Reinoldi-Sekundarschule: Ein Stadtteil schließt einen Pakt

Mit einem Ausbildungspakt unterstützt die Reinoldi-Sekundarschule in Dortmund ihre Schülerinnen und Schüler bei der Berufsorientierung. Hinter der Ganztagsschule steht ein ganzes Netzwerk lokaler Partner.

Außenansicht der Reinoldi-Sekundarschule
© Redaktion

Wenn die Schülerinnen und Schüler der Reinoldi-Sekundarschule ihr Zertifikat für den bestandenen „Ausbildungspakt Westerfilde“ erhalten, dann können sie und alle Beteiligten stolz auf ihre Leistung sein. Allein rund 2.000 Stunden soziales Engagement in eineinhalb Jahren steckten beispielsweise im letzten Schuljahr im Ausbildungspakt von elf Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse der Dortmunder Ganztagsschule.

Daneben hatten die Zehntklässler das umfangreiche Berufswahlorientierungsprogramm ihrer Schule, das sich am „Dortmunder Berufswahlpass“ orientiert, erfolgreich durchlaufen, ein zweiwöchiges Praktikum absolviert, keine „Fünf“ auf dem Zeugnis und keine unentschuldigten Fehlzeiten. Die Elf brachten sich als Sporthelfer, Streitschlichter, Medienscouts, Schülerlotsen, bei der Spielausgabe, bei Schulpräsentationen und als Paten für jüngere Schülerinnen und Schüler ein. Außerhalb der Schule gestalteten sie regelmäßig eine Jugenddisco, unterstützten die Quartierskümmerer in Westerfilde und verbrachten Zeit mit Senioren.

© Reinoldi-Sekundarschule

Dass die Ansprüche hoch sind, zeigt sich daran, dass 2016 über 50 Neuntklässler die Vereinbarung für den Ausbildungspakt unterschrieben hatten. „Im Vergleich zu zwei Referenzschulen ist die Quote der Bestehenden sogar höher, aber darum geht es ja nicht“, so Lehrer und Ausbildungskoordinator Jan Heyden. „Wir können uns für die erwiesene Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft der verbliebenen Jugendlichen guten Gewissens persönlich verbürgen. Sie haben sehr viel Selbstvertrauen und Eigenverantwortung entwickelt. Hier sind echte Persönlichkeiten herangereift.“

Mit dem Regionalen Bildungsbüro nach Mannheim

Der Ausbildungspakt wird begleitet und unterstützt von einem Netzwerk aus Betrieben, der Bezirksvertretung Mengede, dem Quartiersmanagement Westerfilde-Bodelschwingh, der IHK Dortmund, der Handwerkskammer, der Berufsberatung der Agentur für Arbeit, sozialen Einrichtungen, Vereinen und anderen lokalen Akteuren. Die Partner engagieren sich mit Bewerbungstrainings, schulinternen Berufsmessen und Praktika für die Jahrgänge 7 bis 10 in der Schule. Die beteiligten Betriebe garantieren den Ausbildungspakt-Absolventen ihre Unterstützung bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes.

Schulleiter Christian Pätzold
Schulleiter Christian Pätzold schaut am Wochenende auf der Baustelle des Neubaus vorbei© Redaktion

Im Sommer verließen alle elf Schülerinnen und Schüler die Sekundarschule mit einem Abschluss. Sie erhielten einen Ausbildungsplatz; einige von ihnen machten sich auch auf den Weg zum Abitur. „Die Idee für den Ausbildungspakt ist uns vor drei Jahren vom Dortmunder Regionalen Bildungsbüro im Fachbereich Schule der Stadt Dortmund zugetragen worden“, berichtet Schulleiter Christian Pätzold. „Das passte damals sehr gut in unser Berufswahlkonzept, und wir haben als erste Schule der Stadt erklärt, dass wir da mitmachen wollten.“

Der Ausbildungspakt ist indes keine Idee aus der Ruhrgebietsstadt. Eine Mitarbeiterin des Quartiersmanagements Westerfilde / Bodelschwingh war in den Medien auf die Pfingstbergschule in Mannheim aufmerksam geworden, die vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck 2015 im Bundeswettbewerb „Starke Schule“ prämiert worden war. Eine Delegation des Regionalen Bildungsbüros und der Reinoldi-Sekundarschule machte sich auf den Weg nach Baden-Württemberg. Das Konzept der Pfingstbergschule überzeugte die Dortmunder.

Pluspunkt Neubau

Kartenspiel „Munchkin“ in der Mittagspause© Reinoldi-Sekundarschule

„Wir haben ein Jahr lang Workshops mit Kleinbetrieben und mittelständischen Unternehmen aus dem Schulumfeld, mit Eltern, mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Und eine Vielzahl von Vorbereitungssitzungen“, erzählt Jan Heyden, der Koordinator für den Ausbildungspakt. Schulleiter Pätzold ergänzt: „Uns war wichtig, dass es – wie an den Referenzschulen – klare Standards zum Gelingen des Ausbildungspaktes gibt, wie zum Beispiel mindestens 150 Stunden sozialen Engagements.“ Das habe die Schulkultur schon „unglaublich geprägt“.

Der Ausbildungspakt ist eine von vielen neu initiierten Aktionen an der dreizügigen Reinoldi-Sekundarschule, die sich seit 2012 in einem permanenten Wandel befindet. Denn im Schuljahr 2012/2013 startete die gebundene Ganztagsschule mit dem 5. Jahrgang als Neugründung, an der heute rund 450 Schülerinnen und Schüler lernen und 40 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten. Sie war die erste Sekundarschule Dortmunds und ist es bis heute geblieben – sehr zum Bedauern von Schulleiter Pätzold: „Ich wünschte mir, dass das Thema Sekundarschule nicht so aus der Öffentlichkeit verschwunden wäre.“

Bemalte Stromkästen
Von Schülerinnen und Schülern gestaltete Stromverteilerkästen zu den „Rechten des Kindes“© Reinoldi-Sekundarschule

Sinnbildlich für die Neuorganisation der Schule entsteht derzeit neben dem jetzigen Schulgebäude aus den 1960er Jahren ein kompletter Neubau, der 2020 bezugsfertig sein soll. „Der Neubau wird ein großer Pluspunkt“, freut sich der Schulleiter. „Er berücksichtigt unglaublich gut die pädagogischen Erfordernisse, weil wir bei der Planung von Anfang an involviert gewesen sind. Wir haben am Projekt 'Schulen planen und bauen' der Montag-Stiftung teilgenommen, Informationsveranstaltungen und Workshops besucht. Als es darum ging, ob wir lieber 70 Quadratmeter große Klassenzimmer oder kleinere mit angeschlossenen Differenzierungsräumen wollten, haben wir uns für Letztere entschieden.“

Arbeit an der Rhythmisierung

Doch nicht nur Steine werden an der Reinoldi-Sekundarschule aufgeschichtet. Auch das Kollegium wuchs mit den Jahren. „Was ich am Anfang gar nicht so auf dem Schirm hatte“, gibt Christian Pätzold zu, „war, dass die neu dazukommenden Kolleginnen und Kollegen mit ihren eigenen Ideen kamen und diese auch einbrachten. Wir haben uns deshalb die letzten Jahre in einem permanenten Prozess der Diskussionen und des Nachsteuerns befunden. Da musste ich manchmal bremsen, denn auch wenn ich Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen bin, muss die Schulleitung auch den Hut des Bewahrers aufhaben. Jetzt sind wir nach sieben Jahren fertig gewachsen, das Kollegium steht, und wir können unsere pädagogischen Ideen nachhaltig verankern.“

Das Kollegium mit Schulleiter Christian Pätzold (3.v.l.) © Reinoldi-Sekundarschule

Eine aktuelle Veränderung ist die Einführung der 60-Minuten-Schulstunde. „Wir hatten zunächst zwei 90-Minuten-Blöcke am Morgen, gefolgt von zwei 45-Minuten-Stunden. Das hat uns nicht überzeugt“, meint Jan Heyden. „Mit den 60 Minuten wollen wir einen Qualitätsgewinn im Unterricht durch zusätzliche Zeit fürs Üben und Vertiefen erreichen. Wir werden sehen, ob das so aufgeht. An der Rhythmisierung wollen wir noch weiter schrauben und AGs auch in den Vormittag holen.“

Die Hausaufgaben, „die sowieso kaum einer gemacht hat“, wie der Schulleiter anmerkt, sind in diesem Schuljahr durch Arbeitsstunden ersetzt worden. Für die Aufgaben werden auch die Förderangebote des Ganztags eingesetzt. Dazu kommt das „Selbstgesteuerte Lernen“ (SegeL) in Deutsch, Englisch und Mathematik. „Wir haben da eine gedankliche Tabula rasa gemacht“, berichtet Christian Pätzold, „und vor zwei Jahren SegeL-Materialien konzipiert, die auf einzelne Lerntypen abgestimmt sind.“

„Ohne Ganztagsschule so nicht möglich“

Schülerinnen bemalen ein Schild
Workshop beim Kunst-Projekt „Kulturfeuerwerk“© Reinoldi-Sekundarschule

Anhand von Diagnosen wird das Leistungsniveau sämtlicher Schülerinnen und Schüler im Laufe der Klasse 5, am Ende der Klasse 6 und 7 und in Klasse 8 eingeschätzt. Dann ermitteln die Lehrkräfte Förder- und „Forder“-Bedarf. Förder-, Forder- und Neigungsangebote sind über vier Wochentage verteilt. Jede Schülerin und jeder Schüler besucht ein bis zwei der Angebote. In den verbleibenden SegeL-Stunden werden Unterrichtsinhalte vertieft.

Für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch gibt es zusätzliches SegeL-Material zu den aktuellen Unterrichtsinhalten und Wochenpläne mit Pflicht- und Wahlaufgaben. Anhand ihrer Selbsteinschätzung und der Beratung durch Fachlehrerinnen und Fachlehrer entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler, an welchem Tag sie welche Aufgaben bearbeiten. Die SegeL-Gruppen sind jahrgangsübergreifend organisiert. Deshalb liegen die SegeL-Stunden der Klassen 5 bis 8 beziehungsweise der Klassen 9 und 10 zeitgleich.

Die stolzen Finalteilnehmer am Dortmunder Schulcup © Reinoldi-Sekundarschule

„Ohne Ganztag gäbe es ein solches Angebot und unseren Projektunterricht nicht “, sagt Christian Pätzold. „Die Ganztagsschule bietet Chancen für die Persönlichkeitsentwicklung.“ Gerade auch im Projektunterricht finden jahrgangsspezifische Themen ihren Platz, die aus den Ideen der Schülerinnen und Schüler entstehen. „So schaffen wir es, dass die Schülerinnen und Schüler Freiräume für ihre Themen erhalten. Die Jugendlichen schätzen das, dass sie dafür Zeit bekommen. Und wenn sie dann ihre mehrwöchige Projektarbeit präsentieren, bin ich manchmal baff.“ Drei Mädchen arbeiteten zum Beispiel zum Thema Krebs. „Wie kommen sie auf so was?“, fragte sich Pätzold. Er fand heraus, dass in der Familie einer Schülerin jemand erkrankt war. Die Gruppe wollte forschen, welche Heilungsmöglichkeiten es gibt.

Am Abend des 17. September 2018 haben nun 40 Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in einer feierlichen Zeremonie ihren Ausbildungspakt unterschrieben. Lehrerin und Koordinatorin Dorit Windmann und die bereits im Ausbildungspakt befindlichen Zehntklässler hatten die Mensa und den Flur geschmückt. Schulleiter Christian Pätzold, die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern unterzeichneten die Verträge.

 

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