Libellen-Grundschule Dortmund: Ganztag mit Bücher-Dienstag und Kinderkino

Die Libellen-Grundschule in Dortmund sieht sich auch als „Familienzentrum“. Doch in Jahren intensiver Unterrichtsentwicklung hat die Ganztagsgrundschule vor allem den Umgang mit Heterogenität im Blick.

© Libellen-Grundschule

Auf die Frage, was eine der besten Entscheidungen gewesen ist, die sie an der Libellen-Grundschule bisher verantwortet hat, zögert Schulleiterin Christiane Mika keine Sekunde: „Die Einrichtung der Ganztagsklasse.“ 2012 war es, als Schulleitung und Kollegium der Grundschule in der Dortmunder Nordstadt, die schon seit 2004 „Offene Ganztagsschule“ (OGS) war, sich in einer Konferenz mit dem Thema „Lernzeiten statt Hausaufgaben“ beschäftigten.

Das Nachdenken über „mehr Zeit zum Ausprobieren, mehr Zeit zum Nachbereiten, mehr Zeit zum Nachfragen, mehr Zeit für Anwendung, mehr Zeit zum Lernen“ führte zu der Einsicht, dass es „mehr Zeit in der Schule“ für die Schülerinnen und Schüler geben müsse. Christiane Mika und ihr Team überdachten das OGS-Konzept neu. Sie erweiterten es durch die Einrichtung einer Ganztagsklasse, in der die Schülerinnen und Schüler verbindlich über den ganzen Tag zusammen lernen, Projekte und Lernzeiten über den ganzen Tag verteilt werden können.

Lehrer-Erzieher-Tandems

Angelika Strößner und Christiane Mika stehen  in ihrem Büro
Angelika Strößner und Christiane Mika© Redaktion

Inzwischen gibt es vier Ganztagsklassen, in denen die Schülerinnen und Schüler an allen fünf Wochentagen bis 16 Uhr lernen und Angebote nutzen können. Klassenlehrkraft und Erzieherinnen und Erzieher sind für „ihre“ Ganztagsklasse verantwortlich. Zwei zusätzliche Stunden pro Woche unterrichtet die Klassenlehrkraft in der Ganztagsklasse am Nachmittag. Für Konrektorin Angelika Strößner ist die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Erziehern „ganz wesentlich“. Das Team erhält in der Woche jeweils eine Stunde zum Austausch, denn „man kann über die Kinder nicht mal eben auf dem Flur reden“. Es sei wichtig, in den Austausch zu gehen. Dazu gehört beispielsweise die kollegiale Fallberatung, wenn es um die Entwicklung einzelner Schülerinnen und Schüler geht.

Der Klassenrat wird ebenfalls von einem Team begleitet. Auch Elterngespräche führen beide, wo immer möglich, gemeinsam. Die Zusammenarbeit geschehe auf Augenhöhe, was auch die Eltern so wahrnehmen würden, betont Angelika Strößner. „Die Akzeptanz der Eltern gegenüber den Erzieherinnen und Erziehern ist da. Ihnen ist egal, wer von den beiden da gerade vor ihnen steht, denn sie wissen, die zwei arbeiten eng zusammen.“

Gebunden oder flexibel?

„Für alle Projekte braucht es engagierte Kolleginnen und Kollegen“© Libellen-Grundschule

Lehrkräfte wie Erzieherinnen und Erzieher schätzen die Arbeit in den Ganztagsklassen. Die personelle Fluktuation ist gering. Viele Ideen aus den Ganztagsklassen fließen auch in den Unterricht der offenen Ganztagsschule ein. Träger des Ganztags ist die Dortmunder Bildungs-, Entwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft (dobeq), die in 17 Dortmunder Grundschulen tätig ist und auch engagiertes pädagogisches Fachpersonal stellt.

Schulleiterin Christiane Mika wünscht sich die personellen und räumlichen Ressourcen für eine gebundene Ganztagsgrundschule, und auch Angelika Strößner meint, dass „eine rhythmisierte Ganztagsschule über den ganzen Tag den Kindern guttun würde“.

Schülerin und Schüler in Faschingskostümen
Verkleidungsschau zum Karneval© Libellen-Grundschule

Christiane Mika bestätigt, dass die Eltern das vielfältige Angebot der OGS schätzen, sich aber doch auch immer die klassische „Hausaufgabenbetreuung“ wünschen. Hausaufgaben gibt es in der Libellen-Grundschule schon lange nicht mehr. Lernzeiten, die von der Klassenlehrerin und der Erzieherin betreut werden, habe diese abgelöst. Wochenaufgaben und die Aufgaben der Arbeitspläne sind Bestandteil der individualisierten Lernzeiten. Für alle OGS-Schüler ist dies obligatorisch und für die Kinder, die zuhause keine Möglichkeit haben, in Ruhe zu arbeiten. Allen anderen ist es freigestellt, die Lernaufgaben auch zuhause zu erledigen.

Ob OGS oder Ganztagsklasse – die Nachfrage der Eltern nach der Libellen-Grundschule ist laut der Schulleiterin sehr groß. Von den 366 Schülerinnen und Schülern nutzen 150 das Ganztagsangebot: in sechs Gruppen der OGS und in den vier Ganztagsklassen. „Und mehr schaffen wir auch leider nicht“. Selbst im Neubau von 2010 ist es für die vierzügige Grundschule schon wieder zu eng geworden ist, Container auf dem Schulgelände zeugen davon.

„Bücher-Dienstag“ und „Kinderkino“

Vorlesetag in zwei Sprachen© Libellen-Grundschule

„Die Eltern sind sensibel, was gute Bildung angeht, und bringen uns viel Wertschätzung für das entgegen, was hier passiert: gesundes Essen, ein Schulgarten, Bewegung, Musik und Theater“, berichtet Christiane Mika. Auch eine verstärkte Leseförderung zeichnet die Libellen-Grundschule aus. In jedem Klassenraum gibt es ein Bücherregal, und der Computerraum ist mit der Schulbücherei kombiniert. Letztere enthält Bücher in verschiedenen Sprachen, von Englisch über Türkisch bis zu Serbokroatisch. Einmal in der Woche findet in jeder Klasse eine Lesestunde statt, es gibt Vorlesetage und mehrsprachige Lesungen. Dienstags gibt es im Libellenquartier – wie der Innenstadtbezirk heißt – zusammen mit den drei Kindertagesstätten den „Bücher-Dienstag“, an dem mehrsprachige Bücher vorgelesen werden, Eltern ihren Kindern vorlesen oder ein Ausflug in die Stadtbücherei unternommen wird.

„Unsere Schule versteht sich als Stadtteilzentrum, das mit vielen Kooperationspartnern im Quartier vernetzt ist“, berichtet die Schulleiterin. „Die Eltern nehmen unsere Schule nicht nur als Lehranstalt, sondern auch als Familienzentrum wahr. Die Mütter stehen da gewissermaßen im Mittelpunkt. Sie fühlen sich hier bei uns gut aufgehoben. Jeden Tag hat unser Elterncafé geöffnet. Unsere Schulsozialarbeiterin beantwortet Fragen, macht Qualifizierungsangebote wie Deutschkurse und Bewerbungstraining, berät und hilft, Formulare auszufüllen. Das war sowieso die wichtigste Botschaft an die Eltern: Hier sind Auskünfte jeglicher Art kostenlos!“

Eltern folgen dem Vortrag eines Polizisten
Elterncafé: „... jeden Tag geöffnet“ © Libellen-Grundschule

Angelika Strößner meint, es hätten sich inzwischen Müttergruppen gebildet, die erstaunlich viel miteinander in den Angeboten des Elterncafés unternehmen: Aerobic, Pilates, Fahrradfahren, Schwimmen“. Besonders gut kommen bei Kindern wie Eltern die Kinovorführungen in der Schule an. In der Eingangshalle wird dann per Beamer ein Film gezeigt. Viermal im Jahr organisiert die Schule das „Kinderkino“ – mit Popcorn und Eintrittskarten. Die 80 Plätze sind schnell vergeben, die „Schüler ganz scharf darauf“. Und es gibt sogar einen „Frauenkinoabend“, an dem sich die Mütter anschließend über den Film austauschen.

Ganztag ohne „Hüttenkoller“

Christiane Mika erinnert sich, dass vor der Einführung der Ganztagsklassen die Sorge vor einem „Hüttenkoller“ im Kollegium umging. Könnte man Grundschülerinnen und -schüler jeden Tag soviel Zeit im Klassenraum verbringen lassen? Die Sorgen haben sich nicht bestätigt, da die Kinder vielfältige Angebote nutzen können. Die Schulleiterin, die als Lehrerin schon an der Grundschule Kleine Kielstraße tätig war, ist nicht zuletzt deshalb eine Befürworterin der Ganztagsschule, weil er ein erweitertes Bildungsangebot in Projekten und in Arbeitsgemeinschaften ermöglicht, die „den Schülerinnen und Schülern wichtige Erfahrungsräume bieten, die in vielen Familien aus den unterschiedlichsten Gründen so nicht möglich sind.“

Oft Grund zum Jubeln: die erfolgreiche Fußballmannschaft© Libellen-Grundschule

So zum Beispiel die Theater-AG, in der eine Künstlerin mit großem Einfallsreichtum immer wieder Neues angeboten hat und in der alle Schülerinnen und Schüler aktiv einbezogen waren. Aktuell gibt es über das Landesprogramm „Kultur und Schule“ ein Trommelprojekt, und ein Verein lehrt Capoeira, die brasilianische Kampfkunst, an. Chor, Musical-AG, Computerclub, Fußball-AG oder Entspannung- und Spiele-AG gehören ebenfalls zum Angebot. Im Kinderparlament bestimmen die Schülerinnen und Schüler über ihre Schule mit, verhängen zum Beispiel ein „Kaugummi-Verbot“ oder sammeln Verbesserungsvorschläge für das Sportfest.

„Eine immense Bereicherung“ ist auch der Schulgarten. Der Förderverein unterstützt das Projekt finanziell, für das ein Grundstück gegenüber der Schule gepachtet worden ist. Eine Gartenpädagogin arbeitet mit den Schülerinnen und Schülern, die die Arbeit im Schulgarten „lieben“, wie die Schulleiterin meint. „Kinder, die sich im Unterricht schlecht konzentrieren können, entwickeln hier echten Ehrgeiz und sind ausdauernd dabei.“

Die BildungsBande im Stadtteil

Gruppenfoto der BildungsBande
BildungsBande: Kooperation mit der Anne-Frank-Gesamtschule© Libellen-Grundschule

Dann gibt es da noch die „BildungsBande“: Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse der Anne-Frank-Gesamtschule Dortmund kommen als Schüler-Coaches regelmäßig in die Libellen-Grundschule, um mit den Viertklässlern naturwissenschaftliche Experimente durchzuführen. Das Projekt, das von der Zukunftsstiftung Bildung gefördert wird, macht den Grundschülerinnen und -schülern Spaß. Es erfüllt sie auch ein bisschen mit Stolz, mit „den Großen“ zusammenzuarbeiten und von ihnen ernst genommen zu werden. „Für alle diese Projekte braucht es engagierte Kolleginnen und Kollegen, die Schulleitung alleine kann nichts bewirken“, stellt Christiane Mika klar.

Die Schulleiterin ist überzeugt: „Kinder wollen lernen, aber sie brauchen dafür die Bedingungen.“ Mit der Ganztagsschule seien sie auf dem richtigen Weg, von dem sie hofft, ihn noch konsequenter gehen zu können. Wichtig wäre es, in multiprofessionellen Teams den ganzen Tag über in den Klassen zu sein und vielfältige außerschulische Lernorte und Lernangebote nutzen zu können.

Zur Fair-Friends-Messe in der Westfalenhalle© Libellen-Grundschule

Als nächsten Schritt möchte die Libellen-Grundschule das jahrgangsübergreifenden Lernens ausweiten. Die Jahrgänge 1 und 2 werden bereits als flexible Eingangsklassen geführt. Nun erprobt die Schule – erst einmal nur auf das Fach Sachkunde begrenzt – eine Jahrgangsmischung von Klasse 1 bis 4. „Es gibt einen großen ‚Stamm’ von Kindern, die etwas an die Jüngeren weitergeben können. Für die Lehrkräfte ist die Heterogenität eine große Herausforderung, auf die wir uns in Jahren intensiver Unterrichtsentwicklung vorbereitet haben“, berichtet Christiane Mika.

 

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