Ganztagsbildung gemeinsam gestalten

Der Zweite Münchner Ganztagsbildungskongress vom 15. bis 17. Januar mit 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bot eine Fülle von Anregungen und Ideen.

Podiumsgespräch mit Christine Strobl und Rainer Schweppe
Impressionen vom Zweiten Münchner Ganztagsbildungskongress© Michael Nagy/Presseamt München

„Ganztagsbildung gemeinsam gestalten“, lautete das Motto des dreitägigen Kongresses, der von der Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung im Referat für Bildung und Sport organisiert worden war. Münchens Zweite Bürgermeisterin, Christine Strobl eröffnete den Kongress: „Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit wäre es optimal, wenn wirklich alle Schulen Ganztagsschulen wären. Ganztagsschule ermöglicht eine intensivere Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler und lässt Raum für eine umfassende Bildung." Stadtschulrat Rainer Schweppe hob die Zeitgestaltung in der Ganztagsschule hervor: „Unterricht in Doppelstunden oder das Lernen in Epochen und Projekten eröffnen Chancen, den Stoff so zu vermitteln, dass Lernen Freude macht“, meinte er.

Schließlich betonte die Leiterin des Münchener Stadtjugendamtes, Dr. Maria Kurz-Adam, die Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe: „Der Tag in der Ganztagsschule muss den jungen Menschen Freude machen und sie beteiligen. Ich wünsche mir, dass die Schule so organisiert ist, dass Hausaufgaben und Unterrichtsvorbereitung in der Schule erledigt werden und nicht als ständige Sorge die Familien belasten. Die Angebote der Jugendhilfe sollten so in das Schulleben integriert sein, dass sie Jugendliche in ihren Lebensfragen unterstützen und für die Jugendlichen zugänglich und erkennbar sind."

Den Schwerpunkt legten die Veranstalter auf Vernetzung und Kooperation. Offensichtlich trafen sie den Nerv der Besucherinnen und Besucher. In zahlreichen kleinen und großen Runden, mal in der Alten Kongresshalle, mal im Referatsgebäude an der Bayerstraße, beim großen Markt der Möglichkeiten oder auch bei Schulbesuchen wurde intensiv diskutiert, welche Stolpersteine überwunden werden müssen, damit das Miteinander gelingen kann. Wenn es denn einen Kritikpunkt gab, dann einen, der ein Kompliment für die Veranstaltung war: „Hier gibt es so derart viel Interessantes. Schade, dass wir nicht noch viel mehr belegen können“, so eine Teilnehmerin. 

„Was brauchen Kinder?“

Wer sich gegen den Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin entschieden hatte, hat etwas verpasst. Denn in seiner Sicht auf gelingende Ganztagsschule und professionelle Kooperation scheute dieser deutliche Worte nicht. „Wenn dauerhaftes Betüddeln und Beaufsichtigen Programm wären, wäre ich gegen den Ganztag“, machte er etwa deutlich. Und er fragte: „Ist die Schule, ist der Hort per se eine gute Institution, und erhöht die längere Anwesenheitszeit der Kinder in der Schule das Bildungsniveau?“ Ein „Ja“ auf diese Frage könne es nur geben, wenn Ganztagsschulen die Chancen, die im Miteinander der Professionen lägen, auch nutzten. Eine Voraussetzung dafür sei, dass sich alles, was in einer Ganztagsschule geschehe, an der Frage orientiere: „Was brauchen Kinder?“. Kinder benötigten die Gelegenheit zur „Konstruktion der Welt“ im Dialog mit den anderen, intellektuelle Herausforderungen, genügend Anregungen für den Geist – „Schulen ohne Bibliothek sind für mich keine Bildungseinrichtungen“ –, Zeit für Eigenaktivität, für Verantwortungsübernahme, in der Schule auch Kind/Jugendlicher sein dürfen sowie Rückzugs- und Freiräume.

Impressionen vom Zweiten Münchner Ganztagsbildungskongress© Michael Nagy/Presseamt München

Dies alles ist nach Ramsegers Überzeugung am besten in einem rhythmisierten Tagesplan möglich, in einer offenen Ganztagsschule aber nicht ausgeschlossen. „Es gibt ausreichend Beispiele, dass es auch dort gelingt“, betonte er gegenüber www.ganztagsschulen.org. Wer überlege, wie Rhythmisierung aussehen solle, könne Anregungen aus der Musik gewinnen: „Lento“ (Frühbetreuung und offene Eingangsphase) solle der Tag beginnen. Es folgen „Andante“ (Morgenkreis und gelenkte Arbeit im Klassenverband), „Allegro, ma non troppo“ (Freiarbeitszeit und aktive Pause), „Presto“ (Projektunterricht, Neigungskurse) und „Moderato“/“Largo“ (Mittagessen, Freiarbeitszeit, Ruhezeit, Tobezeit, Spielzeit, Schulabschluss für die Vormittagskinder). Weiter geht es „Allegretto“ (Schulaufgabenzeit) und „Vivace“ (Projekte, Kurse, Arbeitsgemeinschaften) könne es weitergehen, um dann „Lento“ den Tag mit einem gemeinsamen Ausklang zu beenden. Solch eine Rhythmisierung aber setzt nach Überzeugung des Wissenschaftlers und Pädagogen voraus, dass die Professionen sich schätzen, achten und bereit sind, die Stärken des anderen als Gewinn zu sehen. „Ganztägige Erziehung in Schule und Hort ist nur zu legitimieren, wenn sie das Leben und die Erfahrungen der Kinder bereichert, ihre Selbstständigkeitsentwicklung unterstützt und ihre Sozialität fördert“, meinte er. Das könnten weder die Schule ohne den Hort noch der Hort ohne die Schule erreichen: „Deswegen ist Kooperation unabdingbar.“ Die gelinge, wenn man klare, gemeinsame Ziele definiere, sich nicht als „Lehrer“ auf der einen und „Betreuer“ auf der anderen Seite verstehe. Institutionalisierte wöchentliche Teambesprechungen seien unverzichtbar.

Professionen im Ganztag: Respekt entwickeln, Vorurteile abbauen

Ein Plädoyer für einen regelmäßigen Jour fixe und einen durchgängigen Informationsfluss über die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler (Logbuch) hielt das langjährige Mitglied des Leitungsteams der Internatsschule Schloss Salem, Dr. Otto Seydel. Er forderte gegenseitigen Respekt und das Abschiednehmen von Vorurteilen gegenüber der anderen Berufsgruppe. Oft würden Lehrkräfte noch Sozialpädagogen als Kuschelpädagogen einstufen, an deren Schulter sich die Kinder ausweinten. Umgekehrt sähen Sozialpädagogen im Lehrer denjenigen, der die Schüler mit Noten terrorisiere. Dass dies Hürden im Alltag seien, bestätigten beide Berufsgruppen in den Workshops. Und sie stimmten auch der Überzeugung Seydels zu, dass es „zum Schwur kommt“, wenn das Personal wechselweise in den unterschiedlichen Bereichen eingesetzt wird. Dann nämlich hieße es, die Verschiedenheit der Akteure zu nutzen und Synergieeffekte zu erzielen. Beim Stichwort „nutzen“ kam Seydel auch auf die Schulbaumaßnahmen der vergangenen Jahre zu sprechen. Aus seiner Sicht habe es sich häufig um Schnellschüsse gehandelt, um Umbaumaßnahmen, die nicht hinreichend pädagogischen Konzepten gefolgt seien. Dadurch sei die strukturelle Trennung der Professionen manchmal noch zementiert worden.

Lernhäuser der Städtischen Wilhelm-Röntgen-Realschule

Podiumsdiskussion
Impressionen vom Zweiten Münchner Ganztagsbildungskongress © Michael Nagy/Presseamt München

Davon, dass neue Konzepte auch ohne große Umbauten zu realisieren sind, konnten sich diejenigen überzeugen, die sich für einen Schulbesuch entschieden hatten. Viele ließen sich von den Lernhausstrukturen an der Städtischen Wilhelm-Röntgen-Realschule inspirieren. Angeregt durch Schulbesuche in Herford und Wiesbaden, spielte die räumliche Gestaltung der Lernhausstruktur auch an dieser Schule eine wichtige Rolle. Neben Handwerkern waren Fantasie und Kreativität gefragt, um das aus den frühen siebziger Jahren stammende Gebäude zu verändern. Grundlegend für die Lernhausteams erschien, dass jeweils ein Teamzimmer für Lehrkräfte eines „Lernhauses“ als alternativer, moderner Arbeitsplatz zum herkömmlichen „Großraumbüro-Lehrerzimmer“ zur Verfügung stehen solle. Diese Teamzimmer befinden sich in unmittelbarer Nähe der Klassenzimmer der entsprechenden Lernhäuser. Ein Multifunktionsraum für jedes Lernhaus ermöglicht die selbstständige Arbeit der Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen und Teams, auch an PC-Arbeitsplätzen, die zur Ausstattung der Räume gehören.

Jedes Lernhausteam arbeitet autonom und entwickelt gemeinsam ein pädagogisches Konzept  mit alters- und jahrgangsstufenspezifischen Schwerpunkten im Rahmen des Schulprofils.
„Somit bietet die Lernhausstruktur für die Lehrkräfte ein modernes anspruchsvolles Wirkungsfeld  im Bereich Unterrichts- und Schulentwicklung“, erklärte die kommissarische Schulleiterin Beate Bräunig. Das biete die Möglichkeit, Kompetenzen wie Team- und Kooperationsfähigkeit, die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Arbeit, die Bereitschaft und Fähigkeit zu Reflexion und Innovation einzubringen. Ein ausführliches Porträt der Städtischen Wilhelm-Röntgen-Realschule erscheint in Kürze auf  www.ganztagsschulen.org.

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