Regisseurin des Wandels

Der Ausbau der Ganztagsschulen schreitet in Deutschland voran. Welchen Anteil haben die Verantwortlichen in den Kultusministerien und den Bildungsbehörden der Länder, über deren Arbeit in der Öffentlichkeit meist wenig bekannt ist? Die Online-Redaktion begleitete anderthalb Tage lang Christel Hempe-Wankerl, die in Bremen bei der Senatorin für Bildung und Wissenschaft die Ganztagsschulentwicklung hauptverantwortlich unterstützt.

Christel Hempe-Wankerl am Telefon

Im sachlich gehaltenen, funktionalen Büro von Christel Hempe-Wankerl am Rembertiring 8-12 fällt auf, dass jeder Zentimeter genutzt wird. So gibt es links neben dem Computerarbeitsplatz einen Stehtisch, der sich zum Redenschreiben oder zum Lesen eignet. Ein langer Tisch dient dem Empfang von Besuchern. Auf dem Bücherbord liegen zahlreiche Publikationen, darunter das "Jahrbuch Ganztagsschule 2008".

Darin zieht Hempe-Wankerl eine Zwischenbilanz: "Innerhalb von sechs Jahren hat sich die Anzahl der Ganztagsschulen im Lande Bremen von zwei auf vierzig erhöht. Und trotzdem ist der Bedarf, wie er sowohl von Elternseite wie von Seiten der Schule formuliert wird, noch lange nicht abgedeckt.

Hinzu kommt, dass ein Großteil - vor allem der weiterführenden Schulen zurzeit noch in offener Form geführt wird, obwohl durch einen Paradigmenwechsel der Schulbehörde künftig Ganztagsschulen nur noch in teilgebundener oder gebundener Form eingerichtet werden."

In ihrer Bilanz schlägt Christel Hempe-Wankerl den Bogen von den Reformplänen der siebziger Jahre zu den PISA-Ergebnissen. Sie erläutert die Bremer Grundsätze für die Einrichtung von Ganztagsschulen. Im Zentrum stehen die Weiterentwicklung der Lehr- und Lernkultur, die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe, aber auch Fragen der Fortbildung des Personals und der Ausstattung der Ganztagsschulen.

Dass Innovationen wissenschaftlich begleitet werden, ist für sie selbstverständlich. Der Ehrgeiz des Landes, gute Ganztagsschulen zu betreiben, kommt hier zum Ausdruck. Bremen war das Land, das seinen Mittelanteil aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB), bereits sehr früh ausgeschöpft hat.

Von "Betreuungsschulen" zu Ganztagsschulen

Was führte Christel Hempe-Wankerl in die Bildungsbehörde? Nach dem Studium über den zweiten Bildungsweg zunächst in der Ausbildung von Erzieherinnen tätig, wurde sie 1989 in die Behörde des Senators für Bildung und Wissenschaft abgeordnet, um den Aufbau so genannter "Betreuungsschulen" in sozialen Brennpunkten zu unterstützen. Diese sollten bis zur Sekundarstufe I eine ergänzende Betreuung für einige Schülerinnen und Schüler am Nachmittag anbieten.

In die Schulen wurden Erzieherinnen und Erzieher geholt, die über das Amt für soziale Dienste oder in Kooperationen mit freien Trägern angestellt wurden. Ziel war die bessere Verknüpfung des Unterrichts mit darauf abgestimmten Förder- und Betreuungsangeboten. Das war gewissermaßen die Wiege der Ganztagsschulen in Bremen.

1992 stand Hempe-Wankerl vor der Wahl, entweder in die Schule zurückzukehren oder als Referentin in der Bildungsbehörde die Strukturen des Bremer Schulsystems mitzugestalten. Da die Bremerin mittlerweile herausgefunden hatte, dass es ihr lag, "Prozesse anzustoßen und Dinge in Bewegung zu bringen", fiel ihr die Entscheidung nicht schwer. 2001 gab das Land den Startschuss für zunächst fünf neue Ganztagsschulen in offener Form.

Das IZBB: Ein Meilenstein für Bremen

Zwei Ereignisse brachten den Durchbruch für den Ausbau von Ganztagsschulen. Zum einen übten die PISA-Ergebnisse, insbesondere der Vergleich der Bundesländer (PISA-E), einen starken Reformdruck auf die Bremer Bildungsverwaltung aus. "PISA war ein Signal: Wir müssen den Unterricht und das Lernen verbessern", so Hempe-Wankerl.

Zum anderen wurde im Herbst 2003 das IZBB gestartet. Dem Land Bremen standen von den insgesamt vier Milliarden Euro für den bedarfsgerechten Ausbau der Ganztagsschulen rund 28 Millionen Euro zur Verfügung. Angesichts der deutlich angespannten Haushaltslage in Bremen kam dieser Impuls gerade zu rechten Zeit.

Christel Hempe-Wankerl gehörte zu den ersten, die die Chancen des IZBB erkannten. Gemeinsam mit ihren Kollegen Wolf Schwarz (Hessen), Norbert Reichel (Nordrhein-Westfalen) und Johannes Jung (Rheinland-Pfalz) wirkte sie in einer Bundesarbeitsgruppe mit an der Vorbereitung des politisch zunächst heiß umstrittenen Vorhabens, das schließlich zu der Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern führte. Am Zustandekommen des Investitionsprogramms hat sie "mitgefeilt".

Systemisch denken und konsequent umsetzen

Von Anfang an waren die mit den Bundesmitteln geförderten Bauprojekte für sie nur interessant, soweit sich damit inhaltliche Ziele verbanden. Deshalb unterstützte Bremen die Schaffung eines Begleitprogramms zum IZBB, das die Schulen bei der konzeptionellen und organisatorischen Ausgestaltung unterstützt. Die Regionale Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Bremen war Anfang 2005 eine der ersten, die bundesweit eingerichtet wurden.

Auch für die Beteiligung Bremens am Bund-Länder-Programm "Lernen für den GanzTag", das seit 2006 als Verbundprojekt der Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz weitergeführt wurde, hat sie sich stark gemacht und dafür gesorgt, das dieses eng mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" vernetzt ist.

Für die Zeitschrift PÄDAGOGIK verfasste Hempe-Wankerl 2005 einen Aufsatz "Ganztagsschulen brauchen Ganztagslehrer. Das Bremer Arbeitszeitmodell". Darin plädierte sie dafür, mit der Einführung der Ganztagsschulen auch die Lehrerarbeitszeit neu zu denken.

Mehrere Schulen erproben in der Stadt Bremen inzwischen ein neues Modell der Lehrerarbeitszeitgestaltung, das pädagogische Arbeit und Kooperation im Ganztag gewährleistet. Mit dem Lehrerarbeitszeitaufteilungsgesetz wurden die rechtlichen Grundlagen für das Präsenzzeitmodell geschaffen. Auch dieses Beispiel zeigt, dass Innovation dort am besten gelingt, wo sie systemisch und konsequent umgesetzt wird.

Bremen - Stadtstaat der kurzen Wege

Zu einem mit Dienstbesprechungen, Verfassen von Vorlagen, Telefonaten und E-mail-Korrespondenz dicht gefüllten, oft zehnstündigen Arbeitstag von Christel Hempe-Wankerl gehören auch informelle Treffen und Gespräche mit Kollegen. Charakteristisch für ihre Arbeitsweise ist, dass sie alle Entwicklungen im Bereich der Ganztagsschule aufmerksam verfolgt und stets ein offenes Ohr hat, auch für Vorgänge, die nicht in ihrem Outlook-Terminplan vorgemerkt sind.

Sandra Reith und Christel Hempe-Wankerl

So freut sie sich mit Sandra Reith vom Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" über eine frisch gedruckte Broschüre für die Lehrerfortbildung "Soziales Lernen und Lernen des Sozialen". Diese basiert auf einer Expertise von Prof. Ulrich Bauer und Dr. Uwe Bittlingmayer, die die Bremer 2006 in Auftrag gegeben haben, und zeigt Möglichkeiten zur Förderung von Chancengleichheit in Ganztagsschulen auf - ein dringend notwendiger Fortbildungsbaustein zur Bildung multiprofessioneller Teams und zum Erwerb sozialer Kompetenzen.

Den Nutzen dieses Fortbildungskonzepts haben Christel Hempe-Wankerl und Sandra Reith auf der Abschlussveranstaltung des Verbundprojekts "Lernen für den GanzTag" am 29. Mai 2008 in Köln selbst erprobt.

Dass die Bremer Bildungsbehörde ein Ort der kurzen Wege ist, offenbaren Begegnungen und Gespräche auf dem Flur, etwa mit Kollegen aus dem Referat IT-Infrastruktur. So sucht sie auch in der Kantine die Gelegenheit zum Austausch privater oder beruflicher Natur: "Es tut auch einfach mal gut, bei einem Kaffee zu quatschen oder Ärger loszuwerden." Bei Gesprächen mit dem Kantinenpersonal erlebt man sie besonders bodenständig und locker.

Profunde Feldkenntnis

Umfassende Feldkenntnis, Mobilität und Kommunikation gehören zu den besonderen Tugenden von Christel Hempe-Wankerl. "Ihre" Ganztagsschulen kennt sie aus häufigen Besuchen sehr genau, zu Schulleitungen und Lehrkräften pflegt sie ein partnerschaftliches Verhältnis.

In den eineinhalb Tagen ist die Bremerin allein an drei Ganztagsschulen zu sehen. Die Fahrt mit ihrem PKW, bei der sie gelegentlich die Architektin Michaela Enders vom Referat für Liegenschaften begleitet, führt durch soziale Brennpunkte wie auch durch gut bürgerliche Viertel. Über deren historischen oder sozialen Hintergrund zeigt sie sich hervorragend im Bilde. Diese Kenntnisse bilden die Grundlage für die Beratung ihrer Vorgesetzten und die Vorbereitung von Entscheidungen der politischen Leitung der Behörde.

So kann Hempe-Wankerl die Bedarfe der Stadtteile und die Erwartungen der Schulen vor Ort genau einschätzen. Kein Wunder, dass sie in der Wilhelm-Olbers-Schule und in der Schule Am Oslebshauser Park, die beide mit IZBB-Mitteln gefördert wurden, von den Schulleitungsteams herzlich empfangen wird.

Hempe-Wankerl mit der Architektin Michaela Enders

Wenn man sich den Ganztagsschulen im PKW nähert, fällt übrigens schon von weitem die hervorragende Kombination von altem Bestand und Neugestaltung der Gebäude auf: Ergebnis einer vorbildlichen pädagogischen Architektur, die ein organisatorisch und konzeptionell gut durchdachtes Ganztagskonzept umsetzt. Hier bewährt sich die gute Zusammenarbeit mit dem Bau- und Planungsreferat.

Dass Hempe-Wankerl den Schulen aber auch mal die Grenzen aufzeigt, wurde an einem anderen Beispiel deutlich, als sie an einer Schule zum Ausdruck brachte, das "nicht alle Blütenträume reifen können" und man "auf dem Teppich bleiben muss", wenn es um nach ihrer Meinung unangemessene Forderungen oder Verhaltensweisen geht.

Partner gewinnen und Menschen überzeugen

Mehr und mehr schält sich der Eindruck heraus, dass es nicht eine, sondern viele Hempe-Wankerls gibt. Man müsse sich eben "vervielfältigen" können, meint die Bremerin selbst. Es gibt die Planerin, die Entscheiderin, die Reisende, die Multiplikatorin, die Publizistin, die Visionärin, die Kollegin. Aufgrund ihrer Feldkenntnis und der Fähigkeit, sich in Strukturen und Organisationen zurechtzufinden, fällt es ihr leicht, Menschen miteinander zu vernetzen.

"Wen kann ich mit wem zusammenbringen", heißt ihr Gesetz. Allerdings empfinde sie auch mal Unmut, wenn andere entweder nicht richtig wollen oder über einen einmal gefassten Beschluss endlos diskutieren. "Man sollte nicht alles zerreden, sondern auch einfach mal Neues ausprobieren". Klagen über fehlenden Handlungsspielraum teilt Christel Hempe-Wankerl nicht: "Wenn ich etwas für richtig halte, versuche ich Menschen davon zu überzeugen."

Dazu gehört nicht zuletzt ihre engagierte Unterstützung der Ganztagsschulforschung. Als sich Schulleitungen und Lehrkräfte zum Netzwerktreffen in der Schule am Oslebshauser Park einfinden, ist auch die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Eva Christina Stuckstätte aus Münster eingeladen. Sie erhält Gelegenheit, ihr Forschungsvorhaben "Individuelle Förderung in Ganztagsschulen" vorzustellen. Anschließend muntert Hempe-Wankerl die Schulen auf, mitzumachen.

"Es gibt bei uns in Bremen eine hohe Bereitschaft der Schulen, sich an solchen Untersuchungen zu beteiligen." Sie weiß, dass Schulen nicht nur Objekte der Forschung sein wollen, sondern für die Teilnahme gewonnen werden müssen  Wenn Bremer Ganztagsschulen der Forschung aufgeschlossen gegenüber stehen, verdankt sich das auch der Fähigkeit und Überzeugungskraft der Ganztagsschulreferentin, zwischen Wissenschaft und Praxis zu vermitteln.

"Schulangelegenheiten werden Quartiersangelegenheiten"

Genauso sieht es Hempe-Wankerl als ihre Aufgabe an, mit Kollegen im eigenen Haus, anderer Ressorts oder anderer Länder zu kooperieren - durch regelmäßige Treffen mit Ganztagsschulvertretern, darunter auch Eltern, und die Vernetzung ihrer Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen und Referaten. Sie weiß, dass eine so komplexe Aufgabe nur im "Konzert", in gemeinsamer Arbeit geleistet werden kann, und ist froh, sich dabei auf die kompetente und engagierte Mitarbeit ihrer Kollegin Gabriele Kohle verlassen zu können.

Während die Fußball-Europameisterschaft die deutschen und türkischen Fans noch in Atem hielt, begrüßt Christel Hempe-Wankerl im ersten Stock der Bremer Behörde die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer "hochrangig besetzten Runde". Es geht um die Ganztagsschule als Ausgangspunkt für "Quartiersbildungszentren" in der Stadt. Alle Abteilungen des Bildungsressorts, darunter der Leiter der Abteilung Zentrale Dienste, Werner Meinken, und die Leiter der Referate für Personal, Finanzmanagement, Liegenschaften, der Schulaufsicht der allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie IT-Infrastruktur sind gekommen.

Cornelia von Ilsemann, Hermann-Josef Stell und Hempe-Wankerl

Die Besprechung moderiert Cornelia von Ilsemann, die Leiterin der Abteilung Bildung und verantwortlich u. a. für die Referate Qualitätsentwicklung und Innovationsförderung, Unterrichtsversorgung sowie die Aufsicht der allgemein bildenden und beruflichen Schulen. Eingeladen sind Akteure öffentlicher und privater Institutionen: Sabine Heinbockel, Leiterin der Serviceagentur "Ganztägig lernen", Hermann Josef Stell, Schulleiter der Grundschule in der Düsseldorfer Straße, sowie Dr. Günter Warsewa und Dr. Ulrike Baumheier vom Institut für Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen, die zur "Stadtteilbezogenen Vernetzung von Ganztagsschulen" forschen.

Ein runder Tisch zu Bildungsfragen - aus Sicht von Warsewa und Baumheier ist dies genau das richtige Signal. Schulen allein seien überfordert, Integration und Erziehung zu leisten. Gerade im Stadtstaat Bremen gebe es viele Stadtviertel mit einem großen Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die der Unterstützung bedürften.

Wer den Blick auf andere Länder wie England oder Niederlande mit ihrem "Community Learning" bzw. den "Vensterscholen" richte, bekomme einen Eindruck davon, wie die Öffnung der Schulen zu den Familien bzw. zum Stadtteil gelingen kann. "Schulangelegenheiten werden Quartiersangelegenheiten", um Chancengleichheit und lebenslanges Lernen im Quartier zu befördern.

Warsewa empfiehlt die Schaffung der Stelle eines "Standortmanagers", der als "Regisseur in der Lage ist, aus einzelnen Konzepten eine Gesamtstrategie zu entwickeln und die verschiedenen Akteure zu Höchstleistungen zu motivieren." Der Standortmanager sollte über ein Budget verfügen und Lösungen für technische und organisatorische Probleme entwickeln. Mit einer Kombination von top-down und bottom-up-Ansätzen ließen sich Bildungsprozesse im Quartier verbessern.

Die Beschreibung des "Standortmanagers als Regisseur" hinterlässt einen starken Eindruck bei Hempe-Wankerl. Vielleicht, weil sie darin auch etwas von ihrem Selbstverständnis wiedererkennt. Gerade stellt der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung "IN FORM -  Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung" für Bremen die Möglichkeit dar, eine Vernetzungsstelle für Schulverpflegung zu schaffen.

Der Aktionsplan stellt dem Land Bremen 90 Prozent der Mittel zur Verfügung, die notwendig sind, um eine solche Stelle zu schaffen, die die Schulen bei der Verbesserung der Verpflegungssituation unterstützt "Haben wir noch nicht. Wollen wir aber machen", so die Ganztagsschulreferentin.

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