Albert-Schweitzer-Grundschule: Eine OGS heißt willkommen

Mit gegenseitigem Respekt und viel individueller Zuwendung lernen und leben 216 Schülerinnen und Schüler verschiedener Nationen an der Albert-Schweitzer-Grundschule in Dorsten.

© Albert-Schweitzer-Schule Dorsten

Wer die Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsgrundschule der Stadt Dorsten betritt, spürt den Geist, der hier herrscht sofort: Alle sind willkommen. Salamaleikum, Witamy, Herzlich willkommen. Ob arabisch, polnisch oder deutsch. Alle, das sind konkret 216 Schülerinnen und Schüler sowie ein Kollegium und ein OGS-Team, die sich aus Menschen vieler Länder zusammensetzen.

Eine von ihnen ist Elif Tasci. Die Grundschullehrerin und Klassenlehrerin spricht Deutsch und Türkisch, sie unterrichtet und springt auch ein, wenn ihre Muttersprache gefragt ist. So wie an diesem Vormittag. Im Rahmen des Erasmus-Programms besuchen fünf türkische Bildungsexpertinnen die im Grünen gelegene Schule. Ursprünglicher Sinn ihrer Erkundungsreise war die Hoffnung, Erkenntnisse für den Umgang mit digitalen Medien zu gewinnen. „Doch da wurden sie in Deutschland nicht wirklich fündig“, übersetzt Elif Tasci.

Klassenraum
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Umso interessierter saugen sie auf, wie es an dieser Offenen Ganztagsgrundschule zugeht. Dass die Schulleiterin für die Gäste den Kaffee bereitstellt, finden sie „außergewöhnlich“. Für Schulleiterin Burgi Beste ist das ganz normal: „Das macht bei uns diejenige, die Zeit hat.“ Spannend finden die türkischen Gäste auch, dass die Kinder selbst Hand anlegen beim Saubermachen der Räume. „Kommt hier kein Putzdienst?“, möchten sie wissen. Burgi Beste und Elif Tasci erläutern: „Die Schule wird professionell gereinigt. Aber wir geben die Verantwortung auch an unsere Kinder. Sie sollen den wertschätzenden Umgang mit allem lernen.“

Gesunde Mischung

Dass dies nicht nur beim Putzen gelingt, beweist eine Viertklässlerin. Die Frage nach dem Sekretariat beantwortet sie nicht allein mit einem „Da“, sondern sie bittet die Gäste freundlich, ihr zu folgen: „Ich bringe Sie dorthin.“ Burgi Beste und die Leiterin des von Arbeiterwohlfahrt getragenen Ganztags, Melanie Swaczyna, kündigen an, das Mädchen ausfindig zu machen und mit einem „Hauspunkt“ zu belohnen.

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Solche Punkte erhalten die Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich in besonderer Form an die gemeinsam aufgestellten Regeln halten: „Ich grüße freundlich“, „Ich halte anderen die Tür auf“, „Ich esse appetitlich“, „Ich spreche eine freundliche Sprache“, „Ich helfe“. Sammeln die Kinder mit vereinten Kräften 500 Punkte, winkt eine Belohnung. Mal ist es eine verlängerte Pause, mal eine Spielstunde, in Ausnahmefällen auch einmal eine kleine Süßigkeit.

Burgi Beste: „Der kleine Schokoladennikolaus soll etwas Außergewöhnliches bleiben, da sich Schule und OGS der gesunden Ernährung verschrieben haben und dafür auch bereits ausgezeichnet wurden.“ Süße Getränke wurden aus dem Angebot verbannt. Im Gegenzug schaffte die Schule einen Wasserspender an. Zehn Euro bezahlen die Eltern pro Jahr dafür als Beitrag. Ihr Kind kann so viel trinken, wie es möchte. Gesund geht es auch in der OGS-Mensa zu. Das Essen ist abwechslungsreich, viel Obst und Gemüse, weniger Fleisch. Schweinefleisch sucht man vergeblich auf dem Speiseplan.

Wasserspender
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„Damit respektieren wir die Gewohnheiten unserer muslimischen Kinder und Eltern“, berichtet Melanie Swaczyna. Elternproteste gibt es keine. Gesunde Ernährung kennzeichnet auch nicht nur das Essen. Programme zur Gesundheitserziehung, der obligatorische Ernährungsführerschein und zahllose Sportangebote sowie Bewegungsmöglichkeiten im großen Außengelände tragen zur Schärfung des Bewusstseins für Nachhaltigkeit und Gesundheit bei.

Doppelbesetzung ermöglicht Förderung

Wertschätzung des Anderen ist in der Albert-Schweitzer-Grundschule mehr als eine Floskel. So ist es für Elif Tasci selbstverständlich, ihre Klasse in den gemeinsamen Gottesdienst zu begleiten. Wie und warum Menschen sich in anderen Kulturen und anderer Religionen verhalten, mit welchen Regeln, Sitten und Werten sie leben, wird zum Gesprächsgegenstand. Eine wichtige Rolle spielt dabei Hussam al-Hareezi. Der aus dem Irak stammende Pädagoge nimmt in der Schule auch vielfach kulturvermittelnde Aufgaben wahr. „Er ist aber darüber hinaus ein fachlich so wertvoller und bei allen beliebter Kollege. Ihn wollten wir unbedingt einstellen“, betont die OGS-Leiterin. Sie hatte Erfolg.

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Ohnehin fühlen sich Schule und OGS personell gut ausgestattet. Das ermöglicht häufig die zusätzliche Anwesenheit der Sonderpädagogin im Unterricht. Dort kann sie sich gezielt jener Kinder mit besonderem, diagnostiziertem Förderbedarf oder jener, die einfach etwas mehr Unterstützung benötigen, annehmen. Drei kleine Differenzierungsräume in der ehemaligen Hausmeisterwohnung eröffnen die Chance, einzelne Schülerinnen und Schüler oder kleinere Gruppen aus dem Klassenverband herauszunehmen und zu fördern. Doch auch im Unterricht können die Schülerinnen und Schülern beispielsweise beim Buchstabenlernen nach einer gemeinsamen „Basiseinführung“ in ihrem Tempo weiterlernen. Entsprechend kann die Schuleingangsphase ein bis drei Jahre dauern.

Enge Abstimmung zwischen den Professionen

Der Individualität der Schülerinnen und Schüler trägt die Schule – für sie selbstverständlich – auch bei den Hausaufgaben und den Zeugnissen Rechnung. Täglich werden feste Hausaufgabengruppen von einem aus OGS-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern sowie Lehrkräften zusammengestellten Team begleitet. 30 Minuten sollen die Aufgaben in der Eingangsphase nicht übersteigen. Ab Jahrgangsstufe drei ist eine Stunde eingeplant.

besondere Förderung
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Burgi Beste und Melanie Swaczyna wissen: „Eigentlich sollten die Aufgaben in diesen Zeitrahmen zu erledigen sein. Schafft es ein Kind nicht, soll es aber auch nicht mehr und schon gar nicht zu Hause erledigen.“ Warum? Antwort: „Wenn das Kind mit fertigen, eventuell sogar komplett richtigen Lösungen kommt, können wir seinen tatsächlichen Wissens- und Kompetenzstand nicht einschätzen.“ Wie im gesamten Schulalltag der Albert-Schweitzer-Schule stimmen sich Lehrkräfte und das überwiegend am Nachmittag tätige Personal eng ab. Sobald die Erzieherinnen zur Hausaufgabenbetreuung in die Klassenräume kommen, finden sie dort eine Kladde mit allen wichtigen Informationen zu den täglichen Erfordernissen vor.

Apropos Abstimmung: Nahezu täglich tauschen sich die Teams, in denen unterschiedliche Professionen vertreten sind, über die Kinder aus. Schul- und OGS-Leitung treffen sich wöchentlich zum Jour fixe. Gemeinsame Konferenzen sind Normalität, ebenso die gemeinsame Teilnahme an Fortbildungen. Wenn Eltern zum Elternsprechtag kommen, sitzt zumeist auch die OGS mit am Tisch. Dabei dreht es nicht nur um Noten, die ohnehin erst ab dem zweiten Halbjahr der 3. Klasse auf den Zeugnissen auftauchen. Die Entwicklung des Kindes wird erörtert. Sie wird auch in den Kriterien- und Kompetenzrasterzeugnissen festgehalten. In ihnen hält die Schule fest, in welchem Maße ein Kind mit Interesse mitarbeitet, sich in bestimmten Zahlenräumen orientiert oder schreiben kann.

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Die Eltern im Blick

Hört man sich unter Eltern und im Umfeld der Schule um, erfährt man, dass „sich diese Schule besonders viel Mühe gibt, den Blick aufs einzelne Kind zu richten“. Eine Mutter berichtet von der engen Verzahnung zwischen Kita und der Albert-Schweitzer-Schule. „Stimmt“, sagt Burgi Beste. In enger Kooperation der Einrichtungen gelingt die Schuleingangsdiagnostik so, dass die Lehrkräfte wissen, „was auf uns zukommt. Wir erfahren frühzeitig, wer zusätzliche Förderung benötigt, wer besonders gefordert werden kann.“

Das erleichtert dann auch die Zusammensetzung der Eingangsklassen. Zum sensiblen Umgang mit dieser für die Kinder aufregenden Lebensphase schnuppern künftige Erstklässler noch zu Kita-Zeiten Grundschulluft. Umgekehrt gehen „erfahrene“ Erstklässler in die Kita und erzählen stolz von ihrem Alltag in der Schule.

Werte
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Drei weitere Dinge wissen Eltern besonders zu schätzen: In Fitmacherkursen erfahren sie an fünf Nachmittagen, wie sie zu Hause ihre Kinder durch speziell ausgewählte Spiele stärken können. Die Zahl der Mütter und Väter, die sich das nicht entgehen lassen, steigt kontinuierlich. Ebenso wie das Interesse am von der OGS angebotenen Deutschkurs für Eltern. Und schließlich können sie sich darauf verlassen, dass Werte und Regeln nicht nur auf dem Papier stehen. Sie werden gelebt. Und wenn es nun einmal ein Handyverbot gibt – es sei denn, man nutzt das Medium für schulische Zwecke –, dann gilt das für alle. „Auch für uns“, sagen Burgi Beste und Melanie Swaczyna. Und fügen hinzu: „Führen gelingt nur durch Vorführen.“

 

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