Neue digitale Wege für Kommunen und Ganztagsschulen

Digitales Lernen war ein Schwerpunktthema der Didacta 2019 in Köln. Im Forum Didacta Digital stellten einige Ganztagsschulen und Kommunen vor, was Digitalisierung für sie bedeutet.

Besucherinnen und Besucher vor dem Eingang der didacta 2019
Rund 100.000 Besucherinnen und Besucher kamen nach Köln.© Koelnmesse GmbH, Harald Fleissner

Bei einer repräsentativen Befragung zur diesjährigen Bildungsmesse Didacta gaben rund die Hälfte der Besucherinnen und Besucher an, sich für den Ausstellungsbereich „didacta digital“ zu interessieren. Diesem war in diesem Jahr eine eigene Halle eingeräumt worden: 150 Aussteller präsentierten sich auf rund 6.500 Quadratmetern. Ein thematisches Rahmenprogramm, das Forum Didacta Digital, sorgte auch für den Austausch und Anregungen von Kommunen und Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, ihre Lernwelten zu digitalisieren.

Dass die digitale Zukunft oft schon die Gegenwart ist, stellte Dr. Uwe Bettscheider, Schulleiter des Ritzefeld-Gymnasiums der Stadt Stolberg, das seit 2011/2012 im teilgebundenen Ganztag arbeitet, dar. Als er 2001 stellvertretender Schulleiter wurde, führte er erstmal einheitliche E-Mail-Adressen für die Kolleginnen und Kollegen ein. Heute ist er ein Verfechter der Cloud-Technologie: „Wenn sowohl die Lehrkräfte als auch die Schülerinnen und Schüler von jedem Klassenraum der Schule aus Zugriff auf den überall gleichen virtuellen Arbeitsplatz haben, können Lehrerinnen und Lehrer effizienter arbeiten, und es ist auch eine Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern im geschützten Raum möglich.“

Digitale Medien mit viel Potenzial für das Lernen

Schulleiter Uwe Bettscheider vom Ritzefeld-Gymnasium Stolberg. © Redaktion

Digitale Medien „garantieren noch keine gute Bildung“, so Uwe Bettscheider. „Wir sind in Deutschland erfolgreich, weil wir eine vertiefende Allgemeinbildung vermitteln. Es gibt keine 'neue Bildung'. Lernen erfordert weiterhin Anstrengung und Herausforderungen, für positive Lernbeziehungen braucht es weiterhin den Lehrer und die Lehrerin. Um so wichtiger ist, dass diese Zeit für die Lernprozesse der Schüler haben. Die neuen Technologien müssen den Unterricht erleichtern.“

Schülerinnen und Schüler würden schon ganz natürlich mit den neuen Medien umgehen. „Da steckt viel Potenzial für das Lernen drin, daher kämpfe ich dafür“, meint der Schulleiter. Seit den Herbstferien 2018 kommt zum Beispiel dreimal in der Woche ein Ingenieur an das Ganztagsgymnasium, um Schülerinnen und Schüler „Fit für Mathe“ zu machen. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier unter anderem mit einem Computerprogramm, das laut Uwe Bettscheider „wunderbar individualisiert werden kann auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers, wenn der zum Beispiel Schwierigkeiten mit dem Bruchrechnen hat“.

Blick in die Messehalle
Mit dem Motto „Vielfalt bereichert“ war die GEW vertreten. © Redaktion

In Stolberg hat Uwe Bettscheider die Kommune als Schulträger dafür gewinnen können, dass heute jede Lehrerin und jeder Lehrer einen PC in der Schule hat und damit Zugriff auf die Cloud. „Seitdem die Kolleginnen und Kollegen die Rechner haben, hat das die Innovationsbereitschaft noch mal erhöht“, freut sich der Schulleiter. Voraussetzung dafür, dass Medien den Unterricht unterstützen, sei eine funktionierende Infrastruktur und eine WLAN-Verbindung im gesamten Schulgebäude. Die lernförderliche IT-Ausstattung ist eine Daueraufgabe für die Schulträger. Nordrhein-Westfalen hat hierfür eine Orientierungshilfe herausgegeben, an der auch mehrere Schulträger beteiligt waren.

Goethe-Gymnasium Bensheim: Digitale Unterrichtsplanung

Die Erleichterung des Unterrichts durch digitale Medien, die Uwe Bettscheider anmahnt, ist im Goethe-Gymnasium Bensheim schon beinahe Wirklichkeit. Lehrer Dr. Thomas Schneidermeier ist maßgeblich an der Umsetzung der „Schule 3.0“ beteiligt und stellte auf dem Didacta-Forum seine App Teach@Note vor. Mit dieser lässt sich ohne IT-Kenntnisse der Unterricht zeitsparend und nachhaltig gestalten.

In dem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und weiteren Partnern geförderten Projekt „Schule 3.0 – Energiewende in den Unterricht“ hat Schneidermeier mit Kolleginnen und Kollegen aus 13 Schulen berufsorientierende Unterrichtseinheiten für die Fächer Chemie, Physik, Informatik und Mathematik entwickelt. Er demonstrierte, wie diese mit Hilfe von Teach@Note in die Unterrichtsplanung eingebunden werden können.

Ein zentrales Thema der Messe in Köln: die Digitalisierung© Redaktion

„Mit Teach@Note spart man Zeit und Material, weil Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht schnell und nachhaltig vorbereiten können“, führte der Lehrer aus. „Die Inhalte sind jederzeit verfügbar und kinderleicht abrufbar, statt zeitaufwändig Unterrichtsmaterialien aus Akten, Büchern und Medien herauszusuchen. Die Schülerinnen und Schüler können bereits ab Klasse 5 in ihren Notebook-Klassen für jedes Fach ein digitales Heft anlegen und mit einer Kalenderfunktion den Unterrichtsstoff des ganzen Schuljahres übersichtlich ordnen.“

Melanchthon-Schule Steinatal: Einsatz von eigenen Endgeräten

In der „Testphase“, so drückte es Lehrer und IT-Systembetreuer Martin Michel aus, befindet sich derzeit noch die Melanchthon-Schule Steinatal. „Von der Infrastruktur sind wir aktuell so weit, dass wir in der Hälfte aller Klassenräume dank WLAN und Anschlüssen den Unterricht mit Endgeräten gestalten können, die die Schüler und Lehrer selbst mitbringen“, berichtete Martin Michel.

„Oft läuft es in Schulen so, dass Geräte hingestellt werden, für die es aber keine feste Wartung gibt. Ein Kollege soll das dann so nebenbei machen, wofür in der freien Wirtschaft extra Stellen eingerichtet sind. Das hat bei uns auch nicht funktioniert“, meint der Lehrer. „Der Weg, digitale Unterrichtsunterstützung mit eigenen Endgeräten zu organisieren, für deren Funktionstüchtigkeit jeder selbst sorgt, ist erfolgreicher.“ Bis die ganze Schule vernetzt sei, brauche es noch etwa eineinhalb Jahre. „Momentan nutzen die technikaffinen Kolleginnen und Kollegen die bestehenden Möglichkeiten für ihren Unterricht. Für das Kollegium wird es noch Fortbildungen geben“, so Martin Michel.

Stadt Wolfsburg: Schulen und Schulträger planen gemeinsam

Stand des BMBF auf der didacta
Seit vielen Jahren dabei: das BMBF © Redaktion

Fortbildungen für die Lehrerinnen und Lehrer organisiert die Stadt Wolfsburg. Mit der niedersächsischen Stadt und dem Landkreis Bergstraße legten zwei Kommunen dar, wie sie vor Ort die Schulen beim Ausbau und der Wartung der IT-Ausstattung unterstützen. Karsten Ostendorf vom Geschäftsbereich Schule und Sport der Stadt Wolfsburg, die für 37 Schulen verantwortlich ist, betonte, dass jeder Schulträger vor der Anschaffung von Technik „die pädagogische Sichtweise der Schulen berücksichtigen muss“.

In der niedersächsischen Stadt gibt es seit 2008 wie in vielen Städten einen „Medienentwicklungsplan“, der alle fünf Jahre neu aufgelegt wird – derzeit arbeitet die Stadt am dritten. Dieser Medienentwicklungsplan nimmt die Medienkonzepte der Schulen auf, die von Schulleitungen, Lehrkräften und IT-Beauftragten der Schulen zusammen mit der Stadt diskutiert und gebündelt werden. „Wir führen die Interessenlagen der Schulen zusammen“, so Karsten Ostendorf. „Die Schulen und der Schulträger machen sich gemeinsam auf den Weg, statt 37 Schulen alleine ihre Bedarfe anmelden zu lassen, die zu 37 verschiedenen Techniken führen würden.“

In Halle 6 ging es um Bildung in der digitalen Welt. © Redaktion

Karsten Ostendorf zufolge müsse man sich aber darüber im Klaren sein, dass nur 20 Prozent der Mittel in Investitionen in Informationstechnologien gingen, 80 Prozent hingegen in die laufende Unterstützung von deren Betrieb. „Wir haben in Wolfsburg ein Team von Fachinformatikern, die in die Schulen fahren, bedienen uns aber auch externer Unterstützung.“

Kreis Bergstraße: Voll vernetzte Schullandschaft

Neue digitale Wege geht der Kreis Bergstraße im Regierungsbezirk Darmstadt. Seit 2018 steht für sämtliche 75 Schulen eine zentrale Beratungsstelle zur Verfügung, wenn technische Probleme auftauchen. Alle Schulen nutzen einheitliche PCs, zum Teil auch Notebooks. Flächendeckendes WLAN für alle soll es noch in diesem Jahr geben. Jede Lehrkraft, jede Schülerin und jeder Schüler kann eine eigene E-Mail-Adresse nutzen.

Präsentation an einem Messestand
Im Darmstädter Pilotprojekt „Cloud“ nutzen alle Schulen einheitliche PC.© Koelnmesse GmbH, Thomas Klerx

Begleitet wird der Kreis im Pilotprojekt „Cloud“ vom Schul-IT-Dienstleister AixConcept GmbH. Dessen Geschäftsführer Thomas Jordans sprach sich in seinem Vortrag für „Einheitlichkeit“ aus: „Wechselt beispielsweise ein Kind auf die weiterführende Schule, muss es sich erst gar nicht an eine neue Technik gewöhnen.“ Eine Lehrkraft, die im Rahmen einer Oberstufenkooperation in einer benachbarten Schule unterrichte, habe auch im anderen Schulgebäude Zugriff auf ihre Daten. Auch hier werden die Pädagoginnen und Pädagogen regelmäßig aus- und fortgebildet.

Europaschule Langerwehe: Medienscouts

Eine Ausbildung für die Schülerinnen und Schülern findet an der Europaschule Langerwehe in einer Nachbargemeinde von Stolberg statt. Schülerinnen und Schüler der Schule stellten gemeinsam mit Lehrerin Katharina Cremer ihr „Medienscouts“-Projekt vor. Die Medienscouts der Jahrgänge 8 bis 10 werden seit dem Schuljahr 2015/2016 ausgebildet, um anschließend Mitschülerinnen und Mitschüler zu unterstützen, etwa im Bereich Datensicherheit, und bei der Lösung von Problemen mit neuen Medien zu helfen. Unter anderem arbeiten sie eng mit den „Streitschlichtern“ zusammen, wenn Mobbing im Netz betrieben wird.

Zum 9. Mal wurde der eLearning Award verliehen. © Redaktion

Katharina Cremer erläuterte: „Es handelt sich nicht um eine Ausbildung, die von uns Lehrkräften ausgeht, sondern die Schülerinnen und Schüler bilden sich gegenseitig weiter und unterstützen sich.“ Sie selbst habe an einer Fortbildung des Landes Nordrhein-Westfalen teilgenommen. „Auch wir als Kollegium profitieren vom Projekt“, so die Lehrerin. Wenn jemand Probleme mit der Technik hat, kann er oder sie sich an die Medienscouts wenden.

Gemeinschaftsschule Bellevue: Smarte Schule mit 360°-Blick

Auch die Gemeinschaftsschule Bellevue in Saarbrücken ist in diesem Schuljahr mit einer Medienscout-Ausbildung gestartet. Die Schülerinnen und Schüler beraten ihre Mitschülerinnen und Mitschüler bezüglich einer reflektierten Mediennutzung.
Die Gemeinschaftsschule ist 2016 zur ersten Smart School Deutschlands ernannt worden, einer Pilotschule für digitales Lernen. Aktuell verfügt die Ganztagsschule über einen hochleistungsfähigen Glasfaser-Breitband-Internetanschluss, 40 Laptops, 100 PCs und 120 Tablets. Klassenräume sind mit interaktiven Boards ausgestattet. In der Robotik-AG kommen zehn Roboterbausätze zum Einsatz, mit denen Grundlagen des Programmierens und der Robotik erlernt werden können.

didacta-FAhnen vor dem Eingang
Wechselnde Standorte: Die didacta 2020 findet in Stuttgart statt.© Koelnmesse GmbH, Thomas Klerx

Geschichts- und Religionslehrer Torsten Becker, der an der Gemeinschaftsschule für die Digitalisierung zuständig ist, stellte auf der Didacta das 360°-Film-Projekt vor, mit dem es die Schülerinnen und Schüler in die Auswahl-Wiedergabeliste zu Themen wie einer „inklusiven, gleichberechtigten und hochwertigen Bildung“ der Vereinten Nationen geschafft haben. Bei einem 360°-Video zeichnet die Kamera einen Raum auf, und mit einer speziellen Brille kann man sich sogar selbst in diesen Raum hineinversetzen.

Ziel war es, auf die 17 UN- Nachhaltigkeitsziele aufmerksam zu machen. In einem fachübergreifenden Projekt entwickelten die Schülerinnen und Schüler zwei eigene Videos. „Welche Nachhaltigkeitsziele sie auswählten, war ihnen freigestellt“, erzählte Torsten Becker. Im November 2018 hatten die Schülerinnen und Schüler ihr Projekt, das ein schönes Beispiel für die unterrichtsbereichernden und -erweiternden Möglichkeiten neuer Medien auf der Didacta bot, bereits auf der Konferenz „Bildung Digitalisierung“ in Berlin vorgestellt.

 

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