„Dauerbrenner an Ganztagsschulen“ in Bremen

Angelika Wunsch leitet die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ in Bremen. Im Interview berichtet sie, welche Vorteile Schulnetzwerke für die Entwicklung des Ganztags haben und wie die Planung für 2019 aussieht.

Angelika Wunsch: „Mich fasziniert, wie engagiert und ideenreich Kollegien den Schulalltag stemmen.“© Serviceagentur Bremen

Online-Redaktion: Frau Wunsch, die Serviceagentur Bremen begleitet jährlich ein sogenanntes Referenzschulnetzwerk, also eine Gruppe von Schulen, die gemeinsam Themen der Ganztagsschule bearbeiten. Was nehmen die beteiligten Schulen daraus mit?

Angelika Wunsch: Wir sind im November letzten Jahres mit vier Ganztagsgrundschulen und ihren kleinen Teams im Netzwerk gestartet. Alle vier Schulen formulierten sehr individuelle Schulentwicklungsvorhaben, an denen sie gezielt im Netzwerk arbeiten wollten. Inhalt der regelmäßigen Treffen an den Schulen waren jeweils eine Schulpräsentation, ein Schulrundgang und die kollegiale Rückmeldung durch die Kollegen der anderen Schulen: Was ist ihnen aufgefallen, was ist anders zur eigenen Schule, was beeindruckt am meisten?

Schülerinnen und Schüler in der Pause
Oberschule In den Sandwehen© Britta Hüning

Durch das Erleben des „Anderen“ das Eigene besser begreifen – das ist eine Reflexionsleistung, die immer mitschwingt. Schulen, die sich auf ein Netzwerk einlassen, sich öffnen für andere, erfahren viel über sich selbst. Die Entwicklungsvorhaben der Schulen haben sich im Verlauf der Treffen im Netzwerk differenziert oder variiert. Das ist ja auch völlig legitim. Denn eine Schule hat zum Beispiel nach der ersten Sitzung eine Idee erarbeitet und sofort umgesetzt, sodass dann im Netzwerk wieder Raum war, sich neuen Themen zu widmen.

Darüber hinaus haben die Schulen die Zeit genutzt, ihre Vorhaben zu diskutieren, Strategien zu erarbeiten und neue Methoden kennenzulernen. Schulen den Raum zu geben, etwas gemeinsam im Team zu erarbeiten, das halte ich für ganz wichtig. Das geht im Alltag oft gar nicht, das Schulnetzwerk ist dafür ein guter Ort.

Online-Redaktion: Wie ist die Serviceagentur in Bremen personell aufgestellt?

Hospitation an der Astrid-Lindgren-Grundschule Bremerhaven.© Serviceagentur Bremen

Wunsch: Seit diesem Schuljahr sind wir wieder ein kleines Team mit zwei abgeordneten Kolleginnen, einer Kollegin aus der Grundschule und einer aus der Oberschule. Das ermöglicht wieder, die Nähe zu den Schulen viel intensiver zu gestalten und besser zu beraten. Dennoch reichen zehn Abordnungsstunden nicht, um einen Kongress auf die Beine zu stellen oder auch kontinuierlich Angebote für die Bremerhavener Schulen durchzuführen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir multiprofessionell besetzt wären, wie das ja schon einmal der Fall war. Denn die Perspektive anderer Professionen wie beispielsweise der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen aus dem Ganztag haben wir immer als Bereicherung erlebt.

Online-Redaktion: Welchen Unterstützungsbedarf haben die Schulen, und welche Schwerpunkte setzt die Serviceagentur?

Lehrerinnen tauschen sich an einem Tisch aus
© Serviceagentur Bremen

Wunsch: Schulen stehen bei der Umwandlung von Halbtagsschulen zum Ganztag vor vielen Fragen und Entscheidungen. Diese wollen wir bestmöglich begleiten. Die Fragen sind manchmal sehr individuell und müssen auf die Schule zugeschnitten werden. Es gibt oft keine pauschalen Antworten. Für Prozesse und Fragestellungen, die alle betreffen, haben wir jetzt sechs Qualitätsbereiche für den Ganztag mit Checklisten in einer Broschüre zusammengefasst.

Für Schulen mit offenem Ganztag bieten wir Themen wie „Multiprofessionelle Teamzusammenarbeit“ und „Lernzeiten“ an. Das sind Dauerbrenner an Ganztagsschulen, denn darauf werden die Kolleginnen und Kollegen in ihrer Ausbildung und im Studium nicht wirklich vorbereitet. In der letzten Zeit beschäftigen wir uns aber auch mit effizienten Organisationsstrukturen und einer sinnvollen Rhythmisierung für die Schülerinnen und Schüler.

In Planung: eine neue Runde mit dem Referenzschulnetzwerk mit Oberschulen aus Bremen und Bremerhaven© Serviceagentur Bremen

Ein Schwerpunkt ist die Begleitung der pädagogischen Arbeit durch die Serviceagentur während und nach der sogenannten Phase Null, die von der senatorischen Behörde für die Schulen angeboten wird, um alle Beteiligten bei der Vorbereitung von baulichen Veränderungen für den Ganztagsausbau in die Planungen einzubeziehen. Für diese besondere und zeitintensive Phase benötigen die Schulen eine fundierte Begleitung. Dann kann dieser Prozess als ein sehr lohnender von den Kollegien erlebt werden, denn sie gestalten und denken ihre Schule und ihre Arbeit noch einmal neu.

Online-Redaktion: Welche Formen der Unterstützung haben sich als besonders wirksam erwiesen?

Wunsch: Die Modulreihe „Multiprofessionalität in der Ganztagsschule“ ist ein Format für die gemeinsame Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern und künftigen Lehrkräften. Die hat sich seit sieben Jahren hervorragend bewährt und wird immer stärker angenommen. Mit unseren Kooperationspartnern aus der Universität Bremen, der Hochschule Bremen und zwei Bremer Fachschulen werden wir im Frühjahr 2019 einen Fachtag zu diesem Thema ausrichten. Da wird es gezielt darum gehen, multiprofessionelle Zusammenarbeit in der zweiten Phase der Lehrerausbildung als Thema zu verankern.

Blick in die Mensa der Oberschule In den Sandwehen
© Britta Hüning

Für Grundschulen bieten wir halbjährlich das Forum Ganztag als Begegnungs- und Diskussionsplattform für alle pädagogischen Professionen im Ganztag an. Meist erfragen wir die gewünschten Themen. Zum Beispiel waren „Lernzeit“ und „Teamzusammenarbeit“ meist besonders nachgefragt. Mit den Oberschulen gehen wir zweimal im Jahr auf Hospitationsreise: Schulen holen sich gern Anregungen von Kolleginnen und Kollegen für kleine und direkt umsetzbare Veränderungen. Wir besuchen Schulen mit bewährten Strukturen, aber auch Schulen mit besonders guter Atmosphäre, denn die Atmosphäre verrät immer etwas über die Haltung der Schulleitung und des Kollegiums.

Online-Redaktion: Was reizt Sie persönlich an der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen?

Wunsch: Schulen sind komplexe Systeme mit sehr individuellen Problemlagen. Mich fasziniert, wie engagiert und ideenreich Kollegien bei zum Teil sehr schwierigen personellen oder räumlichen Bedingungen den Schulalltag stemmen oder wie aufgeschlossen Menschen sind, eingetretene Pfade zu verlassen, um die Entwicklung von Kindern zu fördern. Das motiviert mich. Deshalb begebe ich mich immer wieder gern auf die Suche, wie Schulen am besten geholfen werden kann, was sie unterstützen könnte.

© Serviceagentur Bremen

Online-Redaktion: Was planen Sie in näherer Zukunft?

Wunsch: Wir werden an bewährten Formaten der Vernetzung festhalten und die Förderung von Austausch, Begleitung und Beratung von Schulen im Umwandlungsprozess zur Ganztagsschule gezielt weiterverfolgen. Dabei sind wir immer am tatsächlichen Bedarf orientiert. Wir starten auch in eine neue Runde mit dem Referenzschulnetzwerk, diesmal mit Oberschulen aus Bremen und Bremerhaven. Ein ganzes Jahr begleiten wir die Schulen, die sich dafür beworben haben, bei ihrem Schulentwicklungsvorhaben. Neben dem Fachtag „Multiprofessionalität“ planen wir zurzeit auch noch einen Fachtag „Ganztag macht‘s möglich“. Wir wollen mit neuen Ideen und Inspirationen weiterarbeiten, mehr wird aber noch nicht verraten.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Angelika Wunsch leitet seit 2013 die Serviceagentur „Ganztägig lernen“, die seit Mai 2017 am Landesinstitut für Schule Bremen arbeitet. Die Literatur- und Sprachwissenschaftlerin war zuvor bereits Koordinatorin von Projekten im internationalen Kulturaustausch, Projektleiterin von „Whirlschool – Tanz macht Schule“ und Prozessbegleiterin für das Themenatelier Kulturelle Bildung sowie Geschäftsführerin des integrativen Vereins „tanzbar_bremen“ e. V.

 

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