Von Europa lernen

Frankreich und die skandinavischen Länder gelten als vorbildlich in der Entwicklung von Ganztagsschulen. Kein Wunder, dass auf der Internationalen Fachtagung "Ganztagsangebote in der Schule - Internationale Erfahrungen und empirische Forschungen" in Frankfurt am Main Referentinnen und Referenten aus Frankreich, Finnland und Schweden berichteten. Dabei wurde deutlich, dass auch in den "Musterländern" noch viel in Bewegung ist.

Vor zwei Jahren versetzten die PISA-Ergebnisse die deutsche Bildungslandschaft in Aufruhr: Bei Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften schnitten etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren aus 219 Schulen gemessen am OECD-Durchschnitt unterdurchschnittlich ab. Die besten Ergebnisse erzielten neben anderen die Pennäler aus Finnland, Kanada, Japan und Südkorea. Während sich die deutschen Bildungspolitiker weniger mit den fernöstlichen Voraussetzungen für die guten Resultate auseinandersetzen wollten - das Wort vom Drill machte die Runde - wandte man sich den europäischen Nachbarn zu: Wieso erzielten die Finnen, Schweden, Briten oder Franzosen bessere Ergebnisse als die Jugendlichen hier zu Lande?

K.H. Jacobi und Petra Jung

Die Ganztagsangebote in den europäischen Schulen sind eine Antwort. Aber Ganztagsschule ist nicht gleich Ganztagsschule. Die Modelle unterscheiden sich von Land zu Land. Die Fachtagung am 1. und 2. Dezember ermöglichte es, von internationalen Erfahrungen aus Frankreich, Finnland und Schweden zu lernen. Die Veranstalter Bildung PLUS und das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hatten Erziehungswissenschaftler aus diesen Ländern in die Johann Wolfgang Goethe-Universität eingeladen, die über den Forschungs- und Debattenstand in ihrer Heimat berichteten. Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten daraus Erkenntnisse für die Gestaltung der schulischen Ganztagsangebote in Deutschland gewinnen.

Nach der Begrüßung durch Petra Jung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den hessischen Staatssekretär Karl Joachim Jacobi kristallisierte sich in den wissenschaftlichen Beiträgen heraus, dass auch in diesen "Musterländern" noch vieles im Fluss und nicht unumstritten ist. Selbst in Frankreich, das über die längste Ganztagsschultradition verfügt, werden derzeit Debatten über das System und neue flexible Lernrhythmen geführt. In Finnland gar gibt es noch kein einheitliches Ganztagsschulmodell. Dort experimentiert man mit neuen Formen. In Schweden wiederum herrschen Diskussionen über Qualität und Wirksamkeit der Nachmittagsangebote.

Erziehung zu Staatsbürgern, nicht zu Robotern

Der französische Psychologieprofessor Francois Testu von der Universität Francois-Rabelais in Tours beleuchtete das Ganztagsschulkonzept von der chronobiologischen und chronopsychologischen Seite: Wie teilt man die Zeit eines Schultages optimal ein, um der natürlichen Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler entgegenzukommen? "Alle Akteure intervenieren in dieser Debatte", berichtete Testu. Beim westlichen Nachbarn drehen sich die Diskussionen mehr um solche Zeitfragen als um Lehrpläne oder Lerninhalte. Dabei weichen auch Wochen- und Ferienzeiten von denen in Deutschland erheblich ab: Der Mittwoch ist schulfrei, ansonsten wird an 75 Prozent der Schulen an neun Halbtagen, also auch am Samstagvormittag unterrichtet. 

Prof. Francois Testu

Von chronobiologischer Seite gilt es laut Testu drei Faktoren zu berücksichtigen: Den Schlafrhythmus, die tägliche Aufmerksamkeitsspanne, die bei Kindern und Jugendlichen besonders frühmorgens und am frühen Nachmittag gegen 13 Uhr beeinträchtigt sei, und das Immunsystem. Die Tagesschwankungen in der Aufmerksamkeit sollten jedem Schulplan zu Grunde gelegt werden. Der Psychologe trug die Folgerungen aus seinen Forschungsergebnissen vor: Der Schultag sollte vor allem für jüngere Schülerinnen und Schüler später beginnen und die tägliche Schuldauer für diese Altersgruppen verringert werden. Das Angebot außerunterrichtlicher Tätigkeiten solle ausgebaut werden, denn "außerunterrichtliche Bildungsangebote tragen zur physischen und emotionalen Entfaltung des Kindes bei", dagegen sorge mehr Freizeit nicht notwendigerweise für eine positive Persönlichkeitsentwicklung: "Gerade sozial Benachteiligte verbringen viel Zeit vor dem Fernseher", so Testu. Untersuchungen hätten erwiesen, dass sich bei gleichem Unterricht, aber zusätzlichen Angeboten die Leistungen und das soziale Verhalten der Schülerinnen und Schüler in Vergleichsgruppen gebessert hätten. "Das Ziel ist, dass die Schülerinnen und Schüler zu Staatsbürgern, nicht zu Robotern ausgebildet werden", resümierte der Franzose.

Höheres Sozialkapital durch Ganztagsbetreuung

Finnland hat sein nach deutschem Vorbild gestaltetes Halbtagsschulmodell in den letzten Jahren auf Ganztagsschulbetrieb umgestellt. Hierbei spielten weniger pädagogische als soziale Gründe eine Rolle. "Teilzeitbeschäftigte gibt es bei uns kaum", berichtete die Psychologieprofessorin Lea Pulkkinen von der Universität Jyväskylä, "daher waren die Kinder bis zu 30 Stunden in der Woche unbeaufsichtigt." Die Situation habe sich in den neunziger Jahren verschärft, als wegen der Rezession viele Jugendclubs und Nachmittagsbetreuungen geschlossen wurden. Die Öffentlichkeit sei im Herbst 2001 auf die schlechten sozialen Fähigkeiten von Kindern aufmerksam geworden, die viele Stunden in der Woche alleine zubrächten. Kirchliche Organisationen, Sportvereine, Wohlfahrtseinrichtungen, Elternvereinigungen und Gemeinden organisierten daraufhin in den vergangenen Jahren nachmittägliche Betreuungsangebote, an denen 2002 bereits 30 Prozent der Erst- und Zweitklässler teilnahmen. Eine in diesem Frühjahr erhobene Untersuchung ergab, dass 68 Prozent der Erstklässler Bedarf an morgendlichen oder nachmittäglichen Betreuungsangeboten hätten. Die finnische Regierung will entsprechende Reformen auf den Weg bringen: Ab Herbst nächsten Jahres sollen allen Erst- und Zweitklässlern sowie Kindern mit erhöhtem Förderbedarf  Betreuungsangebote zur Verfügung stehen. Offen ist noch, welche Träger diese anbieten werden.

Prof. Lea Pulkkinen

Prof. Pulkkinen stellte ein von ihr mitentwickeltes, schulzentriertes Modell vor, das innerhalb des so genannten MUKAVA-Projekts entworfen worden ist und derzeit an vier Schulen erprobt wird. Hier liegt der Schwerpunkt auf einer Einbindung der Eltern, die auf Klassenebene an der Planung von Aktivitäten beteiligt werden können. Um die Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule zu erleichtern, wird ein neues digitales Kommunikationssystem aufgebaut, das sich auf Handys und Internet stützt. Die Schule soll zu einem "Aktivitätszentrum" mit integriertem Schultag werden, der von acht bis 16 Uhr dauert. Vor Unterrichtsbeginn, in der Mittagspause, zwischen den Unterrichtsstunden und am Ende des regulären Schultags werden sowohl die Betreuung der spielenden oder Hausaufgaben machenden Kinder als auch Arbeits- und Hobbygruppen angeboten. Diese werden in der Verantwortung der Schulleitungen auf dem Schulgelände organisiert. Ziele sind das Wohlbefinden des Kindes, die Förderung der sozio-emotionalen Entwicklung, die Verbesserung der Sozialkompetenz und die Stärkung des Sozialkapitals der Schule sowie ihrer Schülerinnen und Schüler. Als Sozialkapital definierte Frau Pulkkinen das Verinnerlichen von Werten und Normen, einen hohen Grad an Vernetzung und die vertrauensvolle Interaktion. Dies erreiche man durch eine enge Verzahnung der Schule mit dem außerschulischen Alltagsleben. "Der Sinn von Schule erschließt sich für die Schülerinnen und Schüler aus der engen Verbindung von Schule und Alltag. Ist diese nicht gegeben, fehlt das Interesse", hatte bereits Dr. Lutz Eckensberger, der Direktor des DIPF, in seiner Rede zu Beginn der Tagung festgestellt.

Gesundheitsrisiko Gruppenarbeit?

Dr. Kah Slenning

In Schweden sind die Schulen seit Anfang der neunziger Jahre mit den bereits in so genannten Freizeitcentern existierenden Tagesbetreuungen für Schülerinnen und Schüler von sechs bis zwölf Jahren unter dem Dach der Schulen verschmolzen worden. Laut Dr. Kah Slenning von der Ludvika Social- und Utbildningsförvaltningen hat dies zu Spannungen zwischen der Lehrerschaft und den Betreuerinnen und Betreuern über die Abgrenzung von Kompetenzen und Aufgaben geführt, während es für die Kinder Vorteile bringt: "Heute müssen die Schülerinnen und Schüler zur Nachmittagsbetreuung einfach nur in einen Raum nebenan gehen und nicht mehr zu anderen Gebäuden", erklärte Slenning. Darüber hinaus wird über die Qualitätsstandards und die zu erreichenden Ziele der Ganztagsschule gerungen. In den Freizeitcentern will man die Kinder von sechs bis zwölf Jahren sinnvoll beschäftigen und besonderen Bedürfnissen Einzelner gerecht werden. Bisher gab es für die Freizeitcenter, für welche die Eltern geringe Gebühren entrichten müssen, aber kaum Richtlinien. Ein 16 Seiten langes Curriculum schreibt die Ziele Ethik, Demokratie und Gleichberechtigung groß: "Die Schüler sollen als ernst zu nehmende Persönlichkeiten wahrgenommen werden", so Slenning. Während sich die Eltern in Umfragen mit dem System in der Mehrheit zufrieden zeigten, fühlen sich die Lehrerinnen und Lehrer überlastet und bezeichnen die Gruppenarbeit als "Gesundheitsrisiko".

Die leeren Kassen zwingen viele Gemeinden, Prioritäten in engen Grenzen festzulegen: Entweder gebe es mehr Geld, oder es müssten andere Konzepte her, fasste Slenning zusammen, der davon ausging, dass eine weitere Integration der verschiedenen Gruppen "unerlässlich" sei. In den vergangenen Jahren seien durch Lehrerfortbildung bereits entsprechende Schritte unternommen worden. Es müssten pädagogische Programme und Formen der Team-Arbeit entwickelt werden, denn 97 Prozent der in Freizeitcentern betreuten Kinder stünden unter Aufsicht von Schuldirektorinnen und Schuldirektoren, die für solche Arbeit nicht ausgebildet worden seien, zumal in Schweden auch Nicht-Pädagogen Schuldirektoren werden können. Für das integrative System der Freizeitcenter sprechen für Slenning aber viele gute Gründe, nicht zuletzt, dass die Kinder einen "Anlaufpunkt" bräuchten.

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