Verbesserung statt Kontrolle

Schulinspektionen, wie sie schon länger im europäischen Ausland und nun auch in mehreren deutschen Ländern durchgeführt werden, sollen für Transparenz, Wettbewerb und Qualitätsverbesserung sorgen. Doch es gibt hierzulande auch Kritik. Drohen durch Schulinspektionen Mängellisten und Kontrollen oder sind es auch Unterstützungsinstrumente für die Qualitätsentwicklung? Gemeinsam mit dem British Council lud die Friedrich-Naumann-Stiftung am 28. Juni 2006 nach Berlin ein, um Fragen wie diese auf einer Fachtagung zu klären.

Matthew Bird (l.) und Isobel McGregor
Matthew Bird (l.) und Isobel McGregor

Michael Bird vom British Council begrüßte das Publikum. Die Deutschen wünschten sich Erhellendes über das Thema Schulinspektionen aus dem Vereinigten Königreich. Monica Wolsky von der Friedrich-Naumann-Stiftung hatte das British Council kontaktiert, weil in England mit dem Office for Standards in Education (OfSTED) und in Schottland mit "Her Majesty0s Inspectorate of Education" (HIME) schon umfassende Erfahrungen mit diesem Instrument gesammelt worden sind. Das British Council - vergleichbar den deutschen Goethe-Instituten - organisiert weltweit Partnerschaften in Bildung und Kultur zwischen Großbritannien und 110 Ländern. "Wir wollen den Austausch von best practice in Europa fördern", erläuterte Bird.

Seit Beginn der 1990er Jahre sind in Schottland Schulinspektionen und Selbstevaluationen eine Selbstverständlichkeit. Nun brenne das Thema auch Berliner Pädagogen "unter den Nägeln", wie es Christian Däubler, Leiter des Büros Berlin-Brandenburg der Friedrich-Naumann-Stiftung, ausdrückt. Dies zeigte sich den Veranstaltern der Tagung "Mehr Qualität für Berliner Schulen - Transparenz und Wettbewerb durch Inspektion, Evaluation und Ranking", noch bevor die Veranstaltung am 28. Juni 2006 überhaupt begonnen hatte. "Wir haben mit etwa 100 Anmeldungen gerechnet", erklärt Monica Wolsky, "und sind von der Nachfrage völlig überwältigt worden." Konsequenz: Kurzfristig musste die Tagung, zu der letztlich über 200 Interessierte erschienen, ins Hotel Alexander Plaza in der Nähe des Hackeschen Marktes verlegt werden.

76 Qualitätskriterien

Im Oktober 2005 hat nach Ländern wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Brandenburg auch Berlin eine Pilotphase mit Schulinspektionen an 45 Schulen gestartet. Den Inspektorenteams gehören neben Vertretern der Schulaufsicht auch Schulleiter, Lehrer und Eltern, in manchen Fällen auch Wirtschaftsvertreter an. Die Teams wurden zuvor ein Jahr lang in Fortbildungen auf diese Aufgabe vorbereitet.  "Inspektion", das bedeutet: Die Schulen werden bis zu sechs Monate vorher über den geplanten Besuch informiert. Vorab übersenden sie verschiedene Daten zu ihrer Schule, etwa zur Zusammensetzung der Schülerschaft oder zum Schulprofil, an das Inspektorenteam. Der Schulbesuch selbst dauert zwei Tage, an denen rund 70 Prozent der Unterrichtsstunden für jeweils 20 Minuten beobachtet werden. Darüber hinaus finden Gespräche mit Eltern, Lehrern und Schülern statt.

Gespannte Erwartung: Das vollbesetzte Plenum

In Berlin und Brandenburg trägt das 2006 gegründete "Institut für Schulqualität" der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ) die Verantwortung. Es versteht sich als ein Serviceinstitut für die Schulen, die Schulverwaltungen und die Bildungspolitik beider Länder, das Dienstleistungen erbringt, die für eine systematische Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung erforderlich sind und die Schul- und Unterrichtsentwicklung in der Bildungsregion Berlin-Brandenburg unterstützt. Basis der Inspektionen ist ein "Orientierungsrahmen Schulqualität", wie er vergleichbar bereits in anderen Ländern existiert. Er enthält 76 Qualitätskriterien, zu denen etwa die Häufigkeit von Unterrichtsausfall, die Fortbildungsbereitschaft der Lehrer und die Güte des Schulprogramms gehören. An der Pilotphase haben sich nur freiwillige Schulen beteiligt. So konnten wichtige Erfahrungen gesammelt werden, bevor das Instrument im kommenden Schuljahr flächendeckend eingesetzt wird.

Hans-Jürgen Kuhn vom ISQ (l.) und das Abgeordnetenhausmitglied Mieke Senftleben

Schottland hat seit über einem Jahrzehnt eine eigene Einrichtung für Schulinspektionen: "Her Majesty0s Inspectorate of Education" (HMIE). In den 1990er Jahren war man zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Bildung entschieden verbessern müsse, auch um großen sozialen Problemen und Armut entgegenzuwirken. Wie HMIE arbeitet und wie Schulen systematisch ihre Qualität steigern können, erläutert eine Inspektorin, Isobel McGregor, in ihrem Impulsreferat "Inspektion und Selbstevaluation in Schottland". HMIE arbeitet unabhängig vom Staat und wird aus Steuern und lokalen Abgaben finanziert. In England zahlen sogar die Schulen selbst einen Beitrag für die Inspektion. Die Inspektoren rekrutieren sich überwiegend aus Pädagoginnen und Pädagogen, zum Beispiel ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern. An den ein bis zwei Wochen dauernden Schulbesuchen nehmen neben den Inspektoren auch Schulleiter anderer Schulen und so genannte Laien teil. Ziel der Inspektionen, so Isobel McGregor, sei die "Verbesserung, nicht nur die Kontrolle" der Schulen.
 
Das grundlegende Prinzip bestehe darin, dass "Schulen Verantwortung für ihre Leistungen übernehmen". Die Schulen seien verantwortlich für die Qualität der Lehre und Erziehung und die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. "Unsere Behörde fordert die Schulen, sie fördert sie aber auch", so die Schulinspektorin. "Wir sind unsererseits verantwortlich, für eine ständige Verbesserung der Schulen zu sorgen." Der zweite Stützpfeiler des Verantwortlichkeitssystems ist die Selbstevaluation. Seit 1992 erschien mit "How good is our school?" (in deutscher Übersetzung "Wie gut ist unsere Schule?", seit 2000 auch in Deutschland sehr bekannt*) ein Leitfaden für die Schulen mit Qualitätsindikatoren, welche das Inspectorate of Education als Bedingungen für eine gute Schule ansieht. "Die Schulen wissen deshalb, worauf es unseren Inspektoren ankommt", erklärte Isobel McGregor. Evaluiert werden der Unterricht, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, die Unterstützungssysteme beim Lernen und das Curriculum. "Der Leitfaden enthält aber auch Ratschläge, wie man diese Indikatoren nutzen kann." Die Schulen gebrauchen "How good is our school?" auch zur Selbstevaluation, die laut der Schottin "kein Eigenzweck ist, sondern Verbesserungsprozesse in Gang bringen und die Arbeit aller durchdringen soll".

Neben Kontrolle auch Unterstützung nötig

In Schottland werden alle Schulen in Abständen von drei bis vier Jahren besucht. Die Ergebnisse fasst die Inspektionsbehörde in einem Leistungsprofil zusammen, das die Qualität aller Aspekte widerspiegelt. Danach kommen die Inspektoren zurück in die Schule, um die Ergebnisse zurückzumelden und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Hierzulande gibt es große Befürchtungen, dass Schulinspektionen zur Lehrerschelte genutzt würden. Isobel McGregor sieht aber die andere Seite: "Manche Kollegen hatten schon Tränen der Freude in den Augen, wenn wir ihnen gesagt haben: Du bist ein sehr guter Lehrer, dein Unterricht ist gut, und du machst hier wirklich einen guten Job!. Aber das hat doch nur einen Wert, wenn man auch kritisieren kann, wo es nicht gut läuft. Wir tun das in Form von Verbesserungsvorschlägen", erläuterte Isobel McGregor.

"Unsere Beobachtungen nutzen wir auch zur Politikberatung. Und wir fördern die Verbreitung guter Beispiele", so Isobel McGregor. Nach 15 Jahren gebe es noch sehr viel zu tun, aber 90 Prozent der Schulleitungen und Eltern haben in Befragungen bereits zu Protokoll gegeben, dass die Inspektionen halfen, die Qualität des Unterrichts und der Schule zu verbessern. Andererseits: "Die Lehrer sind nicht gerade ekstatisch, wenn wir kommen", meinte die Schulinspektorin augenzwinkernd.

Ein neueres Projekt, das von HMIE sehr gefördert wird, sind die so genannten ganztägig arbeitenden New Community Schools, in denen Kindergärten, Schulen, Einrichtungen der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung kooperieren. Ziel der New Community Schools ist es, die Sozialisierung von Menschen frühzeitig, ganzheitlich und dauerhaft zu begleiten. Dazu bündelt man die Ressourcen: Interdisziplinär zusammengesetzte Teams von Fachleuten aus den Bereichen Schulwesen, Schulsozialarbeit, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Sozialarbeit, Gesundheitswesen, der Polizei und anderen arbeiten unter aktiver Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger zusammen, um den individuellen Bedürfnissen des jeweiligen Kindes beziehungsweise Jugendlichen gerecht zu werden.

"Wir brauchen noch Zeit"

In der anschließenden Podiumsdiskussion stellte sich schnell ein Konsens heraus: Schulevaluationen sind auch in Deutschland eine sinnvolle Sache. Doch ein "aber" blieb bestehen, das Dr. Hans Döbert vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) aus Frankfurt am Main so formulierte: "Wir müssen neben der Kontrolle durch Standards, Kerncurricula und Inspektionen auch in die Unterstützung kommen." Und mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen: "Wir benötigen eine stärkere Balance zwischen Output-Kontrolle und Unterstützung der Schulen." In Deutschland gebe es beispielsweise zu wenig Weiterbildungen oder individuelles Coaching, wie es im Ausland üblich sei.

Hans-Jürgen Kuhn, der Geschäftsführer des neuen Instituts für Schulqualität in Berlin und Brandenburg, ergänzte: "Wir versuchen, Materialien anzubieten, die helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Die Inspektionen sind neben den Vergleichsarbeiten dabei nur ein Werkzeug neben anderen zur Standardsicherung. Wir wollen - genauso wie die Schotten - nicht strafen, sondern verbessern."

Hans Döbert (l.) und Lothar Sack
Dr. Hans Döbert vom DIPF (l.) und Schulleiter Lothar Sack von der GEW Berlin

Zum Schluss ging es noch um das Thema "Ranking". Hans Döbert betonte die "erfahrungsgemäß schlechten Folgen", Hans-Jürgen Kuhn hielt ein Ranking für "schwer vorstellbar", da Schulen nicht ohne weiteres zu vergleichen sind. Isobel McGregor wies darauf hin, dass Rankings nicht aus den Schulbehörden kämen, sondern von der Presse. Mieke Senftleben, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, meinte: "Ein Ranking wird aus den Ergebnissen sowieso aufgestellt werden - also ist es besser, dass wir das machen und nicht die Boulevardpresse."

Die Stimmung in den Schulen gab eine Lehrerin wieder: "Wir brauchen jede Art von Unterstützung, zum Beispiel Supervision." Hans-Jürgen Kuhn bat im Gegenzug: "Wir brauchen noch Zeit."

* Literaturhinweis
Cornelia Stern, Peter Döbrich (Hrsg.): Wie gut ist unsere Schule? Selbstevaluation mit Hilfe von Qualitätsindikatoren, International Network of Innovative School Systems. Gütersloh 2000.

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