Wissenschaft trifft Ganztagsschule: „Wir sind doch die Guten“

In einer neuen Vortragsreihe der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ NRW kommt die Wissenschaft zu Wort. Prof. Karim Fereidooni sprach über „Rassismuskritik – ein Thema für Ganztagsschulen?!“

Im Juli 2018 startete die Vortragsreihe zu aktuellen Ganztagsschulthemen.© SAG NRW

„ganz!im Gespräch – Wissenschaft trifft (Ganztagsschul-)Praxis“ heißt eine neue Veranstaltungsreihe der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Nordrhein-Westfalen. Themen sind beispielsweise „Umgang mit Vielfalt“, „Demokratiebildung“ und „Multiprofessionelle Kooperation“ in der Ganztagsschule. Prof. Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum, der Studien zum Thema Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Schulwesen durchgeführt hat, sprach über „Rassismuskritik – ein Thema für Ganztagsschulen?!“ Der Sozialwissenschaftler setzt sich dafür ein, das Thema stärker in der Lehrerbildung und in den Schulen zu verankern. Im Interview berichtet er über seine Forschungen.

Online-Redaktion: Prof. Fereidooni, was heißt Rassismuskritik?

Porträtfoto Karim Fereidooni
Prof. Dr. Karim Fereidooni© RUB

Karim Fereidooni: Rassismuskritik bezeichnet die Kritik an bestimmten rassismusrelevanten Wissens- und Handlungsstrukturen. Sie bezieht sich darauf, dass alle Menschen in einem bestimmten Maß mit Rassismus konfrontiert sind und mit Hilfe dieser Wissensbestände ihren Alltag strukturieren. Das betrifft Menschen mit Migrationshintergrund ebenso wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Der Unterschied besteht darin, dass Personen mit Migrationshintergrund über keine ausreichende gesellschaftliche Macht verfügen, ihre Wissensbestände und Deutungen in wichtigen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Arbeits-, Bildungs- und Wohnungsmarkt zur Geltung zu bringen. Menschen ohne Migrationshintergrund besitzen hingegen eine solche gesellschaftliche Macht.

Es geht also darum, den Status quo zu kritisieren und zu thematisieren, inwiefern der Einzelne in seiner Sozialisation entsprechende Erfahrungen gemacht hat und in Sprache und Verhalten reproduziert. In meinem Vortrag habe ich Ergebnisse meiner Forschung über Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Lehrkräften herangezogen. Aber es ging auch darum zu zeigen, wie Schülerinnen und Schüler Rassismus wahrnehmen.

Online-Redaktion: Ein Thema für Ganztagsschulen?

© Britta Hüning

Fereidooni: Ja natürlich, dieses Thema betrifft alle Schulen. Es überhaupt in der Schule zu thematisieren, ist das Wesentliche. Ich denke, dass der Schlüssel bei den Lehrkräften liegt. Wenn sie wirklich wissen, was Rassismus ist, was ihn von Diskriminierung unterscheidet und wie er in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft und in der Institution Schule funktioniert, dann können sie das Wissen weitergeben an ihre Schülerinnen und Schüler.

Bevor Lehrkräfte das Thema in den Unterricht einbinden können, muss es allerdings erstmal überhaupt Bestandteil der universitären Lehre werden. Im Moment kenne ich nur eine Handvoll Personen, fünf Professorinnen und Professoren in ganz Deutschland, die Lehrerinnen und Lehrer in Bezug auf Rassismuskritik ausbilden. Das Thema spielt für angehende Lehrkräfte leider noch keine große Rolle, es ist noch ein zartes Pflänzchen.

Online-Redaktion: Wie ist das an der Ruhr-Universität in Bochum?

Workshop des Schülerlabors
Das Alfried-Krupp-Schülerlabor der RUB bietet rund 100 Projekte an.© RUB Kramer

Fereidooni: Wir warten nicht auf den großen Wurf, dass die Curricula umgeschrieben werden, sondern widmen uns dem Thema schon jetzt. Ich selbst bin Fachdidaktiker für sozialwissenschaftliche Bildung, bilde also Politiklehrkräfte aus. Wir besprechen Themen wie den NSU oder Racial Profiling und geben den Studierenden Hilfestellung, um Unterrichtssequenzen zum Thema NSU durchführen zu können. Wir haben das Glück, an der Universität über das Alfried-Krupp-Schülerlabor zu verfügen, das mit Schulen im Ruhrgebiet kooperiert. Schülerinnen und Schüler kommen für einen ganzen Tag zu uns, und die Studierenden unterrichten sie zu einem bestimmten Thema. Ich bereite gerade einen Sammelband vor, in dem ich Beispiele liefere, wie in 14 Schulfächern rassismuskritische Inhalte thematisiert werden können.

Schülerlabor mit dem Thema „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“. © RUB Kramer

Online-Redaktion: Die Politikdidaktikerin Sibylle Reinhardt nannte Ihre Studie „Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im deutschen Schulwesen“ – Ihre Dissertation an der Universität Heidelberg – „inhaltlich einen Meilenstein für Didaktik und für Bildungssoziologie“. Welche Erkenntnisse enthält sie?

Fereidooni: Meine Studie ist quantitativ und qualitativ angelegt. Per Fragebogen wurden 159 Lehrkräfte und Referendarinnen und Referendare befragt. Dazu habe ich problemzentrierte Interviews mit zehn Personen aus dieser Gruppe geführt: fünf, die angaben, dass sie Rassismuserfahrungen gemacht haben, und fünf, die meinten, Rassismus spiele für sie keine Rolle. Der spannendste Befund ist, dass beide Gruppen vergleichbare Erfahrungen hatten, nur dass Letztere es nicht als Rassismus benennen kann oder will. Ich konnte herausarbeiten, warum Menschen das Thema nicht benennen, in der Wissenschaft nennt man das Dethematisierungsstrategien.

© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie sieht eine solche Dethematisierungsstrategie aus?

Fereidooni: Zum einen wird das Erlebte verleugnet, zum anderen distanziert man sich, zum Beispiel von Sprüchen der Kollegen, indem man diese nicht ernst nimmt. Manche sagten, wenn man sich nur integriere, dann akzeptierten die Deutschen einen endlich. Ein Sportlehrer erzählte, dass er zweimal nach dem Unterricht die Halle kontrolliere, um nicht Stereotype zu bedienen, dass er als „Ausländer“ nur Siesta hielte. Eine Befragte räumte ein, dass sie sich diskriminiert gefühlt habe, meinte aber: „Ich muss mit den Kollegen ja noch ein paar Jahrzehnte zusammenarbeiten.“ Damit wären wir beim Kernpunkt: Es gibt eine Schwierigkeit, über Rassismus zu sprechen. Und der Umstand, darüber sprechen zu wollen, wird häufig schnell skandalisiert.

Schülerinnen im Sportunterricht
© Britta Hüning

Manche sehen sich auch zu Unrecht beschuldigt. „Ich bin seit Jahrzehnten in der GEW, wie kannst du so etwas sagen?“, heißt es dann zum Beispiel. Rassismus wird geschichtlich auf das Dritte Reich oder gesellschaftlich auf Rechtsextreme beschränkt. Alltagsrassismus in der Mitte der Gesellschaft, auch unter gut situierten und beamteten Lehrerinnen und Lehrern, wird negiert. Wenn Sie so wollen: „Wir sind doch die Guten!“

Online-Redaktion: Was heißt Alltagsrassismus?

Fereidooni: Er operiert vordergründig nicht mit dem biologistischen Deckmantel, mit unterschiedlichen Rassen, sondern mit vermeintlichen Kulturen. „Ich weiß nicht, ob meine geflüchteten Schüler mit ihrer islamischen Kultur mich als Frau überhaupt ernstnehmen“ beispielsweise. Fehler werden anders gedeutet. Macht eine deutsche Lehrperson einen Fehler an der Tafel, gilt das als Flüchtigkeitsfehler, als Unaufmerksamkeit. Bei Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund heißt es schnell: „Na ja, Deutsch ist ja nicht deine erste Sprache.“

© Britta Hüning

Online-Redaktion: Gibt es Kooperationspartner, die in Ganztagsschulen dafür sensibilisieren könnten?

Fereidooni: Sicherlich. Es gibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die Antidiskriminierungsbüros in vielen Städten. In Berlin gibt es den Verein „Each One Teach One“, der sich für die Interessen schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen einsetzt. Schulen können zu einem Pädagogischen Tag Fachleute einladen, die vor dem Kollegium zu dem Thema sprechen und diskutieren. Auch „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist ein geeignetes Projekt, wobei ich kritisiere, dass das eine schülerzentrierte Initiative ist und die Lehrkräfte häufig wenig eingebunden sind. Bei allen Kooperationen werden indes Geld und – zumindest in Halbtagsschulen – Zeit ein Problem darstellen. Ich war selbst sechs Jahre lang Lehrer an einer Halbtagsschule, und es gab nie Zeit oder zumindest das Gefühl, keine Zeit zu haben.

Unterricht in einer Grundschulklasse
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie sieht es auf der Schülerseite aus?

Fereidooni: Wiebke Scharathow von der PH Freiburg hat 2014 in ihrer Dissertation eindrücklich nachgewiesen, dass auch für Schülerinnen und Schüler Rassismus ein Thema ist. Die Studie „'Ausländersein' an der Hauptschule“ von Olga Artamonova aus dem Jahr 2016 konnte das bestätigen. Da werden geschmacklose Witze gemacht, zum Beispiel im Unterricht: „Wir sind hier nicht in Kanakistan, benimm dich bitte.“

Online-Redaktion: Prof. Fereidooni, Sie haben sich auch an der Debatte um den Rückzug von Mesut Özil aus der Fußballnationalmannschaft beteiligt. Was sagt die Debatte über Diskriminierung und Rassismus in Deutschland?

© Britta Hüning

Fereidooni: Ich bin sehr froh, dass Sie hier nicht, wie in der Vorbereitung auf das Interview, nach Integration gefragt haben, denn das hat nichts mit Integration zu tun. Es geht um Partizipation. Erfolgreiche und gebildete Personen wollen partizipieren, sie wollen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger in unserer Gesellschaft wahrgenommen und angenommen werden und mitgestalten.

Deshalb sollte man diesen Diskussionen nicht skeptisch gegenüberstehen, sondern sich freuen. Man sollte es optimistisch formulieren: Die Menschen wollen dazugehören. Aber sie sagen auch: Seht unsere Alltagsrealität, die sich von eurer Alltagsrealität im Arbeits-, Bildungs- und Wohnungsmarkt unterscheidet. In dieser Debatte kann die Schule sehr viel bewirken. Aber da komme ich auf den Anfang zurück: Entscheidend sind die Lehrerinnen und Lehrer. Sie müssen ihre eigene Sozialisation verstanden und reflektiert haben, um anderen etwas beibringen zu können.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Prof. Dr. Karim Fereidooni, Jg. 1983, ist seit April 2016 Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Studium der Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Trier, 2012–2015 Promotionsstipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft; Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2012–2016 Lehrer am St. Ursula Gymnasium Dorsten, 2013–2017 Lehraufträge an der Hochschule Magdeburg-Stendal, am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln und am Lehrstuhl für Interkulturelle Bildungsforschung der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen, Diversity Studies, Schulforschung, Politische Bildung, Bullying.

Veröffentlichungen u. a.:

Fereidooni, K. & El, M. (Hg.) (2017): Rassismuskritik und Widerstandsformen. Wiesbaden: Springer VS.
Fereidooni, K. (2016): Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Schulwesen. Eine Studie zu Ungleichheitspraktiken im Berufskontext. Wiesbaden: Springer VS
Fereidooni, K. (2011): Schule – Migration – Diskriminierung: Ursachen der Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen. VS.


Die Reihe „ganz!im Gespräch – Wissenschaft trifft (Ganztagsschul-)Praxis“ ist im Juli in Münster gestartet. Anmeldungsformalitäten und Dokumentationen finden Sie hier.

4. Juli 2018
„Bildung 2030 – 7 Trends, die die Ganztagsschule revolutionieren“
Prof. Dr. em. Olaf-Axel Burow

12. September 2018
„Umgang mit Vielfalt in der Ganztagsschule“
Prof. Dr. Matthias v. Saldern
 
10. Oktober 2018
„Rassismuskritik – ein Thema für Ganztagsschulen?!“
Prof. Dr. Karim Fereidooni
 
7. November 2018
17:30 – 19:00 Uhr 
„Partizipation und Demokratiebildung von Kindern und Jugendlichen in der Ganztagsschule“
Prof. Dr. Kathrin Aghamiri
 
5. Dezember 2018
17:30 – 19:00 Uhr 
„Multiprofessionelle Kooperation – Herausforderung und Nutzen für Ganztagsschulen“
Dr. Ilse Kamski

 

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