Schulbaupreis NRW: Ganztag, Inklusion, Partizipation im Fokus

Schulen als öffentliche Orte haben nachhaltige Wirkung im sozialen Umfeld, das zeigte die diesjährige Verleihung des Schulbaupreises NRW am 24. September 2018 in Bochum. Auch Ganztagsschulen waren unter den Ausgezeichneten.

Schulbaupreis NRW 2013: Neues Gymnasium Bochum© Redaktion

Den Moment, als die Schülerinnen und Schüler 2012 in ihr neues Schulgebäude stürmen und im Atrium wie angewurzelt stehenbleiben, hat ein Fotograf in Bildern festgehalten. „Einen Schüler, der auf dem Foto mit buchstäblich offenen Mund zu sehen ist, habe ich gefragt, was in dem Moment durch seinen Kopf ging“, erzählt Oliver Bauer, Schulleiter des Neuen Gymnasiums in Bochum. „Das ist für uns?“, hatte der Schüler beim Eintreten ungläubig gedacht. Für Bauer ist es noch heute „etwas Besonderes, eine Schule im Alltag zu nutzen, die nicht alltäglich ist“.

Ein Jahr nach der Eröffnung wurde das beeindruckende Gebäude mit dem Schulbaupreis NRW 2013 ausgezeichnet. Aktuell hängt ein großformatiges Foto des Neuen Gymnasiums im Büro des Staatssekretärs im Schulministerium Mathias Richter: „Wenn ich Besuch habe, dann fragen die Gäste mich, was denn das für ein schönes Gebäude sei. Eine Unternehmenszentrale? Ein Forschungsinstitut?“

Architekturqualität: Wirkung des guten Beispiels

Blick durch das Dach des Foyers des Neuen Gymnasiums Bochum
Neues Gymnasium Bochum: Eingangsbereich© Redaktion

Am Abend des 24. September 2018 war nun das Neue Gymnasium selbst Gastgeber für die feierliche Verleihung des 3. Schulbaupreises und bot räumlich den bestmöglichen Rahmen für diese Veranstaltung. Im fünfjährigen Turnus verleihen das Ministerium für Schule und Bildung und die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen diesen Preis, an dem alle Schulträger als Bauherren und alle Architektinnen und Architekten teilnehmen können, die in gestalterischer und pädagogischer Hinsicht herausragende und vorbildliche Neu- und Umbaumaßnahmen an Schulen realisiert haben. Moderiert wurde die Veranstaltung von Frauke Burgdorff von der Agentur für kooperative Stadtentwicklung, die als Raumplanerin schon an der Entstehung der Bildungslandschaft Altstadt Nord in Köln mitgewirkt hat.

Mit dem Schulbaupreis wollen die Auslober die Architekturqualität von Schulgebäuden würdigen und deren nachhaltigen Einfluss auf die pädagogische Arbeit in der Schule betonen. Denn ausgezeichnete Schulgebäude beeinflussen ihrer Meinung nach als gute Praxisbeispiele auch die Qualität von Baumaßnahmen an anderen Schulen. „Sie zeigen das Machbare und erhöhen die Motivation für die Planung und Durchführung baulicher Maßnahmen“, so die Architektenkammer.

Schulbaupreis NRW 2018: Empfang zur Preisverleihung© Redaktion

„Wir müssen noch mehr mit denen ins Gespräch kommen, die die Schulen planen und nutzen.“ Mit diesen Worten erklärte Ernst Uhing, der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und Vorstandsmitglied der Bundesarchitektenkammer, zu Beginn der Preisverleihung. In den zehn Jahren Schulbaupreisverleihungen hätten einige Trends an Bedeutung gewonnen: „Ganztagsschule, Inklusion und Partizipation stehen heute noch stärker im Fokus. Die Schulen benötigen Räume für differenzierten Unterricht, Mensen, Betreuungs- und Aufenthaltsräume. Ganztagsunterricht kann nur schülergerecht durchgeführt werden, wenn auch Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten vorhanden sind. Auch die außenräumliche Planung erhält dadurch herausragende Bedeutung.“

„Stolz der Stadt“

Gruppenfoto der Veranstalter
(v.l.) Staatssekretär Mathias Richter, Architektin Ellen Dettinger, Raumplanerin Frauke Burgdorff und AKNW-Präsident Ernst Uhing© Architektenkammer NRW

Staatssekretär Richter stimmte zu: „Der Ausbau wird weitergehen und es wird in den kommenden Jahren enorm viel investiert werden. Die Schule muss dabei in den Sozialraum eingebettet sein, und deshalb wird es auch verstärkt darum gehen, ein angemessenes Umfeld um die Schule herum zu gestalten. Dazu wollen wir in Nordrhein-Westfalen zukünftig noch mehr planerische Expertise bei den Schulträgern aufbauen.“

Für diese Preisrunde waren 50 Bauprojekte eingereicht worden, die von einer Jury unter Vorsitz der Architektin Ellen Dettinger begutachtet wurden. In einer „guten und intensiven Diskussion“ im Schulministerium wurden schließlich zwölf Preisträger ausgewählt. „Die eingereichten Projekte haben uns mit ihrer hohen Qualität überzeugt“, berichtete Ellen Dettinger den Anwesenden. „Ich bin sicher, dass solche Verfahren wie der NRW-Schulbaupreis zu einer weiteren Bewusstseins- und Wissensbildung im Bereich der Schularchitektur beitragen – und dass dieser Prozess weiter Fahrt aufnimmt.“

Gemeinschaftsgrundschule Roetgen – Architektur: kadawittfeld architektur GmbH, Aachen© Andreas Horsky, Aachen

Wie weit der Ausbau von Ganztagsschulen schon vorangeschritten ist, spiegelt sich in der Preisträgerliste wider: Von den zwölf ausgezeichneten Schulen aller Schulformen haben acht einen Ganztagsbetrieb: die Grundschule Essen-Haarzopf, die Gemeinschaftsgrundschule Roetgen, das Lindengymnasium Gummersbach, die Gesamtschule Hörstel, die Gesamtschule Hürth, die Sekundarschule Olpe, die Peter-Ustinov-Realschule Köln und die Gesamtschule Lippstadt.

Alle zwölf Preisträger erhielten aus den Händen von Staatssekretär Richter und Kammerpräsident Uhing eine Urkunde und eine Plakette. Der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau, selbst von Hause aus studierter Raumplaner, konnte gleich zweimal auf die Bühne kommen, da zwei Berufskollegs seiner Stadt ausgezeichnet wurden. Er betonte: „In der Öffentlichkeit spielen oft Millionenprojekte wie das Kulturzentrum Dortmunder U oder der Phoenix-See eine große Rolle. Aber diese Einmalprojekte sind vergleichsweise günstige Objekte, wenn man sie mit den Summen vergleicht, die wir jährlich für die Bildung in der Stadt ausgeben.“ Und das sei richtig so: „Die öffentliche Infrastruktur muss der Stolz der Stadt sein, Bildungsbauten zumal.“

Partizipativ Planen mit allen Beteiligten

Gruppenfoto der Preistraegergruppe der Peter-Ustinov-Realschule
Die Preisträgergruppe von der Peter-Ustinov-Realschule, Köln© Architektenkammer NRW

Beatrix Will freute sich über die Auszeichnung für das Lindenforum des Lindengymnasiums Gummersbach. Nachdem 2014/2015 zwei städtische Gymnasien fusioniert waren, wurde 2016 ein Neubau mit Mensa, Freizeiträumen und einer großen Halle für Freistunden errichtet, der auch als Bildungs-, Familien- und Kulturzentrum genutzt wird und so zur Schnittstelle zwischen Schule und Stadt geworden ist. Die Schulleiterin berichtete: „Es war spannend und eine große Herausforderung, zwei Gymnasien unter einem Dach zu vereinen und gleich in den gebundenen Ganztag einzusteigen.“

An der Peter-Ustinov-Realschule in Köln entstand 2014 ein Erweiterungsneubau für den Ganztag, in dem die Mensa und Klassenräume sowie vielfältig nutzbare Flurbereiche untergebracht sind, die selbstorganisiertes Lernen erleichtern und informelle Treffen der Schülerinnen und Schüler ermöglichen. Für Architektin Regina Leipertz war es wichtig, „eine wohnliche und warme Atmosphäre für die Ganztagsschule zu schaffen“.

Gesamtschule Hörstel – Architektur: assmann GmbH, Dortmund; Landschaftsarchitektur: wbp Landschaftsarchitekten GmbH, Bochum © Claudia Dreysse

An der Grundschule Essen-Haarzopf entstand 2014 das „Haus des Lernens“, in dem neben der dreizügigen Ganztagsgrundschule auch eine Kindertagesstätte untergebracht ist. Schulleiter Stefan Weiffenbach berichtete über den 2010 begonnenen Beteiligungsprozess: „Bürgerinnen und Bürger aus dem Stadtteil, Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler brachten sich mit ihren Wünschen ein, die wir in einem Portfolio für die Architekten gesammelt haben.“ Eine Idee waren die Klassenräume im Obergeschoss, die alle miteinander verbunden sind. Sie wurden als „Klassenraum-Plus-Lösung“ mit jeweils zuschaltbaren Differenzierungsräumen um den großen „Lichthof“ in der Mitte des Baukörpers gruppiert. Nun heißt es im Essener Südwesten: „Alles unter einem Dach“.

Auch dem Neubau der Gesamtschule Hörstel ging ein partizipatives Verfahren voran. Architekt Burghard Grimm berichtete von gemeinsamen Workshops mit Schule und Schulträger, in denen ein Raumprogramm erarbeitet wurde. Letztes Jahr konnte der Neubau in Betrieb genommen werden. Das Gebäude ist in zwei Nutzungsbereiche gegliedert: Die Aula, ausgestattet mit einer Bühne und somit geeignet für verschiedenste Veranstaltungen, wird auch als Mensa genutzt. Unterrichtsräume für Musik sowie Darstellen und Gestalten im zweigeschossigen Gebäude sind räumlich deutlich getrennt von der Aula, aber thematisch angebunden.

Schulen: „Orte für die Öffentlichkeit“

Gruppenfoto der Presiträger aus Gummersbach
Die Preisträgergruppe aus Gummersbach© Architektenkammer NRW

Uwe Thiesmann vom Fachdienst Schule in Lippstadt freute sich über die vielfältigen Beteiligungsformen: „Es muss heute selbstverständlich sein, dass beim Schulbau die pädagogischen Ideen einfließen.“ In der westfälischen Stadt waren alle Beteiligten schon in den Planungsprozess des Neubaus der Gesamtschule Lippstadt einbezogen. 2017 wurde der Neubau fertiggestellt. Im Gebäude fädeln sich an der „Schulstraße“ die Klassenhäuser und Fachklassen auf, immer wieder aufgelockert durch Lerninseln, die zum individuellen Lernen in Einzel- und Gruppenarbeit einladen. In der Mitte der Klassenhäuser befindet sich ein offener Lernbereich, der das Herz der Klassengemeinschaften bildet. Die langgestreckte zweigeschossige verglaste Pausenhalle lässt sich zum Pausenhof öffnen und dient gleichzeitig als Foyer.

Ebenfalls 2017 ist der Neubau der Gesamtschule Hürth fertiggeworden. Schulleiterin Sabine Sommer gefallen die „schönen offenen Räumlichkeiten, in denen sich die Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Jahrgänge begegnen können“. In drei Gebäudeteilen ist jeweils rund um einen Innenhof ein Lerncluster für einen Jahrgang angeordnet. Durch die Offenheit entstehen vielfältige, auch veränderbare Lernsituationen. „Jeder Jahrgang hat so seinen Bereich und seine 'Heimat'“, lobte die Jury in ihrer Begründung

Die Preisverleihung zeigte eines beispielhaft: Schon lange geht es beim Schulbau nicht mehr nur um neue Gebäude. Vielmehr gehen architektonische, gesellschaftliche und pädagogische Fragen Hand in Hand. Der Schulbau ist mehr als die Lösung eines Platzproblems. Schulbauten senden „schweigende Botschaften“, wie ein amerikanischer Schularchitekt meint. Schulbauten sind „Stolz der Stadt“, Gemeinschaftsleistung, Visitenkarte pädagogischer Ideen, „Heimat“. Mit dem Schulbaupreis rücken Architektenkammer und Schulministerium diese umfassende Aufgabe der Schularchitektur ins Zentrum. „Schulen waren schon immer öffentliche Orte“, hatte Kammerpräsident Ernst Uhing gesagt. „Heute sind sie immer öfter auch Orte für die Öffentlichkeit.“

Die Architektenentwürfe sind noch bis zum 16. Oktober 2018 in einer Ausstellung im Haus der Architekten, Zollhof 1 in Düsseldorf zu sehen.

 

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