Wien: „Alle neu gebauten Schulen sind Ganztagsschulen“

Die Stadt Wien baut Ganztagsschulen aus und investiert erheblich in den Schulbau. Architekt Georg Poduschka, der mit dem Bildungscampus Sonnwendviertel für neue Wege im Bildungsbau steht, im Interview.

Das Team der PPAG architects© Wolfgang Thaler

Anfang Oktober wurde in Wien-Simmering die Volksschule am Simoningplatz wiedereröffnet: als Ganztagsschule mit zwölf Klassen, mit Bibliothek mit eigener Terrasse und Freifläche auf dem Dach des Turnsaals. Für Ausbau und Sanierung hat die Stadt Wien über 10 Millionen Euro investiert. Wien wächst und fördert auch massiv den Schulbau. Allein für 2018 mit rund 120 Millionen Euro, 2017 mit 106 Millionen Euro, wie Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky erklärte. Im Schuljahr 2018/2019 befinden sich zwölf Erweiterungsprojekte in der Planungs- und Realisierungsphase. Bis 2023 sind insgesamt 14 Bildungscampus-Standorte geplant.

Der Wiener Architekt Georg Poduschka, dessen Kollege Paul Fürst im September auf der Schulbau-Messe Berlin über den Bildungscampus Sonnwendviertel berichtete, gibt im Interview einen Einblick in die Herausforderungen des Schulbaus im Verbund mit einer zeitgemäßen Pädagogik.

Online-Redaktion: Herr Poduschka, Sie sind an mehreren Schulbauprojekten in Wien beteiligt. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung?

Blick in ein Klassenzimmer des Bildungscampus Sonnwendviertel
2014 eröffnet: der Bildungscampus Sonnwendviertel© Votava / PID

Georg Poduschka: Wien ist gar nicht schlecht unterwegs. Schon vor zehn Jahren hat die Stadt erkannt, dass mit dem Bevölkerungswachstum ein massiver Bedarf an Bildungseinrichtungen einhergeht und rechtzeitig eine Bildungsbauoffensive gestartet. Derzeit werden in Wien Jahr für Jahr 100 Klassen beziehungsweise Bildungsräume neu errichtet. Beachtlich ist vor allem, dass die Stadt dieses quantitative Erfordernis nicht als quälende, abzuarbeitende Herausforderung, sondern als qualitative Chance begriffen hat. Es gab und gibt das Bewusstsein, dass diese neuen Bildungseinrichtungen viele Lehrer- und Schülergenerationen nachhaltig prägen werden. Deswegen wurde ganz prinzipiell darüber nachgedacht, was Lernräume und deren Hülle zur gedeihlichen Entwicklung unserer Stadt und unserer Gesellschaft beitragen können. So weit wurde die Aufgabe gefasst – trotz Zeitdruck und trotz Kostendruck. Das verdient Respekt.

Online-Redaktion: Welche Rollen spielen dabei Ganztagsschulen?

Poduschka: Alle Schulen, die in Wien neu gebaut werden, sind Ganztagsschulen mit verschränktem, also rhythmisiertem und gebundenem Unterricht von 8 bis 16 Uhr. Unterricht und Freizeit wechseln sich ab. Dahinter steht das Ziel, die Chancengleichheit für alle Kinder zu gewährleisten, egal ob sie aus einem bildungsaffinen oder -fernen Umfeld kommen. Das spielt auch für die Konzeption der Räume eine Riesenrolle. Die Bildungseinrichtung ist ja rein zeitlich der bedeutendste Lebensraum für die Kinder.

Bildungscampus Sonnwendviertel: Architektur für zeitgemäße Pädagogik© Hertha Hurnaus für PPAG

Online-Redaktion: Man hört, dass Sie bereits Erfahrungen mit Bildungsbauprojekten haben.

Poduschka: Ja, unser Büro hatte 2011 das Glück, den Generalplanerwettbewerb für das Pilotprojekt des neuen Wiener Bildungsbaus zu gewinnen: den Bildungscampus Sonnwendviertel. Der Wettbewerb wurde vollkommen ergebnisoffen ausgeschrieben, es gab nicht einmal ein Raumprogramm. Stattdessen gab es einen pädagogischen Qualitätenkatalog, der sehr liebevoll und detailliert den Ansatz einer zeitgemäßen Pädagogik beschrieben hat. Beispielsweise, wie die kleinen und wie die größeren Schülerinnen und Schüler von Lehrerinnen und Lehrern, aber auch voneinander lernen. Und es wurde die Erkenntnis der Pädagoginnen und Pädagogen vermittelt, dass der Raum eine pädagogische Größe ist.

Loris Malaguzzi, der berühmte italienische Elementarpädagoge, der die Reggio-Pädagogik entwickelt hat, hat ja den Raum als „dritten Pädagogen“ neben Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern bezeichnet. In diesem Sinne forderte die Ausschreibung ein räumlich-pädagogisches Konzept. Die Stadt hat also nur die Ziele definiert – dass zeitgemäße Pädagogik im Schulhaus Platz finden soll –, aber in keinster Weise das Ergebnis vorweggenommen. Der Wettbewerb hat die Frage gestellt: Wie sollen die Räume und deren Hülle aussehen, in denen unsere Kinder lernen?

Visualisierung des Flurs im Bildungscampus
Bildungscampus Sonnwendviertel: Abschied von der „Flurschule“ © Hertha Hurnaus für PPAG

Online-Redaktion: Wie viel gestalterischen Spielraum haben Architektinnen und Architekten im Schulbau?

Poduschka: Wenn wir uns so tiefgehend mit einer Aufgabe beschäftigen, und ich nehme bei diesem „Wir“ die Stadt und deren Beteiligte nicht aus, dann können wir nicht mehr vom „Spielraum“ – des einen oder anderen – sprechen. Wir wollten alle gemeinsam das Schulhaus neu erfinden, und das ist uns in gewissem Maß auch gelungen. Alle Bildungseinrichtungen, die seither in Wien gebaut werden, haben sehr viel aus diesem Pilotprojekt mitgenommen.

Beim Bildungscampus Sonnwendviertel hatte jede und jeder von uns auf seinem Gebiet den höchsten Anspruch. Ich denke, wir haben es in allen Punkten geschafft, uns nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern auf das größte gemeinsame Vielfache zu einigen. Wir mussten ja alles neu denken damals. Es gab zum Beispiel keine Brandschutzrichtlinien für Cluster-Schulen, für die ganze Haustechnik von der Heizung bis zur Lüftung. Was passiert im Forum? Was in der Klasse? Wo werden die Schultaschen stehen?

Online-Redaktion: Was war das Gemeinsame, das alle verband?

Spatenstich im Sonnwendviertel 2012 mit Stadtrat und Stadtschulratpräsidentin© Votava / PID

Poduschka: Eines war uns allen klar: Die Schule, wie wir sie aus unserer Jugend kennen, wird es bald nicht mehr geben: Zuhören, still sitzen, von der Tafel abschreiben. Die heutige Pädagogik schätzt, dass Kinder verschieden sind, verschiedene Interessen, Bedürfnisse und Talente haben. Lehrerinnen und Lehrer von heute schaffen es, auf jedes Kind ganz speziell einzugehen. Dazu wurden Unterrichtsmethoden entwickelt, die man vielleicht unter Begriffen wie Freies Lernen und Projektunterricht zusammenfassen kann. Dem instruktiven Unterricht – also dem, was wir in Erinnerung haben – bleiben maximal 20 Prozent der Zeit vorbehalten.

Dadurch ändert sich die Rolle der Lehrkräfte: Sie sind nicht mehr Vortragende, sondern Begleiter, sozusagen Coaches von Kleingruppen. Die Besten in Mathematik bearbeiten – vielleicht alters- und klassenübergreifend – spezielle Aufgaben, während die künstlerisch Begabten sich gleichzeitig mit Ölmalerei beschäftigen oder andere ihre Schwächen in Französisch ausbügeln, und die Pädagogin oder der Pädagoge geht von Gruppe zu Gruppe und leistet Hilfestellung.

Modell der Schulerweiterung Längenfeldgasse
Modell der Schulerweiterung Längenfeldgasse.© PPAG

Dieser Alltag, diese zeitgemäße Pädagogik wird in einer klassischen Flurschule eher behindert, das sagen alle engagierten Pädagoginnen und Pädagogen, funktional ebenso wie atmosphärisch. Auch die Atmosphäre muss für die Lernarbeit stimmen. Da reicht es nicht, Klassenräume in einer Flurschule zusammenzulegen – daraus wird nicht die „Werkstatt der Sinne“, die zu Neugier, Konzentration, Miteinander und Kreativität gleichermaßen anregt.

Online-Redaktion: Waren Lehrkräfte oder Schulleitungen in die Planungen eingebunden?

Poduschka: Bei Neubauten in Wien ist das schwierig. Denn da werden die Schulleitungen für eine Schule erst bestimmt, kurz bevor das Haus fertig ist. Sie werden aber sozusagen vertreten von den Mitgliedern der Magistratsverwaltung, die für Schule zuständig sind, und vom Stadtschulrat. Man muss sich immer vor Augen führen, dass das Gebäude viel länger stehen wird, als die Menschen, die es mitentwerfen, darin arbeiten. Das Haus sucht sich seine Nutzer. Die Stadt bringt vielleicht auch deshalb eher pädagogische Fachleute ein, die über das Alltagsgeschäft hinaus die Zukunft der Pädagogik im Blick haben. Jedes Haus entwickelt sich permanent weiter durch die spezifische Nutzung durch seine Bewohner, und bei Schulen gibt es stets Phasen, in denen sich die Pädagoginnen und Pädagogen und das Haus „zusammenraufen“ müssen.

Schulstandort Längenfeldgasse 2020: Terrassenlandschaft© PPAG

Online-Redaktion: Ihr aktuelles Projekt, der Schulstandort Längenfeldgasse, umfasst eine Berufsschule und eine Ganztagsvolksschule. Was charakterisiert diesen Bau?

Poduschka: Das ist eine sehr innerstädtische Schule auf einem sehr kleinen Restgrundstück der Stadt. Daher ist sie mit fünf Geschossen sehr hoch, bildet aber eine Terrassenlandschaft aus, damit alle Grundfläche auch als Freiraum nutzbar ist. Die Kombination der Altersgruppen der Schülerinnen und Schüler ist schon außergewöhnlich. Es werden dort 6- bis 10-jährige Volksschüler und 15- bis 18-jährige Berufsschüler, die außerhalb des Schulhauses in Betrieben eine praxisorientierte Lehre und Ausbildung machen und zeitlich geblockt in der Berufsschule die Theorie dazu erkunden, zusammen lernen. Da sind zum Beispiel auszubildende Köche, die Gemüsebeete in der Schule haben. Die erklären dann den Volksschülern auf der Dachterrasse die Kräuter.

Online-Redaktion: Planen Sie weitere Schulbauten?

Anna Popelka und Georg Poduschka
Anna Popelka und Georg Poduschka© Foto Pfluegl

Poduschka: Wir bauen gerade die Sekundarschule Sauland in Norwegen, mitten in den Bergen westlich von Oslo. Und in Berlin werden wir in Marzahn in einem Stadtentwicklungsprojekt der dortigen Wohnungsbaugesellschaft degewo eine Schule bauen. Dort entstehen 400 Wohnungen, ein Kindergarten und eine private zweizügige Grundschule mit zwölf Klassen. Die Schule spielt eine wichtige Rolle bei der Belebung des Quartiers: am Weg zur Sporthalle oder zur Mensa durchqueren und beleben die Kinder das autofreie Quartier.

Am 1. November 2018 eröffnet in der Architektur Galerie Berlin unsere Ausstellung „Von der neuen Schule“. Der Ausstellungsraum selbst wird zu einer Lernlandschaft, die Ausstellung zu einer Schule über Schulen: Wir behandeln in 19 Stationen die Kernthemen des zeitgemäßen Bildungsbaus, jeweils illustriert an einem unserer über 30 Projekte. Da geht es von zeitgemäßer Pädagogik über die Mehrfachnutzung von Gebäuden in der Stadt bis zur Luftqualität.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Georg Poduschka, Architekturstudium in Graz und Paris, 1995 Gründung PPAG architects in Wien mit Anna Popelka mit heute 20 Mitarbeitenden. Gastprofessuren an der TU Wien und der TU Graz. Projekte zu zukunftsweisenden Wohnformen und städtebauliche Projekte. Für ihr erstes Projekt im Schulbau, den Bildungscampus Sonnwendviertel (2012-2014), erhielten PPAG architects 2014 den Architekturpreis der Stadt Wien und waren 2015 für den Mies van der Rohe Award der Europäischen Union nominiert.

Ausstellung „Von der neuen Schule“:

Die Ausstellung „Von der neuen Schule“ ist vom 2. November bis zum 15. Dezember 2018 in der Architektur Galerie Berlin, Karl-Marx-Alle 96 (Dienstag bis Freitag 14 bis 19 Uhr, Samstag 12 bis 18 Uhr), zu sehen. Schulklassen sind nach Absprache herzlich eingeladen. Am 6. Dezember 2018 findet ein Gespräch mit Georg Poduschka und Anna Popelka (PPAG architects) sowie Susanne Hofmann (Die Baupiloten) und Christian Kühn (TU Wien) statt.

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