"Natürlich ist das übertragbar"

Von Finnland lernen, heißt besser werden. Nach diesem Motto sind seit der Veröffentlichung der PISA-Studie im Dezember 2001 zahllose Pädagogen und Politiker in das kleine skandinavische Land gereist, um vor Ort zu sehen, worin das Erfolgsrezept des dortigen Bildungswesens liegt. Rainer Domisch vom Zentralamt für Unterrichtswesen hat schon manche Besuchergruppe in Helsinki im Empfang genommen und erläutert im Interview die Vorzüge und die Übertragbarkeit des finnischen Bildungswesens.

Porträtfoto von Rainer Domisch

Online-Redaktion: Herr Domisch, aus der Ferne betrachtet - glauben Sie, dass die derzeit in Deutschland geführten Diskussionen und begonnenen Maßnahmen in der Bildungspolitik Schritte in die richtige Richtung weisen?

Domisch: Ich kann mich zu Einzelheiten nicht äußern, aber Diskussionen über Bildung sind immer richtig, wenn es darum geht, Kindern und Jugendlichen ein Dasein in der Schule zu ermöglichen, das von einer guten Lernkultur zeugt.

Online-Redaktion: Seit dem PISA-Schock sind viele Politiker und Pädagogen nach Schweden und zu Ihnen nach Finnland gereist. Man kann diese beiden skandinavischen Länder aber nicht über einen Kamm scheren. Worin unterscheiden sie sich in ihren Bildungswesen?

Domisch: Gemeinsam ist beiden Ländern die Schule für alle, die gemeinsame Schule, die yhtenäinen koulu bis zur neunten Klasse. In Schweden ist aber schon vor Jahren die Integration von allgemein und beruflich bildenden Schulen in den Gymnasien vollzogen worden. In Finnland gibt es dagegen nach der neunten Klasse die Trennung in allgemein bildende Gymnasien und in die berufliche Ausbildung.

Online-Redaktion: Welches sind denn die Vorzüge des finnischen Bildungswesens?

Domisch: In Finnland werden keine Schüler ausgegrenzt. Man versucht statt dessen, sich um alle Schülerinnen und Schüler zu kümmern und jeden so weit wie möglich zu bringen. Das ist auch das Selbstverständnis der Lehrer- und der Schulleiterverbände. Die Lehrerinnen und Lehrer verstehen ihren Beruf als Möglichkeit und Aufgabe, jedem einzelnen gerecht zu werden. Man könnte dies auch als Solidaritätsprinzip bezeichnen: Alle gehören zusammen, und man schaut, dass alle mitkommen. Das ist hier völlig selbstverständlicher Konsens, in den Kommunalwahlen am Wochenende hat das Schulsystem daher auch überhaupt keine Rolle gespielt.

Online-Redaktion: Die Schulen selektieren ihre Schüler also weniger als in Deutschland?

Domisch: Auch wenn manche das in Deutschland behaupten und anders gesehen haben wollen - Selektion gibt es nicht. Wenn man eine selbstgewählte Entscheidung mit Selektion vergleichen kann, dann treffen die Schülerinnen und Schüler diese am Ende der neunten Klasse. Mit dem Notendurchschnitt des Abschlusszeugnisses der grundbildenden Schulausbildung können sie sich für eine weiterführende Schule bewerben und dabei inhaltliche Schwerpunkte und Zielsetzungen anstreben. Die PISA-Studie hat dargestellt, dass der Zusammenhang zwischen Schulleistung und sozialer Herkunft relativ gering ist.

Online-Redaktion: Werden denn in der Einheitsschule Noten vergeben?

Domisch: Von Klasse eins bis vier dürfen nach dem Schulgesetz keine Noten in Ziffernform, wohl aber Beurteilungen und sehr viel gemeinsame Beurteilungen der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer abgegeben werden. Es finden ständig Beurteilungsgespräche statt, bei denen auch die Eltern dabei sein können. In den Klassen fünf und sechs können die Schulen selbst entscheiden, ob sie Ziffernnoten geben wollen. Erst ab Klasse sieben müssen Ziffernnoten gegeben werden. Das geht Hand in Hand mit der finnischen Schulkultur, die sich seit den sechziger Jahren grundlegend verändert hat. Bis dahin besaß das Land eine Dreigliedrigkeit wie in Deutschland.

Online-Redaktion: Und Sitzenbleiben?

Domisch: Sitzenbleiben gibt es so gut wie nicht, denn bei Auftauchen von Defiziten wird sehr früh schon mit Stütz- und Fördermaßnahmen begonnen. Damit möchte man Demotivation bei Schülern, die nicht so gut im Unterricht mitkommen und sich dann möglicherweise überfordert fühlen, verhindern. Man versucht, ihnen so weit wie möglich zu helfen und sie individuell zu fördern. Wenn zusammen mit den Eltern entschieden wird, dass die vollständige Wiederholung eines Schuljahres etwas nützt, und diese dem zustimmen, kann es als Ausnahme vorkommen.

Online-Redaktion: Sie sprachen von der Veränderung des Schulsystems seit den sechziger Jahren. Was hat denn damals das Umdenken ausgelöst?

Domisch: Die damalige Regierung hat nach vielen parlamentarischen Beratungen, Ausschüssen und Debatten ein neues Schulsystem in die Wege geleitet, das mehr Chancengleichheit auch auf dem flachen Lande ermöglichen und Finnland besser auf die nächsten Jahrzehnte vorbereiten sollte, indem alle Begabungsreserven ausgenutzt würden. Häufig wird behauptet, dass diese Schulform von jener der DDR kopiert worden sei, was so nicht stimmt. Die Struktur einer Schule für alle gab es in Finnland schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es fanden dann Bestrebungen statt, dieses System nach dem Ersten Weltkrieg einzuführen, was an vereinzelten Schulstandorten in Helsinki im Lauf der Jahrzehnte auch geschah.

Online-Redaktion: Eine individuelle Förderung benötigt wahrscheinlich eine entsprechend gute personelle Ausstattung an den Schulen.

Domisch: So ist es. Die Lehrerinnen und Lehrer haben ein geringeres Stundendeputat, verdienen auch weniger als die deutschen Kolleginnen und Kollegen, aber sie erhalten eine ganze Reihe von Unterstützungsangeboten in Form zum Beispiel des Schülerfürsorgeausschusses, den es an jeder Schule gibt. Hier sitzen die Schulleitung, die Lehrerinnen und Lehrer, die Gesundheitsfürsorgerinnen, die Sonderpädagogen, die Schulassistenten, die Kuratoren - das sind Sozialarbeiter, die die Verbindung zu den Familien herstellen -, die Schulpsychologen, die an jeder Schule verfügbar sind, und die Schullaufbahnberater zusammen. Wenn zusätzliche Hilfe benötigt wird, kann man einen Arzt oder Neurologen und die Eltern hinzuziehen.

Online-Redaktion: Glauben Sie, dass man dies auf Deutschland übertragen kann? Finnland hat ja eine ganz andere Sozialstruktur, weniger Migranten und eine wesentlich geringere Bevölkerungsdichte.

Domisch: Natürlich ist das übertragbar. Die Schulkultur hat sich in Finnland ja auch in den vergangenen Jahrzehnten von einem auslesenden zu einem unterstützenden System gewandelt, worunter die Leistungsstärke, wie Studien belegen, nicht gelitten hat - im Gegenteil.

In Finnland spricht man nicht von Migranten, sondern von Kindern mit einer anderen Muttersprache. Ich glaube nicht, dass es bei ihnen auf die Zahl ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie man mit ihnen umgeht. Die Vorschulkinder erhalten beispielsweise 20 Stunden Finnisch pro Woche, ehe sie in die erste Klasse kommen. Seiteneinsteiger mit einer anderen Muttersprache erhalten Zusatzunterricht und werden sukzessive in die Klassen eingegliedert. Das sind Maßnahmen, die man überall einleiten könnte und die von Erfolg gekrönt sein würden. Man kann natürlich nicht alles auf einmal machen, aber wenn man die Schülerinnen und Schüler motiviert und sie so gut wie möglich in die Klassen miteinbezogen und anerkannt werden, ist das besser, als sie nur mitlaufen zu lassen. Letzteres erzeugt nur Schwierigkeiten für sie selbst, die Mitschüler und die Lehrer.

Online-Redaktion: Wie unterscheidet sich die Lehrerausbildung denn von der deutschen?

Domisch: Hier ist in den letzten Jahren sehr viel reformiert worden. Es ist mehr Schulpraxis von Anfang an eingeführt worden. Man unterscheidet zwei Ausbildungsarten: Einmal die Klassenlehrerin beziehungsweise den Klassenlehrer, der von Klasse eins bis sechs unterrichtet, und zum anderen die Fachlehrerin beziehungsweise den Fachlehrer. Für die Klassenlehrer gibt es Tests, psychologische Aufgaben, bei denen sie in der Arbeit mit Kindern oder in der Zusammenarbeit in Gruppen beobachtet werden. Die dort erwiesene Kompetenz dient als Voraussetzung für den Lehrerberuf. Von den 1.200 Bewerberinnen und Bewerbern, die im letzten Jahr in Helsinki das Klassenlehrerstudium aufnehmen wollten, sind 120 angenommen worden. Auch die Fachlehrer müssen ihr pädagogisches Können beweisen.

Online-Redaktion: Auf Fehmarn ist ein Projekt geplant, das sich an das finnische System der Einheitsschule anlehnt.

Domisch: Ja, ich bin auch auf eine Einladung hin schon dort gewesen und habe den Eindruck gewonnen, dass man auf Fehmarn ähnliche Vorstellungen hat wie im Finnland der sechziger Jahre: Man will eine Schule für alle Kinder, um Schülerinnen und Schüler mit hohen Begabungen wie auch mit großen Defiziten gleichermaßen zu fördern. Fehmarn ist ja wie Finnland ein sehr ländliches Gebiet.

Online-Redaktion: Die finnischen Erfahrungen zeigen also, dass die schwachen Schüler die starken nicht behindern, sondern die starken Schüler die schwachen mitziehen?

Domisch: So ist es. Der Schulleiter einer ländlichen Schule erzählte mir unlängst, dass die begabten Kinder von dem gemeinsamen Lernen und Leben mit schwächeren Schülerinnen und Schülern in der Schule noch mehr profitieren als umgekehrt.

Online-Redaktion: Wie steht es denn mit der Ganztagsschule in Finnland?

Domisch: Ich habe gerade heute eine Veröffentlichung bekommen, in der es um die Morgen- und Nachmittagsbetreuung 2004 geht. Darin ist die gesetzliche Grundlage enthalten, die nun dahingehend geändert worden ist, dass ab diesem Herbst die Vor- und Nachmittagsbetreuung für die Sieben- und Achtjährigen vorgeschrieben wird.

Ansonsten nehmen darüber hinaus derzeit etwa zehn Prozent der finnischen Schülerinnen und Schüler an einem gebundenen Ganztag teil. Die restlichen 90 Prozent haben zwar keinen über den ganzen Tag rhythmisierten Unterricht, sind aber dennoch den ganzen Tag an der Schule. Das liegt daran, dass die Schulen aus mehr als nur aus Klassenzimmern bestehen, sondern auch aus der Mensa mit dem warmen Mittagessen oder der Bibliothek, die in der Regel sehr gut ausgestattet ist. Am Nachmittag laufen auch sehr viele Arbeitsgemeinschaften und Fördermaßnahmen, in denen die Lehrer die Schülerinnen und Schüler unterrichten. Nach dem neuen Rahmenplan ist auch die Verpflichtung zu fächerübergreifendem Lernen vorgeschrieben. Es gibt Schulen, die sind bis abends 20 Uhr geöffnet - auch freitags. Dort findet Betreuung statt, und die Schülerinnen und Schüler engagieren sind zum Beispiel in Filmclubs.

Online-Redaktion: Das entspricht dann mehr dem Modell der offenen Ganztagsschule mit freiwilligen Angeboten?

Domisch: Ja, man orientiert sich hier mehr an Angeboten als an Verpflichtungen. Diese Ganztagsbetreuung wird auch allein schon aus gesellschaftlichen Erfordernissen - in Finnland arbeiten ja über 80 Prozent der Frauen - zunehmen. Ziel ist es natürlich, über die ersten beiden Jahrgangsstufen hinaus die Ganztagsbetreuung generell einzuführen. Das ist nur noch eine Frage der Kosten. Dadurch dass die Kommunen Schulträger sind - nicht nur was die Bauten und Finanzen betrifft, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht - sieht es von Schulstandort zu Schulstandort ganz verschieden aus, welche Möglichkeiten es gibt, welche Vereine und sonstigen Partner beispielsweise mitarbeiten können.

Online-Redaktion: Ist es von Vorteil, dass die Verantwortlichkeiten so gebündelt vor Ort liegen?

Domisch: Ja, weil es einfach effektiver ist. Man fragt nicht, was von oben kommt oder was man machen darf oder soll, sondern es wird nur der Rahmen vorgegeben, in dem sich die Kommunen dann bewegen. Inhaltlich werden lediglich die Ziele vorgegeben. Im Fall der Morgen- und Nachmittagsbetreuung zum Beispiel lauten diese "Kooperation zwischen Schule und Elternhaus", "Unterstützung des Gefühlslebens und der sozialen Entwicklung", "Unterstützung der ethischen Erziehung" sowie "Erzielung von Chancengleichheit und Verhindern von Ausgrenzungen". Diese Rahmenvorschrift umfasst ganze 20 Seiten.

Rainer Domisch

geboren am 6.12.1945 in Schwäbisch Hall. Verheiratet, vier 4 Kinder. Grundschule und Gymnasium. Lehrerstudium Deutsch und Englisch. Lehrer im baden-württembergischen Schuldienst. Mitglied in verschiedenen Lehrplanprojekten und in Schulprojekten des Kultusministeriums Baden-Württemberg; Mitarbeit in der Lehrerfortbildung des Landes Baden-Württemberg.1979 -1989 Entsandter Lehrer der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen/ Bundesverwaltungsamt Köln/ Auswärtiges Amt an der Deutschen Schule Helsinki; Fachleiter für Deutsch als Fremdsprache; Organisation und inhaltliche Gestaltung der weltweiten Fortbildungslehrgänge der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen/ Bundesverwaltungsamt für künftige Auslandslehrer in Helsinki seit 1981. 1989 -1991 Schuldienst in Baden-Württemberg. Ab 1991 entsandter Fachberater für Deutsch im Rahmen der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. Seit 1994 Arbeitsplatz in der obersten Schulbehörde Finnlands (Zentralamt für Unterrichtswesen/ Opetushallitus) in Helsinki. Leiter der Lehrplankommission für das Fach Deutsch und zuständig für Lehrerfortbildungsmaßnahmen für Deutschlehrer in Finnland. Im Juni 2001 Auszeichnung mit dem Ritterorden des Finnischen Löwen durch die finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen. Seit 1.1.2002 direkt der Leitung der obersten Schulbehörde zugeordnet.1.8.2002 Ernennung zum Opetusneuvos/Counsellor of Education beim Zentralamt für Unterrichtswesen als finnischer Beamter.

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