Gymnasium am Rotenbühl – ein GaRant für Europa

Zum EU-Projekttag für Schulen: Das Gymnasium am Rotenbühl in Saarbrücken ist „Botschafterschule des Europäischen Parlaments“. Die Nähe zu Frankreich und Luxemburg lässt Europa erlebbar werden.

Das GaR veranstaltet vielfältige Aktionen rund um Europa© Gymnasium am Rotenbühl

Das Saarland mag nicht im Herzen Europas liegen, aber Europa ist als Erfahrungsraum hier sehr präsent. Frankreich und Luxemburg sind ganz nahe und gehören für viele Saarländerinnen und Saarländer zu ihrem Alltag dazu wie Rheinland-Pfalz, sei es als Arbeitnehmer, Ausflügler oder für einen Einkauf. Auch für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums am Rotenbühl (GaR) ist das so – in ihren Lebenserfahrungen und nicht zuletzt in ihrer Schule. „Wenn der Schengen-Raum nicht mehr da wäre und wir fünf Kilometer weiter eine Grenze hätten, würden unsere Schülerinnen und Schüler das schnell merken, weil es für sie selbstverständlich ist, nach Frankreich und nach Luxemburg zu fahren“, meint Lehrerin Anja Barbian, die am GaR die Europa-Aktivitäten koordiniert.

Das Gymnasium, eine Freiwillige Ganztagsschule (FGTS) mit offenem Angebot, darf sich seit Sommer 2018 als erste saarländische Schule „Botschafterschule des Europäischen Parlaments“ nennen. Mit dieser Auszeichnung, die bislang 55 Schulen in Deutschland verliehen worden ist, honoriert die Europäische Union Schulen, die mit ihren Aktivitäten besonders das Bewusstsein für Europa und das EU-Parlament stärken und den europäischen Gedanken mit Leben füllen. Schulleiterin Jutta Bost betont, dass der Europagedanke am GaR nicht nur in der Europawoche im Mai großgeschrieben wird, sondern über das gesamte Schuljahr eine wichtige Rolle spielt.

Politikerinnen und Politiker diskutieren mit Schülerinnen und Schülern
Diskussion zum EU-Projekttag© Gymnasium am Rotenbühl

Der Saarländische Bildungsminister Ulrich Commerçon, der der Schule die Urkunde am 12. November 2018 überreichte, würdigte das Gymnasium am Rotenbühl (GaR): „Wir leben jetzt seit über 70 Jahren ohne gewaltsame Konflikte zwischen den Völkern. Das ist der eigentlich größte Erfolg der Europäischen Union. So etwas hat es in der europäischen Geschichte bisher noch nicht gegeben. Dieser bis heute währende Friede wurde möglich, weil wir durch Begegnungen Nähe und Austausch geschaffen haben. Was wir heute als Selbstverständlichkeit empfinden, ist von den Generationen davor leidenschaftlich erarbeitet worden – vor allem durch Begegnungen und Diskurs. Das Gymnasium am Rotenbühl knüpft daran genau im Kleinen an: Es füllt die EU weiter mit Leben und Sinnhaftigkeit, damit sie noch besser, noch freier und noch gerechter werden kann. Damit sie weiter Bestand hat und wehrhaft gegen jene bleibt, die sie abschaffen wollen.“

EU-Luft in Brüssel schnuppern

Die offene Ganztagsschule mit ihren rund 1.000 Schülerinnen und Schülern, deren GTS-Angebot seit zehn Jahren vom Sozialpädagogischen Netzwerk der Arbeiterwohlfahrt des Saarlandes getragen wird, kann zahlreiche, mit den Jahren gewachsene Projekte und Aktivitäten vorweisen, mit der sie sich die Auszeichnung verdient hat.

Zertifizierung der Junior- und Seniorbotschafter mit Schulleiterin Jutta Bost (l.) und Anja Barbian (r.)© Gymnasium am Rotenbühl

Das Gymnasium am Rotenbühl versteht sich als „GaRant für Europa“. Anja Barbian zufolge steht an dem Ganztagsgymnasium „die Vermittlung des Wissens zu Europa immer im Zusammenhang mit der Förderung der sozialen, sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler“. Die Schulgemeinschaft will die europäischen Werte der Toleranz, Offenheit, Freiheit, Solidarität, Wertschätzung und Gemeinschaft nicht nur großschreiben, sondern auch leben.

Das Gymnasium nimmt an „Europa macht Schule“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), am Bundeswettbewerb Fremdsprachen und an der Veranstaltung „100 Botschafter für den Frieden“ vom Institut français Deutschland zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges teil. Je zwei Schulen pro Bundesland waren im November 2018 nach Berlin eingeladen, um ihre Ideen für ein friedliches Europa vorzustellen und mit anderen Schülern und Studierenden darüber zu diskutieren. Diese Ideen wurden dann dem deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vorgestellt.

Schüler arbeiten an PCs
Das Erasmus+-Projekt ICC vermittelt Fähigkeiten für das Auslandsstudium© Gymnasium am Rotenbühl

Seit 2015 fahren zwei Schülerredakteure der Schulhomepage und der Schülerzeitung „EdGaR“ regelmäßig mit 20 weiteren saarländischen Schülerinnen und Schülern nach Brüssel, wo sie unter anderem das Europa-Parlament und die EU-Kommission besichtigen. Das ist ein Angebot des Ministeriums für Finanzen und Europa im Saarland, bei dem es einerseits darum geht, diese Institutionen kennenzulernen, aber laut Anja Barbian sollen die Redakteure die EU-Luft, die sie in der belgischen Hauptstadt schnuppern, auch über ihre Berichte an die Mitschülerinnen und Mitschüler weitergeben.

Europa in der Schulentwicklung verankert

Seit 2016 nimmt das GaR mit seinen Zehntklässlern an dem Projekt „Europaklassen im Landtag“ teil, wo die Jugendlichen zusammen mit anderen saarländischen Schülerinnen und Schülern im Saarländischen Landtag mit Abgeordneten über Europa, ihre Vorstellungen eines Europas der Zukunft diskutieren und einen Einblick in die Parlamentsarbeit bekommen. Auch Erinnerungskultur mit Besuchen im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof in Frankreich gehört für Anja Barbian zur Auseinandersetzung mit Europa dazu.

Europäisches Jugendform im Saarländischen Landtag© polyspektiv

„Europa ist fest im Konzept unserer Schule verankert“, berichtet die Fachkoordinatorin Gesellschaftswissenschaften. „In unserer Schulentwicklungsgruppe 'GaR – Schule in Europa' planen und koordinieren Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gemeinsam die Europa-Aktivitäten und entwickeln neue Ideen. Gerade beschäftigen wir uns mit der Junior-Wahl, die wir parallel zur Europa-Wahl im Mai durchführen werden. Unsere Schülerinnen und Schüler sollen den ganzen Wahlprozess durch eigenes Erleben besser verstehen lernen.“

Als „Botschafterschule des Europäischen Parlaments“ werden sich die Gymnasiasten als sogenannte Juniorbotschafterinnen und -botschafter nun noch intensiver mit dem Thema Europa beschäftigten. „Was uns auch bewegt hat, uns zu bewerben“, erläutert Anja Barbian, „ist die Vernetzung. Es wird einen Austausch mit den anderen Botschafterschulen in Deutschland und in den anderen EU-Ländern geben. Mit ihnen wollen wir gemeinsame Aktivitäten planen, wir wollen uns kennenlernen, austauschen und voneinander lernen.“

Diskutieren mit Mitschülern aus Europa

Zwei Juniorbotschafter vor dem Atomium
Juniorbotschafter Carlo und Moritz in Brüssel© Carlo Klinkner

Die Juniorbotschafter betreuen zudem die Europa-Angebote der Schule, unterstützen die Organisation von Projekttagen und beteiligen sich an Projekten wie der Planspielreihe der Europäischen Kommission. Die Lehrkräfte wiederum koordinieren die Aktivitäten an ihrer Schule und pflegen den Kontakt mit dem Informationsbüro des Europäischen Parlaments und mit den anderen Botschafterschulen, unter anderem bei den regelmäßig stattfindenden Seniorbotschafter-Seminaren in Brüssel.

Seit 2016 nimmt jedes Jahr eine Lehrkraft des GaR als sogenannte Seniorbotschafter am „Informationsbesuch der Europäischen Kommission für Lehrerinnen und Lehrer der Europaschulen“ oder an den Seminaren für Botschafterschulen in Brüssel teil.

Anja Barbian erzählt: „Für uns ist die Bewerbung als Botschafterschule die Gelegenheit gewesen, alle unsere Europa-Aktivitäten zu bündeln. So gibt es in der 8. und 9. Jahrgangsstufe Schüleraustausche nach England, Frankreich und Spanien. Seit 2013 machen Schüler und Kollegen bei Erasmus+-Projekten mit – momentan läuft gerade unser Projekt 'International Career Center' für die Oberstufenschüler. Hier arbeiten wir mit vier weiteren Schulen aus England, Finnland, Frankreich und Spanien zusammen.“

„Über Europa diskutieren“ © Gymnasium am Rotenbühl

Bei gegenseitigen Besuchen gewannen die Schülerinnen und Schüler Einblicke in das Schulsystem, das Hochschulsystem, die Studien- und Arbeitsmöglichkeiten und die Möglichkeiten und Voraussetzungen für Schüler aus EU-Ländern. Die Schülerinnen und Schüler erfuhren, welche Studiengänge und Ausbildungsmöglichkeiten es gibt und welche Arbeitgeber rund um die Schulen vorhanden sind. Derzeit erstellten die Schulen eine gemeinsame Website, auf der die Schüler anderen Jugendlichen von ihren Erfahrungen berichten und ihr Wissen zu den verschiedenen Berufs- und Studienmöglichkeiten weitergeben.

Auch das Jugendforum im Landtag, das im September erstmals durch das Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Deutschland gemeinsam mit dem Saarländischen Landtag veranstaltet wurde, ermöglichte den Austausch über Schulgrenzen hinweg. Über 80 Jugendliche der Gemeinschaftsschule Kirkel, des Arnold-Jannsen-Gymnasiums St. Wendel, des TGSBBZ Saarlouis und des GaR diskutierten gemeinsam mit Abgeordneten des Europäischen Parlaments und des Landtages ihre Vorstellungen über Europa und über Probleme und entsprechende Lösungsvorschläge in den Themenfeldern Ernährung, Handel und Umwelt.

Europäische Werte leben

Justiz- und Europaminister Peter Strobel vor dem Schulgebäude
Besuch von Minister für Finanzen und Europa Peter Strobel zum EU-Projekttag 2018© Ministerium für Finanzen und Europa Saarland

Mit dem Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union und den nationalistischen Profilierungen gegen Europa in einigen Mitgliedsländern ist die EU derzeit in schweres Fahrwasser geraten. „Man merkt es im Unterricht, in den Diskussionsrunden, aber auch wenn man sich mit den Schülerinnen und Schülern abseits des Unterrichts unterhält, dass sie diese Entwicklungen beschäftigen“, hat Anja Barbian erfahren. „Sie verstehen diese nationalistischen Tendenzen nicht, weil sie sich in Europa wohlfühlen und wie selbstverständlich bewegen.“

In diesem Jahr wird das Gymnasium rund um den 1. November zum Jahrestag des Inkrafttretens des Vertrags von Maastricht 1993 seinen EU-Projekttag begehen. „Das passt auch hervorragend zum Lehrplan der 12. Klasse“, erläutert Anja Barbian. „Wir werden Politiker zur Diskussion über den Vertrag und die europäische Einigung einladen.“

Und wenn die saarländische Landesregierung zukünftig den Titel „Europaschule“ vergeben sollte, dürfte sie um das Gymnasium am Rotenbühl kaum herumkommen.

 

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