Naturwissenschaften für Fortgeschrittene

Für Winfried Sturm, Lehrer des Jahres 2004, ist es Zeit zu handeln, denn in der technisierten Welt verlieren nicht nur die Schülerinnen und Schüler zunehmend die Orientierung und den Anschluss. Nur außergewöhnliches Engagement auch außerhalb der Schulen ermöglicht eine intensive Förderung im Bereich der Naturwissenschaften. Dieses sowie eine bessere technische und räumliche Ausstattung für Projektarbeit können die Ganztagsschulen laut Sturm besser gewährleisten.

Porträtfoto Winfried Sturm

Online-Redaktion: Sie haben einen Seismographen und andere High-Tech-Innovationen an der High-Tech-Tüftlerschmiede-AG (HAG AG) entwickelt. Reicht dafür die Zeit an Ihrem Halbtagsgymnasium?

Sturm: Die Entwicklung des Seismographen brauchte drei Jahre. Am Gymnasium haben wir nur einmal in der Woche eine AG-Doppelstunde, und natürlich hat diese Zeit nicht ausgereicht. Deswegen haben wir uns für zusätzliche Arbeiten privat getroffen. Vielleicht hätten wir an einer Ganztagsschule mehr Zeit gehabt, aber ich glaube, sie hätte trotzdem nicht ausgereicht, denn viele Arbeiten für Entwicklung und Konstruktion wären auch dort in die Freizeit gefallen.

Online-Redaktion: Welche Vorteile bieten die Ganztagsschulen im Unterschied zu den Ihnen vertrauten Halbtagseinrichtungen?

Sturm: Aus meiner eigenen Schulzeit als Lehrer habe ich keine Erfahrungen. Allerdings habe ich Ganztagsschulen bis zu meinem 13. Lebensjahr 1958 in der ehemaligen DDR erlebt, obwohl sie damals nicht so hießen. Wir waren den ganzen Tag betreut - da war von morgens bis spätnachmittags Schule - und haben nachmittags viel machen können, was in einer normalen Schule so nicht möglich ist. Ich möchte jetzt aber nicht behaupten, dass das Schulsystem in der ehemaligen DDR unbedingt das richtige war. Ich bin aber der Meinung, dass Ganztagsschulen, die aber nicht unbedingt flächendeckend eingerichtet werden müssten, eine sinnvolle Ergänzung zum bisherigen Schulsystem mit seinen Halbtagsschulen darstellen, um bestimmte Dinge in Bewegung zu setzen.

Online-Redaktion: Sie würden also Ganztagsangebote an Ihrer Schule unterstützen?

Sturm: Wir haben jetzt schon relativ häufig Unterricht am Nachmittag und sind auf dem Weg, eine Schule mit Ganztagsangebot zu werden. Wir waren auch eine der ersten Schulen, die sich nicht um eine Förderung bewerben mussten, da man es uns einfach ans Herz gelegt und dazu die notwendige Cafeteria mitfinanziert hat. Ob sich das alles in die richtige Richtung entwickeln wird, wie man sich Ganztagsschulen vorstellt, bleibt abzuwarten. Es kann positiv, eventuell aber auch von negativen Effekten begleitet sein, zum Beispiel, wenn die Schülerinnen und Schüler länger in der Schule verweilen müssen, als ihnen lieb ist, und ihr Freizeitangebot drastisch einschränken müssen.

Online-Redaktion: Lehrerinnen und Lehrer beklagen sich häufig über zu große Klassen als das eigentliche Problem an Schulen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Sturm: Ich habe 31 Jahre Praxiserfahrung im Schulbetrieb und früher Klassen mit über 40 Schülerinnen und Schülern unterrichtet. Heutzutage haben wir Klassengrößen um 30 Schülerinnen und Schüler. Da sich die Kinder und Jugendlichen mit der Gesellschaft negativ verändert haben, sind Klassengrößen von bis zu 30 wesentlich schwerer zu handhaben als früher. Auch ich habe meine Probleme mit großen Klassen, würde viel lieber mit kleineren Klassen arbeiten und könnte den Unterricht dann auch wesentlich effektiver gestalten. Dies stellt ein großes Problem dar, und daher plädiere ich unbedingt für kleinere Klassen!

Online-Redaktion: Wie wählen Sie die Schülerinnen und Schüler aus, die in der HAG praktisch alle Preise abräumen, die es bundesweit zu gewinnen gibt?

Sturm:  Eine meiner Grundvoraussetzungen ist, keine Elite auszusortieren, sondern Schülerinnen und Schüler mit besonderem Interesse und Zielstrebigkeit zu fördern. Also solche, die an einem Problem dranbleiben und Lust haben, eine Lösung zu finden, auch wenn sie Tiefschläge und Rückschritte erleiden. Die Ausdauer ist ein ganz wichtiges Kriterium für mich. In einer dreimonatigen Probezeit zeigt sich dann, ob sie sich mit diesen wichtigen Tugenden anfreunden können und ob sie Teamgeist besitzen. Ganz wichtige Voraussetzungen sind dabei: Teamfähigkeit und Ausdauer. Und das Andere, der Erfolg, stellt sich dann automatisch ein.

Online-Redaktion: Sie wählen also nicht selbstverständlich die Klassenbesten, die Klügsten aus?

Sturm: Die Hardware AG hat seit 22 Jahren einen sehr großen Zulauf. Deshalb gibt es Wartelisten, und die HAG-Interessenten müssen sich zunächst schriftlich bewerben. Dann führe ich mit ihnen ein Bewerbungsgespräch, wobei ganz deutlich auf Folgendes hingewiesen wird: Ich erhoffe eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern und gebe den Schülerinnen und Schülern zu bedenken, dass ihre Freizeit durch diese Aktivitäten mitunter stark eingeschränkt wird. Wenn sie zu diesen Bedingungen einsteigen, sind sie in der HAG-High-Tech-Tüftlerschmiede richtig und herzlich willkommen.

Online-Redaktion: Wie sieht eine vernünftige technische Ausstattung an den Schulen aus, um neben gutem Projektunterricht Schülerfirmen aufbauen und technische Innovationen durchführen zu können? Kann das Investitionsprogramm des Bundes, das ja auch die Infrastruktur finanziert, naturwissenschaftliche Projekte wirkungsvoll unterstützen?

Sturm: Mit den komplexen Entwicklungen in der HAG-High-Tech-Tüftlerschmiede habe ich natürlich in der heutigen Schulform ein Problem. Dort kann ich zwar theoretischen Unterricht und gewisse praktische Dinge wie zum Beispiel Schaltungen entwerfen, Löten und Bestücken behandeln. Aber wenn es um komplizierte Dinge geht, wie beispielsweise das Entwickeln von Mikrochips, worin wir ja dreimal in Folge Bundessieger geworden sind, dann geht dies in der Schule nicht mehr. Deshalb habe ich einen Teil meines Hauses - eine Einliegerwohnung - zur Verfügung gestellt, in der die Schülerinnen und Schüler ihre Tüfteleien auch mal liegen lassen können. Wenn wir also abends nicht fertig geworden sind, müssen wir nicht wie in der Schule alles auf- und wegräumen.

Wir haben in meinem Haus viel mehr Möglichkeiten - zum Beispiel durch vernetzte Computersysteme, einen DSL-Internetzugang, CNC-Dreh- und Fräsmaschinen. Wenn in der Schule einmal solche idealen Voraussetzungen geschaffen werden könnten, wäre es in Zukunft auch möglich, Schülerforschungslabor-Teams zu gründen und all das auch an der Schule zu machen. Das würde ich mir wünschen. Denn viele Lehrerinnen und Lehrer sagen, warum soll ich dafür mein Zuhause zur Verfügung stellen?

Online-Redaktion: Es hängt also nicht nur am Geld?

Sturm: Nein, sondern in großem Maße auch am persönlichen Engagement, welches aber vom bestehenden Bildungssystem nicht entsprechend honoriert und anerkannt wird, wodurch derartige wichtige Motivationsquellen oft schon recht bald zum Versiegen gebracht werden. Besonderes persönliches Engagement und Einsatz müssen eine adäquate Leistungsanerkennung erfahren, um die bestehenden, gravierenden Motivationsbremsen in den verkrusteten, föderalistischen Beamten- und Bildungsstrukturen zu beseitigen.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag leisten Förderprogramme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung konkret für Projekte, in der Art, wie Sie sie anbieten?

Sturm: Einen wichtigen: Ich kenne ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschriebenes Förderprogramm, das so genannte INSTI-Modell, in dessen Rahmen auch wir gefördert werden. Das ist eine ganz tolle Sache, denn auf dieser Grundlage profitieren zahlreiche INSTI-Erfinderclubs in ganz Deutschland. Dieses Förderprogramm kommt natürlich diesen Clubs, die unter gewissen Voraussetzungen aufgenommen werden, zu Gute. Diese Förderung des Bundesministeriums ist sehr wichtig und sollte keinesfalls zurückgefahren werden.

Meiner Meinung nach ist die derzeitige Bildung noch viel zu schwammig. Daher ist es mein Wunsch, eine Schulbildung anzustreben, die einen Überbau hat, wo es gemeinsame Richtlinien gibt und die Bildungsmarschroute nicht durch das föderalistische Gerangel um parteipolitische Zwänge bestimmt wird.

Online-Redaktion: Welche Kompetenzen beziehungsweise welche naturwissenschaftliche Bildung müssen Schülerinnen und Schüler heutzutage erwerben, um mit den Anforderungen von Universität und Arbeitswelt Schritt zu halten?

Sturm: Die HAG geht jedes Jahr in zahlreiche Betriebe. Es werden auch Kooperationen mit Universitäten und Unternehmen gepflegt, wir sind bundesweit als "Eye Catcher" und Präsentatoren auf Messen und Ausstellungen unterwegs und stehen in engem Kontakt mit Industriechefs und den Präsidenten des BDI und BDA wie Dieter Hundt oder Michael Rogowski. Dabei erfahren wir unmittelbar, was Unternehmen und Universitäten von unseren Schülerinnen und Schülern erwarten.

In diesem Zusammenhang habe ich festgestellt, dass es weniger darauf ankommt, was die Schülerinnen und Schüler an Sachwissen beherrschen, sondern sie müssen zum Wissenstransfer fähig sein. Ebenso sollten sie teamfähig sein und Zusatzkompetenzen erwerben, die sie in der Regel in der normalen Schulausbildung so nicht erhalten. Neben der üblichen Schulausbildung erwarten Unternehmen und Universitäten viel mehr an derartigen Zusatzkompetenzen. Diesen Anforderungen können die Schulen momentan nicht gerecht werden. Gerade deshalb werden die HAG-Schülerinnen und Schüler, wenn sie das Abitur gemacht haben, von Unternehmen hofiert.

Online-Redaktion: Und welche Bedeutung spielt die naturwissenschaftliche Bildung im Sinne einer übergreifenden Fähigkeit, sich mit der Welt auseinander zu setzen?

Sturm: Das ist natürlich ein Stiefkind der bisherigen Gesellschaft gewesen. Die Naturwissenschaften wurden so ein bisschen von oben herab behandelt. Auch wenn ich daran denke, dass Prominente in dem Medien gerne mit Sätzen wie "Ach, ich hatte früher in Mathe und Physik auch schlechte Noten" kokettieren.

Durch die besonderen Anforderungen der High-Technologie ändert sich das nun. Wenn wir an unsere Ausbildung oder Wirtschaft denken, gewinnen wir nur mit entsprechend ausgebildeten Schülerinnen und Schüler. Und die Naturwissenschaft, so wie sie heute erforderlich ist, setzt natürlich ganz andere Voraussetzungen sowohl bei den Eltern, als auch bei der Gesellschaft voraus. Man sollte den Naturwissenschaften mehr Beachtung schenken und auch deren Wichtigkeit erkennen. Das ist Deutschlands Zukunft, und die sollten wir nutzen und uns nicht verbauen.

Online-Redaktion: Inwiefern ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler naturwissenschaftliches Grundwissen vermittelt bekommen, das es ihnen ermöglicht, im Kontext des Humboldtschen Bildungsbegriffs die Welt besser zu verstehen?

Sturm: Die Welt ist so kompliziert geworden, dass der durchschnittliche, an den Naturwissenschaften nicht interessierte Mensch nur sehr schwer den Zugang zu ihr findet. Ich finde aber, dass ein gewisses Grundwissen notwendig ist, um in der technisierten Welt bestehen zu können. Dies wird schon dann ganz deutlich, wenn man ein Auto fährt. Diese haben heutzutage alle zahlreiche Mikrocontroller, und es wäre doch sehr fatal, wenn die heranwachsende Generation nicht wüsste, was damit gemeint ist. Das sind notwendige Grundvoraussetzungen, die bereits in der Schule gelegt werden müssen. Was früher nicht so wesentlich war, wird immer wichtiger, denn in einer hoch technisierten Welt muss man auch ein Grundverständnis von diesen Strukturen haben, um mitreden zu können. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass ein paar Naturwissenschaftler schon alles richtig machen werden. Es ist wichtig, dass wir die Naturwissenschaften nicht einfach als Beiwerk sehen. Nein, man muss in der Schule anfangen, das Interesse dafür zu wecken und so zu motivieren, dass das Interesse an den Naturwissenschaften wächst.

Winfried Sturm
ist Diplom-Physiker. Der 59-Jährige begann seine pädagogische Laufbahn 1974 am Faust-Gymnasium in Staufen (Baden-Württemberg), an dem er auch heute noch tätig ist. Der Lehrer, Tüftler und Erfinder unterrichtet in den Fächern Physik, Mathematik und Informatik. 1982 gründete er die Hardware-AG (HAG) und gewann seitdem mit seinen Schülern in zahlreichen Wettbewerben Preise und Auszeichnungen.

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