Hessischer Landeskongress: Miteinander in der Ganztagsschule

Pädagogische Beziehungen in der „Ganztagsschule als Ort für ein neues Miteinander“ waren ein Schwerpunkt des Hessischen Landeskongresses der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ in Fulda. Mit dabei waren auch viele Schulträger.

Kongressbesucher während der Kaffeepause
© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen

Unter all den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Hessischen Ganztagsschulkongresses der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ ist Julia Schäfer eine echte „Ganztagsveteranin“. Nicht nur, dass die Schulleiterin 2016/2017 den Ganztag an der Grundschule Hausen einführte und kürzlich zur Goetheschule Buseck wechselte, die auch Ganztagsschule ist – beide im „Pakt für den Nachmittag“. Schon 1998 hatte die damalige Lehramtsstudentin ihre Examensarbeit zur „Notwendigkeit der schulischen Ganztagsbetreuung“ geschrieben. Auf dem Kongress stellte sie in einem von sieben Nachmittagsworkshops „Steuerung und Konzeptentwicklung im Pakt für den Nachmittag“ vor.

Julia Schäfer ist selbsterklärte „Überzeugungstäterin“ in Sachen Ganztag, und von diesen gibt es in Hessen zur Freude von Michael Schmitt, des Leiters der Serviceagentur, offenkundig sehr viele: „Wir mussten bei 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Anmeldungsliste schließen.“ Die Interessierten strömten am 26. September 2018 ins Bonifatiushaus in Fulda, um sich unter der Überschrift „Meine Schule? Deine Schule? Unsere Schule! – Ganztagsschule als Ort für ein neues Miteinander“ zu informieren und zu diskutieren.

Verlässliche Bildungs- und Betreuungsangebote

Michael Schmitt leitet die Serviceagentur „Ganztägig lernen“.© Redaktion

„Es sind nicht nur Lehrkräfte“, so Schmitt, „sondern vertreten sind alle Professionen. Wir wollen mithelfen, dass wir von Kooperationen zu multiprofessionellen Teams kommen.“ Wichtig findet Schmitt auch, dass viele Schulträger anwesend sind: „Es entsteht ein pädagogisches Bewusstsein bei den Schulträgern. Das ist schön zu sehen.“

Auch Wolf Schwarz freute sich über den Zuspruch – und über eine Ganztagsschulentwicklung in den letzten Jahren, „auf die wir alle stolz sein können“. Der Leitende Ministerialrat im Hessischen Kultusministerium verwies in seiner Begrüßung auf die gestiegenen Teilnahmezahlen zum Beispiel von Schülerinnen und Schülern in Ganztagsschulen, die am „Pakt für den Nachmittag“ teilnehmen. Im „Pakt“ haben Land und Schulträger gemeinsam Verantwortung für ein Bildungs- und Betreuungsangebot übernommen. Die beteiligten Grundschulen und Grundstufen von Förderschulen stellen an fünf Tagen der Woche von 7.30 bis 17.00 Uhr und erstmals auch in den Schulferien ein verlässliches, aber freiwilliges Bildungs- und Betreuungsangebot bereit.

Blick in den Raum während eines Vortrags von Wolf Schwarz
Ministerialrat Wolf Schwarz: „Entwicklung, auf die wir stolz sein können“© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen

„In drei Jahren haben sich die Schülerzahlen im ‚Pakt’ von 14.000 auf 29.000 erhöht“, bilanzierte Schwarz. Eine Zielsetzung der Ganztagsschule in Hessen bestehe in der ganzheitlichen Förderung, die Ernährung, Bewegung und Entspannung beinhalte. „Dies haben wir in die Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen aufgenommen“, erklärte Schwarz. „Im Zuge dessen wollen wir noch mehr Bewegungs- und Gesundheitsangebote in die Ganztagsschulen bringen.“

Mit Bewegung kommt „Bildung ins Gleichgewicht“

Gleich selbst ausprobieren: Bewegung in der Mittagspause© Redaktion

In der Mittagspause des Kongresses wurde damit schon einmal begonnen: Für die Zeit von 11.45 und 12.30 Uhr hatte die Serviceagentur „Bewegungs- und Entspannungsworkshops“ angesetzt, die bei schönem Wetter viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das Außengelände führten. Hier probierten sie Bewegungsübungen ganz praktisch selbst aus, wie im Workshop von Sebastian Herbert. Der Lehrer und Fachberater für „Bewegung und Wahrnehmung“ am Staatlichen Schulamt in Fulda stellte „Kleine Spiele für zwischendurch“ vor. Diese fördern soziale Kompetenzen, die Lehrer-Schüler-Beziehung, wirken inklusiv und intensivieren die Erinnerung an Gelerntes.

Lehrerin tanzt mit Schülerinnen und Schülern im Klassenraum
Bewegung in der Schenkelsbergschule in Kassel© Britta Hüning

Beatrix Wattenbach, Grundschullehrerin und Schulsportkoordinatorin an der Schenkelsbergschule in Kassel, berichtete in ihrem Workshop „Bewegung macht schlau – Kinder als Bewegungsexperten“, dass „Bewegung Auswirkung auf Leistung und Konzentration“ habe. Nachdem Fachlehrerinnen und -lehrer geklagt hatten, dass in Randstunden wegen der Unruhe der Schülerinnen und Schüler kaum noch Unterricht möglich sei, begann Beatrix Wattenbach mit Kolleginnen und Kollegen, einen Fundus an Bewegungsspielen aufzubauen. Die Spiele werden nun von Lehrkräften gezielt eingesetzt wird, um Bewegung in den Unterricht zu integrieren. Mit vollem Erfolg: „Die Kinder sind Feuer und Flamme.“

Für Claudia Berthold-Behnisch, Lehrerin an der Südringgauschule Herleshausen, einer Grund-, Haupt- und Realschule mit Förderstufe, kommt mit Bewegung „Bildung ins Gleichgewicht“. Sie hat Bewegungsübungen von nur drei Minuten Länge in den Unterricht integriert. „Selbst anfangs skeptische Kollegen haben diese Übungen inzwischen übernommen, weil sie sehen, dass es ruhiger in der Klasse wird. Es tut was mit der Gemeinschaft. Und wir haben evaluiert, dass die Leistungen in Klassen, in denen wir die Bewegungsübungen einsetzen, deutlich verbessert gegenüber einer Kontrollgruppe sind.“

Das Angewiesensein des Menschen auf Anerkennung

Prof. Annedore Prengel: „Kinder brauchen verlässliche Beziehungen“ © Redaktion

Für den Hauptvortrag hatte die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Prof. Annedore Prengel eingeladen. Die Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main stieg in ihr Thema „Zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ mit einer Reflexion des Oscar-Gewinners „Moonlight“ ein. „Der Film verweist auf das universelle Angewiesensein eines jeden Menschen auf Anerkennung. Jeder von uns braucht jemanden, der uns unterstützt.“ Unterstützendes Halten und freiheitsgebendes Loslassen – dies sei, wie im Film gezeigt, die Mischung, die auch Lehrkräfte gegenüber Schülerinnen und Schülern finden müssten.

In dem von ihr geleiteten Projektnetz INTAKT (Soziale Interaktionen in pädagogischen Arbeitsfeldern) kooperieren mehrere Forschungsvorhaben. Eine Beobachtungsstudie in 89 Schulen habe gezeigt, dass von den rund 12.000 im Unterricht beobachteten Interaktionen drei Viertel anerkennende und neutrale Handlungsmuster darstellten. Doch zu einem Viertel wurde auch psychisch verletzendes Lehrerverhalten dokumentiert, dessen sich Lehrerinnen und Lehrer manchmal gar nicht bewusst waren. „Alle Kinder brauchen, um sich entwickeln und lernen zu können, Erwachsene, die verlässliche und feinfühlige Beziehungen zu ihnen pflegen“, erklärte Annedore Prengel. „Es geht darum, allen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln.“

Zu wenig oder zu viele Angebote?

Gemeinsames Werken in der Waldschule Obertshausen© Britta Hüning

Den Tag beschlossen am Nachmittag sieben zweistündige Praxisworkshops. Die Themen reichten von „Ganztag und Inklusion“ über die „Lern- und Aufgabenkultur am Goethe-Gymnasium Bensheim“, die Ganztagskoordinatorin Nicole Guthier vorstellte, bis zum „Digitalen Lernen“ in der Freiherr-vom-Stein-Schule Hessisch Lichtenau, einer bildung.digital-Netzwerkschule im Programm "Ganztägig bilden". Für das Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) steht Programmleiterin Maren Wichmann, die in ihrem Grußwort die Wichtigkeit von „well-being“ in der Ganztagsschule betonte, das durch ein gutes soziales Miteinander gefördert werde.

„Ganztagsveteranin“ Julia Schäfer berichtete in ihrem Workshop auch von eigenen Erfahrungen in ihrer ehemaligen Grundschule. „Wegen der fehlenden Betreuung sprangen uns viele Eltern ab“, und geringere Schülerzahlen bedeuteten wiederum ein eingeschränkteres Angebot an Arbeitsgemeinschaften. „Wir mussten uns auf den Weg machen. Der damals in der Pilotregion Gießen eingeführte Pakt für den Nachmittag kam da wie gerufen.“

Teilnehrerinnen und Teilnehmer bei einem Bewegungsspiel
Bewegung in Theorie und Praxis© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen

Unter Berücksichtigung der acht Kriterien aus dem „Qualitätsrahmen für die Profile ganztägig arbeitender Schulen“ erarbeitete das Kollegium ein Konzept. „Statt 15 unserer 70 Schülerinnen und Schüler waren bald bis zu 35 angemeldet“, erinnert sich Julia Schäfer. An ihrer jetzigen Schule ist das etwas einfacher. Der Ort ist größer, von 210 Schülerinnen und Schülern besuchen rund 120 den Ganztag. Mit Vereinen, Musikschule, Schulsozialarbeit, Lehrkräften, Betreuungskräften und Ehrenamtlichen können elf AGs angeboten werden. Die Probleme liegen hier anders. „Es ist ein schwieriger Spagat, den Tag nicht zu stark durchzutakten. Die Kinder brauchen auch Freizeit und Freiheit.“

Für jede Schule stellen sich eigene Fragen bei der Gestaltung des Ganztagsangebots. Julia Schäfer teilte ihr Wissen an diesem Kongresstag wie so viele andere. Das „Miteinander in der Ganztagsschule“, es begann schon dort.

 

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