Realschule plus Hahnstätten: „Ganztagsschule ohne Brimborium“

Wer in der Realschule plus Hahnstätten den Ganztag verlässt, kehrt nicht selten bald wieder zurück. Auch Gemeinde und Eltern vertrauen auf die Ganztagsklassen. „Dieses Vertrauen fällt nicht vom Himmel“, weiß Schulleiterin Jutta Gerhardt.

(v.l.) Sandra Behrendt, Jutta Gerhardt und Christian Ortseifen© Redaktion

Der Lehrer war kurzzeitig irritiert. In seinem Nachmittagskurs „Fit für die Oberstufe“ saßen mehr Schülerinnen und Schüler, als eigentlich im Ganztag angemeldet sind. Ein paar Halbtagsschülerinnen und -schüler hatten sich „eingeschlichen“. Kein Einzelfall, und die Schulleitung der Realschule plus Hahnstätten im Rhein-Lahn-Kreis sieht das als Lob für die Qualität der Angebote der teilgebundenen Ganztagsschule.

Dass der Ganztag einen Sog entwickelt hat, zeigen die letzten Jahre insgesamt. Im Schuljahr 2010/2011 startete die „Ganztagsschule in Angebotsform“. Doch mit Schulleiterin Jutta Gerhardt an der Spitze, einer vom Ganztag überzeugten Pädagogin, die sich einst extra an eine Ganztagsschule hatte versetzen lassen, weil sie die Schulform unbedingt kennenlernen wollte, ging die Schule früh einen Schritt weiter. Sie richtete in der 6. Jahrgangsstufe eine Ganztagsklasse mit 26 Schülerinnen und Schülern ein, die dann bis zur 10. Klasse weitergeführt wurde.

Bibliothek
Schulbibliothek© Realschule plus Hahnstätten

Diese Klasse wurde mit ihren größeren Möglichkeiten der Förderung, den über den Unterricht hinausgehenden Aktivitäten und dem sozialen Zusammenhalt schnell als „Vorzeigeklasse“ wahrgenommen. Der Ganztag galt als „Positivum“, wie sich Jutta Gerhardt erinnert. Zufriedene Eltern wurden zu „Multiplikatoren“, die Nachfrage nach Ganztagsklassen stieg. Und je mehr Schülerinnen und Schüler die Ganztagsklassen besuchten, desto mehr drängten mit der Begründung „Meine Freunde sind doch in der Schule“ nach. Das Ergebnis im Schuljahr 2018/2019: Es gibt fast nur noch Ganztagsklassen, und von den rund 300 Schülerinnen und Schülern besuchen etwa 200 die Ganztagsklassen. Und manchmal auch – siehe oben – einige mehr.

Mit dem Wäschekorb auf die Lerninsel

„Eine Mutter hat mir neulich gesagt, dass es die absolut richtige Entscheidung gewesen ist, ihr Kind in der Ganztagsklasse anzumelden“, freut sich die Schulleiterin. Die Eltern sehen, dass „wir rhythmisieren, wie es den Kindern guttut, dass wir Übungszeiten integrieren, wo es möglich ist, das wir den Schülern aber auch Ruhezeiten gönnen“. Der Tag sei ja verplant genug.

Was die Eltern laut Konrektorin und Ganztagskoordinatorin Sandra Behrendt auch schätzen: dass die so genannten Trainingszeiten, in denen Aufgaben gelöst, geübt und vertieft werden, zu 100 Prozent durch Lehrerinnen und Lehrer abgedeckt sind. Dann sind alle Ganztagsklassen parallel in der Trainingszeit, und, so der Pädagogische Koordinator Christian Ortseifen, „wenn ein Schüler eine Frage zu Englisch hat, schicke ich ihn über den Flur zum Fachkollegen, der dort gerade die Aufsicht hat.“ Den Begriff Hausaufgaben würden die Schülerinnen und Schüler, die von den Ganztagsgrundschulen kommen, gar nicht mehr kennen.

© Redaktion

Ebenso gut nehmen die Schülerinnen und Schüler die drei „GTS-Lerninseln“ an, die sowohl mittwochs vormittags als auch täglich nachmittags von qualifiziertem Fachpersonal angeboten werden. In diesem Schuljahr lauten die Angebote „Online-Recherchen / PC“, „Rhetorik und Sprache“ und „Organisationsstrukturen vertiefen“. Letzteres Angebot wird von einer Bürokauffrau geleitet, da geht es teilweise um ganz grundlegende Dinge wie das Anlegen von Mappen und das Führen von Heften.

„Die Schülerinnen und Schüler entscheiden selbstständig, welche Lerninsel sie besuchen“, erzählt Christian Ortseifen. Ein Schüler sei mit einem Wäschekorb voller einzelner Blätter in die Lerninsel gekommen, um sich helfen zu lassen. „Die Lerninseln sind extrem viel wert, auch für uns Lehrer, weil wir uns auf die Kompetenzen konzentrieren können und keine Diskussionen über fehlende Geodreiecke führen müssen.“

Wertschätzung ist wichtig

Das vom Land Rheinland-Pfalz zugewiesene Ganztagsbudget verwendet die Realschule auch für den Unterricht erweiternde Angebote und den Besuch externer Lernorte, „die in einer Halbtagsschule so nicht möglich wären“, wie Sandra Behrendt meint. So konnten Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen ein Literaturprojekt in Zusammenarbeit mit einem Tonstudio aus Diez durchführen. Ihre selbst verfassten Geschichten lasen sie in einem Raum in der Schule ein, in den das Tonstudio mit seiner Ausrüstung angerückt war. „Den Raum haben die Schüler wegen der Akustik mit Turnmatten abgedichtet“, erzählt die Konrektorin. Die Aufnahmen wurden auf CD gebrannt.

Chillraum
Der Chill-Raum© Realschule plus Hahnstätten

In Zusammenarbeit mit der „Jungen Oper“ in Detmold wurden „Die Zauberflöte“ und „Hänsel und Gretel“ aufgeführt – eine große Veranstaltung mit rund 80 Schülerinnen und Schülern, die in diesem Schuljahr wiederholt wird. „Die Menge macht es. Jetzt können wir mit ganz verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern kooperieren.“ Malen oder Schattenbilder herstellen gehört auch dazu. Die Vernissage im Bürgerhaus hat der Bürgermeister eröffnet, und viele Eltern sind gekommen. Christian Ortseifen findet: „Es ist wichtig, dass das, was die Schülerinnen und Schüler machen, eine Wertschätzung erfährt. Wenn sie zwei Minuten Applaus erhalten – viele kennen diese Erfahrung nicht.“

Wertschätzung erfährt die Schule in jedem Fall von der Verbandsgemeinde Hahnstätten, ihrem Schulträger. So ist die Ganztagsschule mit digitalen Medien hervorragend ausgestattet, verfügt im Neubautrakt über eine große Bibliothek, die täglich geöffnet ist, und eine Mensa mit Küche sowie einen Spielplatz auf dem Schulgelände.

Angelika Rump (M.) mit ihren „Ofenhexen“© Redaktion

Urig waren die ersten Jahre in der Ganztagsschule, als das Mittagessen noch in der umgebauten Hausmeisterwerkstatt an Biertischbänken eingenommen wurde und die Lehrer mit den Papierlisten der zum Essen angemeldeten Schülerinnen und Schüler über den Schulhof kamen. Inzwischen kann sich die Mensa mit jeder guten Betriebskantine messen lassen. Vor Ort kochen die „Ofenhexen“, eine Catering-Firma, mit der sich Köchin Angelika Rump selbstständig gemacht hat und die neben einem Salatbuffet mehrere Essen zur Auswahl bietet. Auch die Lehrerinnen und Lehrer essen hier gerne. Drei Sterne, die höchstmögliche Auszeichnung des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum, sprechen für die Qualität.

Wer sich abmeldet, kehrt nicht selten zurück

Bei der Gestaltung des Chill-Raums haben die Schülerinnen und Schüler selbst Hand angelegt. „Die Jugendlichen haben einfach andere Vorstellungen als Erwachsene, also müssen sie sich einbringen können“, findet Schulleiterin Jutta Gerhardt. Nirgends sonst sei das für sie so augenfällig geworden wie beim Votum der Schülerinnen und Schüler für eine Kletterpyramide auf dem Schulhof. „Ehrlich gesagt, habe ich zuerst nicht viel von dem Vorschlag gehalten. Aber ich bin eines Besseren belehrt worden. Die Pyramide ist nonstop von den Jugendlichen besetzt, und auf den weichen Matten unten turnen die Schülerinnen und Schüler, üben Handstand und Flickflack. Das Geld hätten wir nicht besser investieren können, ich hätte nie gedacht, dass das so gut angenommen wird.“

Kletterpyramide
„Nie gedacht, dass das so angenommen wird“© Realschule plus Hahnstätten

Was für die Pyramide gilt, gilt auch für den Ganztag insgesamt. Nur ganz vereinzelt wollen Schülerinnen und Schüler wieder Halbtagsschüler werden, wie Sandra Behrendt berichtet. „Die Ganztagsschülerinnen und -schüler arbeiten viel selbstständiger. Und manche, die sich aus dem Ganztag abmelden, kommen wieder zurück, weil sie merken, dass es doch seinen Vorzug hat, hier in der Schule die Aufgaben bis 15.30 Uhr zu erledigen, statt es am Nachmittag zu Hause alleine nicht gebacken zu bekommen.“

Jutta Gerhardt ergänzt: „In der Ganztagsschule können wir auf das Individuelle eingehen, voneinander lernen und Schülerinnen und Schülern ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden. Wir mögen unsere Schülerinnen und Schüler, und diese Wertschätzung wird zurückgegeben. Dieses Vertrauen muss man sich erarbeiten, das fällt nicht vom Himmel.“ Dabei, so Konrektorin Sandra Behrendt, „sind wir eine ganz normale Schule, wir unterrichten und erziehen und machen kein Brimborium“.

 

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