Ganztags im Garten: Von Grünen Helden und Schulwald-Rangern

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“. Der diesjährige Bundesschulgartenkongress in Rostock stellte das anhand von Schulgärten vor Ort eindrucksvoll unter Beweis.

Reiche Ernte zum Apfelfest an der Warnowschule© Redaktion

„Das hier ist unsere beste Anschaffung in diesem Jahr gewesen.“ Sachkundelehrerin Ute Kesselring zeigt auf einen Gartenschlauch. Der heiße Sommer 2018 ist auch am Schulgarten der Warnowschule Papendorf nicht spurlos vorübergegangen. Doch während Bauern und Laubenpieper unter der Trockenheit stöhnen, freuen sich die Obstbauern über eine reiche Ernte. Und somit auch die Schülerinnen und Schüler der Warnowschule, die am 28. September 2018 das Apfelfest feiern. Denn die Bäume auf der Streuobstwiese haben satt getragen.

Und nun rollt der Apfel. Wenn er nicht schon zu leckerem Apfelkuchen verarbeitet worden ist. Oder zu Saft, den die Schülerinnen und Schüler zusammen mit Eltern und Lehrkräften in einer professionellen Saftmühle pressen und gleich in 5-Liter-Kartons füllen. Unter die vielen Gäste, die vom Kuchen schmausen und den einen oder anderen Saftkarton erwerben, haben sich an diesem Tag auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bundesschulgartenkongresses gemischt.

Schüler mit einer großen Apfelpresse
Saftpresse im Einsatz auf dem Apfelfest der Warnowschule© Redaktion

Der Kongress „Schulgarten – für das Leben lernen“ war am Tag zuvor in der Universität Rostock gestartet. Die Schirmherrschaft hat die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft übernommen. Prof. Carolin Retzlaff-Fürst vom Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten, Fachdidaktikerin für Biologie an der Universität Rostock, hatte durch den ersten Tag geführt. Mit Vorträgen und praktischen Workshops wie „Naturnah gärtnern“ oder „Wir bauen ein Hochbeet“ gab es die ganze Palette von Themen. „Es ist toll, so viele Gleichgesinnte zu treffen, die etwas bewegen wollen“, schwärmte eine Landschaftsarchitektin aus Rostock. „Jeder Vortrag ist wirklich hervorragend gewesen, und ich bin randvoll mit neuen Eindrücke und Ideen.“

Warnowschule: „Bei uns gibt es alles – außer Langeweile“

Ernte des Schulgartens an der Warnowschule© Redaktion

Das hätte sich Carolin Retzlaff-Fürst nicht besser wünschen können, als sie zum Auftakt des Kongresses erklärte: „Wir wollen Ihnen Anregungen für die tägliche Arbeit in Schulen geben und das Bewusstsein für die Potenziale von Schulgartenarbeit für die Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler mitgeben. Schulgärten sind Orte, an denen kognitive und praktische Fähigkeiten entwickelt werden.“ Die Schulen, die am zweiten Tag besucht werden konnten, sind solche Orte.

Von Schülern gemachte Vogelscheuchen
Zwei Teilnehmer des Vogelscheuchenwettbewerbs© Redaktion

Die Warnowschule, zertifizierte „Umweltschule in Europa“ und 2017 mit dem Jugend-Umweltpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet, hat das Goethe-Zitat zum Motto abgewandelt: „Grüne Praxis statt grauer Theorie“. Welche Schule kann neben einem Schulgarten und einer Streuobstwiese noch einen Schulteich vorweisen? Und einen Kräutergarten. Weidendom, Weidentunnel und Weidenlabyrinth. Einen Bienenschauwagen. Einen Rosengarten. Ein Grünes Klassenzimmer. Und einen 4,5 Hektar großen Schulwald. Mit den Vogelscheuchen Bobbi, Willi und Waldi beteiligten sich Viertklässler am „Vogelscheuchenwettbewerb“ zum Erntefest. Da glaubt man der Ganztagsschule auch gerne ihr zweites Motto: „Bei uns gibt es alles – außer Langeweile.“

Unterwegs mit den Waldrangern in ihrem Schulwald© Redaktion

Eine Gruppe von Schülerinnen führte staunende Kongressgäste durch den Schulwald, der auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Auf ihren T-Shirts war „Schulwaldranger“ zu lesen. Die „Schulwaldranger“ der 3. und 4. Klasse sind verantwortlich zu schauen, ob in ihrem Wald alles in Ordnung ist. „Jede Klasse hat einen eigenen Klassenbaum“, erzählt eine Schülerin. Im Wald findet sich alles: Birken, Buchen, Douglasien, Eichen, Erlen, Fichten, Kiefern, Lärchen und Lebensbäume. Also reichlich „Stoff“ für die 595 Schülerinnen und Schüler. „Für den Unterricht, Kurse und Projekte ist die Umwelt unsere größte Inspirationsquelle“, sagt Schulleiterin Gabi Aloulou.

„Du bist wunderbar!“

T-Shirt mit der Aufschrift  HOBI SAG
Die Schülerfirma HOBI SAG verkauft Honig.© Redaktion

In der Warnowschule lernen Schülerinnen und Schüler von Klasse 1 bis Klasse 10, zum Campus der Regionalen Schule mit Grundschule gehören noch der Hort und ein Kindergarten. Die „Schulwaldranger“ sind nur eines der bemerkenswert vielen Ganztagsangebote. Die reichen in der Grundschule von „Rostock – meine Stadt“ über den Kurs „Du bist wunderbar!“, der die Kinder „von innen stärken“ soll, damit sie sich Anforderungen in vielen Lebensbereichen gewachsen fühlen, bis zum Kurs „Von Herz zu Herz“, in dem die „Giraffensprache“ (Gewaltfreie Kommunikation) erlernt wird.

Imker helfen bei der Herstellung.© Redaktion

Die „Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung“ hat ebenso viel für die Fünft- bis Zehntklässler zu bieten. Die Zahl der Partner, mit denen jährlich eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen wird, zeugt von einem Riesenengagement des Kollegiums und von Ganztagskoordinator Martin Velke. Zu den Angeboten gehört auch die Schülerfirma HOBI SAG (Honigbiene-Schüler-Aktiengesellschaft), an der Lehrer der Schule und Imker aus Rostock beteiligt sind.

Zapfenzielwurf und Hausmeisterchen

1991 hatten Schülerinnen und Schüler nach dem Motto „Wo man Bäume pflanzt, glaubt man an die Zukunft“ auf damals 2,5 Hektar 8.000 Bäume und Sträucher im ersten Schulwald Mecklenburg-Vorpommerns gepflanzt. Inzwischen stehen die Schulwaldprojekte so selbstverständlich auf dem Lehrplan der Schule wie Deutsch oder Mathematik. Die Schülerinnen und Schüler bauen ein Insektenhotel, unternehmen eine Schulwaldrallye, bestimmen Baumarten, konstruieren ein Baumtelefon, bestimmen das Alter der Bäume, betätigen sich als Pflanzendetektive, üben sich im Zapfenzielwurf und vieles mehr.

Ute Kesselring im Gespräch
Lehrerin Ute Kesselring (r.) im Gespräch mit Kongressgästen© Redaktion

Derweil sorgt Ute Kesselring dafür, dass die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 4. Klasse ihres Sachkundeunterrichts den Schulgarten bewirtschaften. Mit allem, was dazu gehört. „Ich habe 20 Kinder zugleich hier im Garten, mehr wäre schwierig“, so die Lehrerin. Alle haben ihre Aufgaben. Wer zum Beispiel in einer Stunde „Hausmeisterchen“ ist, ist zuständig für die Ausgabe der Geräte und muss Händewaschwasser für die Gruppe vorhalten. Die Jüngeren vermehren Stecklinge, kümmern sich um den Pflanzenschmuck im Schulhaus und am Eingang des Geländes, schnitzen, stellen Schilder und Zäune her, graben, ernten, verarbeiten. Die unpopulärste Tätigkeit: Unkraut jäten. Wie bei den Erwachsenen.

Welchen Einfallsreichtum die Schule um das Grün kultiviert hat, zeigte das Apfelfest. Über 30 Stationen rund um die Frucht hatten Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrerinnen und Lehrern auf dem Schulhof aufgebaut. So gab es Apfelbingo, Bogenschießen, Zielwerfen, Apfeltauchen, einen Malwettbewerb, das Bauen eines Apfelturmes, die Herstellung von „Apfel-Spaghettis“, Schminken, Äpfel keschern, einen Schätzstand, eine Rätselstation und viele Stationen mehr. Die liebevolle Beziehung zum Apfel zeigt schließlich die Geschichte eines Apfels in der Ich-Perspektive, die Thomas Gehrke, der „Koordinator Grüne Schule“, 2016 schrieb. Sie beginnt: „Als Apfel hast du an der Warnowschule ein wunderschönes Leben...“

Erasmus-Gymnasium: Schulgarteninitiative von Schülerinnen und Schülern

Schülerinnen präsentieren Schnittchen mit Kräutern
Natürlich bio: Brote mit Kräutern aus dem Rostocker Schulgarten © Erasmus-Gymnasium Rostock

Am Erasmus-Gymnasium im Rostocker Stadtteil Lütten Klein, seit 2006 Agenda 21-Umweltschule des UNESCO-Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, geht es nur auf den ersten Blick prosaischer zu. Hier erwarteten die Besuchergruppe des Schulgartenkongresses acht Hochbeete, ein Insektenhotel und ein Steingarten. Das Besondere am Ganztagsgymnasium mit rund 400 Schülerinnen und Schülern: Die Idee zum Schulgarten kam vor vier Jahren von einem Schüler.

Philip Jenning hatte die Idee. „Ich war in der 8. Klasse und habe mich gefragt, was ich ihm WTU-Unterricht in der Neunten machen kann. Nach dem Tod meines Opas habe ich in seinem Garten Hand angelegt und kam so auf die Idee zum Schulgarten“, so der Zwölftklässler und Schülersprecher. Die Idee traf auf offene Ohren bei den Lehrkräften. Philip fand Mitstreiterinnen und Mitstreiter, mit denen er nach und nach die Hochbeete im Projektunterricht aufbaute.

Einsatzbesprechung der „Grünen Helden“ im Erasmus-Gymnasium © Erasmus-Gymnasium Rostock

„Die Ideen und das Tempo bestimmen die Schülerinnen und Schüler“, betonte Emanuel Nestler, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachdidaktik Biologie an der Universität Rostock den Schulgarten begleitet. „Wir nutzen für die Schulgartenzeit auch die Ganztagsangebote.“

Ein Roboter zum Unkrautjäten?

In diesem Jahr sind 35 „Grüne Helden“ in die Arbeit am Schulgarten involviert, unter anderem über „TaS – Teamarbeit in der Schule“, wie der Wahlpflichtunterricht für die Klassenstufe 9 an Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern heißt. In jahrgangsübergreifender Arbeit leiten die Zehntklässler als „Projektleiter“ die Neuntklässler an. Jeden Mittwoch kommen durch die verschiedenen Zeitkontingente vier Schulstunden am Stück zusammen, die für den Schulgarten genutzt werden können.

Philip Jensen und Prof. Carolin Retzlaff-Fürst an einem Messestand
Schulgartenkongress: Philip Jensen und Prof. Carolin Retzlaff-Fürst © Erasmus-Gymnasium Rostock

Auch im Projekt „Lernen durch Engagement“ kommt der Schulgarten ins Spiel. „Wir kooperieren mit der Förderschule“, berichtete Philip Jenning. „Die Schüler kommen zu uns, pflanzen und schauen, wie es wächst. Und wir bringen ihnen etwas über die Natur und die Pflanzen bei.“ Im Wildpark Güstrow haben die Grünen Helden mit dem Bau eines Insektenhotels und von Schildern ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.

Der Schulgarten wirkt selbstverständlich in den Fachunterricht hinein. So haben Schülerinnen und Schüler ein 3D-Modell des Schulgartens im Informatik-Unterricht entworfen. Gerade sind die Jugendlichen dabei, eine Nistkastenkamera zu programmieren und eine Richtantenne für das WLAN zu bauen, um das Signal aus dem Kasten ins Schulhaus zu übertragen. Eine Schulgarten-App ist in Vorbereitung und der Bau eines Schulgartenroboters. „Vielleicht kann der dann das Unkrautjäten übernehmen“, witzelt Emanuel Nestler.

 

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