IGS Erich Kästner: Ganztag in stetiger Entwicklung

„Bei uns soll jeder an jedem Tag Erfolg haben können“, sagt Schulleiter Jörg Hapke. Die Erich-Kästner-Schule hat Schul- und Unterrichtsentwicklung in den Fokus gerückt, darunter die Teamarbeit im Kollegium und die Förderung im Ganztag.

Erich-Kästner-Schule
© Erich-Kästner-Schule

Die Situation, die der neue Schulleiter Jörg Hapke zu 2015 an der Erich-Kästner-Schule vorfand, war ernst. Die Zahlen sprachen für sich: Innerhalb von sechs Jahren hatte sich die Schülerzahl mehr als halbiert. Und die Talsohle war noch gar nicht erreicht. Auf bis zu 330 Schülerinnen und Schüler sollte es noch weiter runtergehen.

Die 1972 gegründete, einst sechszügige Integrierte Gesamtschule war nur noch zweizügig. Die Eltern wählten die IGS nicht mehr an. Den Rückgang zu stoppen und „wieder eine Vierzügigkeit zu erreichen“, war daher das Ziel des neuen Schulleiters. Nach drei Jahren geht es nun bergauf: 550 Schülerinnen und Schüler lernen inzwischen an der offenen Ganztagsschule in Baunatal im Landkreis Kassel. Wie ist es gelungen, die Schulentwicklung so zu verändern, dass die Schule wieder aufs Neue attraktiv wurde?

Alles auf den Prüfstand gestellt

Jörg Hapke führte zunächst einmal viele Gespräche. „Zuhören, zuhören, zuhören“, war das Gebot der Stunde. Und handelte dann: Einige Positionen im Kollegium wurden verändert, das Schulleitungsteam um zwei Kolleginnen und Kollegen auf sieben Stellen erweitert. „Es hängt auch viel an Personen“, so Hapke.

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Vor allem aber stießen Schulleitungsteam und Kollegium die Schul- und Unterrichtsentwicklung an. „Wir haben uns kritisch hinterfragt“, so Hapke. Auf einer Gesamtkonferenz im November 2015 wurden 16 Schulentwicklungsthemen formuliert und gewichtet. Ganz vorne stand das Thema „Teamarbeit“. Im Schuljahr 2016/2017 kam „alles auf den Prüfstand“ und „richtete sich neu aus“. Manche Diskussionsprozesse dauern noch an. „Es besteht noch kein Konsens zum selbstständigen Lernen“, nennt Jörg Hapke als Beispiel. „Wir diskutieren das weiter und wollen dann zu einem gemeinsamen Konzept gelangen.“

Den Lernprozess selbst bestimmen

Viele andere Bausteine in der Schulentwicklung sind aber schon aufgeschichtet, und einer ist unumstößlich: das Selbstverständnis der Erich-Kästner-Schule. Dem Schriftsteller fühlt sich die Schulgemeinschaft verpflichtet und fördert daher ein „auf Respekt, Toleranz und Akzeptanz fußendes freundliches Miteinander“. Mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler formuliert Jörg Hapke den Anspruch: „Bei uns soll jeder jeden Tag Erfolg haben können. Bei uns bekommt jeder das, was er benötigt.“

Schulchor
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Die Ganztagsschule ist hier ein wichtiger Bestandteil. Seit 1995 ist die Erich-Kästner-Schule ganztägig organisiert, zunächst als „Schule mit Mittagsbetreuung“, inzwischen als „Ganztagsschule im Profil 2“. Das heißt, sie bietet an fünf Schultagen freiwillige Zusatzangebote von 7.30 Uhr bis 16.10 Uhr an. Für die im Ganztag angemeldeten Schülerinnen und Schüler besteht dann eine Teilnahmepflicht. Neben zahlreichen Arbeitsgemeinschaften, die vom Programmieren über die Schulband, Werken, Schwimmen, Reiten und Handball bis zum Schulsanitätsdienst und der Freiwilligen Feuerwehr reichen, ist die Lernwerkstatt ein wichtiges Angebot im Ganztagsbereich.

Die Lernwerkstatt besteht aus zwei nebeneinander liegenden Räumen, die über den ganzen Tag genutzt werden können, um Aufgaben zu erledigen, Referate zu recherchieren oder die umfangreiche Materialsammlung mit den Lernkarteien, Lernspielen, Lexika und PC-gestützten Informationen zu unterrichtsrelevanten Themen zu nutzen. Weitere Arbeitsmöglichkeiten sind Bastelmaterialien und Werkzeuge und Computerarbeitsplätze. Während der Unterrichtszeit können die 40 Lehrkräfte hier einzelne Schüler und Schülerinnen oder Gruppen selbstständig arbeiten lassen.

Förderkurse sind kein Makel mehr

© Erich-Kästner-Schule

Pädagogische Schwerpunkte an der Erich-Kästner-Schule sind „Lernen lernen“ und „Soziales Lernen“. So ist seit 2015 in allen Jahrgängen die Lernzeit im Stundenplan verankert, in dem die Schülerinnen und Schüler sich anhand eines Themenkataloges Lern- und Arbeitsmethoden aneignen und lernen, mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern zusammenzuarbeiten und eine angemessene Zeitplanung zu entwickeln. Sie nutzen dabei die auf ihr Leistungsniveau abgestimmten Aufgabenblätter und Zusatzmaterialien. Auch die Förderkurse finden in diesem Zeitfenster statt.

Die Lernzeiten finden in den Klassen 5 bis 7 dreistündig und in den Klassen 8 bis 10 zweistündig statt. Sie jeweils im Stundenplan parallel zu legen, ist laut des stellvertretenden Schulleiters Stefan Asmus „eine gute Entscheidung“ gewesen. „Die Schülerinnen und Schüler lernen dadurch auch, Verantwortung für die eigene Arbeit und das eigene Lernen zu übernehmen“, meint Christiane Wagner, die Pädagogische Koordinatorin. „Wir möchten erreichen, dass die Schülerinnen und Schüler noch mehr an ihrem eigenen Lernprozess teilhaben, sich selbst fordern und fördern, und perspektivisch selbst bestimmen, bis zu welchem Termin sie ihre Arbeitsprozesse und -schritte erfüllt haben wollen.“

AG Werken
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Die Schule hat ein als „Methodenhaus“ aufgebautes Konzept entwickelt, das diese Arbeitstechniken auf den Fachunterricht überträgt. Hausaufgaben sind weitgehend abgeschafft. Die Schulaufgaben zum Üben und Vertiefen sind in die Unterrichtszeiten integriert, hier insbesondere in die Lernzeiten.

Ebenfalls der individuellen Förderung dienen Förderkurse für Deutsch, Englisch und Mathematik. „Der Besuch eines Förderkurses kann durch einen Fachlehrer angeregt werden, aber die Schüler können sich auch freiwillig melden, wenn sie etwas verbessern wollen“, erläutert Stefan Asmus. „Der Schüler schließt dann einen Vertrag mit der Schule ab, in dem er sich verpflichtet, die Förderung aktiv einzuhalten.“ Jeder Schüler kann nur eine Förderung pro Halbjahr erhalten, so gibt es inzwischen eine Wertschätzung bei den Schülerinnen und Schülern: „Ich darf am Vormittag gezielt an etwas arbeiten. Die Förderkurse gelten nicht mehr als Makel.“

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Das wichtigste Projekt, welches die Schulgemeinschaft stärkt und zu einer hohen Identifikation bei allen Beteiligten mit der Schule führt, ist die alljährlich im großen Rahmen stattfindende Aufführung eines Musicals. Ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler aus allen Jahrgängen und der an der Schule unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer sind involviert. So arbeiten alle Beteiligten ein Jahr intensiv am Gelingen des Stücks in Form verschiedener AGs, zum Beispiel Theater, Bühnenbild, Chor, Schulband, Tanz und Technik.

Die Lehrerinnen und Lehrer der einzelnen Klassen jeden Jahrgangs treffen sich in regelmäßigen Abständen zu pädagogischen Beratungskonferenzen, in denen die individuellen Fördermaßnahmen für die Schülerinnen und Schüler abgestimmt werden. „Wir verstehen uns als Teamschule“, so Christiane Wagner, die Pädagogische Koordinatorin. „Die Kolleginnen und Kollegen eines Teams übernehmen in einer überschaubaren Gruppe Mitverantwortung für die Schülerinnen und Schüler. Absprachen können einfacher getroffen werden, der Stundenplan kann effektiver gestaltet und der Vertretungsunterricht besser geregelt werden.“

Sich nicht überfordern

Programmieren in der Schule
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Die Arbeitsmethoden seien in den Teams effektiver, Probleme könnten gemeinsam schneller gelöst werden. „Wir können die Ressourcen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler besser erkennen und fördern. Das bedeutet eine Verbesserung des Unterrichts und der pädagogischen Arbeit“, ist Christiane Wagner überzeugt. Das Teamkonzept ist inzwischen ins Schulprogramm aufgenommen worden. Die Größe eines Jahrgangsteams wird möglichst gering gehalten.

Die „Study Buddies“ werden durch eine AG begleitet, sie erhalten eine Ausbildung und ein Zertifikat. „Besonders leistungsschwächere Neunt- und Zehntklässler profitieren selbst von dem Programm. Sie feiern dort Erfolge. Sie merken: Ich kann was, ich werde gesehen. Das ist echt super“, so der stellvertretende Schulleiter Stefan Asmus über die Kooperation mit dem Team des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung und der Universität Kassel.

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Auch Schulleitungscoachings und Fortbildungen wie „Kompetenzorientiert unterrichten im Gemeinsamen Lernen“ sieht Schulleiter Jörg Hapke als hilfreich für die Schulentwicklung an oder die Teilnahme im Netzwerk der MINT-Schulen: „Da wir wissen, dass gerade die MINT-Berufe eine breite berufliche Perspektive bieten, beteiligen wir uns am MINT-Forum Nordhessen und nutzen diese Kontakte für unsere Schülerinnen und Schüler.“

Die Schulleitung der Ganztagsschule hat mehrere Runde Tische unter reger und intensiver Beteiligung der Elternschaft gegründet, unter anderem zur Bearbeitung der Themenfelder „Wahlpflichtunterricht“ und „äußere Differenzierung“. Gegenseitige kollegiale Hospitationen im Unterricht sind beschlossen worden. Doch Schulleiter Jörg Hapke ist klar: „Momentan ist die Grenze an Dingen erreicht, die wir anpacken sollten. Wir sind sonst in der Gefahr, uns zu überfordern, weil parallel so viel aus dem Alltagsgeschäft auf einen zukommt. Wir sollten mal ein Jahr aussetzen und abwarten, wie sich alles entwickelt.“ Zumindest für die Gegenwart lässt sich feststellen: in die richtige Richtung.

Das Projekt StEG Tandem hat 2017 eine anschauliche Broschüre veröffentlicht, die zum Download zur Verfügung steht, aber auch in Papierform bestellt werden kann:

Brigitte Brisson, Katrin Heyl, Markus Sauerwein, Désirée Theis und Natalie Fischer (2017). Leitfaden StEG-Tandem. Konzeptuelle Weiterentwicklung von Hausaufgaben und Lernzeiten. Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen. Frankfurt am Main: DIPF.

 

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