Forschungsbilanz zum Ganztag

Broschüren stapeln sich in Regalen und auf Schreibtischen von Schulleitungen. Und jetzt noch eine. Muss das sein? Ja! „Ganztägig bilden. Eine Forschungsbilanz“ lohnt sich, zu lesen.

Cover der Broschuere
© Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Der Redaktion ist es gelungen, 21 Forschungsprojekte zur Ganztagsschule auf knapp 60 Seiten attraktiv zu platzieren; mit Interviews, Info-Kästen zu den jeweils wichtigsten Ergebnissen, Fotos, Zitaten und Anregungen zum Weiterlesen. Damit führt die Broschüre erstmals alle seit 2005 vom Bundesbildungsministerium geförderten Studien zum Ganztag zusammen.  

Die 21 Forschungsprojekte bilden eine wichtige Bandbreite thematischer Aspekte ab, die für  alle Leserinnen und Leser interessant sind, die sich auf der einen oder anderen Weise mit Ganztagsschule und ihren Konzepten befassen. Der Alltag in den Schulen unterschiedlicher Schulformen wird dabei ebenso ins Visier genommen wie kommunale Strukturen und die Auswirkungen von Ganztag etwa auf die Familien. Eingegangen wird auch auf das Studiendesign, sodass verständlich wird, welche Methoden bzw. welches Setting den Ergebnissen zugrunde liegt.

Ganztag verschiebt Grenzen

Einige Beispiele: Die Studie LUGS (2005-2009) befasste sich mit Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung. Ziel war es, Gelingensbedingungen für die Entwicklung und pädagogische Praxis der Ganztagsangebote zu bestimmen und typische Entwicklungsverläufe zu analysieren. Ein Ergebnis: „In Ganztagsschulen zeigt sich zunehmend eine Gestaltungstendenz zur Verwendung offener und individualisierender Lernformen.“  Außerdem führe das kompensatorische Verständnis von Ganztag zu einer Grenzverschiebung hinsichtlich familiärer und schulischer Erziehung (S. 17). Für Prof. Dr. Sabine Reh von der Technischen Universität Berlin weist dieses Ergebnis in die Zukunft. Sie erläutert: „Die Fragen, die sich zukünftig immer stärker stellen werden, sind die nach einer Definition von Unterricht. Was verstehen wir bei zunehmender Individualisierung noch darunter?“

Hausaufgaben: Lernprozesse müssen im Mittelpunkt stehen

 Wer Familie und Schule zusammen denkt, kommt an der neuralgischen Schnittstelle Hausaufgaben nicht vorbei. Und so befasste sich eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (2008-2009) explizit mit dem Thema „Die soziale Konstruktion der Hausaufgabensituation“.  Das Forschungsteam wollte verstehen, „ob und in welcher Weise unterschiedliche Hausaufgabenpraktiken dazu beitragen können, Bildungsbenachteiligungen zu verfestigen oder abzubauen“ (S. 19). Die Wissenschaftler unterschieden drei Modelle, darunter das integrierte Hausaufgabenmodell, in dem Hausaufgaben als Lerneinheiten in den rhythmisierten Schulalltag integriert werden. Überraschendes Ergebnis: Wo die Hausaufgaben organisiert werden, ist nicht entscheidend, sondern ob die Lernprozesse oder die Ergebnisse in den Vordergrund gestellt werden. Eine reine Ergebnisorientierung, so das Fazit, nutze nichts. Dr. Elke Kaufmann sieht die bisherige Hausaufgabenforschung kritisch im Hinblick auf die sozialen Aspekte: „Ich habe nicht den Eindruck, dass das Thema in seiner Dramatik erkannt ist. (…) Familien aus sozial benachteiligten Milieus und vor allem mit Migrationshintergrund sind in diesen Studien bisher unterrepräsentiert.“  

Ganztag fördert Freundschaften

Mit der Ganztagsschule als Ort der Integration befasste sich die Studie „Ganztagsschulbesuch und Integration von Migranten“ (2008-2011). Hier wurden in einem Forschungsverbund die Schulbiografien der Schülerinnen und Schüler an Halbtagsschulen und solchen an Ganztagsschulen verglichen. Hintergrund ist die Erwartung, dass Ganztagsschulen Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgleichen können. Diese Erwartung ist jedoch nur eingeschränkt berechtigt, die Hinweise sind nicht eindeutig genug. Prof. Dr. Ingrid Gogolin (Universität Hamburg) konstatiert eher verhalten, es gebe Anhaltspunkte dafür, dass „eine Rhythmisierung des Unterrichts über den gesamten Tag positive Effekte auf die Förderung hat“ (S. 21). Festhalten konnte der Forschungsverbund: „Die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder mit türkischem Migrationshintergrund profitieren vom Ganztagsbesuch.“ Und: „Die Zahl interethnischer Freundschaften steigt mit dem Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, an Ganztagsschulen jedoch unabhängig vom Migrantenanteil“ (S. 20).

Spätestens an dieser Stelle zeigt sich, was die gesamte Publikation durchzieht: Verfechter des gebundenen Ganztags finden hier ebenso Argumente wie jene, die an der additiven Form (vormittags Unterricht, anschließend ein freiwilliges Nachmittagsangebot) festhalten. Es zeigt sich, dass die Qualität einer Schule und ihre Effekte auf die Förderung von Kindern Vorrang hat vor ihrer Organisationsform. Auf dem Label Ganztagsschule kann sich keine Schule ausruhen. 

Das gilt auch auf der Ebene des Schulsystems insgesamt nach PISA. „Viele meinten, das Ganztagsschulsystem sei ein Schlüssel zum Erfolg. Tatsächlich aber gibt es keinen Beleg, dass der Faktor Ganztag auf der Systemebene entscheidend ist. Auch Ganztagsschulsysteme können im internationalen Vergleich unterschiedlich abschneiden“, so der bekannte Bildungsforscher Prof. Dr. Eckhard Klieme im einleitenden Interview. Aber: „Ganz offensichtlich ist der Bedarf an professioneller Erziehung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft gestiegen. ... Parallel dazu hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Schule mehr ist als Unterricht in seiner klassischen Vormittagsform.“ (S. 3-4).

Fazit: Guter Überblick und viele verwertbare Details

Die Zusammenstellung der Forschungsergebnisse, die als Ergänzung zu der gerade bis 2015 verlängerten „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“ zu verstehen sind, zeigt auch, wie komplex Forschung ist und wie schwer es ist, in pädagogischen Landschaften „einfache Antworten“ zu geben. Euphorisch kommen die Texte deshalb nicht daher. Knapp und verständlich bilden sie die Bandbreite der Ganztagsschulforschung ab und enthalten viele verwertbare Details, nicht zuletzt für Entscheidungsträger in den Kommunen. Zu diesen Details gehört etwa, dass Ganztagsschulen „durch Vernetzung zur Aufwertung von Stadtteilen und zu Förderung sozialer Integration“ beitragen (S. 44). Auch für die kulturelle Bildung gibt es vor Ort verwertbare Ergebnisse. So führen musisch-kulturelle Angebote „zu mehr Kooperation und Kommunikation von Lehrkräften und außerschulischen Partnern“, und sie erreichen auch „Kinder und Jugendliche, die sonst nicht mit solchen Angeboten in Berührung kommen“ (S.54).    

Eingebettet in Grundsätzliches zur Bildungsforschung und zur Zukunft des Ganztags ist es den Autoren gelungen, das Forschungsfeld selbst transparent zu machen – und es gleichzeitig in die politische Landschaft einzubinden. Denn eines ist klar: Es bleibt die große Aufgabe, sukzessive und dennoch systematisch mit diesen Befunden Ganztagsschulen weiterzuentwickeln.

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