Schulreform von unten und oben

Auf der Jahrestagung der Zeitschrift "Die Deutsche Schule", die am 26. Juni 2009 in Münster unter der Überschrift "Führung - Steuerung - Governance und ihre Bedeutung für die Schulreform" stattfand, ging es auch um die Frage, welche Rolle die Bildungsverwaltung beziehungsweise die Schulleitungen bei der Innovation sowie der Entwicklung von Ganztagsschulen spielen. Es gibt nicht nur Schulreformen, die von der Basis angestoßen werden. Oft kommen die Anregungen zur Modernisierung der Schulen auch von "oben", wie die Jahrestagung verdeutlichte. Die Akteure müssen aber zusammenwirken.

Publikation 'Die deutsche Schule'

"Wie geht es der deutschen Schule?" lautet die Frage, die sich die Zeitschrift "Die Deutsche Schule" seit nunmehr 100 Jahren zur Lage des Bildungswesens stellt. Die viermal jährlich erscheinende Zeitschrift widmet sich wissenschaftlichen Debatten aktueller Entwicklungen in der Bildungspolitik und in der pädagogischen Praxis. Zum Thema "Führung - Steuerung - Governance und ihre Bedeutung  für die Schulreform" veranstaltete sie am 26. Juni 2009 in Münster eine Tagung. Gefragt wurde, welche Rolle die Bildungsverwaltung, die Schulleitungen und andere Akteure für Innovationen im Schulbereich haben und wie wissenschaftliche Ergebnisse für die Bildungspolitik und die pädagogische Praxis nutzbar zu machen sind.

Der PISA-Schock hat die Bildungspolitik und -verwaltung unter Druck gesetzt, wirksame Bildungsreformen rasch umzusetzen, erinnerte Prof. Herbert Altrichter von der Johannes Kepler Universität Linzim Rahmen seines Vortrags "Governance - Schulreform als Handlungskoordination". Warum das nicht immer so gut funktioniert, wie es sich die Akteure vorstellen, erläuterte der Erziehungswissenschaftler anhand systemtheoretischer Annahmen.

So handelten die Akteure und das System nach Eigenlogiken. Konkurrierende Interessen könnten der wirksamen Umsetzung eines Reformvorhabens entgegenstehen. "Steuerungsskepsis ist angemessen", meinte Altrichter. Man müsse von einer Wechselbeziehung zwischen Reformen von unten (Bottom up) und Reformen von oben (Top down) ausgehen. Governance sei dementsprechend die Koordination an den Schnittstellen in Mehrebenensystemen.

Führung - Steuerung - Governance

Demnach brauchen nicht nur die Akteure die Strukturen als Stütze verändernder Praxis, sondern die Strukturen brauchen auch Akteure, die sich selber wandeln und innovative Strukturen aufgreifen. Prädestiniert seien "Persönlichkeiten mit Visionen, Energie, kommunikativen Fähigkeiten und fachlichen Kompetenzen." Akteure müssen Altrichter zufolge die Neuerungen aufgreifen und "als Träger der Innovation sichtbar gemacht werden."

Welchen Nutzen hat der Begriff der "Governance" in der Bildungsforschung? Das war eine zentrale Frage der Tagung. Das Wort leitet sich aus dem französischen "gouverner" ab und bedeutet  "verwalten", "leiten", aber auch "erziehen". Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive bezieht es sich auf die Steuerung beziehungsweise Lenkung von Institutionen wie Schulen, lässt sich aber auch auf die strukturierte Steuerung von Bildungsreformen beziehen.

Die Governance-Perspektive wurde in den 1980er Jahren im Rahmen der Politikwissenschaft entwickelt. Sie nimmt empirische Phänomene in den Blick und fragt im Rahmen der Bildungsforschung danach, wie man Schulreformen wirksam gestalten kann, erläuterte Altrichter. "Governance", das Zusammenwirken von Akteuren im Schulsystem, ist der Gegensatz zur "Durchgriffssteuerung", so Prof. Martin Heinrichs vom Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Hannover. Der Fokus ist bei den Akteuren und deren wechselseitigen Beziehungen: Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen, aber auch außerschulischen Partnern und Schuladministration. "Local Governance" ist mittlerweile der zentrale Begriff für lokale Bildungslandschaften, auch im Rahmen der Ganztagsschulentwicklung.

Der emeritierte Erziehungswissenschaftler der Universität Dortmund und Nestor der deutschen Schulentwicklungsforschung, Prof. Hans-Günter Rolff, präzisierte: "Gegenstand der Governance-Forschung ist die Frage, ob die Einzelschulentwicklung und die Entwicklung des Schulsystems zusammenpassen." Bezogen auf die Einzelschule oder eine lokale Bildungslandschaft lautet die Fragestellung, ob evidenzbasierte Forschung die Praxis wirkungsvoll unterstützen kann. Evidenzbasierte Forschung bedeutet eine "punktgenaue Verortung mit Unsicherheit", so Prof. Martin Heinrichs.

Die Lehrerstudie TALIS: "Motivierte, engagierte, fleißige Profession"

Die Zeitschrift "Die Deutsche Schule", die sich auch dem Thema Bildungsgerechtigkeit verpflichtet sieht, möchte über solche Zusammenhänge informieren, sagte Heinrichs. Dementsprechend widmet sie das neue Heft 2/ 2009 dem Thema "Datengestützte Schulentwicklung und Unterstützungssysteme".

Auf Evidenz, also Datenmaterial, stützt sich die OECD-Lehrerstudie TALIS ("Teaching and Learning International Survey"), in der erstmals Lehrerinnen und Lehrer international vergleichend befragt wurden. "Sie berichten nüchtern, sachlich, ohne jedes Lamento über ihre Arbeitssituation, ihre professionellen Überzeugungen und Haltungen, ihre tägliche Praxis", meinte Marianne Demmer, die Vorsitzende der GEW, in ihrem Vortrag. Ziel der TALIS-Studie, an der 23 OECD-Länder teilgenommen haben, ist es, Einblick in die Arbeitswelt der Lehrkräfte zu geben sowie den Lehrerberuf attraktiver und wirkungsvoller zu gestalten. Die OECD-Studie sei der "Versuch einer Gesamtschau" des Lehrerberufes.

Zum Nachdenken veranlasst, dass deutsche Lehrkräfte von ihren Schulleitungen viel zu selten eine Rückmeldung erhalten. Ein interessanter Befund der Studie ist ferner, dass es in Deutschland einen überproportional hohen Anteil an Lehrkräften gäbe, die ihren Job eher verwaltungsmäßig ausübten. Gleichzeitig zeigt die Studie einen "Umbruch, nicht nur altersmäßig, sondern auch in den Mentalitäten, Haltungen und Überzeugungen". TALIS offenbare das Bedürfnis der Lehrerinnen und Lehrer nach einer kompetenten Leitung der Einzelschule. Die Studie erlaubt für Hans-Günter Rolff ferner die Aussage: "Alle haben den Eindruck, dass Schule deutlich besser geworden ist."

"Schulleitung kann heute keine Person mehr alleine ausführen"

Allerdings stelle sich auch die Frage, die der Bildungsexperte Prof. Helmut Fend in seinem Buch "Schule gestalten" aufgeworfen habe: "Wie kann sichergestellt werden, dass die 'Ausführenden' im Sinne der Auftraggeber handeln?" Fend habe als einer der ersten die Einzelschule als pädagogische Handlungseinheit sowie als Kern von Schulentwicklung analysiert.

Rolff plädierte dafür, die zunehmende Selbstständigkeit der Schulen nicht nur von der Administration respektive der Politik her zu denken, sondern beide Ebenen (Schulreform von oben und unten) im Zusammenhang zu sehen. "Die Selbstständigkeit sollte als Dialektik von Gewähren lassen und der Nutzung von schulischen Gestaltungsspielräumen betrachtet werden", erläuterte er. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen fügte er hinzu: "Schulleitung kann heute keine Person mehr alleine ausführen." Es gebe nämlich eine Vielzahl neuer Aufgaben wie Evaluation, Budgetautonomie, Personalentwicklung, für die sich der Begriff der "verteilten" Führung, des "distributive Leadership", empfehle.

Auch für die Schulleitung gilt Rolff zufolge, dass evidenzbasierte Steuerung der Bildungseinrichtungen an Bedeutung gewinnt. So lasse sich auch die These von Prof. Jürgen Oelkers von der Universität Zürich begründen, die Rolff zitierte: "Die Schulen haben über einen Zeitraum von 200 Jahren eine immer größere Intelligenz entwickelt."

Dass die externe Evaluation in Deutschland zunehme, während die interne Evaluation an den Schulen vor Ort zu schwach entwickelt sei, sieht Rolff eher kritisch. Dabei werde von der Bildungsverwaltung nämlich zu viel gesteuert und zu wenig gestaltet: "Mich interessiert, wie verschiedene Konzepte von Führung auf Lehrer und Schulen wirken".

"Entwicklungsimpulse und breiter Zuspruch für Ganztagsschulen"

Prof. Horst Weishaupt vom Deutschen Internationalen Institut für Bildungsforschung (DIPF) beschäftigte sich unter der Überschrift "Finanzierung und Recht als Ansatzpunkte schulpolitischer Steuerung" mit der Rolle der Bildungsfinanzierung für Innovationen. Der Erziehungswissenschaftler sieht zwar ebenfalls die Gefahr der Übersteuerung der Schulen durch das Schulrecht und äußerte zudem Zweifel an deren Wirksamkeit.

Der bundesweite Auf- und Ausbau der Ganztagsschulen durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) sei hier jedoch ein positives Beispiel, da die Zusammenarbeit der Länder mit den Gemeinden "Entwicklungsimpulse gesetzt und breiten Zuspruch ausgelöst" hätten. Nun müssten aber neue Finanzierungsquellen erschlossen werden. Eine maßgebliche Quelle sieht Weishaupt in den zurückgehenden Schülerzahlen, und die Frage stelle sich, ob die rund elf Milliarden Euro, die pro Jahr eingespart werden könnten, für Bildungsinvestitionen aufgewendet würden.

Positive Entwicklungen vermerkte Weishaupt für die neuen Länder, die trotz zurückgehender Schülerzahlen relativ konstante Bildungsausgaben vorzuweisen hätten. Der Bildungsforscher warnte davor, die private Einwerbung von Mitteln in den Vordergrund zu rücken: "Sie verstärken die Unterschiede zwischen den Schulen."

Zum Abschluss der sehr interessanten Jahrestagung machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch auf  Forschungsbedarf aufmerksam. Eine eigene Forschung zum Thema Schulqualität sei dringend erforderlich, so Prof. Martin Heinrichs.

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