"Wir sparen durch Investitionen Geld"

Während in der Pädagogik individuelle Förderung, selbstständiges Lernen, vernetzter Unterricht und Ganztagsangebote selbstverständlich sind, hinken viele Schulgebäude dieser Realität hinterher. Vor diesem Hintergrund heißt es für innovative Schulträger wie die Stadt Wilhelmshaven: Lieber heute investieren, um zukünftig Geld zu sparen. Mit dem Architekten Prof. Frank Hausmann, der die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen durch eine moderne Architektur unterstützt, haben die Kommunen einen Partner gefunden.

In den Städten und Gemeinden finden sich Schularchitekturen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen und verschiedenen Epochen. Dass man sie nutzen kann und sollte, um darin eine moderne Pädagogik zu praktizieren, gehört zum Selbstverständnis einiger pädagogisch orientierter Architekten. Darunter befindet sich der Aachener Hochschullehrer Prof. Frank Hausmann. Diese kreativen Spezialisten wissen, dass den Kommunen wenig Geld und nicht selten auch kaum Zeit für die Planung von Schulgebäuden und deren Umsetzung zur Verfügung steht.

Die Schulgebäude des 21. Jahrhunderts sollen für den Stadtteil attraktiv sein. Gleichzeitig müssen sie möglichst wenig Kosten verursachen, zum Beispiel beim Energieverbrauch. Darüber hinaus sollen kleine Schülergruppen sowie selbstständiges Arbeiten möglich sein. An der nutzerorientierten Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler, Pädagogen und außerschulischen Mitarbeiter erkennt man, dass diese Architekten den Dialog mit allen Interessengruppen suchen. "Man muss im Kopf immer einen Schritt voraus sein", erklärt der Architekt und fügt hinzu: "Wir greifen die Prozesse auf und gestalten sie entsprechend den Erfordernissen einer modernen Pädagogik um".

Von der Forschung in die Praxis und vice versa

Mit der Professur an der Fachhochschule Aachen sowie seinem Architektenbüro hat sich der Schulplaner zwei Standbeine geschaffen, die sich wechselseitig bedingen. So hat der Architekt Wettbewerbe zeitweilig vernachlässigt, um sich dem Forschungsprojekt "Offenes Klassenzimmer" zu widmen. Das zeichnet sich dadurch aus, dass der Klassenraum sinnvoller mit anderen Schulflächen wie Vorräumen, Fluren und Bibliotheken vernetzt wird, um Projektarbeit oder dem jahrgangsübergreifenden Arbeiten Raum zu geben.

Porträtfoto Frank Hausmann

Dass die Abstecher in die Forschung sich nicht zuletzt in der Praxis auszahlen, sieht man daran, dass Hausmann und sein Team bei vielen Wettbewerben erste Plätze belegt haben. Momentan betreut Hausmann Projekte in Karlsruhe, Augsburg, Frankfurt am Main sowie Wilhelmshaven.

Während in Karlsruhe ein neues Schulgebäude für das private Heisenberggymnasium entstehen soll, ist in Augsburg der Bau der Westparkschule geplant. In Frankfurt-Niedt gibt es ein Bauprojekt für eine Schule für praktisch Bildbare. Außerdem ist in Wilhelmshaven die Zusammenlegung zweier zentral gelegener Gymnasien zu einer Schule vorgesehen, die 1.000 Schülerinnen und Schüler aufnehmen soll.

"Steigende Anforderungen an schulische Bildung und Erziehung"

In der Stadt Wilhelmshaven zeigt man sich zufrieden, dass sich der Entwurf des Schulplaners durchgesetzt hat. Immerhin gab es im Rahmen eines von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerbs rund 70 konkurrierende Angebote, die allerdings verschlüsselt eingereicht werden mussten, um keinen Bieter zu benachteiligen, wie der Schuldezernent der Stadt Wilhelmshaven, Dr. Jens Graul, versichert.

Nachdem am 17. Juni 2009 der Rat der Stadt  beschlossen hat, den Standort des Gymnasiums Mühlenweg für die Umgestaltung freizugeben, kann nun der Entwurf in die Praxis umgesetzt werden. Das von beiden Schulen entwickelte Raumprogramm sowie der Entwurf Hausmanns bilden die Grundlage für den weiteren Planungsprozess: Den Schulen wird empfohlen, eine gemeinsame Planungsgruppe einzurichten.

Zur Begründung der Standortwahl heißt es in einer Beschlussvorlage für den Rat: "Vor dem Hintergrund tief greifender demografischer Veränderungen und steigender Anforderungen an die schulische Bildung und Erziehung hat der Rat der Stadt Wilhelmshaven ... beschlossen, die beiden städtischen Gymnasien ... zum Beginn des Schuljahres 2012/ 2013 zu vereinigen. Es soll ein leistungsfähiges vier- bis fünfzügiges Gymnasium entstehen, welches pädagogisch, baulich und von der Ausstattung her derzeitigen Anforderungen entspricht."

Campusatmosphäre statt Kasernenlook

Die Arbeitsgruppe Schulentwicklungsplanung arbeitete Kriterien (entwurfsbezogen und standortbezogen) aus wie zentrale Lage, Verkehrserschließung, Nähe zu Außensportanlagen und Nachnutzung für den jeweils aufzugebenden Standort. Während der Standort des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums (Standort Tom-Brok-Straße) die Chance bietet, die Berufsbildenden Schulen der Stadt an einem Ort zu konzentrieren, bietet der Standort Mühlenweg die Möglichkeit, den Mühlenweg mit der benachbarten Volkshochschule, dem Kindergarten und der Grundschule in einen "Campus" umzuwandeln. "Die Flächenentwicklung der Zukunft ist eher eine Innenentwicklung", erklärt der Schuldezernent.

Durch die Zusammenlegung zweier Gymnasien auf dem Gelände eines alten Kasernengebäudes im Stil der niederländischen Renaissance (Baujahr 1910) werden 15.000 Quadratmeter eingespart, so die Rechnung des Schulträgers. "Es geht darum, für beide Standorte das Beste herauszuholen", meint Graul. Da das Käthe-Kollwitz-Gymnasium dem neuen Gymnasium am Mühlenfeld weicht, entfallen sämtliche Kosten für die Wartung und den Betrieb des Gebäudes. Ferner bekommt das Gymnasium aufgrund seiner Größe für über 500 Schülerinnen und Schüler vom Bildungsministerium praktisch die doppelte Lehrerstundenzahl zugewiesen.

Von einer rigiden zu einer offenen Schularchitektur

So beginnt auf dem denkmalgeschützten Gelände des Gymnasiums am Mühlenweg laut Hausmann nun "ein Prozess der Veränderung von Typologien". Das heißt, drei Gebäude werden nach pädagogischen Gesichtspunkten umgestaltet - und dabei sollen Klassenzimmerarrangements sowie Lerninseln entstehen. Dazu der Architekt: "Eine sehr rigide funktionierende Struktur wird zu einer offenen und flexiblen umgestaltet." Wichtig sei es, die Gedanken der Pädagogen umzusetzen und Vorschläge zu machen, in denen sich alle Beteiligten wiederfinden.

Impression aus dem Schulgebäude

Natürlich spielt das Thema Ganztag eine wichtige Rolle. Dazu meint der Schuldezernent der Stadt Wilhelmshaven: "Wenn wir mehr Qualität in Unterricht und Erziehung erreichen wollen, brauchen wir dafür auch mehr Zeit." Im Land Schleswig-Holstein hätten deshalb alle weiterführenden Schulen wie Haupt- und Realschulen, aber auch viele Gymnasien "ihren Fuß in der Tür" Ganztag. So sorge bei den Gymnasien die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit dafür, dass viele Einrichtungen faktisch ganztägig arbeiteten, um das Unterrichtspensum zu bewältigen.

"Auf das Maximum reduziert"

Doch nicht nur die Sekundarschulen, die sich als "Ganztagsschulen light" bereits auf dem Weg befinden, auch die Grundschulen müssen sich in Wilhelmshaven auf den demografischen Wandel einstellen, denn "wir wachsen nicht, sondern wir schrumpfen". Nach der Devise "Auf das Maximum reduziert" stehe nicht zuletzt im Bereich der Grundschulen eine tiefe Umstrukturierung an. So werde die Stadt bis zum Jahr 2011 acht Grundschulen schließen müssen und nur eine neue bauen. 

Ideen, wie man eine Grundschule zukunftsfähig macht, hat Prof. Hausmann ebenfalls entwickelt. Die Stadt Augsburg vergab nämlich den Bau der "Westparkschule", die auf dem Gelände der ehemaligen amerikanischen Sheridan-Kaserne entstehen soll, an den Aachener Architekten. Aus der Umwandlung des Geländes soll ein neues Stadtquartier mit einer Grundschule, einer Förderklasse sowie einer Kindertagesstätte hervorgehen. 

"Westparkschule" als Ort des Lernens und Lebens

Dazu ist im Wettbewerbsergebnis zu lesen: "Die Stadt Augsburg verfolgt mit der Zusammenführung von Grundschule, Kindergarten und einer Kinderkrippe sowie der Ganztagsbetreuung in einem Gebäude ein neues Konzept, um für Kinder von zwei bis zehn Jahren einen einheitlichen Ort des Lernens zu schaffen." Zum Gelingen des Projektes haben sich die zuständigen Ämter der Kommune (Staatliches Schulamt, Schulreferat, Sozialreferat) mit dem Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg zusammengetan, um entsprechende Synergien zu schaffen.

Dass der Entwurf Hausmanns den ersten Preis errang, begründete die Stadt wie folgt: "Der Vorschlag entspricht allen funktionalen Anforderungen, ein interessanter und innovativer Entwurfsansatz mit Potenzial zur Optimierung." Viel Zuspruch erfuhr dabei der Gedanke des "Offenen Klassenzimmers": "Die kooperative Nutzung der Klassenräume im ersten Obergeschoss ist äußerst flexibel gestaltbar und regt zu vielseitigen Raumkonstellationen an. Bis zu vier Räume können über sogenannte 'Lernateliers' zu Lernlandschaften mit eigenverantwortlichem Lernen verbunden werden."

Passivhaus-Standard oder: Energiesparen als Zukunftsthema

Das Ergebnis des Wettbewerbs verdeutlicht für Hausmann, dass die Preisrichter "Leute reinholen möchten, die Impulse geben". Es sei ferner ein leichtes Umdenken bei den Kommunen zu verzeichnen, was die Bedeutung eines pädagogischen Konzeptes für den Bau von Schulgebäuden anbelangt.

Doch anders als beim Frankfurter Projekt soll es in Augsburg keinen Passivhausstandard geben. Unter Passivhäusern versteht man, dass die Zufuhr von Primärenergie weitgehend durch entsprechende Dämmung und Belüftung begrenzt wird. Deutschlandweit gibt es gegenwärtig über 50 Schulen dieser Qualität. Der Passivhausstandard, der Klima und Haushalt schont, hätte die Stadt rund vier Millionen Euro zusätzlich gekostet.

Die "Westparkschule" ist das Ergebnis einer politischen Initiative, erläutert Gerhard Nickmann, Fachleiter des staatlichen Schulamtes der Stadt Augsburg, den Entstehungshintergrund des Bauprojektes. Sie sei nicht aus Bedarfsgründen heraus konzipiert worden und löse eine andere Grundschule ab: "Die Westparkschule dient der schulischen und schulbaulichen Bildungsentwicklung."

In die Konzeption der Grundschule sei auch ein entsprechendes Ganztagsangebot eingeflossen. Ferner soll die "Westparkschule" die Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung an diesem Ort exemplarisch zusammenbringen. Wenn sie dann in den Altbereich benachbarter Schulen und Kitas herüberwächst, wäre auch das oberste Ziel erreicht: "Die Entwicklung des Stadtteils."

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)