Eldenburg-Gymnasium Lübz: „Mut zu neuen Lernarrangements“

Das Eldenburg-Gymnasium in Lübz war 2018 für den Deutschen Schulpreis nominiert. Vor einigen Jahren schien das kaum denkbar. Wie eine Schule in der Krise erfolgreich von sich selbst gelernt hat.

2018 war das Eldenburg-Gymnasium für den Deutschen Schulpreis nominiert.© Redaktion

„Daumen drücken für zwei Schulen aus Mecklenburg-Vorpommern“, hieß es in diesem Jahr beim Deutschen Schulpreis. Neben der Martinschule Greifswald, die den Hauptpreis gewann, machte das Eldenburg-Gymnasium Lübz als eine der nominierten 20 Schulen auf sich aufmerksam – für Torsten Schwarz „eine große Anerkennung für die geleistete Arbeit in den vergangenen Jahren“. Schwarz war schon Referendar am Eldenburg-Gymnasium. Seit 2014 ist er Schulleiter. Der „Schweriner Volkszeitung“ bekannte er: „Wir sind tierisch stolz darauf, dass wir ausgewählt wurden. Das ist der größte deutsche Schulpreis, der überhaupt vergeben wird.“

Und das hat seinen Grund. 2013 hatten Schulleitung und Kollegium erfahren, dass Schulamt und Schulträger laut über die Auflösung des Standorts nachdachten. Die Anmeldezahlen waren in den roten Bereich gerutscht. Ein Schock für die Schule, die 2003/2004 als erstes Ganztagsgymnasium Mecklenburg-Vorpommerns so vielversprechend begonnen und sogar Ganztagsskeptiker überzeugt hatte. „Unser Kollegium hatte immer geglaubt, höheren Ansprüchen zu genügen“, erzählt Schwarz. „Aber uns fehlten gemeinsame Kriterien und Überprüfungsmöglichkeiten. Es gab kein einheitliches Handeln.“ Über die Jahre habe sich eine Diskrepanz zwischen der „gefühlten Wirklichkeit“ des Kollegiums und der Sicht von außen aufgebaut.

„Guter Unterricht als Schlüssel“

Aula des Eldenburg-Gymnasiums Lübz
© Britta Hüning

Es war deutlich, dass auch die Schülerinnen und Schüler, die nicht nur aus der Stadt Lübz, sondern aus 60 Gemeinden des Landkreises Ludwigslust-Parchim kommen, nicht glücklich mit der Situation waren. „Ehrgeiz und Motivation sanken, Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit nahmen ab“, so der Schulleiter. Das spiegelte sich schließlich in den Abiturergebnissen. Der Ruf der Schule litt. Schülerinnen und Schüler begannen, an andere Schulstandorte abzuwandern.

„Guter Unterricht als Schlüssel“ war die Antwort. „Wir mussten der zunehmenden Heterogenität der Schülerinnen und Schüler besser gerecht werden, unseren Unterricht systematisch verbessern, das Bewusstsein von Verantwortung für die Schule als Ganzes schärfen. Und wir mussten verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen“, erinnert sich Torsten Schwarz.

Neue Schulkleidung in den Händen von Schulleiter Torsten Schwarz, Kerstin Bredow und Michael Bold (v.l.).© Redaktion

Eine intensive Zeit begann. In Fortbildungen entwickelte das Kollegium ein gemeinsames Verständnis von Unterrichtsqualität. „Grundlegend waren für uns Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung zu Fragen wie: Wie lernen Schüler am besten? Welches sind die Faktoren, die nachweislich wirken und auf die es zu schauen lohnt? Wie setzen wir als Lehrer diese inhaltlich und organisatorisch an unserer Schule um? Wo müssen wir uns professionalisieren, indem wir selber neu lernen, unseren Blickwinkel oder unsere Haltung zum Lehren und Lernen ändern?“

Im Landesnetzwerk „Schulen zum Leben“ des Instituts für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern lernte das Kollegium den Schulforscher Prof. Klaus Zierer kennen und beschäftigte sich fortan intensiv mit Ergebnissen der „Hattie-Studie“.

Visible Learning Wheel

Poster mit dem Modell des Learning Wheel
Lernen sichtbar machen mit dem „Learning Wheel“ nach Hattie.© Redaktion

„Klarheit in Bezug auf die Unterrichtsziele und die Struktur beginnt bei uns jetzt mit der Planung und mit Transparenz“, berichtet Torsten Schwarz. „Vorher haben die Lehrerinnen und Lehrer das Ziel der Unterrichtsstunden in der Regel den Schülerinnen und Schülern bekannt gegeben oder an die Tafel geschrieben. Im letzten Schuljahr haben wir das 'Visible Learning Wheel' nach Hattie eingeführt. Das Lernziel wird nun aus Schülerperspektive formuliert und beinhaltet neben der Zielklarheit auch Fragen der Bedeutsamkeit des Lerngegenstandes und Erfolgskriterien.“

Um die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler für ihr Lernen zu stärken, legte das Kollegium das Augenmerk auf Methoden- und Anwendungsorientierung, zum Beispiel mit der Methodenwoche in den Klassen 7 bis 12. Auch kooperative Lernformen wurden verstärkt eingesetzt. Das wird durch die ausreichende Zeit unterstützt, die im gebundenen Ganztagsgymnasium zur Verfügung steht. In Unterrichtsblöcken können sich die Lerngruppen länger  mit einem Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen. Doch klar ist für die Schule auch: „Rhythmisierung ist mehr als Blockunterricht“.

© Britta Hüning

100 Minuten pro Woche lernen die „EGLianer“ nun in der „StudienOrientierten Lernzeit“ (SOL), die sie eigenverantwortlich planen. Sie können individuell, in Partnerarbeit oder in Gruppen lernen. Hierfür stehen ihnen an jedem Tag unterstützende Fachlehrerinnen und Fachlehrer zur Seite. Zusätzliche schriftliche Hausaufgaben gibt es nicht. Was und wie sie gelernt haben, dokumentieren die Schülerinnen und Schüler im SOL-Heft.

GLUE – eigene Stärken erkennen und von anderen lernen

Besonders gut kommt – bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Eltern –  GLUE an, die „Geöffnete Lern- und Unterrichtseinheit“. GLUE verbindet mehrmals im Schuljahr in zwei- bis dreiwöchigen Lernphasen mehrere Fächer. Zu einem vom Lehrerteam vorgegebenen (Klasse 7) oder von den Schülerinnen und Schülern selbst gewählten (Klasse 8) Thema konzipieren die Fachlehrerinnen und Fachlehrer fächerverbindende Aufgabenformate.

Weidenpavillons auf dem Schulgelände
Schattenspender im heißen Sommer: Weidenpavillons und überdachte Sitzgelegenheiten auf dem Schulgelände© Redaktion

In der ersten Woche erarbeiten sich die Schülerinnen und Schülern in Wochenplanarbeit selbstständig „Basiswissen“. In der zweiten Woche geht es dann – zum Teil auch an anderen Lernorten – um „Expertenwissen“. Die Schülerinnen und Schüler formulieren eigene Forscherfragen zum Thema. Schließlich entsteht in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit eine Präsentation. „Ein bisschen wie Studieren“ sei das, wie eine Zehntklässlerin gesagt hat.

Schulleiter Torsten Schwarz schätzt das Lernkonzept: „GLUE öffnet den Unterricht. Dabei geht es nicht um Faktenwissen, sondern um den Erwerb von Kompetenzen und die Anwendung des Wissens. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, eigene Stärken zu erkennen und auszuprobieren, mit und von anderen zu lernen.“ Aus der ursprünglich geplanten Erprobungsphase mit einer GLUE-Klasse wurden schon beim Start zwei von drei Klassen. Inzwischen lernen 72 von 94 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 7 in GLUE-Klassen.

© Britta Hüning

„Aus pädagogischer Sicht fördern wir hier nicht nur Fachkompetenzen, sondern auch die Entwicklung eines realistischen Selbstbildes, die Teamfähigkeit und einen fairen Umgang miteinander“, erläutert der Schulleiter. „Das gemeinsame Auswertungsgespräch macht sichtbar, was gut oder weniger gut gelungen ist, es hilft, offene Fragen zu klären und Schlussfolgerungen für die zukünftige Arbeitsweise zu ziehen. Hier setzen wir auf eine positive Fehlerkultur.“

„Fördern“ wird nicht mehr negativ gesehen

Gemeinschaftlich plant, begleitet, reflektiert und evaluiert das Lehrerteam jede GLUE-Phase. Schon in der Planungsphase werden die entwickelten Aufgabenformate zunächst wechselseitig begutachtet. Ein wichtiger Nebeneffekt der neuen Lernformen ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer auch in anderen Klassen Unterrichtssequenzen gemeinsam planen und inzwischen immer wieder im Dialog über Unterricht, Methoden und entwickelte Kompetenzen stehen. Das Kollegium befindet sich sozusagen ständig in Fortbildung und Reflexion. Im August lautete ein Motto: „Ich erachte Schülerleistungen als Rückmeldung für mich über mich.“

Lehrer und Klasse im Chemie-Unterricht
© Britta Hüning

„Unterricht stets neu zu denken, an die Lernausgangslagen der Schülerinnen und Schüler anzupassen und Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden, wird mit tollen Arbeitsergebnissen belohnt“, freut sich Torsten Schwarz. Um die Qualität zu sichern, hat die Schule auch Methoden der Selbstevaluation eingeführt, darunter Schülerfeedback und Schüler-Schüler-Gutachten. Die Schülerinnen und Schüler bewerten regelmäßig den Unterricht, derzeit noch per Fragebogen, bald vielleicht per Smartphone.

Die Arbeit an der Unterrichtsqualität mit dem Mut zu neuen Lernarrangements hat maßgeblich dazu beigetragen, dass nun bis auf eine einzige Ausnahme alle Schülerinnen und Schüler die Klasse 10 erreicht haben. Seit mehreren Jahren gibt es wieder eine breitere Leistungsspitze. Die Zahl der Jahrgangsbesten, die über dem Landesschnitt liegen, hat sich erhöht, die Zahl der „Durchfaller“ ist gesunken. Das gute Schulklima hat dafür gesorgt, dass sich die Anmeldezahlen im Vergleich zu 2013 mehr als verdoppelt haben.

© Britta Hüning

Dazu beigetragen haben auch die gezielten zusätzlichen Förderangebote, die von Lehrkräften oder von älteren Schülerinnen und Schülern durchgeführt werden. Schulleiter Schwarz bilanziert, dass „Fördern“ inzwischen nicht mehr negativ verstanden werde. Schülerinnen und Schüler sagen jetzt eher: „Ich möchte besser werden.“

„Ganztagsschule bietet ganz viele Zugänge“

„Ganz wichtige Impulse“ brachte 2011 die Entscheidung, das Eldenburg-Gymnasium, das seit 2004 als offene Ganztagsschule arbeitete, zur gebundenen Ganztagsschule weiterzuentwickeln. Torsten Schwarz nennt die Rhythmisierung, das Selbstorganisierte Lernen, auch die verlängerte Mittagspause. „Die Ganztagsschule bietet den Schülerinnen und Schülern andere Lerngelegenheiten außerhalb des Unterrichts“, meint Ganztagskoordinatorin Kerstin Bredow. „Sie können auch ihre sozialen Fähigkeiten weiterentwickeln. Die Ganztagsschule bietet ganz viele Zugänge.“

Schüler vor dem Gebäude des Eldenburg-Gymnasiums Lübz
© Britta Hüning

Als einen wesentlichen Gewinn sehen Schulleiter und Ganztagskoordinatorin die Kooperation mit außerschulischen Partnern. Erster Partner ist der Landkreis Ludwigslust-Parchim. Verschiedene Sportvereine, die Kreismusikschule, das Deutsche Rote Kreuz, die Lewitz-Werkstätten Parchim, das Lübzer Stadtmuseum und das Landestheater Parchim engagieren sich in der Schule. Auch Einzelpersonen bereichern das Lernangebot und das Schulleben. Das Motto: „Aus der Region und für die Region“.

Eine Säule des Ganztagsangebots ist das „Lernen durch Engagement“. Mit den Lewitz-Werkstätten und dem Verein Lübzer Land entstand zum Beispiel das Inklusionsprojekt „Stadtführer in einfacher Sprache für Jung und Alt“. Das Eldenburg-Gymnasium ist zudem „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Pate ist der Schauspieler Hinnerk Schönemann, der in der Nähe lebt und den landesweiten Filmwettbewerb „Klappe gegen Rassismus“ unterstützt. Im Juni 2018 hat die „SoR“-Gruppe der Schule gerade wieder mit „Toleranz tanzt“ in Parchim ein Zeichen gesetzt.

„Schulen sind Unikate, unverwechselbar und nicht kopierbar“, hatte Prof. Thomas Häcker von der Universität Rostock als Mitglied der Schulpreis-Jury gesagt. „Erstklassige Schulen“ würden „auf Problemlagen und Gegebenheiten vor Ort angemessen reagieren“. Das war im Eldenburg-Gymnasium ganz offensichtlich der Fall.

 

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