Frankreich, Rheinland-Pfalz und Hessen im Vergleich

Gut eine Woche nach dem Deutsch-Französischen Tag am 22. Januar 2005 trafen sich vom 28. Februar bis 2. März Bildungsexperten aus Frankreich und Deutschland: Was haben Ganztagsschulen in Frankreich, Rheinland-Pfalz und Hessen gemeinsam und welche Unterschiede gibt es? Welche Lehren können aus dem Systemvergleich gezogen werden? Der erste Teil des Berichtes stellt drei unterschiedliche Wege der Ganztagsschulentwicklung dar.

Deutsch-französische Expertengruppe mit Schülerinnen

In einer Zeit, da die Bildungsexperten aller Nationen in das skandinavische PISA-Mekka nach Finnland oder Schweden ausschwärmen, wirkt der Blick über die Grenze nach Frankreich beinah familiär. Dabei gibt es nennenswerte Unterschiede in den jeweiligen Bildungssystemen. Frankreich ist seit jeher Land der Ganztagsschulen, schnitt aber bei PISA schlechter ab als erwartet. Deutschland ist eines der letzten Länder, das überwiegend Halbtagsschulen betreibt. Das Land steht ebenso unter PISA-Druck. Was können die beiden Länder voneinander lernen? Können sie den Dialog zur Schulentwicklung gemeinsam entwickeln und welche Rolle spielen dabei die Ganztagsschulen?

Genau hierfür war eine ausgesuchte Expertengruppe aus Frankreich nach Mainz eingeladen. Das erste Deutsch-Französische Expertentreffen zum Thema Ganztagsschule war eine nicht öffentliche Veranstaltung. Das Treffen, das vom 28. Februar bis zum 2. März im rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend (MBFJ) stattfand, wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als deutsch-französischer Erfahrungsaustausch konzipiert.

Frankreich als Vorbild

"Wir hoffen auf Anregungen von Ihnen, die sie ja ein Vorbild für die Ganztagsschulen in Deutschland sind" sagte Karl Heinz Held vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Held freute sich über die Initiative des Bundes für einen Deutsch-französischen Austausch in Mainz. "Ich erwarte, dass wir von Ihren Erfahrungen in der Rhythmisierung lernen", sagte Petra Jung vom Bundesbildungsministerium. Eingeladen waren Vertreter der Französischen Botschaft in Berlin, des französischen Erziehungsministeriums, der Schulaufsicht und 2 Schulleiter.

Karl-Heinz Held

Was sind die Besonderheiten des französischen Bildungssystems? Einen umfassenden Einblick in das System der französischen Schulbildung gab Jean Denis. Im Unterschied zu Deutschland ist das Bildungssystem in Frankreich zentral organisiert. Schule in Frankreich ist seit jeher Ganztagsschule; einen eigenen Begriff, "Ganztagsschule" wie in Deutschland gibt es nicht. Schule beginnt in Frankreich bereits ab dem 3 Lebensjahr mit der école maternelle. Ab dem 6. bis zum 10. Lebensjahr besuchen die Schülerinnen und Schüler die école primaire (vergleichbar unserer Grundschule). Es folgen vier Jahre Sekundarschule für alle Schülerinnen und Schüler auf dem College vom 11. bis zum 14. Lebensjahr. Erst danach entscheidet sich, wer die nächsten drei Jahre das (allgemeinbildendes Gymnasium) oder das lycée d'enseignement professionnel (berufsbildendes Gymnasium) besucht. Mit 18 Jahren wird das national einheitliche baccalauréat gemacht, also das Pendant zum hiesigen Abitur.

Jean Denis

Die Lehrerinnen und Lehrer in Frankreich sind Staatsbeamte, deren Gehalt das französische Bildungsministerium zahlt. Außerschulische Mitarbeiter sind die Erziehungsassistenten, Animateurs municipelle oder Mitarbeiter wie Musiker und Künstler, die zeitlich befristet zum Unterricht beitragen.

Die Nutzung und Aufsicht über die Gebäude wird laut Denis je nach Schultyp auf unterschiedliche Schultern verteilt. Für die école maternelle sind die Kommunen zuständig, für die collèges die Départements und für die lycées die Regionen.

Zentrale Steuerung in Frankreich

Die Aufsicht über die Schule ist in Frankreich zentral geregelt. An oberster Stelle steht der Bildungsminister selbst. Ihm unterstehen die recteurs sowie die inspecteurs d' academie. Praktisch alle öffentlichen und privaten Schulen stehen unter der Aufsicht eines inspecteurs d' academie. Am unteren Ende der Aufsichtskette stehen die Schulleiterinnen und Schulleiter.

Ein Schultag in Frankreich beginnt um 7:30 (Beginn der Betreuungszeit). Die eigentliche Unterrichtszeit erstreckt sich von 8:30/ 9:00 Uhr bis um 16:30 Uhr. Offizielle Schultage sind Montag, Dienstag bzw. Donnerstag, Freitag als Vollzeittage. Samstag ist halbtags Schule. Vor diesem Hintergrund ist die Mittagsverpflegung in der Schulkantine wichtig. Die Vorbereitung der Mahlzeiten ist Sache der Gemeinden oder von ausgelagerten Firmen.

Auch nach dem Unterricht gibt es Betreuung, nicht selten bis 18 Uhr. "Ein sehr langer Tag für die Kinder", sagte Denis. Länger als der mancher Eltern.

Von Deutschland lernen?

"Seit 1998 versuchen wir Schule besser zu gestalten", sagte Denis. Gemeint ist die bessere Einbindung der Kinder und Jugendlichen durch lokale Bildungsverträge, die "contrats éducatifs locaux". Doch diese Betreuung über die Gemeinden soll möglichst kostenfrei angeboten werden. Momentan können 69 000 Kinder und Jugendliche über dieses staatliche Programm betreut werden, das insgesamt 369 Mio. Euro kostet.

Ein wichtiges Thema in den französischen Schulen ist die Integration der Kinder und Jugendlichen in den Regelschulen. Doch auch in Frankreich drückt der Schuh in den Schulen. So bleiben 20 Prozent der Kinder einmal in der Grundschule sitzen und 19 von 100 Schülerinnen und Schülern verlassen die Schule ohne Abschluss: "Hier erwarten wir von Ihnen einige Aufschlüsse, wie man dieses Problem in Griff kriegen kann", sagte Jean Denis.

Welche Merkmale weist hingegen das deutsche Bildungssystem auf und welche Rolle spielen darin die Ganztagsschulen? Petra Jung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung begann ihren Vortrag aus der Perspektive zweier Schüler: Lisa und Georges.

Lisa und Georges

Lisa ist eine deutsche Austauschschülerin, die erstmals Bekanntschaft mit einer französischen (Ganztags-) Schule macht. In der Schule ist vieles reglementiert, nicht nur der Unterricht, sondern auch das Mittagsessen, die Freizeit und der Sport. Die Schule ist wie ein großes Dach über den Alltag ihrer französischen Mitschülerinnen und Mitschüler. An der deutschen Schule dagegen fühlt sich Georges, ein französischer Austauschschüler, ziemlich verloren. Jeder muss sich in der Schule mehr oder weniger allein zurecht finden. Vieles ist unpersönlich wie am Flughafen. Nach 13 Uhr schließt die Schule schon wieder ihre Pforten, es gibt kein Mittagsessen und Georges verlässt das Schulgelände ohne, dass irgendjemand davon Notiz nimmt. Zwei Geschichten aus einem Schulkooperationsprojekt, die zeigen, wie verschiedene Schulsysteme und Schulkulturen jeweils erlebt werden und welche Irritationen sie zunächst auslösen.

Petra Jung

"Mit dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" wollen wir den Schulen eine qualitative Verbesserung ihrer Schulkultur ermöglichen", sagte Petra Jung, nachdem sie die Strukturen des dreigliedrigen deutschen Schulsystems erläutert hatte. Nach Jung gab es drei Gründe für tiefgreifende Veränderungen und Reformen der Bildungslandschaft in Deutschland: Den PISA-Schock, darauf folgende Reformbemühungen in den Ländern und das Investitionsprogramm des Bundes zum Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen. "Durch mehr Ganztagsschulen wollen wir auch mehr Chancengleichheit erreichen. Der verheerende Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg muss endlich abgebaut werden".

Jung unterschied grob zwei Formen von Ganztagsschulen: offene Ganztagsschulen, die am Nachmittag offene Kultur- und Sportangebote als freiwilliges Lernprogramm anbieten und gebundene Ganztagsschulen, die Unterricht und Entspannung den ganzen Tag über rhythmisieren und deren Teilnahme für die Schülerinnen und Schüler verpflichtend ist. 

Ganztagsschulen in Deutschland sollen bestimmten Leitzielen und Qualitätskriterien gerecht werden. Dazu gehören laut Jung insbesondere die individuelle Förderung und pädagogische Vielfalt. Weitere Kriterien sind Projektlernen, mehr soziales Lernen über verschiedene Altersgruppen hinweg, Partizipation von Eltern und Schülern sowie die Öffnung der Schulen für die Teilhabe von sozialen Einrichtungen und Betrieben. Eine immer wichtigere Rolle spielen die Einbeziehung von außerschulischen Partnern und die gemeinsame Fortbildung des Personals an den Schulen, also der Lehrkräfte und der außerschulischen Mitarbeiter.

Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz und Hessen

Ganztagsschulen in Angebotsform gibt es insbesondere in Rheinland-Pfalz. Sie sind ein Markenzeichen dieses Landes geworden. Karl Heinz Held buchstabierte die Charakteristika und Varianten dieser Schulform aus. Insgesamt gibt es im Land überwiegend Ganztagsschulen in Angebotsform, die auf der Basis freiwilliger Elternentscheidungen beruhen und 13 gebundene Ganztagsschulen. Es gibt zusätzlich Regionale Schulen, die eine Verbindung von Haupt- und Realschule darstellen und es gibt ein Sonderschulwesen in Rheinland-Pfalz, das die Integration in das normale Schulsystem erleichtern soll. Ganztagsschulen in Angebotsform beziehen eine Vielzahl externer Partner wie Kirche, Sportvereine oder Wohlfahrtsorganisationen auf vertraglich geregelte Weise in das Schulleben mit ein. Gegenwärtig gibt es 235 Ganztagsschulen in Angebotsform. Bis 2007 erhält Rheinland-Pfalz rund 198.440 Mio. Euro aus dem Investitionsprogramm (IZBB) des Bundes.

Was tut Hessen, um die Ganztagsangebote zu fördern? Wolf Schwarz vom Hessischen Kultusministerium gab einen ersten Einblick. In Hessen gab es eine sehr lange Bildungsdiskussion zwischen den Parteien: "Inzwischen hat sich die Situation geändert, weil beide Lager die Ganztagsschulen wollen, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten", sagte Schwarz. Umstritten sind nur noch die Wege: Gebundene Ganztagsschulen flächendeckend befürwortet die SPD während die Konservativen sich für ein freiwilliges Angebot stark machen.

Für den Aufbau von Ganztagsangeboten erhält Hessen bis 2007 insgesamt rund 278.321 Mio. Euro. Momentan gibt es im hessischen "Ganztagsprogramm nach Maß" im Schuljahr 2004/ 05 insgesamt 287 Ganztagsangebote, davon 190 als pädagogische Mittagsbetreuung, 35 als offene Ganztagsschulen und 62 als gebundene Ganztagsschulen.

In der anschließend Diskussion gab es sowohl auf deutscher Seite wie von Seiten der französischen Delegation viele Fragen: Wie evaluiert man ein Ganztagsschulprogramm? Wie kontrolliert man den Mittelabfluss des Bundes an die Länder? Oder wie können die Schulen in Frankreich unabhängiger werden?

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