GGS Eitorf: Die Schule passt sich an die Kinder an

Keinen Stress, keine Schulbücher, keine Hausaufgaben aber: Zeit für individuelles Lernen, Zeit für Bewegung, Zeit für Austausch. So in etwa lautet die Kurzformel für das Konzept der Gemeinschaftsgrundschule Eitorf - in Theorie und Praxis. Nicht umsonst ist die Einrichtung als "Tutmirgut"-Schule zertifiziert und wurde mit dem 3. Platz beim deutschen Präventionspreis sowie dem Jakob-Muth-Preis für Inklusion ausgezeichnet.

Schülerinnen und Schüler mit Schlaginstrumenten

"Wir erfahren hier etwas über die Welt", sagt der neunjährige Nils in einem Kurzfilm über seine Schule - das wohl schönste Kompliment, das ein Schüler seinen Lehrern machen kann. Und mit Blick auf den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne offiziellen Förderbedarf bekommt es noch mehr Gewicht. Dazu passt, dass sich die Lehrer hier explizit als "Lernbegleiter" verstehen. Sie vermitteln nicht einfach Wissen. Erklärtes Ziel ist es auch, die Kinder zu selbstständigen und verantwortungsvollen Menschen auszubilden. Dabei wird der Blick für Andere geschärft. So lesen die Eitorfer Kids Bewohnern des sozialpsychologischen Zentrums und Kindergartenkindern oder Senioren im Altenheim einmal in der Woche Geschichten vor. Auch an die Kinder der Partnerschule im fernen Indien wird gedacht: Beispielsweise mit einem Gebe-Adventskalender oder einem Sponsorenlauf.

Porträtfoto Boris Kocéa

Nicht die Kinder müssen sich an die Schule anpassen, die Schule muss sich an die Kinder anpassen", betont Schulleiter Boris Kocéa und bedauert, dass bei Inklusion oft ausschließlich an Kinder mit Förderbedarf gedacht werde. "Auch Schüler mit herausragenden Fähigkeiten müssen berücksichtigt werden!" Das mache schließlich den Unterschied zwischen "Integration" und "Inklusion" aus. Ziel sei es, aus jedem Kind das möglichst Beste herauszuholen.

Kinderparlament als Einstieg in die Politik

Der respektvolle Umgang der Erwachsenen mit den Kindern lässt sich an der Eitorfer Grundschule schon an der gelebten Mitbestimmung der Schüler erkennen. Da gibt es zum Beispiel das Kinderparlament, dessen Entscheidungen bindend für alle sind. Wie der Verzicht auf das Abspielen von Musiktiteln im monatlichen Schulradio, die "Kraftausdrücke"  enthalten. Oder das Tragen von Hausschuhen im Unterricht. Außerdem besprechen die Kinder dort Probleme anderer Schüler, die sie alleine und im Klassenrat nicht beilegen konnten. Aus jeder Klasse ist immer ein Vertreter bei den Treffen des Parlaments anwesend und berichtet anschließend an seine Mitschüler. So sind Transparenz und Information garantiert. Und: "Die ,Abgeordneten' erfahren Wertschätzung von den übrigen Kindern", hebt Kocéa hervor.

Schüler auf Dreirädern und Rollern im Schulhof

Die pädagogische Leitidee der Schule verbirgt sich auch hinter der rhetorischen Frage von Mauricio Wild: "Wer benimmt sich schlecht, wenn er sich gut fühlt?" Die Eitorfer Wohlfühlschule beherzigt dann auch so einige Ideen, die Wild in der mit seiner Ehefrau Rebeca gegründeten Lernumgebung Pesta (Centro Experimental Pestalozzi) vorgelebt hat. So legte die Experimental-Schule für Ecuador (1977-2005) großen Wert auf Materialunterricht und die Kinder konnten selbst entscheiden, was sie lernen. Ob Pestalozzi oder Montessori - festlegen auf eine Pädagogik will man sich in Eitorf nicht: "Wir nehmen uns überall das heraus, was zu uns passt", erklärt Kocéa. Und dazu zählt eben auch der offene Ganztagsbetrieb.

Offener Ganztag von 6.45 bis 17.30 Uhr

Bereits morgens ab 6.45 Uhr öffnet die Schule ihre Türen und schließt sie erst um 17.30 Uhr wieder. In der Zeit dazwischen können die Kinder ein vielfältiges Unterrichts- und Betreuungsangebot wahrnehmen. Schon 2003 führte die Schule den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf ein. Vor rund zwei Jahren wurde auch die Trennung in Regelklassen und Klassen mit gemeinsamem Unterricht aufgehoben. Seitdem gehören zu jeder Klasse Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf. Insgesamt machen sie ein Zehntel der rund 330 Schüler aus.

Schülerinnen und Schüler im Klassenraum

Etwa die Hälfte aller Schüler sind Ganztagsschüler. Für sie werden seit dem Schuljahr 2007/2008 eigene Klassen eingerichtet. Alle Kinder in einer Ganztagsklasse lernen am Vormittag und am Nachmittag gemeinsam mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer - aber ohne Hausaufgaben. Zusätzlich ist eine Betreuerin aus dem Nachmittagsbereich mit in der Klasse.

Gelernt wird in Eitorf mit einer aufwändigen Materialsammlung. Mit Blick auf die Kompetenzanforderungen der Richtlinien und Lehrpläne stellen die Lehrkräfte diese selbst zusammen. Die Kinder können so ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend unterschiedliche Wege und Hilfsmittel zur Bewältigung des Lernstoffs wählen.

Sitzordnung ade

Dafür wurden die Schulräume so gestaltet, dass die Kinder sich frei bewegen, an verschieden gestalteten Arbeitsplätzen wie Computer-, Lese- und Mathematikecke lernen, sich zusammensetzen und auch zurückziehen können. Kunst-, Musik-, Englisch-, Computer-, Experimentier- und Bewegungsraum ergänzen die Möglichkeiten im Schulgebäude. Auf dem Schulhof wächst und gedeiht ein Schulgarten. Sogar ein so genanntes grünes Klassenzimmer wurde hier eingerichtet - mit im Kreis eingepflanzten Hockern aus Baumstämmen. In den Pausen laden eine große Piratenlandschaft und eine Robinson-Insel zum Spielen ein. Bei der Planung und Gestaltung des Außenbereichs haben auch hier wieder die Kinder aktiv mitgewirkt.

Gleichzeitig scheut sich die Schule nicht, Eltern am Schulalltag teilhaben zu lassen: Sie sind ausdrücklich eingeladen, in den Klassen mitzuarbeiten, zum Beispiel beim Forschen und Lesen. Inklusion, das ist für Kocéa, "ein Prozess mit allen Beteiligten". Und wie das so ist mit Prozessen, sieht der Schulleiter auch in Eitorf noch weiteres Entwicklungspotenzial. "Der nächste Schritt wäre logischerweise die Einrichtung altersgemischter Klassen. Aber nur, wenn alle Beteiligten das auch so sehen ..."

Schülerinnen und Schüler an Spielgeräten

Pionierarbeit leisteten die Eitorfer im vergangenen Jahr auch beim EU-Projekt "Lerner des 21. Jahrhunderts - Europe4you". Daran nahmen eine weitere Schule aus Deutschland sowie Schulen aus England, Finnland und Österreich teil. Lehrer aus allen beteiligten Schulen arbeiteten gemeinsam an Fragen zur Unterrichtsentwicklung - lernten hier voneinander und lehrten miteinander: Über eTwinning fanden in einem geschützten virtuellen Klassenraum vielfältige Aktivitäten zwischen den Kindern der verschiedenen Länder statt. Darunter auch ein Logowettbewerb für das Projekt. Dazu wurden laut Kocéa auch "tiefere, philosophische" Fragen wie "Was ist eine gute Schule?" oder "Warum lerne ich?" besprochen.
 
Außerdem besuchen die Kinder der dritten Klasse seit fünf Jahren ihre Partnerschule in England. Obwohl die Förderung ausgelaufen ist, wird dieser Austausch, der, so Kocéa, "als Blick über den Zaun den Horizont der Kinder bereits früh erweitert", auch in den kommenden Jahren angeboten. Auf dieses große Erlebnis bereiten sich die Kinder in einer Englisch AG gezielt vor.

Vor Ort ist die Eitorfer Schule mit vielen Institutionen vernetzt. So kam aus den Reihen der ansässigen Ärzte der Vorschlag einer Projektwoche zum Thema "Stopp Stress". Keine Frage, dass sich die Mediziner daran auch selbst aktiv beteiligten. Besonders schön in Eitorf: Das Beispiel Schule zieht Kreise. Kocéa: "Auch die Gemeinde ist auf dem Weg der Inklusion. Aus einer Pilotgruppe heraus werden Projekte zur Inklusion in Eitorf vorangetrieben."

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