Ganztagsschulkongress in Berlin: Zukunftsfähige Lernarchitektur

Volles Haus in der Gropiusstadt. Der 4. Berliner Ganztagsschulkongress fragte nach der Bildung der Zukunft: Neue Lernformen und Demokratiebildung waren zwei Schwerpunkte. Passend dazu: die Schulbau-Messe in Berlin.

Michel Abdollahi auf der Bühne
Moderator Michel Abdollahi freute sich über die „Herzlichkeit und die Ernsthaftigkeit der Diskussion“.© Redaktion

„Sie haben Glück, dass es so voll ist. Ich moderiere nämlich nur vor ausverkauften Häusern.“ Mit einem Witz verneigt sich Moderator Michel Abdollahi, als Poetry-Slam-Künstler und Reporter des NDR-Kulturjournals bekannt, an diesem Morgen vor seinem Berliner Publikum im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt. Dass über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 12. September 2018 zum 4. Berliner Ganztagsschulkongress „Upgrade Ganztagsschule! Schule für morgen gemeinsam gestalten“ gekommen sind, erstaunt den Fernsehpreisträger, der 2016 das Zukunftsforum des Bundespräsidenten für Jugendliche „#DE2036“ mitorganisiert hat. Und es erfreut die Veranstalter.

Annekathrin Schmidt, die Leiterin der Serviceagentur „Ganztägig lernen Berlin, begrüßt das „bunte, multiprofessionelle Publikum aus 150 Institutionen“. Zum Thema des Kongresses „Ganztagsschule von morgen“ haben die Veranstalter vier Themenbereiche gewählt, die pointiert ausdrücken, worum es geht: „Lernen und Fördern gestalten“, „Mit Vielfalt umgehen“, „Demokratische Schule entwickeln“ und „Lernen in der digitalen Welt“. Erstmals sind in diesem Jahr auch Schülerinnen und Schüler dabei, ebenso Berliner Elternvertretungen.

Zukunftsszenarien des Lernens

Auch Prof. Gerhard de Haan, der den Tag mit seinem Vortrag „Zukunft der Bildung – Bildung in der Zukunft“ eröffnet, ist vom Publikum beeindruckt: „Man sieht das Engagement der Beteiligten heute hier.“ Der Erziehungswissenschaftler leitet an der Freien Universität Berlin das „Institut Futur“, das unter anderem das Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ begleitet und verschiedene Zukunftsstudien durchführt, darunter „Bildungslandschaften 2030“.

Gerhard de Haan auf dem Podium
Erziehungswissenschaftler Prof. Gerhard de Haan: „Man sieht das Engagement der Beteiligten heute hier.“© Redaktion

Ein Szenario ist das der Lokalen Bildungslandschaft, in der Schulen konsequent mit anderen Bildungsakteuren vernetzt sind und Schülerinnen und Schülern kooperativ, von- und miteinander und unter Einbeziehung vieler Akteure an verschiedenen Lernorten lernen. „Soziale und personelle Kompetenzen und die Individualisierung werden gestärkt“, so de Haan. Dies bedinge viel Abstimmungsbedarf und Feedback.

Fünf Minimalstandards der Bildung der Zukunft formulierte der Wissenschaftler: „Das Recht auf den Erhalt und Ausbau der Lernmotivation. Das Recht, selbstorganisiert lernen zu können. Das Recht, ein hohes Maß an Selbstwirksamkeitserwartung auszubilden. Das Recht auf ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz. Und das Recht auf demokratisches Orientierungswissen.“ Diese Standards ließen sich durch ein alltags- und zukunftsrelevantes Lernen und durch Demokratieerziehung „von klein auf“ verwirklichen.

Ganztagsschule als Modell der Gegenwart

Für Ines Rackow, Leiterin der Fachgruppe Ganztag in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, ist die Ganztagsschule nicht „Modell der Zukunft, sondern bereits das der Gegenwart“. Denn dort werde verwirklicht, was Gerhard de Haan skizziert. „Selbstorganisiertes Lernen kann hier besser umgesetzt werden, Lerninhalte bleiben nicht allein an den Unterricht gebunden. Lesekompetenz kann zum Beispiel nicht nur im Deutschunterricht weiterentwickelt werden“, betonte sie in der anschließenden Podiumsdiskussion.

Austausch im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt.© Redaktion

Für die Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln konnte Schulleiter Robert Giese das bestätigen: „Bei uns gibt es Projektarbeit, jahrgangsübergreifendes Lernen und außerschulische Lernorte. In unserem gebundenen Ganztag werden auch Angebote von außerschulischen Partnern gemacht.“ Unstrittig ist für Giese, dass die Ganztagsschule das soziale Lernen und die Demokratiekultur stärkt. Dazu brauche es Formate, in denen die Schülerinnen und Schüler mitentscheiden können.

An der Grundschule am Koppenplatz in Berlin-Mitte, einer offenen Ganztagsgrundschule im dynamischen Stadtteil Mitte, gestalten die Schülerinnen und Schüler ihren Lernraum mit. Schulleiterin Dr. Angela Thiele stellte in ihrem Workshop, einem von rund 40 Angeboten wie Vorträgen, Workshops und Beratungstischen, die sich durch den Kongresstag zogen, das Lernkonzept der Schule vor: „Wir wollen Kreativität auslösen. Die Ideen sollen möglichst von den Schülerinnen und Schülern kommen – nicht nur von den Lehrkräften.“

Gruppenfoto der Veranstalter des Berliner Ganztagsschulkongresses
Zufrieden mit der Resonanz: das Veranstaltungsteam© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Berlin

Der Schulleiterin war aufgefallen, dass oftmals die Instruktionsphase im Unterricht viel zu lange dauerte und die Kinder sich zu langweilen begannen. In „Lernateliers“, die in sechs Wochenstunden stattfinden, formulieren die Schülerinnen und Schüler nunmehr ihre Aufgaben selbst. Das „zweidimensionale Buchaufschlagen-Lernen“ gehört der Vergangenheit an. „Für die Lernateliers können die Kolleginnen und Kollegen am Computer Materialien, Werkzeuge und Informationen hochladen. Die Lernziele können individuell formuliert werden. Die Lehrer bauen als 'Lernarchitekten' den Raum, ob virtuell oder real, in dem die Kinder dann aktiv sind – sei es ein Kinderlabor, eine Schreibwerkstatt oder ein Raum der Mathematik“, so Angela Thiele.

Schulbau-Messe: „Sozialräumliche Bildungslandschaften“

Apropos Architektur: Ines Rackow von der Senatsverwaltung hatte nicht zufällig in der Podiumsdiskussion zum Vortrag von Gerhard de Haan auch die Frage der Lernräume angesprochen. Für zukunftsfähiges Lernen benötigten Ganztagsschulen „Raum, der derzeit noch knapp ist“. Das Thema Schulbau ist in Berlin ebenso wie bundesweit ein vordringliches Thema. Und so erklärt sich auch, warum diesmal Bildungssenatorin Sandra Scheeres beim Ganztagsschulkongress fehlte: Parallel eröffnete sie die in diesem Jahr erstmals in Berlin stattfindende Schulbau-Messe.

„Schulen sind verlässliche Partner der Stadtteilentwicklung“, betont Stadtplanerin Prof. Angela Million.© Redaktion

Diese zog angesichts der von der Berliner Senatsverwaltung angekündigten Investitionen in Höhe von 5,5 Milliarden Euro rund 1.900 Interessierte – Architekten und andere Baufachleute, aber auch Schulleitungen und Lehrkräfte – mit ihren 60 Ausstellerständen und dem Rahmenprogramm aus Vorträgen, Planungscafés und Podiumsdiskussionen an.

Prof. Angela Million vom Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen der TU Berlin bekräftigte: „Die Veränderung der Lernkultur führt zu einer Veränderung der Architektur. Ich möchte ermutigen, nicht nur über Schulbauten zu diskutieren, sondern gleich über Bildungslandschaften.“ Die Zukunft gehöre „sozialräumlichen Bildungslandschaften mit Ganztagsschulen, Bildungseinrichtungen, Kindertagesstätten und Einrichtungen der kulturellen Bildung“. Die Bildungslandschaften müssten sich mit dem Stadtteil vernetzen und öffentliche Räume als Orte der Begegnung für die Nachbarschaft konzipieren. „Schulen sind verlässliche Partner der Stadtteilentwicklung und für Bürgerinnen und Bürger mehr als nur 'Kinderabgabestationen'“, so Angela Million.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion auf der Schulbaumesse.© Redaktion

Thema auf der Schulbaumesse war auch der enorme Zeitdruck beim Bauen, den so ein Raummangel mit sich bringt. Daher bieten viele Aussteller gleich Komplettlösungen mittels Modulbauweisen an, um zum Beispiel während einer Schulsanierung schnell Ersatzräume zu schaffen. Die haben wenig mit den berüchtigten Containern zu tun, sondern bieten den Komfort eines Klassenzimmers und können zusammengestellt wie ein neu erbautes festes Schulgebäude wirken. Diplom-Ingenieur Sebastian Dengler, der aus dem Vogtland nach Berlin gereist ist, findet: „Berlin macht es richtig , wie ich finde, wenn die Aufträge nach dem Prinzip 'Design und Build' vergeben werden, also für einen Totalunternehmer mit allem aus einer Hand. Architekt und Bauherr geben gemeinsam das Angebot ab.“

Sogar Wiener Schulbauentwürfe waren zu sehen. Das Büro, für das Architekt Paul Fürst tätig ist, hat den Bildungscampus Sonnwendviertel in Wien geplant, der 2014 auf einem ehemaligen Bahngelände fertig gestellt wurde. Der Bildungscampus ist eine gebundene Ganztagsschule. Fürst berichtet: „Der Trend geht in Richtung Ganztag mit mehr Differenzierungsmöglichkeiten und Nutzungsoffenheit.“ Die Freizeitbereiche wurden daher erstmals nicht getrennt errichtet, sondern es wurde das Konzept einer „Wohnschule“ verwirklicht. „Schulbau ist auch bei uns das große Thema. Die Bildungsverwaltung hat erkannt, dass es grotesk ist, wenn am Vormittag das Gebäude der Jugendfreizeit und am Nachmittag das der Schule leer stehen“, meint Paul Fürst. Auch Wien leide unter zu wenig Platz und zu wenig Grundstücken.

Demokratische Schule entwickeln

© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Berlin

Doch zurück zum Ganztagsschulkongress. Ein Schwerpunkt für die Zukunft der Schule ist die Demokratiebildung. Sabine Huffmann von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie stellte in einem Workshop das Programm „Hands for Kids“ vor, das Demokratiekompetenzen in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 fördert. „Anerkennung und Respekt füreinander, Gleichheit voreinander, Empathie und Einfühlung, Beteiligung und Kooperation, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und Diskursfreudigkeit nach dem Motto 'Ich teile deine Meinung nicht, aber ich werde mich immer dafür einsetzen, dass du sie vertreten kannst' gehören dazu.“

Das Grundwerte-Curriculum „Hands for Kids“ beinhaltet fünf Bausteine: Baustein 1 befasst sich mit der eigenen Identität. Baustein 2 bietet Übungen zur Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Gefühlen und einer demokratischen Gesprächskultur. In Baustein 3 geht es um demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten an der Schule. Baustein 4 stellt die Kinderrechte in den Vordergrund, und Baustein 5 die globalen gesellschaftlichen Herausforderungen für Kinder. Die Übungen des Projekts, das 2000 als Projekt zur Prävention von Rechtsextremismus entwickelt wurde, sind bereits im Schulalltag von Pilotschulen erfolgreich erprobt worden.

Am Ende des Kongresstages war nicht nur Moderator Michel Abdollahi angetan über „die Herzlichkeit und die Ernsthaftigkeit, mit der Sie hier diskutiert haben“. Norman Heise, Vorsitzender des Berliner Landeselternausschusses, wünschte sich „noch mehr Veranstaltungen wie diese und noch mehr Austausch“.

 

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