Paris/Frankfurt (II): Sprachförderung in der Globalisierung

Hessen war vom 21. bis 23. Februar 2006 Gastgeber einer überaus gelungenen Veranstaltung zum Thema deutsch-französische Sprachförderung. Theoretischer Input, Diskussionen, interessante Besuche vor Ort verdeutlichten ein Phänomen: wie die Probleme sich gleichen, obwohl die Bildungssysteme in Frankreich und Deutschland doch höchst unterschiedliche Voraussetzungen besitzen. Das war auch ein Kernthema und leitende Frage des 3. Deutsch-Französischen Expertentreffens in Frankfurt am Main. Konkrete Lösungsmodelle könnte ein Workshop in Paris erarbeiten, der Praktiker, Wissenschaftler und Verwaltung zusammen bringen will.

Welche Wege sollte die Sprachförderung in den Zeiten der Globalisierung einschlagen und welchen Beitrag leistet eigentlich das Deutsch-Französische Expertentreffen? Viele interessante Fragen tauchten in Frankfurt auf - und es wurden auch Antworten gefunden.

Deutsche und französische Bildungsexperten beim Unterrichtsbesuch

Mit DESI wurde erstmals eine zentrale Erhebung des Sprachstandes von Schülerinnen und Schülern in Deutschland durchgeführt - an PISA, den Bildungsstandards und dem Europäischen Referenzrahmen ausgerichtet. Auch deshalb hat DESI das Potenzial, über die Landesgrenzen hinaus wirksam werden. Denn bei der Förderung der Sprachkompetenzen stehen Frankreich und Deutschland vor ähnlichen Problemen.

Sprachförderung kennt keine Grenzen

So nimmt mit den jugendlichen Migrantinnen und Migranten - oder "Les eleves nouveaux arrivants en France" (kurz: ENA), wie sie in Frankreich heißen - die Sprachenvielfalt in Deutschland und Frankreich beständig zu, was für die Sprachförderung in beiden Ländern spezifische Lösungsmodelle erfordert. Ein Spiegel dieser zwischenstaatlichen Dimension war auch die Diskussion im Anschluss an den Vortrag von Prof. Dr. Eckhard Klieme über DESI.

"Welche Schlüsse werden die Kultusminister der Länder aus dieser Studie ziehen?", fragte Petra Jung. Und: "Werden die Ergebnisse von DESI auch im europäischen Kontext eingebracht?". Hierzu Klieme: "In Deutschland kommt das eigentliche Training der Sprache zu kurz". Beispielsweise müssten Wortfelder systematischer trainiert werden. "Meine Hoffnung wäre, dass wir da vereinte Standards setzen." Darüber hinaus sei eine Mischung aus lokalen und zentralen Prüfungen sinnvoll. "Wir hoffen auch, dass mit DESI Konsequenzen für die europäischen Sprachindikatoren gezogen werden".

Die Lehrer mit Neuerungen nicht alleine lassen

Aus der Frankfurter Studie DESI kann man entnehmen, dass neue Modelle der Sprachförderung wie zum Beispiel die Entwicklung effektiverer Textlernverfahren durch individuelle Förderung notwendig sind, so Hans Konrad Koch vom BMBF. Doch wegweisende Studien wie DESI erzeugen an den Schulen vor Ort zuweilen auch Druck: "Die Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich mit solchen Ergebnissen allein gelassen, wenn man sie nicht dabei unterstützt, ihren Unterricht entsprechend anzupassen", so Margret Wendling vom Amt für Lehrerbildung in Hessen.

Die Pflege der Sprache hat in Frankreich seit jeher große Bedeutung. Doch welches Gesicht hat die Sprachförderung in Frankreich? Welche Instrumente zur Sprachförderung und zur besseren Integration der Migranten hat der Zentralstaat in Frankreich entwickelt? Zu diesem Thema hielt Catherine Klein, Schulinspektorin für die Sekundarstufe in Paris, einen interessanten Vortrag.

Da Frankreich keinen Unterschied zwischen einheimischen Kindern und ausländischen kenne, habe die Beherrschung der französischen Sprache für alle Kinder oberste Priorität. Die Förderung der Sprache werde als wichtiges Instrument zur Integration verstanden. Seit 2005 wurde das gesamte französische Schulwesen neu geordnet und zwar unter dem Motto, dass "jede Schülerin und Schüler eine eigene Förderung bekommt", so Klein. Demnach sollten pro ausländischem Schüler 300 Stunden Förderunterricht angeboten werden.

Frankreich: Die gleiche Ausbildung für alle

Rund 39 000 Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zwischen sechs bis 18 Jahren, die jedes Jahr neu in das Schulsystem aufgenommen würden, verteilten sich auf die unterschiedlichen Schulformen Grundschule (école primaire), Gesamtschule (collège) und Gymnasium (lycée) in insgesamt 30 Akademien, die eigene Lernverfahren zur Förderung der französischen Sprache entwickelten. "Rund 80 Prozent dieser Schülerinnen und Schüler kommen in besondere Fördermaßnahmen", so Klein.

Für jene Kinder mit Migrationshintergrund, die vor der Einschulung stehen, gibt es eigene Aufnahmeklassen, die "schrittweise an das Niveau einer normalen Klasse herangeführt werden". Für ältere Schülerinnen und Schüler, die in ihren Herkunftsländern keine oder keine erfolgreiche Schulbildung erworben hätten dagegen gelte: "Keiner darf das Schulsystem ohne eine Berufsausbildung verlassen." Die berufsbildenden Schulen arbeiteten für diese Zwecke eng mit der Gemeinde oder den Regionen zusammen.

Alle Lehrerinnen und Lehrer, die Aufnahmeklassen unterrichteten, müssten bestimmte Kompetenzen, wie die Vermittlung von Französisch als Fremdsprache, vorweisen können. Darüber hinaus gebe es spezifische Weiterbildungsseminare für Lehrerinnen und Lehrer: "Französisch als Fremdsprache ist nur ein erster Schritt hin zu Französisch als Schulsprache." Die Beherrschung der Schulsprache sei die Voraussetzung, um auch in den anderen Fächern den Anschluss zu bekommen. Zugewanderte Kinder und Jugendliche werden mehrere Jahre nach Ankunft in Frankreich begleitet: "Noch gibt es aber keine Auswertung zu ihrem Werdegang nach dem Verlassen der Schule", resümierte die Schulinspektorin.

Instrumente der Sprachförderung

Petra Jung fragte in der anschließenden Diskussionsrunde nach: "Wie muss man sich die Instrumente vorstellen?" Die Schulleiter in Frankreich seien gehalten, die Ergebnisse der Eingangstests einer zentralen Datenbank bekannt zu geben, und am Ende der neunten Klasse müsse dann festgestellt werden, was aus diesen Schülerinnen und Schülern geworden sei. "Wir wissen heute, dass Migrantinnen und Migranten, die mehrsprachig sind, meist ihre Erstsprache beherrschen." Ein wichtiges Instrument zur Förderung der Mehrsprachigkeit und zur Verbesserung des Sprachstandes seien Einschulungstests, die die Schreibkompetenz, aber auch das Lesen und die Sprechkompetenz überprüfen. Dies sei das Fundament für die systematische Förderung und das Training der Sprache.

Wie sieht die Sprachförderung nun im Exempel aus? Der Besuch an einem Ganztagsgymnasium und einer Ganztagsgesamtschule, also an zwei unterschiedlichen Schultypen in Frankfurt, gab darauf eine Antwort. Beispielhaft war der Unterrichtsbesuch in der Friedrich-Ebert-Schule in Frankfurt-Seckbach, der mit bald 50 Jahren ältesten Ganztagsschule in Deutschland. Ein besonderes Merkmal der Schule ist die Einbettung der Sprachförderung in das soziale Lernen: "Wir begreifen das soziale Lernen als Sprachtraining", erläuterte Schulleiterin Helga Artelt.

Soziales Lernen und Training der Sprachkompetenzen

Der einheitliche Rhythmus an der Ganztagsschule ist das soziale Lernen, das sich durch die gesamte Unterrichts- und AG-Planung zieht. "Früh übt sich" - nach diesem Prinzip werden insbesondere in den Jahrgangsstufen 5 und 6 die Grundlagen zur Sprachförderung gelegt. "Situative Bedingungen dienen dem Sprachtraining", erläutert Helga Artelt. Situativ heißt: handelnd herstellen, also Sprachtraining durch gemeinschaftsbildendes Handeln. "Wir legen großen Wert auf die Sprachbefähigung der Kinder", fügte Artelt hinzu.

Die Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler aus der Jahrgangsstufe 5 fand ihren pointierten Ausdruck am Beispiel der AG "Dichten und Malen am PC":

"Der Wolf ist ein so schönes Tier,
ihn lieben wir.
Er ist wild und sehr geschickt
und das macht ihn so schick." (Friederike Reitz, 5a)

"Der Serval
ist sehr schmal
und um die Ohren kahl
Er rennt zum Leben gern
in die Fern
auf ein andern Stern
- zum Beispiel zum Planeten Kern" (Tolga Okcu, 5a)

Sprachförderung durch Knittelverse mit selbst gemalten Illustrationen von Schülerinnen und Schülern der Klasse 5a - es waren solche kreativen Ansätze, die auf die Teilnehmergruppe der deutsch-französischen Expertengruppe einen starken Eindruck hinterließen. Oder die Besuche unterschiedlicher Klassen der Jahrgangsstufe 5, die durch aktive Teilnahme, Selbstständigkeit und selbstbewusste Offenheit den Erwachsenen gegenüber auffielen. An diesen Klassenbesuchen wurde zugleich deutlich, dass die Globalisierung längst im Schulzimmer angekommen ist, und dass die Förderung der Sprachkompetenz auf die Globalisierung vorbereitet.

Melting Pot Schule: "Über 30 Nationen"

Kinder im Klassenraum

"Wir haben über 30 Nationen an unserer Schule und wir sind stolz darauf", sagte Artelt ihren Schülerinnen und Schülern im Beisein der Gäste aus Frankreich. Eine solche Kultur der Anerkennung schafft Raum für die Einzelpersönlichkeit jedes Kindes und für die Mühen intensiven Sprachtrainings, wie es ab Klasse 5 an der  Friedrich-Ebert-Schule auf die Kinder wartet.

Für Schülerinnen und Schüler mit Sprachschwierigkeiten hat Hessen Intensivkurse bzw. Intensivklassen eingerichtet, in denen neben Deutsch auch Mathevokabular unterrichtet wird. Einen Vorteil der Schule sieht Helga Artelt darüber hinaus in der guten Ausstattung mit PC und Lernprogrammen in Deutsch oder der online gestützten Lernumgebung, die ganz Hessen nutzen könne. Vertiefte Einblicke in die Förderpraxis Hessens ermöglichten über das Beispiel Friedrich-Ebert-Schule hinaus Unterrichtsbesuche im Liebig-Gymnasium oder am nächsten Tag in einer Vorklasse der Riedhofschule bzw. in der Textorschule mit zwei bilingualen Klassen.

Ganzheitliche Sprachförderung

Und Frankreich? Welche konkreten Förderkonzepte vor Ort haben sich bewährt? Zu dieser Frage nahm Schulleiter Eric Pateyron von der École Honoré de Balzac in seinem Vortrag Stellung. Da 95 Prozent aller Kinder drei Jahre in der Ècole Maternelle verbrächten und diese dieselben Lehrerinnen und Lehrer auch in der Grundschule bekämen, erlaube das Schulsystem eine frühe Förderung der Sprach- und Lesekompetenzen. "Am Ende der zweiten Klasse soll jedes Kind lesen können", so Pateyron. Rund 160 Schülerinnen und Schüler verbringen ihre Zeit bis 18 Uhr in der Schule: "Die Hälfte bleibt neun Stunden in der Schule."

Nationale Tests am Ende der dritten Klasse geben - laut Pateyron - der Schule Auskunft über die Stärken und Schwächen aller Kinder dieses Jahrgangs. Wichtig sei aber auch die Beziehung zu den Familien, die die Schule zwecks Sprachförderung aufbaue. Dazu gehören das Lesen zu Hause bzw. Leseabende oder Flohmärkte in der Schule. Pateyron fügte hinzu: "In unseren Schulen müssen wir ganzheitlich denken: an das Kind, nicht nur an den Schüler, an die Kinderzeit, nicht nur an die Schulzeit, an die gesamte Schullaufbahn, nicht nur an das einzelne Schuljahr. Die Arbeit mit Lehrerinnen und Lehrern, aber auch mit Partnern ist notwendig." Pateyron erinnerte daran, dass die Vorschule in Frankreich maßgeblich zum Schulerfolg beitrage, da er die Kinder an das Lesen und Schreiben heranführe und die Sprachförderung an den Grundschulen dauerhaft erleichtere.

Rheinland-Pfalz: "Von Frankreich gelernt"

Es gab viel Diskussionsbedarf. So sah Elisabeth Fröchen vom französischen Erziehungsministerium in der Beherrschung der Sprache den ersten Schritt zur Gleichheit. Heinz-Willi Räpple vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium machte auf das neue Gesetz aufmerksam, das die frühkindliche Förderung des Spracherwerbs ermögliche. Ab dem zweiten Lebensjahr könnten die Kinder in Rheinland-Pfalz in den Kindergarten: "Wir haben von Frankreich gelernt." Im Rahmen des Ganztagsprogramms des Landes würden Leseecken eingeführt und auch etwas für die Förderung der Muttersprache getan

Hans Konrad Koch und Wolf Schwarz

Petra Jung vom BMBF ergänzte, dass Sprachförderung in allen Schulformen notwendig sei und dass neben Hessen und Rheinland-Pfalz auch andere Länder in die deutsch-französischen Expertentreffen einbezogen werden könnten. Wolf Schwarz vom Hessischen Kultusministerium betonte die viel längeren Erfahrungen mit der Sprachförderung in Frankreich, die bereits in der Kita bzw. der école maternelle beginne, während in Deutschland lediglich 30 bis 40 Prozent der Kinder die Kita besuchten. Mit den Vorlaufkursen gebe es eine viel kürzere Zeit für Integration. "Wie kommt es aber, dass wir dennoch die gleichen Probleme haben?"

Vergleichbare Probleme in Deutschland und Frankreich sah auch Hans Konrad Koch. In Deutschland seien die schulischen Anforderungen weniger hoch und der Anteil der Abiturienten sei deutlich geringer. "Bis zum Hauptschulabschluss müssen mehr Fähigkeiten vermittelt werden." Bildung sei die Antwort auf die soziale Frage. Auf die Notwendigkeit spezieller Programme für Migranten machte Räpple aufmerksam, denn diese bräuchten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Pariser Perspektiven?

Sollte es weitere deutsch-französische Expertentreffen geben? Diese Frage tauchte am Ende der zweieinhalbtägigen Veranstaltung auf. Elisabeth Fröchen plädierte dafür, Praktiker und Wissenschaftler stärker zusammenzubringen. Der nächste Schritt, so Wolf Schwarz, sollte ein Workshop zu einer gemeinsamen Fragestellung sein, der zu ganz konkreten Ergebnissen führen müsste, "damit der Fortschritt weitergetrieben wird". Für Petra Gruner könnte darüber hinaus die Praxis sozialer Anerkennung genauso Thema sein wie die Sprachdidaktik.

Zum Abschluss der Veranstaltung schlug Hans Konrad Koch vor, beim nächsten Treffen einen Schritt weiter zu gehen und drei Akteursgruppen einzuladen: Praxis, Verwaltung und Wissenschaft sollten gemeinsame Lösungsmodelle diskutieren. Bis Mitte März werden nun Vorschläge erarbeitet. So endete ein intensiver deutsch-französischer Austausch mit der Perspektive, dass beide Seiten dem Protagonisten Sprachförderung konkrete Lösungsmodelle abringen wollen.

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