"Neue Musik in der deutschen Bildungspolitik"

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Cristina Allemann-Ghionda von der Universität Köln erläutert Programm und Bedeutung zweier internationaler und vom BMBF geförderter Tagungen: "Das deutsche Halbtagsmodell - ein Europäischer Sonderweg?" (1.-3. März 2007 in Köln) und "Bildungserfolg und Zweisprachigkeit" (16.-17. März 2007 in Berlin). Der internationale Vergleich hat der Wissenschaftlerin zufolge eine große Bedeutung, "denn je mehr man über die Länder, die über erfolgreiche Modelle verfügen, weiß, desto mehr wird es die Bildungspolitik beeinflussen". Die Tagung "Das deutsche Halbtagsmodell - ein Europäischer Sonderweg?" ist Teil des von der Volkswagen Stiftung geförderten interdisziplinären Forschungsprojektes "The 'Time Politics' of Public Education in Post-war Europe: An East-West Comparison", das Prof. Cristina Allemann-Ghionda seit 2005 gemeinsam mit Prof. Karen Hagemann (Technische Universität Berlin und University of North Carolina at Chapel Hill, Projektleitung) und Prof. Konrad Jarausch (Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam) durchführt.

Titelseite der Publikation The German Half-Day Model

Online-Redaktion: Prof. Allemann-Ghionda, was erhoffen Sie sich von der Tagung "Das deutsche Halbtagsmodell - ein europäischer Sonderweg?" Welche Schwerpunkte wollen Sie in Köln setzen?

Allemann-Ghionda: Wir haben uns vorgenommen, zum Thema der Zeitpolitiken der institutionellen Kinderbetreuung und der Ganztagsschule einen internationalen Vergleich vorzunehmen. An der Veranstaltung sind verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beteiligt. Das Thema ist besonders aktuell, seitdem Bundesfamilienministerin Ursula van der Leyen kürzlich angekündigt hat, dass die öffentlichen Ausgaben auf dem Gebiet der institutionellen Kinderbetreuung spürbar erhöht werden sollen. Sie hat auch signalisiert, dass dieser Bereich eine hohe Priorität in Deutschland genießen soll - eine ganz neue Situation in Deutschland.

Wir wollen auf der Tagung die internationale Situation auf diesem Gebiet untersuchen und Methoden vorstellen, um die internationalen Standards festzustellen. Die Orientierung an internationalen Standards, die zunehmend auch in Deutschland eine Rolle spielt, wollen wir wissenschaftlich unterstützen.

Das Programm hat folgende Schwerpunkte. Zuerst stellen wir theoretische und methodische Überlegungen vor, denn der internationale und interdisziplinäre Vergleich ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Zu dieser Thematik haben wir bei der Vorläufertagung in Potsdam schon viel gelernt, da wir dort viele Vorträge mit theoretisch-analytischen Modellen und empirischen Ergebnissen gehört haben.

Dann gibt es ein zweites Panel zu Familienpolitiken im Vergleich zwischen West- und Osteuropa. Dies ist uns ganz wichtig, weil die institutionelle Kinderbetreuung in den meisten Ländern von den Familienministerien gesteuert wird. Die Familienpolitik hat ganz massive Auswirkungen auf viele Bereiche wie die Geburtenrate, die Erwerbstätigkeit der Frauen, aber auch auf das Gedeihen der Kinder. Und wir wollen uns in Köln anschauen, wie die Familienpolitiken in den verschiedenen Ländern konzipiert sind.

Der dritte Schwerpunkt umfasst den ganzen Bereich der Kinderbetreuung im vorschulischen Alter und vorschulische Erziehung. In manchen Ländern Europas ist der Kindergarten flächendeckend, in manchen sogar obligatorisch ganztägig. Dahinter stecken Überlegungen, was eigentlich mit Kindern passiert, wenn sie außerhalb der Familie betreut und beschult werden. Bei Kleinkindern etwa ist eine qualitative Spielpädagogik wichtig. Ebenso beschäftigen wir uns im internationalen Vergleich mit dem Thema Zeitpolitik im Bereich der Schule. Einen vierten Schwerpunkt wird die Diskussion über Konsequenzen der verschiedenen Modelle der Zeitpolitik bilden, also die Auswirkungen auf die schulischen Leistungen und das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Wir diskutieren ferner die Konsequenzen auf die Geburtenrate und die Erwerbstätigkeit der Frauen.

Die Gender-Perspektive wird sich durch alle Vorträge als roter Faden ziehen. In den skandinavischen Ländern und Frankreich ist die Erwerbstätigkeit der Frauen und insbesondere der Mütter sehr hoch und gesellschaftlich völlig akzeptiert, anders als in Deutschland, wo Frauen oft noch schief angeschaut werden, wenn sie es wagen, berufstätig zu sein - vor allem, wenn sie dies nicht nur aus ökonomischen Zwängen tun.

Online-Redaktion: Wie ordnen Sie das Thema Ganztagsschule ein?

Allemann-Ghionda: Die Situation der Ganztagsschulen ist unterschiedlich, je nachdem, ob wir von West- oder Ostdeutschland sprechen. In Westdeutschland kann man in den letzen drei bis vier Jahren beobachten, dass es einen Anstieg gegeben hat, nicht zuletzt durch die IZBB-Mittel. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler im Ganztag massiv zunimmt. In Westdeutschland haftet der Ganztagsschule oft unberechtigterweise immer noch der Ruf an, dass es eine Schulform für "Sozialfälle" sei. Das ändert sich langsam. Wir wollen auch wissen, welche Forschungsergebnisse in den verschiedenen Ländern zu diesem Thema vorliegen - auch zu den Auswirkungen der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Hat sich die Perspektive der Forschung zum deutschen Halbtagsmodell im Ost-West-Vergleich durch den Internationalen Workshop verändert?

Allemann-Ghionda: Als ein wesentliches Ergebnis der ersten Konferenz nehmen wir mit, dass es große Unterschiede zwischen West- und Osteuropa gibt. So gibt es aufgrund der unterschiedlichen Systeme verschiedene Traditionen, die auch ideologisch begründet waren. Aber seit dem Fall der Mauer kann man beobachten, dass die Situation vor allem in Osteuropa sich sehr diversifiziert hat. Heute gibt es ganz unterschiedliche, eklektizistische Modelle. Neuerdings vertreten sogar die konservativen Parteien solche Positionen. Die Bundesfamilienministerin sagt, dass Ganztagsbetreuung wichtig für die Kinder ist, die Frauen ein Recht auf Berufstätigkeit haben und Ganztagsschulen positiv zu sehen sind. In Deutschland hat sich einiges zum Guten verändert.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt der virtuelle Austausch der Forscherinnen und Forscher seit dem Potsdamer Workshop?

Allemann-Ghionda: Der virtuelle Austausch von Papieren nur unter uns Wissenschaftlern ist eine relativ neue Form des wissenschaftlichen Austausches, die von uns allen sehr geschätzt wird. Der Austausch hat uns mit Sicherheit positiv beeinflusst in dem Sinne, dass wir uns Wissen auf eine andere Art angeeignet haben als über das mühsame Lesen von Büchern und Artikeln. Die Arbeit in Potsdam hat auch das Programm in Köln beeinflusst - wir haben das Programm nämlich umstrukturiert.

Titelseite der Publikation Bildungserfolg und Zweisprachigkeit

Im Frühjahr 2005 wurde dieses Projekt von uns bei der Volkswagen-Stiftung beantragt. Meiner Kollegin, der Historikerin Karen Hagemann und mir war unabhängig voneinander aufgefallen, dass es bis jetzt noch keinen internationalen Vergleich der Ganztagsmodelle und der Kinderbetreuung in Wohlfahrtsstaaten zwischen West und Ost gegeben hat. Frau Hagemann arbeitet seit dem Jahr 2000 an einer vergleichenden Analyse der Zeitpolitiken von Kindergärten und Schulen in Ost- und Westeuropa und sie hat zu diesem Thema bereits 2002 gemeinsam mit der Soziologin Prof. Karin Gottschall einen Aufsatz veröffentlicht hat, und vorher schon mit der Volkswagen-Stiftung über eine Projektförderung verhandelt. Die deutsche Forschung hatte zuvor dieses Thema nur aus deutscher Perspektive untersucht. Die Tagungen in Potsdam und nun in Köln verstärken stattdessen die vergleichende Perspektive. Das ist etwas wirklich Neues, weswegen auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hellhörig wurde und uns ermutigt hat, auf diesem Wege weiterzuarbeiten.

Ich würde so weit gehen und behaupten, dass der internationale Vergleich eine politische Bedeutung hat, denn je mehr man über die Länder, die erfolgreiche Ganztagsmodelle haben, weiß, desto mehr wird es die Bildungspolitik beeinflussen. Dazu tragen nicht nur die OECD-Untersuchungen bei, sondern auch unsere Forschungen. Ich denke, dass der internationale Vergleich immer mehr zum Politik bildenden Faktor wird. Wir werden jetzt über viel mehr Daten verfügen.

Online-Redaktion: Zwei Wochen nach der Kölner Tagung findet eine bedeutende Expertentagung zum Thema "Bildungserfolg und Zweisprachigkeit verschiedener Migrantengruppen unter besonderer Berücksichtigung italienischer Schülerinnen und Schüler statt". Was sind die Ziele dieser ebenfalls vom BMBF geförderten Veranstaltung?

Allemann-Ghionda: Bildungserfolg und Migration ist ein Thema, zu dem ich seit Jahrzehnten forsche. Die Idee zu der Tagung ist in Gesprächen mit der italienischen Botschaft aus der Beobachtung heraus entstanden, dass der Bildungserfolg vor allem der italienischen Schülerinnen und Schülern an deutschen Schulen nicht so brillant ist. Das hat nichts mit kulturellen Hintergründen zu tun.

Mit Unterstützung des BMBF haben wir rund 50 Forscherinnen und Forscher angefragt. Auch der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Prof. Jürgen Zöllner, hat auch seine Teilnahme zugesagt, was ich besonders erfreulich finde.

Die neue Musik, die man in der deutschen Bildungspolitik hört, klingt so: Migration ist eine Chance. Fast ein Drittel der jungen Menschen bis 25 Jahre haben einen Migrationshintergrund - und das deutsche Bildungssystem kann sich nicht mehr leisten, dies zu ignorieren. Wir wollen neuere Forschungsbeiträge in Zusammenhang mit den PISA-Ergebnissen diskutieren. Unser Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die zweisprachige Sozialisation bei den Migranten dabei eine ganz wichtige Rolle spielt, und was getan werden kann, damit der Unterricht und die Kommunikation zwischen Schule und den Eltern besser wird.

Die Italiener sind die älteste Community in Deutschland - seit 50 Jahren gibt es italienische Migranten. Statistisch betrachtet haben sie den geringsten schulischen Erfolg. Die Italienische Botschaft möchte alles tun, um Wege zu finden, damit die Förderung besser klappt. Es hat keinen Sinn, dass auf dem Schulhof nur deutsch gesprochen wird, sondern es kommt auf eine aktive Förderung der Zweisprachigkeit an. Wir wollen die Öffentlichkeit für dieses ernste Thema sensibilisieren, mit dem sich die Bildungspolitik auseinandersetzen muss - die Wissenschaft tut dies sowieso.

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