Bundeskongress „Demokratie in der Ganztagsschule“

„Meine Schule bin ich! Mitreden – mitbestimmen – mitgestalten“. Demokratie war das Thema des diesjährigen Bundeskongresses des Ganztagsschulverbands, der vom 7. bis 9. November in Hamburg stattfand.

Senator Rabe mit Schülern beim Ganztagsschulkongress 2018
Bildungssenator Ties Rabe wird in der Schule Alter Teichweg fröhlich empfangen.© Marzieh Telgenbüscher

„Ich freue mich sehr, dass der Kongress diesmal bei uns tagt“, begrüßte Björn Lengwenus, der Schulleiter der Grund-und Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg-Dulsberg, rund 400 Gäste aus ganz Deutschland in seiner Aula. Er selbst sei in der Vergangenheit oft als Teilnehmer dabei gewesen und habe den Kongress stets als „Schatz“ empfunden. Nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“ hat seine Schule in diesem Jahr nun nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, sondern den Kongress aktiv mitgestaltet. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler – alle haben mit angepackt. Auch das Thema des Kongresses „Demokratie an der Ganztagsschule“ passt gut zur Schule Alter Teichweg, so Lengwenus: „Beteiligung und Demokratieerfahrung der Kinder und Jugendlichen sind integraler Schwerpunkt unser Schule.“

Schulleiter Björn Lengwenus: „Beteiligung und Demokratie sind bei uns Schwerpunkt.“© Claudia Pittelkow

Seit 45 Jahren „tourt“ der Ganztagsschulverband mit seinen Bundeskongressen quer durch Deutschland. Der erste Kongress fand 1973 im hessischen Königsstein statt. Der Ganztagsschulverband, der seit 1955 die Interessen von mittlerweile 16.500 ganztägig arbeitenden Schulen in Deutschland vertritt, bietet mit seinem jährlichen Bundeskongress eine Plattform, sich bundesweit zu vernetzen, aber auch in Ganztagsschulen der jeweiligen Region zu hospitieren und voneinander zu lernen. Neben einem umfangreichen Programm mit Vorträgen, Diskussionen und Praxisbeispielen gab es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, sich im Rahmen von Schulbesuchen ein Bild von Hamburgs Ganztagsschullandschaft zu machen.

Demokratieerziehung im Fokus

Gelegenheit, sich bundesweit zu vernetzen: der jährliche Bundeskongress© Claudia Pittelkow

„Das erlaubt den Blick über den eigenen Tellerrand“, sagt Eva Reiter, Vorsitzende des Hamburger Ganztagsschulverbands. Passend zum diesjährigen Thema Demokratieerziehung hat der Landesverband für die Schulbesuche rund 20 Ganztagsschulen ausgewählt, für die die demokratische Mitgestaltung und Mitbestimmung in der Schule selbstverständlich sind.

Mit dem Schwerpunktthema des Kongresses rückte die Demokratieerziehung in den Fokus. Gründe dafür gibt es genug: Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern wächst die Sorge um den Bestand der demokratischen Ordnung. In allen Bundesländern werden daher schulische Programme zum Thema Demokratie und Partizipation durch die Kultusministerien gefördert. „Es war noch nie so wichtig, über Demokratie in der Schule zu reden wie in diesen Zeiten“, sagte Stephan Kufeke, ehemaliger Grundschulleiter und Vorstandsmitglied des Hamburger Ganztagsschulverbands.

Eva Reiter und Stephan Kufeke
Eva Reiter und Stephan Kufeke vom Hamburger Ganztagsschulverband.© Claudia Pittelkow

Rolf Richter, der Bundesvorsitzende des Verbandes, betonte: „Zahlreiche Schulen in Deutschland zeigen, dass sie seit Jahren auf dem richtigen Weg sind, indem sie es Schülerinnen und Schülern ermöglichen, Demokratie ganz selbstverständlich im schulischen Alltag zu praktizieren.“ Diesen Erfahrungsschatz gelte es zu heben und allen Ganztagsschulen zugänglich zu machen. Wie muss eine Schule organisiert sein, damit Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen besser umgesetzt werden können? Auf diese Frage sollte der Kongress praktikable Antworten finden.

Starke Schulen mit starken Menschen und starken Abschlüssen

Ein Beispiel, wie es gehen kann, lieferte die Gastgeberschule selbst. An der Schule Alter Teichweg, die erst kürzlich als Hamburgs beste Ganztagsschule ausgezeichnet worden ist, sind Beteiligung und Demokratieerfahrung der Schülerinnen und Schüler seit Jahren selbstverständlich. Schulleiter Lengwenus: „Die Schule ist ein Ort der Beteiligung, weil Bildung alle angeht und weil starke Schulen starke Menschen hervorbringen und starke Menschen starke Abschlüsse machen!“

Der Schulchor der Grundschule Alter Teichweg.© Claudia Pittelkow

Ab der 1. Klasse gibt es Schülerräte, werden die Kinder ermutigt, eigene Wege zu gehen. An wichtigen Entscheidungen werden alle Schülerinnen und Schüler beteiligt. Einmal im Jahr reisen die Schülerräte mit Schulleitungsmitgliedern zu einer mehrtägigen Zukunftswerkstatt, um eigene Ideen in die Entwicklung der Schule einzubringen. Unter dem Leitsatz „Be part!“ bietet die Grund- und Stadtteilschule vielfältige Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeiten für Schüler, Eltern, Lehrer und außerschulische Partner.

„Meine Schule bin ich! Mitreden – mitbestimmen – mitgestalten“: Gemäß dem Tagungsmotto standen diesmal noch stärker als sonst die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst mit ihren Ideen, Fragen und Anliegen im Mittelpunkt. Im Fokus standen Austausch, Vernetzung, Horizonterweiterung und die Entwicklung von Ideen, wie eine partizipativ und demokratisch organisierte Ganztagsschule gelingen kann.

Blick ins Foyer
Rund 400 Gäste besuchten den Ganztagsschulkongress.© Claudia Pittelkow

„Für die Diskussionsrunde haben wir den Open Space gewählt“, erläutert Eva Reiter. Diese Methode erlaube selbstbestimmte Diskussionen rund um das Thema Ganztagsschule ohne allzu detailliert vorgegebenes Programm und ohne vorab feststehende Einzelthemen. „Die Themen entwickeln sich erst im Plenum“, erklärt die Verbandsvorsitzende. „So kommen pointierter die Punkte auf den Tisch, die die Teilnehmenden wirklich interessieren.“

Spannende Praxisbeispiele

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten, wie beim Open Space üblich, die Möglichkeit, eigene Anliegen einzubringen und in Kleingruppen daran zu arbeiten. Rund 30 Räume standen dafür zur Verfügung. Insgesamt waren so in drei Zeitblöcken gut 90 unterschiedliche Themen möglich.

Jonathan Makkronen: „Hotline für besorgte Bürger“.© Claudia Pittelkow

Ein spannendes Praxisbeispiel lieferte beispielsweise Vanessa Eisenhardt aus Düsseldorf mit ihrem „Zweitzeugen-Projekt“ des Vereins Heimatsucher e. V. Dieses setzt sich für aktive Erinnerungskultur und Demokratiepädagogik ein, in dem Schülerinnen und Schüler Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocausts interviewen, deren Geschichten dokumentieren und dann in Schulklassen weiter erzählen. „Zweitzeuge“ bezieht sich dabei auf ein Zitat von Elie Wiesel: „Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“

Ein anderes Beispiel: Jonathan Makkronen tritt mit anderen Ehrenamtlichen über die „Hotline für besorgte Bürger“ mit Menschen in Dialog, die der Aufnahme von Flüchtlingen kritisch gegenüberstehen. Er berichtete auf dem Kongress von seinen Erfahrungen. An die Hotline können sich alle wenden und sich über „Erfahrungen, Ärger und Sorgen“ austauschen. Alle werden mit ihren Meinungen ernst genommen und respektiert.

„Ganztagsschulen sind dringend notwendig“

Kurt Edler
Kurt Edler war langjähriger Vorsitzender der DeGeDe.© Claudia Pittelkow

Für den demokratietheoretischen Input sorgte Kurt Edler, Hamburger Bildungsexperte und langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik. In den Kernaussagen seines Vortrags brachte Edler auf den Punkt, dass „die Dämonen der Diktatur wieder an den Grundfesten unserer demokratischen Grundordnung rütteln und wir Gefahr laufen, das Glück unserer Freiheit zu verspielen, wenn extremistische politische Meinungen wieder hoffähig werden“. Er wies darauf hin, dass gerade die Ganztagsschule mit ihren größeren zeitlichen Ressourcen geeignet sei, den oft rein emotionalen Einstellungen der verängstigten Mitmenschen die Möglichkeiten einer gelungenen Beteiligung von Schülern und Eltern entgegenzustellen.

Bildungssenator Ties Rabe: „Ganztag ist der Lösungsweg.“© Claudia Pittelkow

Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe hatte in seinem Grußwort auf die große gesellschaftliche Bedeutung hingewiesen, die Ganztagsschulen haben. „Ganztagsschulen sind dringend notwendig, und das aus vielen Gründen“, so Rabe. Sie könnten den Fliehkräften der Gesellschaft etwas entgegensetzen, soziale Hürden überwinden und für Chancengleichheit sorgen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen in Hamburg bereits Realität. Alle Hamburger Schulen haben Ganztagsangebote, die Teilnehmerzahl liegt bereits bei über 80 Prozent. Das zeige einerseits, dass ein großer Bedarf an Ganztagsangeboten besteht. „Es zeigt aber auch die große Zufriedenheit von Kindern und Eltern mit dem Angebot“, so der Bildungssenator. „Ganztag ist der Lösungsweg, aber es gibt noch einiges zu tun“, so Rabe mit Blick auf die bundesweite Entwicklung.

 

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