Zukunftsschulen pur: vom IZBB zum Konjunkturprogramm

Was kommt nach dem IZBB? Um diese Frage zu beantworten steckten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 6. Ganztagsschulkongress ihre Köpfe zusammen und debattierten in Praxisforen und Workshops. Doch man konnte die Antwort auch dort bekommen, wo man sie vielleicht am wenigsten erwartete: an Ganztagseinrichtungen wie dem Schulzentrum Loxstedt/ Niedersachsen.

Henry Tesch verkörpert in ganz besonderer Weise Auftakt und feierlichen Abschluss des IZBB - allerdings aus recht unterschiedlichen Perspektiven. Als auf dem 1. Ganztagsschulkongress im September 2004 im bcc Congresscenter in Berlin die ersten neun Serviceagenturen "Ganztägig lernen" der Öffentlichkeit vorgestellt und in einem breiten Dialog zwischen Praktikern, Theoretikern und Verwaltung auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden, nahm Henry Tesch als Schulleiter an diesem Ganztagsschulkongress teil.

Fünf Jahre später kehrte er als Präsident der Kultusministerkonferenz und Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern hierher zurück. Hier entwickeln die Praktiker und Theoretiker gemeinsam neue Ideen, bilden Netzwerke und Kooperationen. Hier tauschen sie sich über multiprofessionelle Ganztagsschulen, die Gestaltung der Schulräume oder über die Qualität von Ganztagskonzepten aus.

Was kommt nach dem IZBB?

Die feierliche Beendigung des IZBB und damit der baulichen Aus- und Aufbauphase übernahmen neben Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan sowie die Schirmherrin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), Eva-Luise Köhler, eben auch Henry Tesch. Als Repräsentant der Länder richtete er einen deutlichen Appell an diese, sich für die Weiterentwicklung der Qualität und Quantität einzusetzen: "Die Länder stehen in der Pflicht, diesen Prozess quantitativ und qualitativ voranzubringen."

Nachdem viele Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden, müsse der weitere Ausbau von Ganztagsschulen im Rahmen des Konjunkturprogramms sowie die Integrationsfunktion von Schule als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden. Während das IZBB über die Länder gesteuert wurde, die strenge Auflagen an das pädagogische Konzept der Schulen gestellt hätten, gäbe es beim Konjunkturpaket für die Ministerien nicht dieselbe Steuerungsmöglichkeit.

Gerade deshalb ist es laut Tesch notwendig, dass "gute Erfahrungen publik gemacht werden." Eine entscheidende Frage, die viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem 6. Ganztagsschulkongress bewegte, lautete daher: Was kommt nach dem IZBB? Und wie kann neben dem weiteren Ausbau, die Qualität von Ganztagsschule aus den Mitteln der Länder gewährleistet werden?

Die Länder stehen in der Pflicht

Schulzentrum Loxstedt

Die Ausgangslage ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich. Während im Landeshaushalt von NRW ein festes Budget für den Schulbau veranschlagt ist, gibt es im Saarland laut Karin Schmitz (Referatsleiterin im saarländischen Bildungsministerium) keine kontinuierlichen Gelder aus dem Landeshaushalt. Umso größere Bedeutung kommt dabei dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung zu, das den Kommunen große Chancen bietet, massiv in Bildung und damit in ihre eigene Zukunft zu investieren.

Auf dem Kongress gab es zahlreiche beispielgebende Erfahrungen, wie die Gelder aus dem Konjunkturprogramm genutzt werden. Man muss auf die guten Dinge nur aufmerksam werden, denn sie liegen meist um die Ecke. So stellte das Schulzentrum Loxstedt (Haupt- und Realschule in Niedersachsen) auf seinem Stand Ideen und Erfahrungen vor. Plakate zum Thema Streitschlichter, die von den Schülerinnen und Schülern angefertigt wurden, zierten die Stellwände: "Da, wo Sie Urlaub machen, steht unsere Schule", lautete ein Slogan.

Auf der Homepage der Schule schreibt eine Schülerin über ihre helle, freundliche Schule, die von einem Wiener Architekten entworfen wurde: "Diese moderne, bunte Schule gibt es nur 5 mal in Deutschland. 3 mal in Süddeutschland und 2 mal in Norddeutschland. Seit 29 Jahren besuchen Schüler und Schülerinnen aus 17 verschiedenen Dörfern der Gemeinde Loxstedt unsere Schule". Momentan sind rund 650 Schülerinnen und Schüler und rund 50 Lehrkräfte an der Schule, die über einen Schulwald, Biotop, Medienzentrum, Bibliothek, Computerraum und vieles mehr verfügt.  

"Da, wo Sie Urlaub machen, steht unsere Schule"

Die Gemeinde Loxstedt in der norddeutschen Tiefebene zählt rund 16.000 Einwohner. Neben dem Tourismus wird hier zunehmend auf Bildung gesetzt. Dies belegen die Investitionen aus dem Konjunkturprogramm, die dem Schulzentrum zugutekommen. Insgesamt 4,5 Mio. Euro flossen in den Erweiterungsbau (2007 bis 2008) der Schule, die seit August 2009 den Ganztagsschulbetrieb aufnahm: "Als die Gelder für den Innenausbau sowie die Ausstattung fehlten, kam das Konjunkturprogramm gerade rechtzeitig", erinnert Schulleiterin Ursula Prell-Wellm.

Mit diesen zusätzlichen Mitteln finanzierte die Gemeinde außer einer energiesparenden Infrastruktur auch neue Medien wie den mobilen Notebookwagen. So wurde das Schulzentrum die erste Schule im Landkreis, die über eine mobile Internetklasse verfügt. Laut der Architekturpsychologin und Privatdozentin Dr. Rotraut Walden gehören die neuen Medien neben der Mitentscheidung der Nutzer oder Rückzugsgelegenheiten zu den Qualitätskriterien von Zukunftsschulen.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die beginnende multiprofessionelle Zusammenarbeit an dem Schulzentrum, die durch den neu hinzugekommen Raum für die Sozialpädagogin und den Schulassistenten zusätzlich gewonnen hat. Die konsequente Berufsorientieurng hat dem Schulzentrum die Auszeichnung "proBerufsorientierung!" im Rahmen einer Kooperation zwischen der Landesschulbehörde, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer sowie der Leuphana Universität Lüneburg beschert.

Katja Hoffmann

Hintergrund des Projektes ist RITTS: "Unter dem Kürzel RITTS (Regionale Innovations- und TechnologieTransfer-Strategie) fördert die Europäische Union Regionen, die ihre Innovationskraft stärken und ihre Position im Wettbewerb der Regionen verbessern wollen", heißt zu dem RITTS-Netzwerk. Große Bedeutung legt die Schule auch auf die Lehrer-Schüler-Elternzusammenarbeit. Dass der Ausbau von Ganztagsschulen ein langwieriger Prozess ist, belegt die Tatsache, dass die neue Mensa erst im Dezember ihren Betrieb aufnehmen konnte. Nun können auch jene Jugendlichen, die einen weiten Anfahrtsweg haben, in den Pausen versorgt werden. 

"Lieber weniger, dafür aber gut"

Bei der Auswahl der Kooperationspartner folgt die Schule dem Grundsatz: "Lieber weniger, dafür aber gut: Wir ziehen nämlich qualitativ gute Angebote vor", erklärt die Schulleiterin. Zu dem handverlesenen Kreis der Partner gehören eine Personalberatungsagentur, die an der Schule Asessment-Center (rollenorientierte Bewerbertrainings) durchführt oder eine Tanzschule, die neben Standardtänzen wie Tango auch Hiphop für die Jugendlichen auf dem Programm hat. Dass die Schülerinnen und Schüler dabei von einem Tanzweltmeister angeleitet werden, macht die Sache nur noch spannender.

Die Auswahl der Partner verdeutlicht, dass das Schulzentrum den sozialen Kompetenzen seiner Schülerinnen und Schüler großen Stellenwert beimisst. Streitschlichter-Projekte dienen nicht allein der Bereinigung persönlicher Konflikte, sondern sie stärken die Konfliktfähigkeit, ohne die das Arbeiten in heterogenen Gruppen (in Ausbildung und Beruf) heutzutage nicht mehr vorstellbar ist. Die Schülerinnen Vanessa Zwart und Tatjana Regul, beide 15 Jahre, zeigten, wohin diese Fähigkeiten führen können. Beide erhielten nach einer eher schwierigen Grundschulzeit eine Hauptschulempfehlung. Ihre neue Klassenlehrerin setzte aber von Anfang an Vertrauen in ihre Fähigkeiten.

Jeder und jede kann was!

Die Auswirkungen der verbesserten Schüler-Lehrer-Beziehung sowie der stärkeorientierten individuellen Förderung ließen nicht auf sich warten, denn schon bald konnten beide Schülerinnen ihre Noten in Deutsch und Mathe merklich verbessern. Während Tatjana sich in Deutsch und Mathe auf eine Eins bzw. Zwei verbesserte, schaffte es Vanessa, die sich in der Grundschule zudem schlecht konzentrieren konnte, in Mathe auf eine Zwei und in Deutsch auf eine Drei: "In der Klasse lacht keiner, wenn jemand eine falsche Antwort gibt." Sie ist froh, dass sie im Schulzentrum ihre Stärken entdecken konnte. In der wertschätzenden Umgebung des Schulzentrum Loxstedt wurde schließlich ihre verborgene Neigung für einen technischen Beruf offenkundig.

So war sie einziges Mädchen unter 18 Jungen im Fach Metalltechnik und fiel dort aufgrund ihrer präzisen Arbeit am harten Material auf. Dass sie ihren Metall-Würfel genauer bearbeitete, als viele Jungen, erfüllte sie mit Stolz. Doch neben der gezielten Mädchenförderung im Rahmen des "Girls Day" hat die Schule laut der stellvertretenden Schulleiterin Mechthild Stukenborg auch die Notwendigkeit der Jungenförderung erkannt. "Die Jungen haben sich beschwert, dass sie gegenüber den Mädchen das Nachsehen haben", erklärt die stellvertretende Schulleiterin. Seitdem bekommen sie Angebote in Nähen, Kochen und können in so genannten Frauenberufen wie Kitas, Krankenpflege oder Hotelservice hospitieren.

Vanessa und Tatjana kann dies nur recht sein, erwerben die Jungen doch einen anderen Blick auf die für sie ganz fremden Berufswelten, und nebenher auch mehr Respekt für die Belange der Mädchen. Im Gespräch betonen beide - bekleidet mit dem roten T-Shirt der Schule -, dass sie sich der Schulgemeinschaft überaus zugehörig fühlen und sogar Dankbarkeit empfinden. Denn ohne ihre Schule hätten sie niemals den Wert von Bildung erkannt oder diese Bildungsreise nach Berlin unternommen, um dort ihre Fähigkeiten in Gesprächen mit gestandenen Erwachsenen unter Beweis zu stellen. So verdeutlicht das Beispiel des Schulzentrums Loxstedt: Die Zukunft ist oft da, wo man sie am wenigsten erwartet.

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