Schule am Sandsteinweg: Der Weg zum Ganztagsteam

Aus der immer schwierigeren Kooperation von Grundschule und Hort wurde an der Schule am Sandsteinweg in Berlin eine offene Ganztagsschule. Lehrerinnen und Erzieherinnen haben sich 2015 gemeinsam auf den Weg gemacht, ihre Schule zu verändern.

© Schule am Sandsteinweg

Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen wurden im Land Berlin 2005 die Horte den Grundschulen zugeordnet. Alle Grundschulen arbeiten seitdem im offenen oder gebundenen Ganztagsbetrieb. Zu den offenen Ganztagsschulen gehört die „Ergänzende Förderung und Betreuung“ (EFöB) am Nachmittag. Doch der Begriff „Hort“ hält sich hartnäckig bei den Eltern, einerseits weil der neue Name recht sperrig ist, andererseits weil sich äußerlich nicht alles veränderte, so auch an der Schule am Sandsteinweg. In der offenen Ganztagsschule in Berlin-Buckow (Bezirk Neukölln) waren Schule und EFöB am Nachmittag sogar räumlich deutlich getrennt.

Von den Eltern wurde diese Trennung auch entsprechend wahrgenommen. Nach Ende des Unterrichts setzte stets eine Wanderung zu den Gebäuden des etwa fünf Gehminuten entfernten Hortes am Muschelkalkweg ein. Je nachdem, welches Angebot die Schülerinnen und Schüler am Nachmittag wahrnahmen, ging es dann auch wieder in das Schulgebäude zurück. „Ich weiß nicht, wie oft ich am Tag mit den Kindern diesen Weg gemacht habe“, erinnert sich eine Erzieherin. „Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich laufe nur noch hin und her.“

Von „Schule + Hort“ zum Ganztag

Schülerinnen und Schüler spielen Brettspiele
© Schule am Sandsteinweg

Problematisch wurde es, als die Schülerzahlen im Hort anstiegen. Mit 200 Schülerinnen und Schüler war man 2005 gestartet, zehn Jahre später waren es 420. Den Hort, der für 160 Kinder ausgelegt ist, besuchten in der Spitze 260 Schülerinnen und Schüler. Der Platz reichte vorne und hinten nicht. Die Unzufriedenheit bei allen Beteiligten wuchs, insbesondere bei den Eltern, die 2015 sogar einen Beschwerdebrief an die Verwaltung schrieben. Es waren aber nicht nur die räumlichen Unzulänglichkeiten, sondern auch das Neben- statt Miteinander von Schule und Hort, welche zu Unmut führten. Nachrichten fanden ihre Adressaten von Haus zu Haus nicht. Manchmal wusste eine Erzieherin oder eine Lehrerin nicht, wo genau sich ein Kind gerade befand.

Als Heike Hertha 2015 die Leitung der Schule am Sandsteinweg übernahm, war ihr und allen Beteiligten klar, dass sich etwas verändern musste. Bei der Überreichung ihrer Urkunde durch Staatssekretär Mark Rackles kamen beide ins Gespräch. Rackles gab ihr den Tipp, sich Unterstützung durch die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ zu holen. 2015 nahm Heike Hertha dann auch Kontakt zur Mitarbeiterin der Serviceagentur Daniela Wellner-Petsch auf. Zusammen mit Sabine Klemm, der Leiterin des offenen Ganztagsbetriebs (OGB), führten sie Gespräche und bereiteten einen Studientag zum Thema „Ganztag“ vor. Daniela Wellner-Petsch moderierte zudem zwei Fortbildungstage mit dem Erzieherinnenteam und vermittelte weitere externe Unterstützung.

Entwicklung einer Teamkultur

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Auf dem Studientag „Ganztag“ im Mai 2016 stellten Kollegium und Erzieherinnenteam das Raumkonzept auf den Kopf. Sie schufen Voraussetzungen, Teamarbeit zu unterstützen, das Leitungsteam aus Schule und Hort enger zu verzahnen und dabei alle Entwicklungsschritte immer wieder transparent zu machen. „Heike Hertha und Sabine Klemm haben ganz eng an diesem Schulterschluss von Schule und Hort gearbeitet“, hat Daniela Wellner-Petsch beobachtet.

„Wir mussten aufpassen, dass wir das Kollegium mitnehmen“, erinnert sich die Schulleiterin. „Es nutzt nichts, wenn ich allein vorneweg gehe.“ Wichtig sei das gegenseitige Verständnis der Professionen füreinander. In der Gesamtkonferenz stellten sich 45 Lehrkräfte und 25 Erzieherinnen gegenseitig vor, um die Berufsprofile klar zu definieren. So begann sich eine Teamkultur zu entwickeln. „Die Frage der Teamkultur ist wesentlich“, betont Heike Hertha. „Alle haben etwas davon.“

Schülerinnen und Schüler spielen und Essen
© Schule am Sandsteinweg

Schule und Hort bildeten Arbeitsgruppen, die unterschiedliche Aspekte in den Blick nahmen. Jeder Klasse in den Jahrgängen 1 bis 3 wurde eine Erzieherin als „Klassenerzieherin“ zugeordnet, die den ganzen Tag über als Ansprechpartner für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für Eltern und Lehrkräfte präsent ist. Pro Woche ist die Klassenerzieherin auch sechs Stunden im Unterricht eingesetzt. Die Schule am Sandsteinweg besitzt neben dem eigentlichen Schulgebäude, in denen die Jahrgänge 4 bis 6 lernen, auf dem weitläufigen Gelände einzelne Gebäude, die Lernhäuser. Hier lernen jeweils die Jahrgänge 1 bis 3, und auch weitere Räume, die im Ganztagsbereich genutzt werden, sind hier untergebracht.

Pädagogische Zeit

Diese Häuser 2 bis 4 haben 2015 Hausteams aus Erzieherinnen und Lehrerinnen gebildet. Für die Klassen 1 bis 3 gibt es die „pädagogische Zeit“ zwischen Unterrichtsende um 13.00 Uhr und dem Beginn der Arbeitsgemeinschaften um 14.30 Uhr. Deren gemeinsame Gestaltung durch Erzieherinnen und Lehrerinnen ist individuell auf die Bedürfnisse der Klassen abgestimmt und wird jeweils von der Klassenerzieherin geleitet. Demnächst soll auch jedes Lernhaus einen eigenen Speiseraum erhalten; die Schülerinnen und Schüler müssen dann nicht mehr zu den kleinen Mensen wandern, die in den Räumen eines ehemaligen Sportvereinsheim untergebracht sind.

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Heike Hertha führte Teamstunden ein, die für alle Lehrerinnen und Lehrer eine zusätzliche freiwillige Stunde Arbeit bedeuteten. Nach und nach machte die Runde, dass die gemeinsamen Absprachen und Vorbereitungen von Lehrkräften und Erzieherinnen eine Entlastung darstellen und vor allen den Schülerinnen und Schülern zugutekommen. Die Schulleiterin freut sich, dass sich „wie in einem Schneeballsystem“ immer mehr Lehrerinnen und Lehrer den Teamstunden angeschlossen haben. Monatlich finden außerdem gemeinsame Infotreffen für die Lehrerinnen und die Erzieherinnen statt.

Früchte der Anstrengung

„Wer an unserer Schule nur Dienst nach Vorschrift macht, der hat es schwer“, gibt Heike Hertha zu. „Wer hier hinkommt, muss mitziehen. Wenn man sich einbringt, bekommt man aber auch ganz viel zurück.“ Wichtig war und ist auf diesem Weg die ständige Transparenz für alle Beteiligten, was vor sich geht. Die Schulleiterin schreibt jetzt wöchentlich eine Rund-E-Mail, in der sie über Aktuelles informiert. Auch die Homepage dient zur Informationsweitergabe. OGB-Leiterin Sabine Klemm, die nun zum Leitungsteam der Schule gehört, erzählt, dass „es in diesem Prozess immens vieler Gespräche“ bedurfte. Wichtig war aber vor allem das „Vorleben dessen, was wir zusammen ausprobierten, durch einzelne Teams von Erzieherinnen und Lehrerinnen“.

Schülerinnen und Schüler sitzen an Schultischen und lösen Aufgaben
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Daniela Wellner-Petsch bilanziert nach diesem dreijährigen Prozess, den sie aus der Begleitung der Schule beobachtet hat: „Was ich spannend finde, ist das intensive Nachdenken über den offenen Ganztagsbetrieb, in dem trotz großer räumlicher Herausforderungen die Bereiche Raum, Personal, Teamarbeit und Zeitplanung immer zusammengedacht werden. Die gute Kooperation im Leitungsteam und das gemeinsame Auftreten sind dabei eine wichtige Orientierung.“

Die Früchte der gemeinsamen Anstrengung ließen nicht lange auf sich warten. Bereits im März 2017 konnten Heike Hertha und Sabine Klemm der Serviceagentur berichten, dass die Einführung der pädagogischen Zeit die Zusammenarbeit der Professionen unterstützt, der Einsatz der Facherzieherinnen für Integration verändert werden konnte oder dass mittlerweile alle Pädagoginnen an Elterngesprächen beteiligt sind. Im ganzen Schulbetrieb sei spürbar mehr Ruhe eingekehrt. Insbesondere ging aber die Unzufriedenheit von Erzieherinnen, Lehrkräften und Eltern zurück. Im Jahr 2018 konnte die Schulleiterin erklären: „Der Hort ist kein Thema mehr bei den Eltern.“

„Ein Ort zum Wohlfühlen“

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Heike Hertha schätzt das „Wir-Gefühl“: „Die Eltern sind sehr präsent in unserer Schule. Sogar Eltern ehemaliger Schülerinnen und Schüler bringen sich im Förderverein ein.“ Eltern haben zum Beispiel das Gehege für die Tiere, die die Schule auf ihrem weitläufigen Gelände hält, gebaut. An jedem Mittwochnachmittag gibt es ein Zirkus-Café im Zirkuszelt auf dem Schulgelände. „Das ist nett zum Unterhalten mit den Eltern und dient manchmal auch dem Lösen von Konflikten“, erzählt Sabine Klemm. „Wir haben schon regelrechte Stammgäste.“

65 Prozent der rund 800 Schülerinnen und Schüler nehmen an den Ganztagsangeboten teil. Jeden Tag können sie Arbeitsgemeinschaften besuchen, die von Erzieherinnen, Externen, Eltern und Lehrkräften angeboten werden. Der Reitverein „SamS Reitsportförderung e.V.“ ermöglicht beispielsweise eine Pony-AG, der Tennisclub Mariendorf ist dabei, ebenso der Judo-Club Lichtenrade. Wählen Eltern alle drei möglichen Module des Ganztagsbetriebs, sind ihre Kinder bis 18 Uhr an der Schule betreut. Rund 100 Schülerinnen und Schüler sind durchschnittlich in der Ferienbetreuung angemeldet.

„Man darf wirklich nicht warten, bis Hilfe von außen kommt“, hat Heike Hertha erfahren. „Man muss sich selbst auf den Weg machen, um einen Prozess in Gang zu setzen. Als Schulleitung gebe ich dazu den Rahmen und muss die entsprechenden Freiräume gewähren. Unsere Schule ist jetzt ein echter Lebensraum und ein Ort zum Wohlfühlen für die Schülerinnen und Schüler.“

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