekannt. Jetzt wird es aber mehr und gezielter eingesetzt.

Lehrerin und Schüler auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Mit dieser Qualifizierung schließt sich aus unserer Sicht auch eine Fortbildungslücke im System. Denn für die Schulaufsicht war so etwas bisher nicht vorgesehen. Es besteht oft immer noch die Vorstellung, dass ein Schulaufsichtsbeamter offenbar qua Amt sein Handwerk vom ersten Tag seiner Berufung bis zur Pensionierung beherrscht.

Online-Redaktion: Am Programm LiGa sind ja ebenfalls Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein beteiligt. Gibt es auch Kontakte in diese Länder?

Flöter: Zu spezifischen Themen hat die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung sehr gute länderübergreifende Fortbildungen veranstaltet. Es wurden interessante Beispiele präsentiert. Zum Thema „Digital-vernetztes Lernen“ arbeiten unsere Schulen beispielsweise mit den Netzwerken in Hessen und Nordrhein-Westfalen sehr produktiv zusammen. Auch der Austausch der Schulleitungen über die Länder hinweg funktioniert gut. Meine Idee, die Qualifizierung der Schulaufsicht ebenfalls länderübergreifend zu gestalten, hat dagegen leider nicht funktioniert. Die Kulturen der Schulaufsicht sind doch sehr verschieden. Aber auch die Themen, die in den Schulen eine vordringliche Rolle spielen, sind von Land zu Land unterschiedlich.

Online-Redaktion: LiGa soll 2019 enden. Ginge es weiter, welche Themen würden Sie gerne weiterbearbeiten?

© Britta Hüning

Flöter: Nachdem sich die Qualifizierung der Schulaufsicht als sehr produktiv herausgestellt hat, würden wir gerne an dieser Stelle noch einen Schritt weitergehen und gemeinsame Module für Schulleitungen und Schulaufsicht anbieten. Die Führungskräfteakademie würden wir gerne zu einer Denkfabrik weiterentwickeln, die sich mit der Zukunft der Schule beschäftigt. In einer Zeit, wo es erst mal hauptsächlich darum geht, Lehrkräfte in die Schulen zu bekommen, und die Schulentwicklung droht, als nachrangig betrachtet zu werden. Das Thema des „digital-vernetzten Lernens“ müsste selbstverständlich auch weiterverfolgt werden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

PD Dr. Jonas Flöter, Jahrgang 1967, seit 2012 im Schuldienst des Landes Sachsen-Anhalt tätig, Referent für die Führungskräfteentwicklung am Landesschulamt Sachsen-Anhalt. Studierte Geschichte, Sozialkunde und Kunstgeschichte an den Universitäten Leipzig, Klagenfurt und Wien, wurde in Leipzig 2001 promoviert und 2007 habilitiert. Er ist Privatdozent an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

 

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