"Amaro Kher" und das Prinzip Hoffnung

"Amaro Kher", was in der Sprache der Roma so viel bedeutet wie "Unser Haus", erwies sich als eine zentrale Station auf der zehntägigen Deutschlandreise des UN-Gesandten für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz Villalobos. Das Kölner Projekt zur Integration und Förderung der Kinder von Roma und Sinti, das im Juli 2004 initiiert wurde, hinterließ am 18. Februar 2006 einen nachhaltigen Eindruck - Muñoz plädierte engagiert für die Institutionalisierung dieses "vorbildlichen" Pilotprojektes.

Kinder im Schulgebäude "Amaro Kher"

Einsam ragt der 266 Meter hohe "Colonius" rund hundert Meter hinter dem Eingangsbereich von "Amaro Kher" an einem grauen, regnerischen Tag in den Himmel. Der imposante, im Kölner Westen gelegene Fernmeldeturm, scheint die Großstadt mit der Welt zu verbinden. Vor dem Eingang des Schul- und Kulturzentrums "Amaro Kher" haben sich Pfützen gebildet, in denen Spielgerät zurückgelassen wurde: ein Dreirad und ein Bobbycar.

Plötzlicher Stimmungswechsel im Schulgebäude, wo ausgelassene Geräusche und Stimmen zu vernehmen sind, die von Kindern stammen. Man hört den ruhigen Takt von Schritten, die sich auf die Turnhalle zu bewegen. Dort spielen Jungen scheinbar selbstvergessen mit einem Ball. Als dieser plötzlich mitten in die Besuchergruppe fällt, springt der Funken der Spontanität von den Kindern auch auf die Delegation aus Costa Rica über.

Annäherungen an "Amaro Kher"

Mit dem Ball machen die Kinder auf sich aufmerksam, er ist ein Angebot für unmittelbarere Verstädnigung. Vernor Muñoz Villalobos blickt spontan zu den spielenden Kindern, lächelnd. Meist wirkt der 45-jährige Professor der Rechtswissenschaften, der aus Costa Rica kommt und 2004 zum Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung ernannt wurde, ernst und konzentriert.

Von den zahlreichen, provisorisch anmutenden Funktionsräumen schauen sich Muñoz und seine Delegation vor allem die pädagogisch relevanten Räume und die Betreuungseinrichtungen genauer an. Mit dabei ist Renate Graffmann, Pfarrerin und Vorsitzende des Rom e.V., die den UN-Sonderbeauftragten aufmerksam begleitet und mit sachlichen Informationen über die pädagogischen Ziele und Gestaltungsspielräume der jungen Einrichtung unterstützt.

Das Schul- und Kulturzentrum "Amaro Kher" ist ein bis Mitte 2007 befristetes Pilotprojekt, das sowohl die Betreuung durch das Lehrpersonal wie auch andere Aktivitäten überwiegend auf eigene Kosten unterhält. "Amaro Kher soll ein Kultur- und Gemeindezentrum für die Romafamilien in Köln werden, in denen sie ihre Traditionen pflegen, Familien- und Kulturfeste feiern und sich weiterbilden können. Es soll zum ersten Mal ein Zentrum für die relativ große Zahl von Sinti und Roma mitten in der Stadt entstehen, die bisher abgeschoben am Rand der Stadt lebten", so heißt es in einer 10-Punkte-Erklärung des Rom e. V. Köln.

Auf Anhieb fällt die Herzlichkeit der Gastgeber gegenüber den Kindern auf. Überall helfende Hände, man fühlt sich geborgen, wie in einer Großfamilie. Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen nimmt sich viel Zeit für den Besuch bei "Amaro Kher" - nicht nur für die Begehung des Gebäudes, sondern auch für die Gespräche mit allen Beteiligten.

Ein Diplomat für das Menschenrecht auf Bildung

Die Deutschlandreise des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen hatte zum Ziel, in einer Reihe von Gesprächen mit Regierungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Akteuren der Zivilgesellschaft die Realisierung des Menschenrechts auf Bildung unter den Aspekten von Chancengleichheit und Nicht-Diskrimierung, insbesondere gegenüber Migranten und behinderten Personen zu erkunden. Da Muñoz sich ein umfassendes Bild über die Bildungssituation machen wollte, waren Besuche verschiedener Länder sowie von Städten in West- und Ostdeutschland einschließlich Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern geplant.

"Der Sonderberichterstatter will konstruktiv und unterstützend tätig werden, um zu Lösungen zu gelangen, die die Umsetzung des Rechtes auf Bildung zum Ziel haben, und er möchte praktische politische Empfehlungen entwickeln", heißt es in einem Aide-Memoire des Büros des UN-Hochkommissars für Menschenrechte vom 16. November 2005.

"Kinder vom äußersten Rand der Gesellschaft"

Vernor Muñoz' Auftreten und sein Vorgehen zeichneten sich durch vornehme Zurückhaltung, diplomatische Neutralität und hohe Systematik aus. Nach dem Rundgang durch das Schul- und Kulturzentrum "Amaro Kher" nimmt er sich abermals Zeit. Beispielsweise für die offizielle Begrüßung durch die Vorsitzende des Rom e.V. und Pfarrerin a.D. Renate Graffmann: "Dass Sie nach Köln kommen, ist eine große Ermutigung für uns. Wir haben es hier mit Kindern zu tun, die am äußersten Rand der Gesellschaft leben".

Damals, vor 20 Jahren, als 500 verelendende Roma nach Köln gekommen sind, habe es noch eine große Hilfsbereitschaft gegeben. Viele haben Bleiberecht bekommen. Doch nach dem Kosovokrieg 1999 haben sich - laut Graffmann - die Vorzeichen verändert: "Wir haben es mit Kriegsflüchtlingen zu tun." Die Situation beschreibt sie als momentan nicht sehr ausländerfreundlich, doch das sei auch ein europäisches Problem. "Unser Fernziel ist, dass die Europäische Union auch diesen Minderheiten eine bessere Rechtsposition verschafft."

Muñoz erhebt sich vom Tisch, der - reichhaltig gedeckt mit Kaffee, Kuchen und Obst - zu einer wirklichen Begegnungsstätte der Vielfalt wurde. Versammelt sind die offiziellen Repräsentanten der Bezirksregierung Köln, des Dezernats Bildung der Stadt Köln, des Schulamtes Köln, des Integrationsministeriums NRW, der Aktion "Wir helfen" und natürlich des Vereins Rom e.V. Muñoz hält seine Begrüßungsrede: "Mein Dank geht an alle, die mir helfen, die Realität des deutschen Bildungssystems zu verstehen." Die Botschaft der Vereinten Nationen laute, dass Bildung ein Menschenrecht sei, das niemand verweigert werden dürfe.

"Botschaft der Liebe und des Respekts"

Der UN-Sonderbotschafter fährt fort: "Wir wissen, dass das Recht auf Bildung nicht verwirklicht werden kann, wenn das Recht auf Arbeit und auf das Haus nicht verwirklicht werden kann." Auch das Recht auf Asyl sei im Zusammenhang mit der Bildung von grundlegender Bedeutung. Auf seiner Deutschlandreise wolle er so viele Informationen wie möglich sammeln, um am Ende seines Besuches die Verwirklichung des Rechtes auf Bildung einzuschätzen. Die Lage der Roma in Deutschland sei für ihn von großer Bedeutung: "Ich möchte an diesem Ort eine Botschaft der Solidarität, der Liebe und des Respekts aussprechen, für das, was Sie hier machen", so Muñoz zum Schluss seiner Ansprache.

Beate Burakowska, Sozialpädagogin bei "Amaro Kher", sprach für die Roma und Sinti: "Wenn man nach Deutschland kommt, erwartet man Respekt. Leider sieht die Realität anders aus. Wir leiden sehr unter der Diskriminierung, ob in Deutschland oder Europa." Vor diesem Hintergrund sei der Besuch des Sonderbeauftragten der UN "sehr wichtig und ermutigend". Burakowska zeigte sich davon überzeugt, dass Bildung und Betreuungsangebote wie die bei "Amaro Kher" eine echte "Chance für Integration" darstellen.

"Ohne Schule kein gutes Leben und Denken"

Ein Roma-Schicksal bekam mit Mujic Zajko, 40 Jahre, und Vater von sechs Kindern sein unverwechselbares Gesicht: "Ich bin als reicher Mann 1991 aus Bosnien nach Deutschland geflüchtet. Nun lebe ich seit 15 Jahren in Köln und  habe immer noch keine Papiere. Jeden Tag kann ich mit meiner Familie abgeschoben werden", sagt der Familienvater. "Ich bin krank, habe vor kurzem einen Schlaganfall erlitten." Schlafen könne er kaum noch.

Alle drei Monate muss Zajko aufs Amt, um abermalig die Duldung für sich und seine Familie zu erlangen. "Ohne Schule kein gutes Leben und Denken", ist sich Zajkos sicher. Welchen zentralen Stellenwert für ihn die Bildung für seiner Kinder hat, unterstreicht ein dicker Ordner voller Zeugnisse, den er auf den Tisch legt. Dort konzentriert sich die mühsame Ernte einer langjährigen Schullaufbahn seiner Kinder. 

Im Kölner Raum leben laut der 10-Punkte-Erklärung des Rom e.V. Köln rund 7000 Sinti und Roma, davon 1500 deutsche Roma und 1500 deutsche Sinti. Rund 1800 Kinder unter 18 Jahren stammen aus Familien, die in Deutschland lediglich geduldet seien. Die Schulpflicht für solche Kinder ist erst zum Schuljahr 2005/06 eingeführt worden. Trotz Schulpflicht besuchen viele Kinder bis heute keine Schule und "Eltern, die - weil sie nur geduldet - von Abschiebung bedroht sind, sehen keine Perspektiven für ihre Kinder in einer deutschen Schule." Nicht zuletzt die städtischen Sozialarbeiter finden oft keinen Zugang zu den Familien.

Ein vorbildliches Projekt

Gerade vor diesem Hintergrund erweist sich das Projekt "Amaro Kher", das die Kinder der Roma und Sinti an Regelschulen heranführen will, auch für Muñoz als eine der wichtigsten Stationen seines Besuches. Muñoz weiß, dass er ein Symbol der Hoffnung für die Roma und Sinti ist. Auch deshalb möchte er Mut machen für das Fortbestehen von "Amaro Kher".

Im Augenblick arbeiten 25 Mitarbeiter in dem Kölner Schulzentrum, davon fünf Festangestellte und viele Ehrenamtliche. Das Land NRW finanziert zwei Lehrerstellen sowie die Leiterstelle, Miete und Betriebskosten. Rund 25 Kinder von Roma und Sinti zwischen sechs und 14 Jahren werden jahrgangsübergreifend unterrichtet und betreut.

Frühförderung, Logopädie, ärztliche Betreuung sowie Eltern- und Familienarbeit gehören zum festen Bestandteil des pädagogischen Konzeptes von "Amaro Kher". Darüber hinaus leistet zielgruppenorientierte Kulturarbeit "einen Beitrag zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Eigeninitiative", wie aus der 10-Punkte-Erklärung zu entnehmen ist. Doch die unsichere Finanzierungsgrundlage und Lehrerzuweisung seitens der Stadt, des Landes und des Bundes bedrohen auch den Fortbestand des Pilotprojektes.

Vernor Muñoz hält gegenüber den offiziellen Repräsentanten und der Presse fest: "Das Projekt ist vorbildlich für den Versuch wenigstens einigen Kindern aus der extrem unterprivilegierten Gruppe der Roma eine Chance auf Bildung zu eröffnen". Es müsse unbedingt auf Dauer institutionalisiert werden.

Von Dialog und Perspektivwechsel

Über drei Stunden verbringt Vernor Muñoz Villalobos im Schulzentrum "Amaro Kher". Kinder, Erwachsene, Offizielle - an diesem Samstagnachmittag erfahren sie alle Respekt seitens der Besucher und des Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf Bildung. Der UN-Sonderbotschafter bittet zunächst die Kinder und Eltern zu einem jeweils 40 Minuten langen Gespräch. Dann die Pädagogen und Betreuer der Einrichtung. Schließlich die offiziellen Repräsentanten.

Auch diese intensiven Gespräche, die umrahmt blieben vom lebendigen Rhythmus des Schulzentrums "Amaro Kher", mitsamt seinen spielenden Kindern, dem Gemurmel von Frauenstimmen aus der Küche, der gedämpft eingestellten hispanischen Musik aus dem Radio, oder dem einsamen "Colonius": sie werden wohl in seinen Bericht an den Hohen Kommissar für Menschenrechte in Genf mit einfließen.

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