Ganztag in Hessen: Schulentwicklung mit Kultur

„Raum und Zeit für kulturelle Bildung“ fand der Ganztagsschulverband Hessen in der Richtsberg-Schule Marburg, die am 6. Februar 2019 die Jahrestagung des Verbandes ausrichtete.

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Fast alle Schulleitungen gaben in den bundesweiten Befragungen der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) an, bei ihren Ganztagsangeboten mit Partnern aus dem Sport und der kulturellen Bildung zu kooperieren. Die Integration von Theater, Musik, Tanz und bildender Kunst gehört auch an der Richtsberg-Gesamtschule Marburg zum festen Programm. Der Ganztagsschulverband Hessen wählte die Ganztagsschule daher als Veranstaltungsort seiner Jahrestagung „Ganztagsschule als Motor für Schulentwicklung. Raum und Zeit für kulturelle Bildung“ am 6. Februar 2019.

Motor für Schulentwicklung

Thomas Ferber, Nina Heidt-Sommer und Guido Seelmann-Eggebert bei der Jahrestagung des Ganztagsschulverbands Hessen
Thomas Ferber, Nina Heidt-Sommer, Guido Seelmann-Eggebert (v.l.) © Redaktion

„Kulturelle Bildung ist einer der Motoren der Ganztagsschulentwicklung“, begrüßte der Landesvorsitzende Guido Seelmann-Eggebert die rund 240 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Turnhalle der Schule, die 2011 den Titel „Schule mit besonderer musikalischer Förderung“ erhalten hat und seit 2015 zertifizierte KulturSchule des Landes Hessen ist. Die Schülerinnen und Schüler können sich an dieser Ganztagsschule intensiv mit den Künsten auseinandersetzen. Dazu bleibt der Musikbereich den kompletten Tag geöffnet, und alle Instrumente stehen zum Üben zur Verfügung und werden nicht nach der Musikstunde im Schrank weggeschlossen. Das Atelier und das Theaterstudio sind ebenfalls den ganzen Tag zugänglich.

Die Schülerinnen und Schüler können Instrumentalunterricht für Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier, Keyboard und diverse Blasinstrumente und Gesangsunterricht wahrnehmen. Es gibt Schnupperkurse, ein Instrumentenkarussell, verschiedene Ensembles und Bands, Tanz- und Bewegungsaufführungen, Musicals, Theateraufführungen, internationale Sprach- und Theater-Austauschprogramme und Literaturprojekte mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Schülerinnen und Schüler betreiben ein Tonstudio, das auch die Fachtagung professionell mit seiner Tonanlage unterstützte.

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Die Richtsberg-Gesamtschule kooperiert mit zahlreichen Partnern wie dem Hessischen Rundfunk, der Rock Pop Jazz Akademie Mittelhessen in Gießen, der Musikschule Marburg, dem Hessischen Landestheater Marburg, der Kunstwerkstatt Marburg, der Philipps-Universität, der Waggonhalle Marburg und einer großen Zahl von Künstlerinnen und Künstlern, um Schülerinnen und Schüler für die Kunst mit ihren vielen Möglichkeiten zu begeistern. „Individuelles und selbstbestimmtes Lernen, das durch ästhetische Zugangsweisen in allen Fächern und mit der Übernahme von Verantwortung durch Schülerinnen und Schüler geschieht, schaffen ein besonderes Schulklima der Teilhabe und Identifikation und nicht zuletzt ein Lernen mit Freude“, erklärte Schulleiter Ferber.

Profilschulen für kulturelle Bildung

Schüler im Musikunterricht
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Dies ist auch im Sinne des Hessischen Kultusministeriums. Markus Kauer, Referent für kulturelle Bildung, erläuterte in seinem Beitrag, dass das Land die kulturelle Bildung stärken wolle. „Für jede Kunstform sollen sich Profilschulen bilden, die sich mit anderen Schulen austauschen. Wir brauchen eine Logistik für diesen Austausch, und die Schulen müssen experimentieren dürfen. Mit fragmentierten Stundenplänen kommt man nie in den Fluss, der für künstlerisches Lernen notwendig ist. Es kann nicht funktionieren, neue Formate und Ideen zu etablieren, ohne den Schulalltag anzutasten.“ Kauer riet den Schulen, sich im Netzwerk „Schulen mit kulturellem Profil“ zu engagieren.

Um das künstlerische Profil an der Richtsberg-Gesamtschule zu etablieren, habe sein Kollegium ein neues Gleichgewicht finden müssen, bekannte Schulleiter Thomas Ferber. „Die Voraussetzungen sind Transparenz und Partizipation, Öffnung und Vernetzung, Klarheit und Flexibilität. An unserer Schule ist die Kooperation im Kollegium die Basis aller pädagogischen und inhaltlichen Arbeit. Wir verstehen uns als Team-Schule.“

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Klassenlehrerinnen und -lehrer eines Jahrgangs bilden an der Richtsbergschule ein Jahrgangsteam, dem auch Fachlehrer zugeordnet sind. In wöchentlich stattfindenden Teamsitzungen werden pädagogische Schwerpunkte für den jeweiligen Jahrgang gesetzt, und es wird auch Organisatorisches besprochen. Durch die Teamarbeit und langjährige Begleitung von der 5. bis zur 10. Klasse kennen die Lehrerinnen und Lehrer alle Schülerinnen und Schüler des jeweiligen Jahrgangs, was eine hohe Beratungssicherheit ermöglicht.

Stadt Marburg: „Wir fördern Ganztagsschulen“

Ein solches Angebot sei nicht ohne Ganztagsschule möglich. Gerade in den zwei täglichen, 40 Minuten langen Mittagsbändern sind zahlreiche der künstlerischen Angebote untergebracht, aus denen die Schülerinnen und Schüler wählen können, die sie aber auch selbst anbieten. Von den rund 60 Ganztagsangeboten an der Schule sind über 20 von Jugendlichen organisiert, wie zum Beispiel „Recherchieren“, „Radio“, „Origami“ oder die Feuerwehr-AG. „Wir haben seit der Einrichtung der Ganztagsschule im Schuljahr 2006/2007 eine echte Rhythmisierung entwickelt, um allen Schülerinnen und Schülern ein Angebot zu machen und nicht nur Förderkurse und Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag anzubieten“, so der Schulleiter.

Kirsten Dinnebier bei der Jahrestagung des Ganztagsschulverbands Hessen
Stadträtin Kirsten Dinnebier© Redaktion

Nicht nur Thomas Ferber ist von den Möglichkeiten der Ganztagsschule überzeugt. Für die Stadt Marburg sprachen Stadträtin Kirsten Dinnebier und Heike Grosser, Dezernentin für den Ganztag im Staatlichen Schulamt für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. „Wir fördern Ganztagsschulen, weil sie eine bessere Verbindung von schulischen und außerschulischen Angeboten für alle Schülerinnen und Schüler quer durch alle gesellschaftlichen Schichten ermöglichen und daher für Bildungsgerechtigkeit sorgen“, betonte Kirsten Dinnebier.

Alle weiterführenden Schulen der Stadt sind Ganztagsschulen. Für die Grundschulen entwickelt die Stadt derzeit ein Programm der lokalen Bildungsplanung mit verschiedenen Partnern und Trägern, auch sie sollen über eine Mittagsbetreuung hinaus zu Ganztagsschulen werden können. Heike Grosser berichtete, dass in den vergangenen fünf Jahren eine „erhebliche Weiterentwicklung und Mittelerweiterung“ stattgefunden habe. Die Ganztagsschullandschaft soll so in „Richtung mehr Verbindlichkeit“ weiterentwickelt werden, auch durch teilgebundene Ganztagsschulen, Ganztagszüge oder Ganztagsklassen.

Berufsbild Ganztagskoordinator

© Britta Hüning

Die Möglichkeiten und Herausforderungen für Ganztagsschulen beleuchtete die Jahrestagung mit 17 Workshop-Angeboten, die sich nicht nur mit kultureller Bildung befassten. Bernd Steioff, der Leiter der Schule im Emsbachtal in Brechen, die im Vorjahr Gastgeberschule des Kongresses gewesen ist, stellte in seinem Workshop das „Neue Berufsbild Ganztagskoordinator/-in“ vor. Dieses sieht er als Teil der Schulleitung:

„Ohne die Schulleitung geht nichts. Die Schulleitung muss hinter der Arbeit der Koordinatorin oder des Koordinators stehen. Am besten ist es, wenn die Stelle in der erweiterten Schulleitung verankert wird.“ Ganztagskoordinatoren müssten Netzwerke aufbauen, verschiedene Menschen und Interessen zusammenbringen und Ansprechpartner für Schulleitung, Kollegium, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Schulamt, Schulträger, Jugendhilfe, Vereine, Kirchen, Betriebe, Honorarkräfte, außerschulische Partner und pädagogische Fachkräfte sein.

Lehrerinnen und Schülerinnen im Kunstunterricht
© Britta Hüning

„Für diese anspruchsvolle Tätigkeit müssen die Besten gefunden werden, nicht nur der Kollege oder die Kollegin, die gerade zufällig noch Stunden übrig hat“, zeigte sich Steioff überzeugt. „Die Koordinatoren beeinflussen mit ihrer Arbeit die Qualitätsentwicklung der Schule. Sie sind an der Gesamtplanung beteiligt, sprechen mit der Schulleitung über Räume, Stundenpläne und Rhythmisierungsfragen. Sie stellen das erweiterte Angebot sicher, akquirieren und betreuen die Honorarkräfte.“

Digitalisierung: „Nicht nur ein Tablet in die Hand drücken“

Über „Digitalisierung als Instrument der Individualisierung“ diskutierten Lehrerin Gabi Linke und Lehrer Dr. Armin Schreiber von der Richtsberg-Gesamtschule mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihres Workshops. An der Richtsberg-Gesamtschule lernt der komplette 8. Jahrgang mit – von den Eltern finanzierten – Tablets. „Wir digitalisieren nicht, indem wir Schülerinnen und Schülern ein Tablet in die Hand drücken“, betonte Armin Schreiber. „Wir sollten auch nicht über Digitalisierung reden, sondern über Digitalität, die für unsere Jugendlichen schon längst Realität ist.“

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Das bestätigte der Lehrer einer anderen Schule: „Ich bin 32 Jahre alt und denke, dass ich mich schon auskenne, aber ich musste feststellen, dass ich manchmal meilenweit von dem entfernt bin, was meine Fünftklässler wissen.“ Für Armin Schreiber gibt es „kein Schwarz und Weiß“. Die neuen Medien seien Werkzeuge, die viel Potenzial für Differenzierung bieten. „Man kann Tablets zum Beispiel einsetzen, um Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Aufgabenniveaus zu fördern. Die Jugendlichen können sich auch selbst mit eigenen Ideen und Formaten einbringen, mit denen sie ein Thema behandeln.“

Ein Mathematiklehrer unterstützte diese Sichtweise: „Ich arbeite mit Geometrieprogrammen, mit denen die Schülerinnen und Schüler Mathematik so anschaulich erleben können, wie es mit keinem Schulbuch möglich ist.“

Tipp: Film und Begleitbuch "Hammer, Geige, Bühne – Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen"

Forschungsergebnisse zur kulturellen Bildung in der Ganztagsschule zeigt anschaulich der Film „Hammer, Geige, Bühne“ von Andreas Lehmann-Wermser und Thomas Greh. Das Spektrum reicht von der Bildhauer-AG über die Schulband und ein Schultheater bis zur Kooperation mit dem Kunstverein. Bonusmaterialien bieten zusätzliche Informationen. Der Film ist in der Fort- und Weiterbildung breit einsetzbar.

Ein Interview mit Prof. Lehmann-Wermser finden Sie hier.

 

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