Niederlande: Schule als Magnet im Stadtteil

Brede School, Vensterscholen, Forumschule, Art Magnet Schools, Community Centers - in den Niederlanden bemühen sich unterschiedliche Schultypen, ihre Einrichtungen in Bürgerzentren umzuwandeln, Kunst und Kulturprojekte, Freizeitprogramme und die Jugendhilfe unter einem Dach zu versammeln.

Schullogo Brede School

Brede School, Vensterscholen, Forum School, Art Magnet Schools, Community Centers - "es gibt in den Niederlanden verschiedene Namen für die Ganztagsschule", erklärt Gerard van de Burgwal. Das Wort "lokale Bildungslandschaft" scheinen unsere westlichen Nachbarn besonders wörtlich zu nehmen, denn Großstädte wie Amsterdam, Utrecht oder Rotterdam versuchen nicht nur, Bildungsbündnisse verschiedener Institutionen zu schmieden, sondern sie haben dazu sogar ihre eigenen Schultypen organisiert.

Auf dem Berliner Ganztagsschulkongress am 21. September 2007 stellte van de Burgwal im Rahmen der Vortragsreihe dem Auditorium diese unterschiedlichen Schulen vor. Der Niederländer ist Teamleiter für Jugendpolitik bei "OOG Onderwijs en jeugd" in Amsterdam, die die lokalen Behörden in den Bereichen Bildung, Wohlbefinden, kulturelle Bildung, Jugendfürsorge und damit verbundenen Themen unterstützt. Van de Burgwal war maßgeblich am Ausbau der neuen Brede School beteiligt und hat auch das Konzept der Community School und der Art Magnet School in Amsterdam eingeführt. Einen besseren Experten konnten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer also nicht wünschen.

In den Niederlanden haben die Schulen in den neunziger Jahren begonnen, sich in die Viertel hinein zu öffnen und besonders Kooperationen mit kulturellen Organisationen einzugehen. Eine Variante dieser Bewegung ist die Brede School, die vor zwölf Jahren in Rotterdam eingeführt wurde und laut van de Burgwal Einflüsse aus den Vereinigten Staaten und Schweden aufnahm.

Brede School: Alles unter einem Dach

Die Brede School - man kann dies als "breit gefächerte Schule" übersetzen - vereinigt verschiedene Institutionen wie Grundschulen, Kindertagesstätten, außerschulische Betreuungseinrichtungen, Spielgruppen und andere soziale Dienste unter einem Dach. Da die verschiedenen Anbieter zusammenarbeiten, ihre Arbeitsweise und Öffnungszeiten aufeinander abstimmen, können Eltern Familie und Beruf besser miteinander verbinden und erhalten bei allen auftauchenden Fragen und Problemen größtmögliche Unterstützung. Die Verantwortung für die Brede School liegt in der Kommune, ebenso wie die Finanzierung. "Von der Regierung gibt es für die Brede Schools kein Geld", erläutert van de Burgwal.

Gerard van de Burgwal

Hinter dem Konzept der Brede School, die nicht notwendigerweise als Ganztagsschule konzipiert sein muss, stehen die gleichen Ideen, wie sie in Deutschland zum Thema der "lokalen Bildungslandschaften" diskutiert werden: Das Kind soll im Zentrum stehen - und um ihm besser gerecht zu werden, sollen alle Partner, die sein Aufwachsen und Wohlergehen als ihre Aufgabe verstehen, eingebunden werden. Die Schulen benötigen hier Unterstützung. Diese erhält sie zum Beispiel durch soziale Hilfsdienste, die Vorschule und Freizeiteinrichtungen und auch durch die Mitarbeit der Eltern. Bei der Brede School ist "das Schulgebäude kein Schulgebäude mehr", so van de Burgwal.

Die Nachmittagsangebote an der Brede School können auch außerhalb des eigentlichen Gebäudes in einer Einrichtung im Stadtviertel stattfinden. Ein zusätzlicher Mitarbeiter betreut die Kinder zwischen 11.30 und 17.30 Uhr und begleitet sie zu diesen Angeboten außerhalb der Schule. Der Transport dorthin und zurück ist somit immer gewährleistet.

Aber auch zwölf Jahren Erfahrung mit der Brede School gibt es noch immer Schwierigkeiten: Einige Schulen - die "für das 19. Jahrhundert gebaut wurden", wie es van de Burgwal ausdrückte - verfügen unter anderem über keine Mensa. Der "professionelle Tunnelblick" erschwere manchmal die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen, für außerschulische Professionelle gebe es noch kein zentrales pädagogisches Fortbildungsprogramm und es fehle an Geld.

Dennoch wird der Weg weiter beschritten, die Brede Schools zu Zentren für Jugend und Familie auszubauen. Ab 2011 sollen Grund- und Sonderschulen zusammengelegt werden, ebenso ist beabsichtigt, ab 2011 Kindergärten und Vorschulen zu verschmelzen. Laut van de Burgwal will sich nun auch die niederländische Regierung finanziell engagieren, denn neuerdings bestehe ein parteiübergreifendes Interesse an diesem Thema.

Community Centers: "Koalition der Profis"

In Utrecht heißt die Variante der Brede School Forum School. Seit 1998 werden hier Kinder im Alter von null bis zwölf Jahren betreut. Der Unterricht für die Schülerinnen und Schüler ist mit Kultur, Sport und Sozialeinrichtungen verknüpft.

In Amsterdam sind indes die so genannten Community Centers entstanden: Schulen öffnen ihre Türen, um zu pädagogischen Zentren für Erziehung, Sozialarbeit und Fürsorge zu werden. Unterricht, Betreuung, Sozialarbeit, Freizeit, Gesundheit, Polizei und Sport bilden ein Netzwerk, das zentral von der Schule organisiert wird. Für die Familien sollen kurze Wege zwischen verschiedenen Organisationen entstehen. Eine "Koalition einflussreicher Professionen und Personen", wie es van de Burgwal ausdrückt, soll sicherstellen, dass ein passgenaues Bildungs- und Betreuungsangebot angeboten wird. Für die Community Centers sind eigens Neubauten errichtet worden.

Die Stadt Groningen hat ebenfalls zehn Neubauten errichtet. In ihnen sollen in einem auf zehn Jahre angelegten Programm die Vensterscholen Vorbildcharakter erlangen, indem dort Schulleitung, Eltern und kommunale Einrichtungen eng zusammenarbeiten. Die Vensterschool soll mehr als eine Schule sein, sondern sich zum pulsierenden Herz eines Stadtteils entwickeln. Sie ist nicht nur für Kinder und Jugendliche von null bis 15 Jahren da, sondern bezieht auch Eltern und Bewohner des Stadtteils ein. Erziehungsberatung, Erwachsenenbildung, Mütterberatungsstelle, Musikschule, Bibliothek, Sportvereine und Kindertagesstätten machen ihre Angebote in der Schule. Da die Angebote in jedem Stadtteil anders sind, ist auch jede Vensterschool einzigartig.

Zahl der Ganztagsschulen soll deutlich gesteigert werden

In Rotterdam bieten Schulen das Projekt "Sechs Stunden mehr Lernzeit" an. Hier haben Schulen an zwei bis drei Tagen in der Woche von acht bis 17 Uhr geöffnet. Die Teilnahme am Angebot ist für die Schülerinnen und Schüler verbindlich. Nachhilfe und Mittagessen gehören zum festen Programm. Geboten wird ein Tagesprogramm, das den Biorhythmus der Kinder berücksichtigt und Bildung, Bewegung, Kreativität und Entspannung im Wechsel anbietet. Dazu arbeiten Partnerorganisationen fest zusammen. Die Lernangebote finden auch außerhalb des Schulgeländes statt, so dass auch hier ein Bezug zur Lebensumwelt gewährleistet wird.

Überdies gibt es in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam die Art Magnet Schools, eine Schulform, die aus den Vereinigten Staaten stammt. Art Magnet Schools bieten ein spezifisches Curriculum an: Die Hauptfächer werden durch Tanz, Theater, Musik und bildende Künste ergänzt.

Derzeit gibt es in den Niederlanden rund 650 Grundschulen und 300 Sekundarschulen, die ganztägig organisiert sind. Diese Zahl soll bis 2010 deutlich gesteigert werden: Dann sollen 1.000 Grundschulen und 500 Sekundarschulen ganztägig arbeiten.

Noch gibt es keine Studien, die aussagen können, ob diese neuen Lernorganisationen ihre Ziele erreichen. Aber unabhängig davon, wie genau diese Ganztagsschulen nun organisiert sind, ist für Gerard van de Burgwal entscheidend, dass es zum Erfolg dieser Schulen einer "gezielten Zusammenarbeit der Professionen mit langfristigen Absprachen und mit klar verteilten Kompetenzen" bedarf. "Es muss eine gemeinsame Auffassung über die Arbeit bestehen, und der Bedarf muss sich am Viertel orientieren", meint der Teamleiter für Jugendpolitik. "Das ist eine neue professionelle Herausforderung, die vor allem neue Räume benötigt."

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