Sozialraum Ganztagsschule: „Die Sicht der Kinder ist eine eigene“

Prof. Ulrich Deinet vom Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf erforscht, wie Kinder und Jugendliche sich ihren Sozialraum – die Schule oder jugendliche Treffpunkte – aneignen.

Porträt Prof. Ulrich Deinet
Prof. Ulrich Deinet© Hochschule Düsseldorf

Online-Redaktion: Herr Prof. Deinet, was ist ein „Sozialraum“?

Ulrich Deinet: Die gängigste Definition ist, dass ein Sozialraum ein Gebiet wie ein Dorf oder einen Stadtteil bezeichnet, der beispielsweise durch Eisenbahnlinien, Autobahnen oder Felder begrenzt wird. Es ist eine sozialgeografische Bezeichnung – für den Raum, in dem man wohnt oder arbeitet. Die Infrastruktur eines Sozialraums ist sehr wichtig, man denke an fußläufig zu erreichende Spielplätze, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten. Gibt es ein Naherholungsgebiet? Wie ist der öffentliche Nahverkehr ausgebaut? Wie ist das Dorf oder der Stadtteil ans Bahn- und Wegenetz angebunden?

Es gibt viele Aspekte, die auch mit architektonischen und stadtplanerischen Gesichtspunkten in Zusammenhang stehen, deshalb spielt der Begriff der Sozialraumplanung auch eine wichtige Rolle. Insgesamt geht es in diesem Zusammenhang mehr um die physikalische Ausrichtung des Sozialraums.

© FSPE / Sophie Thomas

Aber auch Menschen haben ihren Sozialraum. Diese Begrifflichkeit ist nicht ganz so geläufig und mehr im Sinne einer Lebenswelt gemeint. Wo halten sich Menschen am liebsten auf? Wo am häufigsten? Das muss nicht unbedingt mit einem Stadtteil, mit dem geografischen Sozialraum identisch sein. Denken Sie daran, dass sich zum Beispiel Jugendliche viele Stunden am Tag in einer weiterführenden Schule aufhalten, die weit vom jeweiligen Sozialraum entfernt sein kann. Das ist dann mehr ein individueller, subjektiver Sozialraum.

Online-Redaktion: Wie verhalten sich die oft genannten Lokalen Bildungslandschaften zum Sozialraum?

Deinet: Bildungslandschaft, das klingt immer so schön nach Caspar David Friedrich: eine schöne idyllische Landschaft! Bildungslandschaften haben dagegen mit Infrastruktur zu tun: Lokale Bildungslandschaften bezeichnen Bildungsinstitutionen innerhalb eines Sozialraums. Für Familien ist das sehr wichtig. Gibt es eine Grundschule vor Ort? Haben meine Kinder eine Möglichkeit, zu Fuß oder mit dem Fahrrad dorthin zu gelangen? Wo ist die weiterführende Schule? Ganz wichtig ist die Betreuung, also auch Ganztagsschulen. Freizeitangebote wie Vereine oder Kurse gehören im Sinne informeller und nonformaler Bildungsangebote ebenfalls dazu. Wie steht es mit Bildungsangeboten für Erwachsene, für Seniorinnen und Senioren? All das zusammengenommen ist eine Bildungslandschaft, die viel mehr ausmacht als die Schullandschaft.

Schülerinnen und Schüler am Rande des Schulhofs
„Kinder erleben die Schule als ihren Ort.“ © Britta Hüning

Online-Redaktion: Sie betonen, Schulen müssten immer auch die sozialräumliche Perspektive einbeziehen. Wie können Schulen das tun?

Deinet: Schulen können viel tun. Sie können sich im Sozialraum bekannt machen und sich in sozialräumliche Netzwerke wie beispielsweise Stadtteilkonferenzen einbringen. Dann können Schulen auch außerschulische Kooperationen nutzen und zum Beispiel mit Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, die Soziale Kompetenztrainings anbieten, zusammenarbeiten. Dafür nutzen viele schulische Fachkräfte gerne Räume außerhalb der Schule, etwa Jugendfreizeiteinrichtungen, in denen eine andere räumliche Atmosphäre als in einem Klassenzimmer herrscht.

Schulen können sich aber auch Institutionen aus ihrem Sozialraum in die Schule einbeziehen. Ich sitze hier gerade vor meinem Feuerwehrmodell. Die Freiwilligen Feuerwehren haben überall Nachwuchsmangel; und unsere hiesige Feuerwehr bietet eine Brandschutz-AG an der Schule an. Das passt hervorragend: Die Schule hat ein interessantes Angebot, gleichzeitig ist es Werbung für die Feuerwehr. Entsprechende Beispiele lassen sich zu vielen Themen finden, bei denen Institutionen aus dem Sozialraum an die Schule gehen.

Beim „subjektiven Kartographieren“ zeichnen Kinder ihre Welt.© socialnet GmbH

Aber eine sozialräumliche Öffnung setzt eben ein Selbstverständnis von Schule voraus, das noch nicht überall verbreitet ist. Und es setzt voraus, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer im Sozialraum der Schule auskennen, was auch nicht immer der Fall ist, wenn sie selbst aus ganz anderen Stadtteilen oder Ortschaften kommen, teilweise mit langer Anfahrt. Die wenigsten Lehrer wohnen noch in den Stadtteilen der Schule. Es gibt nicht mehr den Dorfschullehrer, der im ersten Stock über seiner Schule wohnt.

Online-Redaktion: Ein wichtiges Stichwort Ihrer Forschung ist „Aneignung“. Können Sie das etwas erläutern?

Deinet: Ja, das ist ein etwas sperriger Ausdruck. Der wird schon etwas plastischer, wenn wir von „Raumaneignung“ sprechen. An Ganztagsschulen haben uns Schülerinnen und Schüler zum Beispiel gezeigt, wie sie die Gegebenheiten des auf den ersten Blick karg wirkenden Schulhofes nutzen und vor allem: umnutzen. Da kommt der wichtige Begriff des Spielens hinein. Die Kinder machen durch ihr Spiel und ihre Fantasie aus Orten Räume. Aus Bänken werden da Pferdeställe, aus der Tischtennisplatte ein Raumschiff und aus den Büschen ein Dschungel. Das sind Aneignungsprozesse. Die verlaufen geschlechts- und altersspezifisch. Uns sagten Schülerinnen und Schüler: „Da hinten treffen sich die Älteren.“ Als Erwachsener weiß man das gar nicht.

Fragestellungen
Bei der „Autofotografie“ zeigen Kinder, wie sie Orte wahrnehmen. © Ulrich Deinet / Hochschule Düsseldorf

Man spricht hier auch von der „Erweiterung des Handlungsraums“. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und Lehrkräfte klagen darüber, dass manche ihrer Schülerinnen und Schüler nie aus ihrem Sozialraum herauskommen und deshalb auch keine neuen Erfahrungen machen können. Daher sind diese Erweiterungen des Handlungsraums auch so wichtig. Düsseldorfer Grundschulkinder, die wir befragt haben, sagten uns: „Wir fahren nicht in andere Länder, aber wir fahren nach Neuss in den Zoo.“ Neuss grenzt direkt an Düsseldorf. Aber das spielte für diese Schülerinnen und Schüler keine große Rolle, sondern es geht um Raumaneignung im Sinne der Erfahrung neuer Möglichkeiten. Das erweitert den Horizont und ist entwicklungspsychologisch sehr wichtig.

Bei manchen Lehrkräften mussten wir allerdings auch feststellen, dass sie das Verlassen des Schulgebäudes als Belastung betrachten. Erwachsene versuchen ihren Alltag ja durch Routinen zu gestalten. Das ist ganz normal, das tut jeder. Aber diese Routinen laufen den eben angedeuteten Aneignungsformen von Kindern und Jugendlichen manchmal zuwider. Fahrten und Ausflüge werden von den Fachkräften so zum Beispiel als außerplanmäßig und damit als zusätzlich und vor allem zusätzlich anstrengend empfunden. Das ist schade, weil es die Erweiterung des Handlungsraums der Kinder und Jugendlichen erschwert.

© Britta Hüning

Anderes Beispiel für die ganz unterschiedliche Wahrnehmung von Orten und deren Deutung: Über einen ebenfalls sehr asphaltlastigen Schulhof sagten uns die Schüler stolz, der sei sehr gut, weil das Wasser schnell abfließe und sie so schnell wieder Ball spielen könnten. Ich hätte ja gedacht, dass auf dem Schulhof vielleicht ein paar Hochbeete nicht geschadet hätten, aber nein, die Schüler finden das toll, weil das zum Ballspielen so glatt ist und halt auch schnell abtrocknet. Die Sicht der Kinder auf Schule, auf Schulräume und auf Schulhöfe ist eine eigene Sichtweise, die man mit einbeziehen sollte.

Sozialräumliche Aneignungsprozesse sind aber nicht immer nur positiv. Eltern mögen da jetzt schon mal an den Spielplatz ihrer Kinder denken, der nachts von anderen Personenkreisen ganz anders genutzt wird, wovon am nächsten Tag Abfall und Flaschen zeugen. Es geht da auch um Konflikte, ja um den Kampf um Räume, die aber in Deutschland – verglichen zum Beispiel mit Frankreich – eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.

Online-Redaktion: Sie haben die Studie „Ganztagsschule als Lebensort aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen“ an Düsseldorfer Ganztagsgrundschulen durchgeführt. Was haben Sie an Erkenntnissen gewonnen?

Titelbild Broschüre 2
© Verlag Barbara Budrich

Deinet: Wir konnten uns in dieser kleinen Studie darauf konzentrieren, die Acht- bis Elfjährigen zu Wort kommen zu lassen, wie sie Schule erleben und wie sie aus Schule einen Lebensort machen. Ein ganz wesentliches Ergebnis ist, dass sie ihre Freundschaftsbeziehungen in der Schule leben. In den Pausen ist es wichtig, dass sie ihre Freundinnen und Freunde treffen und etwas unternehmen können. Sie essen auch gerne in der Schule – nicht, weil es ihnen unbedingt gut schmeckt oder weil es da so schön ruhig ist, sondern sie betonen immer wieder: Da treffe ich meine Freundinnen und Freunde. Kinder erleben die Schule als ihren Ort, auch manchmal unter widrigen Bedingungen. Das finde ich sehr ermutigend.

Wir haben auch die Aneignung untersucht, das, worüber wir eben sprachen. Über fotografische und andere Methoden konnten wir sichtbar machen, wie fantasiereich und vielfältig die Aneignungsformen sind und wie man – das ist mir besonders wichtig – diese auch fördern könnte. Schulhof- und Schulraumgestaltung müssten viel stärker unter dem Aspekt in Angriff genommen werden, wie die Raumaneignung von Kindern und Jugendlichen gefördert werden kann.

Projektteam um Prof. Ulrich Deinet in der Grundschule Niederkassel© Grundschule Niederkassel

Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Schülerinnen und Schüler möchten mitgestalten und mitreden. Die eröffneten Mitwirkungsmöglichkeiten blieben aber weit hinter diesen geäußerten Wünschen nach Partizipation zurück.

Online-Redaktion: Was ist das Potenzial der Sozialen Arbeit für Schulen?

Deinet: In der Forschung untersuchen wir die Rolle der Sozialen Arbeit als Partner von Ganztagsschulen. Ich sehe hier vor allem den Freizeitbereich in der Kinder- und Jugendarbeit im Sinne der angesprochenen Erweiterung des Handlungsraums und auch des Bildungsbegriffs. Wir haben hier in der Nähe einen Abenteuerspielplatz, der am Nachmittag stark von Gruppen aus Ganztagsschulen besucht wird. Das ist eine andere Form des Lernens in einer anderen Umgebung, die so an der Schule selbst nicht hergestellt werden kann.

Schülerinnen und Schüler setzen Nadeln auf dem Stadtplan
Bei der „Nadelmethode“ markieren Schülerinnen und Schüler Treffpunkte.© Ulrich Deinet / Hochschule Düsseldorf

Die Soziale Arbeit erweitert das Lernen mit ihren anderen Formaten und Konzepten. Auch niedrigschwellige Elterncafés könnte man da nennen. Da gibt es viele Möglichkeiten, aber auch nach wie vor große Stolpersteine. Soziale Arbeit vergisst schon mal, dass Schule gesellschaftlich auch ganz klar eine Funktion hat, nämlich die der Bildungsvermittlung und des Erreichens von Abschlüssen bei regelmäßiger, verpflichtender Teilnahme. Dass es da auch Diskrepanzen gibt, liegt auf der Hand.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Prof. Dr. Ulrich Deinet, Jg. 1959, ist Erziehungswissenschaftler und seit 2006 Professor an der Hochschule Düsseldorf sowie Leiter der Forschungsstelle Sozialraumorientierte Praxisforschung und -entwicklung am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. 1982 Hermine-Albers-Preis (Deutscher Kinder- und Jugendhilfepreis) für die Arbeit „Als Berufsanfänger in der offenen Jugendarbeit“. 1992 Promotion an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. 1978–1990 Mitarbeiter der Evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf Garath für die offene Kinder und Jugendarbeit; 1982–2003 Lehraufträge an den Universitäten Wuppertal, Münster, Dortmund, der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und der FH Düsseldorf; 1990–1992 Jugendreferent beim Kirchenkreisverband Düsseldorf, anschließend Referent im Landesjugendamt beim Landschaftsverband Westfalen Lippe in Münster. 2003–2006 Vertretungsprofessur für Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik an der FH Düsseldorf, 2006 Berufung auf die Professur.

Mitbegründer, Mitglied der Redaktion und Autor des Online-Journals sozialraum.de.
Forschung und zahlreiche Veröffentlichungen zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit und zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule.

Veröffentlichungen u. a.:

Deinet, U., H. Gumz, C. Muscutt & S. Thomas (2018). Offene Ganztagsschule – Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Mit Gastbeiträgen von A. Derecik, C. Reutlinger und B. Sturzenhecker. Opladen: Budrich.

Deinet, U., (Hg.) (2018). Jugendliche und die „Räume“ der Shopping Malls. Aneignungsformen, Nutzungen, Herausforderungen für die pädagogische Arbeit. Mit aktuellen Studien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen: Budrich.

Deinet, U. & B. Sturzenhecker (2015). Zur aktuellen Praxis der Kooperation von Offener Kinder- und Jugendarbeit mit Ganztagsschule. jugendhilfe, 52 (6), 413-420.

Deinet, U. & A. Derecik (2013). Sozialräume als Bildungssettings. In: Spatscheck, C. & S. Wagenblass (Hg.): Bildung, Teilhabe und Gerechtigkeit. Gesellschaftliche Herausforderungen und Zugänge Sozialer Arbeit, Weinheim, Basel, S. 77–90.

Deinet, U. & A. Derecik (2013). Das Konzept der sozialräumlichen Aneignung und die neuen Medien. In: Hartung, A., A. Lauber & W. Reissmann (Hg.): Das handelnde Subjekt und die Medienpädagogik. München: kopaed, S. 73–88.

 

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