"Ganztagsschulen sollen sich öffnen"

Bei der PISA-Ergänzungsstudie schnitt Bayern vergleichsweise gut ab. Besteht also aus Sicht der bayerischen Regierung überhaupt die Notwendigkeit, die Bildungslandschaft in Richtung Ganztagsschulen zu verändern? Helmut Krück, Regierungsdirektor im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus und dort zuständig für Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung, zeichnet im Interview die Perspektiven für Ganztagsschulen im Freistaat.

Online-Redaktion: Herr Krück, Bayern hat bei der PISA-Ergänzungsstudie vergleichsweise gut abgeschnitten. Gibt es für die bayerische Landesregierung überhaupt Gründe, etwas in ihrer Bildungslandschaft zu verändern?

Krück: Zum zufriedenen Zurücklehnen besteht sicher kein Anlass. Unser Ziel muss es sein, auch im internationalen Vergleich erfolgreicher zu werden. Deshalb wird in der bayerischen Bildungspolitik alles versucht, die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, sie zu besseren Leistungen insgesamt zu führen, damit sie im späteren Berufsleben konkurrenzfähiger sein werden.

Online-Redaktion: Glauben Sie, dass die Ganztagsschule eine geeignete Schulform ist, um das Ziel der besseren Leistungen, des besseren Unterrichts und einem Mehr an Sozialkompetenz zu erreichen?

Krück: Zunächst muss ich vorausschicken, dass wir in Bayern zwischen der reinen, klassischen Ganztagsschule, die nach der KMK-Definition in gebundener oder teilweise gebundener Form beschrieben wird, und der offenen Ganztagsschule unterscheiden. Bei Letzterer, die wir auch als Ganztagsangebote an Schulen bezeichnen, können auch klassenübergreifende Angebote der Betreuung und der Förderung wie zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung und sozialpädagogische Unterstützung gemacht werden. Dazu kommen auch sozial- und familienpolitische Schwerpunkte.

Dies muss man klar von der gebundenen Form unterscheiden, die den Schwerpunkt auf die unterrichtliche Förderung legt, wobei soziale Kompetenzen aber nicht ausgeschlossen sind. Hier stehen die Förderung der schulischen Leistungen in Sprache, Naturwissenschaften und musischen Fächern, die Förderung besonderer Talente und der Ausgleich der schulischen Defizite im Mittelpunkt.

Online-Redaktion: Bevorzugen Sie eine dieser Formen oder überlassen Sie die Wahl den Schulträgern?

Krück: Die Einrichtung der einzelnen Arten hängt von verschiedenen Faktoren ab. Schulen, an denen ein Bedarf besteht, geben wir die Möglichkeit, offene Ganztagsschule zu werden. Bei der gebundenen Ganztagsschule entscheidet das Kultusministerium über die Einrichtung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Schülerschaft vor Ort, wenn zum Beispiel Sprachförderung im besonderen Maße erforderlich ist. Dort werden gezielt Ganztagsklassen, die rhythmisiert über den ganzen Tag lernen, eingerichtet.

Beide Schulformen werden nach einem individuellen Konzept gestaltet. Darüber entscheidet die Schule in Verbindung mit dem Schulaufwandsträger, wobei örtliche Gegebenheiten wie die Zusammensetzung der Schülerschaft oder das Umfeld der Schule mit seinen Angeboten im sozialen, musischen und kulturellen Bereich berücksichtigt werden. Die Schulen sollen sich ja öffnen und sich in die Gesellschaft einbinden.

Online-Redaktion: Haben Sie Zahlen, wie viele Ganztagsschulen es in Bayern derzeit gibt?

Krück: Wir hatten im Schuljahr 2003/04 insgesamt 470 offene Ganztagsschulen. Für das gerade erst begonnene Schuljahr kann ich noch keine detaillierten Zahlen nennen, aber ich rechne mit einer Erhöhung um etwa 70 Schulen. Dazu gibt es derzeit 54 gebundene Ganztagsschulen in öffentlicher Trägerschaft.

Online-Redaktion: Sind da bestimmte Schulformen vorherrschend?

Krück: Nein, es sind sowohl Haupt- wie Realschulen und Gymnasien dabei.

Online-Redaktion: Wird denn die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre einen Ganztagsschub an Gymnasien auslösen?

Krück: Ganz eindeutig ist das Gymnasien mit acht Schuljahren (G8) in Bayern keine Ganztagsschule, auch wenn die Angebote insgesamt erweitert werden. Wir haben allerdings an elf Schulen, die sich extra beworben hatten, einen Schulversuch "G8 in Ganztagsform" eingerichtet. Dort wird geprüft, wie sich die Ganztagsform durch beispielsweise mehr Eigentätigkeit oder durch zusätzliche Förderangebote auswirkt. Aber noch einmal: Ein direkter Zusammenhang zwischen G8 und Ganztagsschule ist nicht herzustellen.

Online-Redaktion: Wie sieht die weitere Entwicklung der Ganztagsschulen aus?

Krück: In Bayern wird die offene Ganztagsschule weiterhin bedarfsgerecht ausgebaut. Wir gehen beim nächsten Schritt von rund 1000 Schulen aus. Die gebundenen Ganztagsschulen wollen wir auf 100 Standorte ausweiten. Das hat Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber auch in seiner Regierungserklärung angekündigt.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit regionalen Unterschieden bei der Nachfrage und Einrichtung von Ganztagsschulen aus?

Krück: Natürlich ist die Nachfrage in den Großstädten deutlich zu spüren, aber auch in ländlichen Bereichen ist sie vorhanden. Gebundene Ganztagsschulen werden oft in Regionen gewünscht, wo die unterrichtliche Förderung, zum Beispiel das Deutschlernen, eine hohe Priorität besitzt. Offene Ganztagsschulen sind ziemlich gleichmäßig über das Land verteilt.

Online-Redaktion: Haben Sie Gremien oder Foren eingerichtet, in denen sich die Schulen, die Verwaltung und die Politik über Erfolge und Misserfolge beim Einrichten von Ganztagsschulen austauschen können?

Krück: Ja, zunächst mal haben wir einen Beratungsstab eingerichtet. Dieser setzt sich aus 16 erfahrenen Lehrkräften zusammen, die für Beratung und Hilfestellung bei organisatorischen und inhaltlichen Fragen zur Verfügung stehen, Besprechungen mit den Schulen abhalten, Tipps und Hinweise geben und "Best Practice"-Beispiele vermitteln. Es findet ein regelmäßiger Ausstausch dieser Lehrkräfte statt. Zum zweiten führen wir eine Evaluation durch das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung durch. In dieser Untersuchung geht es um Bedingungen, um Voraussetzungen, um Feststellungen und Beobachtungen von Schülerleistungen und Sozialverhalten. Hier sind Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern eingebunden. Durch diese Zweigleisigkeit wollen wir Erfahrungen sammeln, ob und gegebenenfalls in welcher Form Korrekturen vorgenommen werden müssen.

Online-Redaktion: Wann wird es erste Ergebnisse aus dieser Studie geben?

Krück: Mit der Einrichtung von Ganztagsschulen haben wir im Schuljahr 2002/03 begonnen. Wir erwarten erste Ergebnisse gegen Ende dieses Schuljahres, wobei diese natürlich noch nicht so fundiert sein können. Aber es wird möglich sein, erste Trends abzulesen.

Online-Redaktion: Hat die Ganztagsschuldiskussion Ihrer Ansicht nach eine Berechtigung, oder handelt es sich hier um reinen Aktionismus nach dem PISA-Schock?

Krück: Wenn man glaubt, die durch PISA aufgezeigten Probleme allein durch Ganztagsschulen lösen zu können, irrt man sich. Bei der Problemlösung spielen viele Aspekte wie beispielsweise Lehrerfortbildung und Verbesserung der Unterrichtsgestaltung eine wichtige Rolle.

Dennoch halte ich eine offene und ehrliche Diskussion über Ganztagsschulen für wichtig. Wir halten zum Beispiel nichts von einer zwangsweisen Verpflichtung aller Schüler, sondern plädieren für die Ganztagsschule in Angebotsform. Den Schülerinnen und Schülern, die eine ganztägige Förderung und Betreuung aus familiären Gründen brauchen, sollen dementsprechende Angebote gemacht werden. Schüler, die diese nicht benötigen, sollten weiterhin nur halbtags unterrichtet werden. Das ist eine Absage an die flächendeckende verpflichtende Ganztagsschule, aber eine Zusage für die über den Vormittag hinausreichende Förderung der Schüler auf der Basis der Freiwilligkeit.

Online-Redaktion: Als die Bundesregierung das Thema vor zwei Jahren in Angriff nahm, waren die Länder skeptisch, weil sie ein Hineinregieren in ihre Kompetenzen befürchteten. Haben sich die Aufgeregtheiten inzwischen etwas gelegt?

Krück: Ja, das glaube ich. Der Bund geht zunehmend sehr verantwortungsvoll mit der Kompetenz der Länder um und ist bestrebt, parallel und im Einvernehmen mit den Ländern etwas zu erreichen.

Online-Redaktion: Über das Ganztagsschulthema hinaus - was wünschen Sie sich, was im Bildungsbereich hauptsächlich angegangen werden sollte?

Krück: Ich wünsche mir, dass wir noch bessere Voraussetzungen schaffen können, damit für jede Schülerin und jeden Schüler eine gezielte individuelle Förderung nach den speziellen Kenntnissen, Fähigkeiten, Begabungen und Talenten noch mehr als jetzt möglich wird.

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