Markt der Möglichkeiten

Viele Schulleitungen, Lehrer und Pädagogen haben erkannt, dass sich ihre Schulen verändern müssen, um den Schülerinnen und Schülern bessere Lernerfolge zu ermöglichen. Aber was genau ist zu tun? Dass der Bedarf, etwas über "Best Practice"-Beispiele zu erfahren, groß ist, zeigte sich auf der Tagung "Guten Schulen in die Karten schauen - Anregungen für den Weg zum eigenen Schulprofil" am 15. Oktober in Tübingen. Und nicht zufällig gehörten Ganztagsschulen zu den "Guten Schulen", denen rund 200 Interessierte "in die Karten schauen" wollten.

"Ab sofort können wir aufgrund der begrenzten räumlichen Möglichkeiten und der großen Resonanz leider keine Anmeldungen mehr entgegennehmen." So stand es auf der Internet-Seite der Abteilung Schulpädagogik im Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen zu lesen. Der große Andrang auf die Veranstaltung "Guten Schulen in die Karten schauen - Anregungen für den Weg zum eigenen Schulprofil" sorgte dafür, dass ein "Anmeldestop" verhängt werden musste. Schon vor Beginn der am 15. Oktober in der Eberhard Karls Universität stattfindenden Tagung war damit klar: Dieses Thema brennt unter den Nägeln von Schulen, Schulträgern und Kommunen. "Die hohe Zahl der Angemeldeten zeigt das große Interesse am Thema und belegt, dass die Lehrkräfte und Schulleitungen von anderen Schulen für die eigene Praxis lernen wollen", meinte Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder vom Lehrstuhl Schulpädagogik der Universität Tübingen.

Auf dem von circa zehn Schulen gestalteten "Markt der Möglichkeiten" bestand für die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Chance, sich mit Vertreterinnen und Vertretern der Schulen zu unterhalten. Für die Französische Schule Tübingen stand Doris Heitkorn-Gärtner Rede und Antwort. Ihre Ganztagsgrundschule bietet seit dem Schuljahr 2003/04 ein ganztägiges Angebot an. Das gebundene Ganztagsmodell umfasst montags und mittwochs kostenlose Nachmittagsangebote und Lernhilfen, darüber hinaus können eine Frühbetreuung von sieben bis acht Uhr sowie eine Betreuung bis 17 Uhr gegen Bezahlung gebucht werden. Dienstags und donnerstags ist für alle Kinder Unterrichtszeit von acht bis 12.30 Uhr und nachmittags von 14 Uhr bis 15.30 Uhr.

Initiative aus der Elternschaft

Die Initiative, sich auf den Weg zur Ganztagsschule zu machen, kam bereits vor dem PISA-Schock aus der Elternschaft. Die Eltern waren bei den schon immer bestehenden Betreuungsangeboten involviert, indem sie zum Beispiel das Mittagessen für einen Teil der Kinder kochten und die Mittagsverpflegung übernahmen. Die Zahl der Kinder in der Mittagsbetreuung stieg im Lauf der Zeit von 20 auf 50 Kinder, so dass diese mit Elternhilfe allein nicht mehr zu leisten war. "Die zunehmende Berufstätigkeit und der steigende Anteil Alleinerziehender in unserem Stadtteil waren Gründe für die große Nachfrage nach Mittagsbetreuung und schließlich nach der verlässlichen Ganztagsschule", berichtet Doris Heitkorn-Gärtner. 70 Prozent der Schülerschaft seien schon immer in der Schule oder in Horten betreut worden. "Unsere Motivation, Ganztagsschule zu werden, war der Wunsch, sozial benachteiligte Schüler aufzufangen und gut zu fördern. Das Kollegium hat das unterstützt und sich gemeinsam auf den Weg gemacht."

Die Schulkonferenz und die Gesamtlehrerkonferenz der Französische Schule beschloss daraufhin im Januar 2001 das Betreuungskonzept mit einem Antrag auf Einrichtung einer gebundenen Ganztagsschule weiterzuentwickeln. Im Frühjahr 2001 legte die Schule dem Schulträger eine ausführliche Konzeption vor und stellte den Antrag, der im Dezember 2002 vom Gemeinderat beschlossen wurde. Seit dieser Zeit arbeitet eine Arbeitsgruppe "Ganztagsschule" an der Projektentwicklung. Hier sind Lehrkräfte, Eltern und Mitarbeiterinnen aus den Betreuungseinrichtungen beteiligt.

250 Schülerinnen und Schüler besuchen die Französische Schule. Die Frühbetreuung wird von angestellten Erzieherinnen geleistet. Der Schultag gestaltet sich dann rhythmisiert mit Unterricht, Projekten, Entspannungsphasen, Spiel, dem Mittagessen und Betreuung als eine "bunte, vielfältige Zeit", wie die Lehrerin es formuliert. Neben dem Unterricht bekommen die Kinder viel Freiraum zum Spielen, Toben, Lesen, Basteln und Bauen - auch im Freien. Das Mittagessen wird von der Mensa bezogen und nicht zentral in einer Aula oder einem Speisesaal eingenommen, sondern in den einzelnen Lerngruppen, die nochmals aufgeteilt werden, "um eine persönlichere, familiärere Struktur zu erreichen", erläutert Doris Heitkorn-Gärtner.

Viel Arbeit im Vorfeld

Doris Heitkorn-Gärtner von der Französischen Schule Tübingen

Mit ihrem rhythmisierten Unterricht über den ganzen Tag steht die Französische Schule derzeit in Tübingen alleine da. Die Mörike-Hauptschule bietet - auch mit Hilfe von Bundesmitteln - ein teilgebundenes Ganztagsangebot, andere Schulen haben Anträge gestellt, allerdings "nur" auf Einführung der offenen Form. "Der Ganztag ermöglicht einen anderen Blick auf die Kinder, auch ein persönlicheres, engeres Verhältnis. Das Lernen entspannt sich, man kann gelassener auf die Kinder zugehen, weil nicht alles in den Vormittag gepresst wird. Wir haben an unserer Schule eine entspannte Atmosphäre. Auch von den Kindern, die sowohl noch die Halbtags- wie jetzt den Ganztagsunterricht mitbekommen haben, gibt es positive Stimmen", findet die Lehrerin. Die erste Erhebung bei Eltern hat diese Zustimmung gerade bestätigt. Zwar finden sich einige Eltern vom Schulalltag etwas abgekoppelt, weil sie den Stand ihrer Kinder nicht mehr wie gewohnt daheim bei den Hausaufgaben messen können. Diesem Gefühl versucht die Schule aber mit Elterngesprächen entgegen zu wirken.

Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung an ihrer Schule. Im so genannten Schülerrat sitzen jeweils zwei Vertreterinnen und Vertreter der Lerngruppen und fassen Beschlüsse, zum Beispiel die Pausenordnung betreffend. Ältere übernehmen die Patenschaft für gerade eingeschulte Schülerinnen und Schüler. Und auch die Ziegen wollen täglich, auch in den Ferien, versorgt werden.

Die Öffnung nach außen geschieht in der Französischen Schule durch Kooperationen mit Musikschulen, Sportvereinen, dem Bund für Natur und Umwelt und Eltern wie zum Beispiel einem Vater, der eine Schach-AG anbietet. Doris Heitkorn-Gärtner: "Mittwochs ist unser AG-Nachmittag, an dem wir ein ganz breites Feld anbieten können. Im Vorfeld erfordert das viel Arbeit, alle diese Partner zusammenzubekommen."

Erfahrungen verwerten, um Fehler zu vermeiden

Das derzeit drängendste Problem an der Schule ist die begrenzte Raumkapazität. Es laufen Umbaumaßnahmen, für die auch Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes fließen. "Ein Teil der Schule ist abgerissen worden, und es entsteht nun ein neuer Anbau", berichtet die Lehrerin. An der Planung war das Kollegium beteiligt, die Architekten sind gleichzeitig auch Eltern von Schülern an der Schule. Alle Beteiligten treffen sich regelmäßig in einer so genannten Baugruppe, in der man inzwischen schon bei den Themen Innengestaltung und -farbgebung angekommen ist.

Vor der Einrichtung des Ganztagsunterrichts reiste die Ganztagsschulkonzeptgruppe zu bereits bestehenden Ganztagsschulen, um sich Anregungen zu holen. Die reisenden Kolleginnen fertigten dann von jedem Schulbesuch Dokumentationen und Ausstellungen an, die sich auch die Eltern ansehen konnten, um sich ein Bild von den Möglichkeiten, welche Ganztagsschulen bieten, zu machen. "Die Erfahrungen, die an anderen Schulen gemacht wurden, konnten wir mit in unser Konzept mitaufnehmen und damit Fehler vermeiden, die vielleicht sonst alles nach zwei Jahren wieder zum Einsturz gebracht hätten", erinnert sich Doris Heitkorn-Gärtner. Inzwischen wird die Französische Schule Tübingen selbst wegen ihres Ganztagsangebots von anderen Schulen aufgesucht.

Ganztagsschule als eine Schule für alle

Dr. Hartmut Makert

Dr. Hartmut Markert, Leiter des GEW-Vorstandsbereichs Schule, forderte am Nachmittag in seinem Vortrag "Eine Schule für alle" den Aus- und Aufbau von Ganztagsschulen. Allerdings seien "erhebliche Zweifel" angebracht, ob die Ganztagsschule die "sozialen Lasten und pädagogischen Kosten zu mindern oder zu kompensieren vermag, die eine desintegrative Schulstruktur erzeugt". Als singuläre Antwort auf PISA und zum "Hoffnungsträger" des deutschen Bildungssystems stilisiert, sei eine "Enttäuschung mit den Ganztagsschulen programmiert", wenn nicht gleichzeitig das Problem des zu selektiven Schulsystems angegangen werden. "Wir sagen nicht Ganztagsschule oder eine Schule für alle, sondern Ganztagsschule als eine Schule für alle", resümierte Markert.

Chancen höher als Ängste bewerten

In der abschließenden Podiumsdiskussion, die in der direkt neben der Universität liegenden Stiftskirche stattfand, nahm das Thema Ganztagsschule ebenfalls einen breiten Raum ein. Dr. Otto Seydel von der Internatsschule Salem lobte die IZBB-Mittel der Bundesregierung als "kostbares Geschenk", kritisierte allerdings, dass die Mittel nur in Bauten und nicht in Personal fließen könnten: "Der pädagogische Bereich ist wichtiger als das Bauen von Schulmensen." Ähnlich äußerte sich Brigitte Schmid, Gymnasiallehrerin und Vertreterin der GEW Südwürttemberg: "Viele Gemeinden stellen die Anträge nur, um Renovierungen durchführen zu können und stellen die Schulentwicklungsprogramme hintenan. Es wird wichtig, dass das hinterherkommt, die Ganztagsschulen miteinander kooperieren und die Eltern miteingebunden werden."

Das Podium in der Stiftskirche (v.l.n.r.): Peter Schrabe, Brigitte Schmid, Otto Seydel, Moderatorin Katja Kansteiner-Schänzlein, Hans-Ulrich Grunder, Margret Ruep und Paul Jud

Als Elternvertreter saß Peter Schrabe auf dem Podium: "Die Elternschaft ist in der Ganztagsfrage gespalten, aber wir müssen dahinkommen, die Chancen höher als die Ängste zu bewerten." Die Eltern seien bei der Entwicklung von Ganztagsschulen von Beginn an einzubeziehen, forderte Paul Jud, Schulleiter der Französischen Schule in Tübingen. Ein Mittel hierzu seien Fragebögen. "Auch die Erzieherinnen und Erzieher müssen in den Schulalltag eingebunden werden und das Schulkonzept rechtzeitig entwickelt werden."

Für Dr. Seydel war die gebundene Ganztagsschule dabei "zwingend". "Das additive Modell ist eine vertane Chance. Die Kinder, die man erreichen muss, deren durch die Lebenswelt bedingten Defizite wir verringern wollen, bleiben weg, sie kommen nicht. Wenn wir nicht die rhythmisierte Form hinbekommen, werden die Ganztagsschulen das Schicksal der Gesamtschulen erleiden", meinte der Pädagoge unter dem Applaus des Publikums.

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