Schulleiter zwischen PISA und Globalisierung

Schulleiter Ralf Marenbach von der Goethe-Hauptschule Koblenz weiß, worauf es ankommt: Man muss - will man eine Schule erfolgreich managen - mit Fingerspitzengefühl und solidem Handwerk die Strippen ziehen. So, dass es kaum jemand merkt und doch alle das Gefühl haben, in die richtige Richtung zu rudern.

Früher waren Schulleiter einsame Menschen. So schwebten sie häufig als autoritäre Respektpersonen über dem Kollegium und der Schülerschar. Doch die Zeiten ändern sich: Der Weg in das Büro von Schulleiter Ralf Marenbach ist unspektakulär. An der Wand des Schulleiterzimmers hängen Bilder - Variationen zu Goethe von Schülerinnen und Schülern. Neben dem Schreibtisch steht ein kleinerer Tisch für Besprechungen. Die Tür zum Zimmer des Schulrektors steht meist offen, und den Kaffee für seine Besucher macht kein anderer als Ralf Marenbach selbst.

Zum Anfassen

Marenbach, der kein Kind verloren geben will, ist Sport- und Mathematiklehrer an der Goethe-Hauptschule. Zugleich ist er aber auch Schulleiter der Goethe-Hauptschule in Koblenz-Lützel. Jeden Morgen radelt der 43-Jährige zur Schule. Am heutigen Tag trägt er eine legere braune Hose und eine weiße Strickjacke. Niemand käme von alleine darauf, dass er Schulleiter ist. Marenbach kennt diese Einschätzungen der Außenwelt zur Genüge. Trotzdem wird er überall ernst genommen. Mehr noch: Seine geduldige, offene Art erweckt viel Vertrauen. Die Schülerinnen und Schüler sprechen ihn in der Kantine oder auf den Gängen an, ganz spontan.

Was heißt es heutzutage, Schulleiter zu sein, Schulleiter einer Ganztagsschule? Dies zu zeigen, nimmt Marenbach sich Zeit, einen ganzen Schultag.

Die Goethe-Hauptschule liegt in einem Einzugsbereich, der als sozialer Brennpunkt gilt. Außerdem hat das Schulgebäude momentan vor allem zu wenig Raum. Um die Raumsituation zu verbessern, sind zwar Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" beantragt, doch die Kommune Koblenz ist ziemlich klamm. So sind rund 20 Millionen Euro bereits an Kosten für Reparaturstau an insgesamt 46 Schulen in Koblenz aufgelaufen.

Schulleitung im Zeichen der Globalisierung

Seit dem Schuljahr 2002/ 2003 ist die Schule ein Ganztagsbetrieb in Angebotsform geworden, die mit dem 10. Schuljahr bis zur mittleren Reife führt. Von 430 Schülerinnen und Schülern nutzen 50 Prozent das Ganztagsangebot, Tendenz steigend. Die Schülerschaft kommt aus 30 verschiedenen Nationen, "und da ist immer Bewegung", sagt Marenbach. "Der Stadtteil Neuendorf ist ähnlich strukturiert wie unsere Schülerschaft." Ein Blick auf dem Schulhof zeigt eine international bunt gemischte Schülerschar.

Dass es dringend notwendig ist, die Leistungsfähigkeit seiner Schülerinnen und Schüler zu steigern, betont auch Ralf Marenbach: "Das Ergebnis von PISA hat gezeigt, dass die Basis in den Grundrechenarten oder in der Lesekompetenz gefehlt hat." In Ganztagsschulen gibt es einen entscheidenden Vorteil, um die gestiegenen internationalen Ansprüche an Schulbildung zu erfüllen: Ein Mehr an Zeit für individuelle Förderung. Doch dafür müssen erst einmal die Rahmenbedingungen stimmen.

Was tut man als Schulleitung in einer solchen Situation? Marenbach nennt drei Aufgabenbereiche, die innerhalb einer Ganztagsschule zu bewältigen sind: Personalentwicklung, Kooperation mit Externen und Unterrichtsentwicklung.

Von der Studentenkneipe in die Schulleitung

"Eine Schule zu leiten, erfordert Kompetenzen, die man nicht von vornherein hat", sagt der Schulleiter. Nach seinem Lehramtsstudium musste er ein dreiviertel Jahr auf ein Referendariat warten. So pachtete er eine Kneipe auf dem Uni-Gelände und beschäftigte bis zu fünf Mitarbeiter. Das schult.

An der Goethe-Hauptschule gehört die Personalentwicklung zu den Hauptaufgaben. Entscheidend ist die gemeinsame Suche mit dem Personalrat und dem Schulausschuss nach Leuten, die zur Schule passen. "Mir ist es wichtig, dass die Schule Entscheidungsbefugnisse darüber bekommt, wen sie aussuchen darf", so Marenbach weiter. Bei Neueinstellungen von Lehrerinnen oder Lehrern geschieht dies deshalb über so genannte schulscharfe Ausschreibungen.

Mit Fingerspitzengefühl

Noch ,handverlesener' sind die außerschulischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese kann der Schulleiter komplett selber rekrutieren. Sie müssen ebenfalls zur Schule passen und mit ihren pädagogischen Angeboten zur Schulprofilierung beitragen. Wenn die schwierige Personalwahl getroffen wurde, besteht die Kunst der Schulleitung darin, die Lehrkräfte und die außerschulischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Fortbildungen zu motivieren, "um gemeinsam das Optimum zu erreichen". An der Goethe-Hauptschule arbeiten mittels eines Budgets, das den Schulen zugewiesen wird und deren Selbstständigkeit verbessert, auch außerschulische Kräfte, die reguläre Lehrkräfte im Ganztag kurzfristig ersetzen. Ganztagsschulen, an denen die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit verbringen, haben auch eine größere Verantwortung für die Schutzbefohlenen.

Insbesondere vor dem Hintergrund des schlechten Abschneiden bei PISA legt die Goethe-Hauptschule großen Wert darauf, den Kindern und Jugendlichen Grundlagen mitzugeben. Ein Instrument, um diese Grundlagen zu trainieren, ist das Basistraining in Mathematik, Deutsch und Englisch an der Schule. Marenbach zeigt einen standardisierten Testbogen der Klasse 7 mit Aufgaben zu den Grundrechenarten. So müssen die Lehrerinnen und Lehrer das Rad, das heißt die Basisthemen, die alle Schüler lernen müssen, nicht jedes Mal neu erfinden.

Angst vorm Hochsprung?

Sport ist Trumpf an der Goethe-Hauptschule Koblenz. Seit einem Jahr bietet sie regelmäßige Sportwettbewerbe in Wurfdisziplinen, Laufen oder im Hochspringen an. An diesem Donnerstag findet Hochspringen statt. Gänsehautstimmung in der etwas beengten, aber gefüllten Sporthalle. Soeben haben die Jungen ihre Besten im Hochsprung ermittelt. Wer bereits ausgeschieden ist, feuert die verbliebenen Sportler an. Nun sind die Mädchen dran.

Die Latte liegt bereits auf 1,10 Meter. Bei kleinen Höhen konnten die Springerinnen noch bequem drüberlaufen. Nun, bei 1,10 Meter, müssen die übrig gebliebenen Schülerinnen der Klasse 6 Sprungtechnik und Schnellkraft koordiniert einsetzen, um die Höhe überhaupt zu meistern. "Du schaffst das", ruft Ralf Marenbach einer etwas schlaksig wirkenden Schülerin zu, die zuvor gerissen hatte. Dritter und letzter Versuch. Alle Augen in der vollen Turnhalle sind nun auf sie gerichtet. Laute Zurufe, dann schneller Anlauf, Sprung - die Latte bleibt liegen. Am Ende reichte es trotzdem nur zu Rang vier.

In der Kantine herrscht Katzenjammer, denn die viertplazierte Schülerin hadert mit sich und ihren Konkurrentinnen: "Ich habe die Stange doch nur mit der Hand berührt." Die anderen Mädchen wären nicht besser gesprungen als sie. Der Schulleiter versucht zu besänftigen: "Wenn die Latte fällt, ist der Versuch ungültig. So sind die Regeln." Marenbach legt Wert darauf, dass seine Schülerinnen und Schüler auch lernen zu verlieren.

Um jedes Kind kämpfen

Der Wettbewerb um Bildungschancen ist hart: Für Schulen wie der Goethe-Hauptschule Koblenz geht es darum, im dreigliedrigen Bildungssystem Profil zu gewinnen. Kein Kind dürfe dem Bildungssystem und damit der Gesellschaft verloren gehen, forderten Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und PISA-Koordinator Andreas Schleicher auf dem Ganztagsschulkongress im September in Berlin. Als Ganztagsschulen haben die Hauptschulen deutlich bessere Chancen, die steigenden Bildungsanforderungen zu erfüllen. Sie können es noch am ehesten schaffen, dass möglichst vielen Kindern immer höhere Sprünge über die Latte gelingen. 
     
Ralf Marenbach muss viel kommunizieren, analysieren, schlichten, entscheiden, verhandeln. Vormittags ein Elterngespräch, mittendrin auf den Gängen und in der Kantine ein Gespräch mit außerschulischen Mitarbeitern, dann Besuch der schuleigenen Halloween-Disko, schließlich ein Problem, als die Kinder übereilt die Sporthalle verlassen. Nun um 14 Uhr findet eine Besprechung mit der Planungsgruppe statt. 

Wege aus der Raumnot

An der Besprechung nehmen zwei Lehrerinnen, eine Schulsozialarbeiterin und eine Fremdsprachenbeauftragte der Schule teil. Das Gespräch findet in offener Atmosphäre statt. Ralf Marenbach überzeugt durch seine ruhige, verständnisvolle und humorvolle Art.

Inhaltlich beschäftigt sich die Planungsgruppe mit dem Projekt BORIS (Berufliche Orientierung Regionale Initiative zur Schulentwicklung) aus dem BMBF-Programm "Schule-Wirtschaft-Arbeitsleben". Die Eltern ausländischer Kinder sollen stärker einbezogen werden und sich fortbilden lassen. Außerdem müsse die Muttersprache der Kinder stärker gefördert werden, doch immer wieder - und nun erneut - taucht das Problem der Raumnot auf: "Wir haben nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Lehrerschaft zu wenig Raum", sagt Marenbach, als er in der Besprechung auf die schlechten Raumkapazitäten angesprochen wird. 

"Moderieren, motivieren, Grenzen setzen"

Was muss eine gute Schulleitung können? Dazu gibt es in der Planungsgruppe verschiedene Meinungen. "Dem Kollegium Freiheiten geben und ein lebendiges Schulleben von unten nach oben entwickeln", sagt die Lehrerin Nicole Staehle. "Verständnis, Aufgeschlossenheit und Manager nach außen", ergänzt die Kollegin Maeder. "Kooperationsbereitschaft und Offenheit gegenüber anderen Systemen und viel Informationsaustausch", meint die Schulsozialarbeiterin Ursula Lang. "Moderieren, motivieren, Grenzen setzen", müsse der Schulleiter auch, fügt die Sozialarbeiterin hinzu.

Ralf Marenbach ist an seiner Schule wirklich kein einsamer Mann. Trotzdem muss er Entscheidungen fällen, die nicht immer Wohlgefallen auslösen. "Es gibt viele kleine Probleme, die sich schnell lösen lassen". Bei Konflikten macht sich der Schulleiter erst einmal ein Bild von der Situation, dann hört er alle Beteiligten und reagiert entsprechend rasch. Acht Jahre lang konnte er sich als Schulleiter einer Ganztagsgrundschule auf derlei Eventualitäten vorbereiten. Konflikte sind für Marenbach in erster Linie eine Chance für Veränderungen.

Im Mittelpunkt der Wahrnehmung: die Schülerinnen und Schüler

Leiter von Ganztagsschulen haben noch eine Menge weiterer Aufgaben. "Wichtig ist ein möglichst schneller Einblick in Bereiche, die für die Leitung einer Schule extrem bedeutsam sind", sagt Marenbach. Dazu gehören Verhandlungen mit dem Schulträger über Ressourcen und eine gute Zusammenarbeit mit der Schulbehörde. Natürlich viel Kommunikation, Kennenlernen der Stärken und Schwächen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Moderation und Impulse geben, damit sich ein Kollegium mit Schulentwicklungen beschäftigt. Ralf Marenbach ist übrigens froh, dass er die ganze Schulleitung nicht alleine stemmen muss. Die erweiterte Schulleitung aus zwei Personen, die pro Tag jeweils zwei Stunden nachmittags vom Unterricht freigestellt sind, ermöglicht Marenbach eine notwendige Entlastung bei Organisation, Stundenplänen und Terminen.

Bei allem Planungsdruck und aller Bewegung gibt es für Marenbach einen zentralen Grundsatz seines Tuns: "Die Schüler sollen merken, dass man sich für sie interessiert".

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