Schwung für die hessischen Ganztagsschulen

Welchen Anteil haben die Verantwortlichen in den Kultusministerien und den Bildungsbehörden der Länder, über deren Arbeit in der Öffentlichkeit meist wenig bekannt ist, am Ausbau der Ganztagsschulen? Die Online-Redaktion begleitete Wolf Schwarz, der im Hessischen Kultusministerium für die Ganztagsschulentwicklung verantwortlich ist.

Wolf Schwarz

Als erstes fallen bei Wolf Schwarz, Ministerialrat und Referatsleiter Ganztagsschulen im Hessischen Kultusministerium (HKM) sein schwungvolles Auftreten und sein fröhlicher Gesichtsausdruck auf. In seinem Büro liegt auf dem großen, aufgeräumten Arbeitstisch ein Stapel wohl sortierter Akten, die sich nach einer einwöchigen Dienstreise angehäuft haben. Dazu kommen auf seinem Computer rund 360 E-Mails, die der Beamte bis auf 75 abgearbeitet hat.

Schwarz ist für 600 ganztägig arbeitende Schulen in Hessen zuständig, die aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) mit rund 280 Millionen Euro gefördert werden. Das ist ein Drittel aller allgemein bildenden Schulen in Hessen. Seit dem Jahr 2002 hat sich die Zahl ganztägig arbeitender Schulen vervierfacht. "Das ist ziemlich viel, um nicht zu sagen gewaltig", erklärt Wolf Schwarz. Neben den Ganztagsschulen ist er auch für den Bereich Fremdsprachen und das Programm "Europaschulen" zuständig. Letzteres führte ihn vor kurzem gemeinsam mit einer Delegation von Schulleitern und Lehrkräften nach Israel.

Zwischen Dienstreisen und Laufmappen

"Eine hoch interessante Woche", rekapituliert Schwarz, während er die elektronische Post beantwortet. Das Land Hessen unterhält im Rahmen der Europaschulen Partnerschaften mit sechs israelischen Schulen. Die hessischen Europaschulen gibt es seit dem Jahr 1990. Ein Schwerpunkt liegt im Bereich Fremdsprachen und interkulturelle Projekte. Die meisten von ihnen sind außerdem Ganztagsschulen.

Auch die israelischen Partnerschulen sind ganztägig organisiert. Allerdings durchlaufen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam sechs Jahre die Elementarschule. In Israel besteht für Kinder im Alter von fünf bis sechzehn Jahren Schulpflicht. Das Schulsystem ist auf die multikulturelle Bevölkerung abgestimmt. Bis zum 18. Lebensjahr ist der Schulbesuch kostenlos. "Doch alles, was wir unter Qualitätssicherung verstehen wie Rhythmisierung, ausreichende Mittagspausen, Hausaufgabenbetreuung wird dort kaum praktiziert. Im Vordergrund steht, überhaupt Schulbildung anzubieten und allen Schülerinnen und Schüler den Unterricht zu ermöglichen."

Visionen entwickeln und Strukturen schaffen

Sein Arbeitsalltag ist voll gepackt mit Besprechungen, Telefonaten, einem nicht abreißenden Strom von E-Mails und natürlich dem Studium der Akten. Während in der Schule die Vermittlung von Stoff eine dominierende Rolle einnehme, komme es im Ministerium darauf an, Visionen zu entwickeln, Schulentwicklung zu steuern und der politischen Ebene die Bälle zuzuspielen.

Man brauche allerdings Struktur, um die Visionen in die Praxis umzusetzen. Eine Laufbahn im Ministerium reizte Schwarz insbesondere wegen des damit verbundenen Gestaltungsspielraums. Nach elf Jahren Dienst als Gymnasiallehrer wurde er im Jahr 1991 zunächst ins hessische Kultusministerium abgeordnet, bis ihm 1994 eine Planstelle als Referent zugeteilt wurde. Seitdem ist Schwarz, dessen Arbeitsplatz am prachtvollen Luisenplatz in Wiesbaden liegt, für die Ganztagsschulen zuständig.

Bereits seit den fünfziger Jahren stellt das Land Hessen eigene Mittel zum Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung. Wolf Schwarz beschäftigt sich seit 1998 schwerpunktmäßig mit dem Thema Ganztagsschule. Allerdings wird die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen in Hessen und auch bundesweit erst seit dem Jahr 2000 verstärkt diskutiert.

"Ganztagsschulen kosten dauerhaft Geld"

Noch bevor das Vier-Milliarden-Programm zum Ausbau der Ganztagsschulen im Oktober 2003 ins Leben gerufen wurde, war es in der Kultusministerkonferenz "vordiskutiert" worden. Nicht nur Neubauten sollten gefördert werden. So setzten sich besonders die neuen Länder etwa dafür ein, dass auch bestehende Ganztagsschulen aus den Mitteln des Bundes gefördert werden, erinnert sich der Referatsleiter. Durch die Kooperation mit den anderen Ländern sei man zu guten und tragfähigen Ergebnissen gekommen.

"Die Ganztagsschulen kosten dauerhaft Geld", erläutert Schwarz. Schließlich müssten die Länder das zusätzliche Personal bezahlen. Dem IZBB liege eine Richtlinie zugrunde, die vorgebe, dass die Mittel vom Land verwaltet und geprüft werden und auf Antrag an die Schulträger weitergegeben werden. Auf Hessen bezogen bedeutet dies, dass das Kultusministerium Rahmenvereinbarungen mit den Spitzenorganisationen der freien Träger abschließt. In anderen Worten: "Land und Schulträger gestalten zusammen die Ganztagsschulen."

So müssen sich die Städte und Landkreise mit zehn Prozent an den Kosten beteiligen. Angesichts der guten Zusammenarbeit kam es im Zuge der Vorbereitung des IZBB sogar zur Gründung eines Arbeitskreises der Länderreferenten, der sich mit Entwicklungsfragen der Ganztagsschulen beschäftigte.

Ein starkes Team für die Ganztagsschulen

"Das Klima in der Gruppe ist hervorragend", berichtet Wolf Schwarz. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien erfahrene Praktiker, die sachlich sehr gut kooperieren und gemeinsame Lösungen anvisieren. "Wenn wir heute über Qualitätskriterien in Hessen, Hamburg oder Bremen diskutieren und uns dabei über vieles einig sind, liegt das daran, dass wir im Verlaufe der Zusammenarbeit viele gemeinsame Erfahrungen bei der Ganztagsschulentwicklung gemacht haben", erklärt er und fügt zufrieden hinzu: "Das wäre vor fünf Jahren nicht möglich gewesen." Ein gutes Team sei unabdingbar, um die gemeinsamen Ideen in die Praxis umzusetzen.

Ob die Praxis allerdings dem "Lackmustest" der guten, gelingenden Ganztagsschule standhält, diese Frage kann allein die Forschung beantworten. Dementsprechend würdigt Schwarz die "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG), die vom BMBF in Auftrag gegeben wurde: "Sie reflektiert die Veränderungen in der Praxis der Ganztagsschulen und gibt Anhaltspunkte über die Gelingens- und Misslingensbedingungen."

StEG spiegelt die Akzeptanz des Ganztagsprogramms wider

Die auf fünf Jahre angelegte Längsschnittstudie gibt den Verwaltungen in den 16 Ländern interessante Rückmeldung darüber, inwiefern die Lehrer, Kinder und Eltern die Ganztagsangebote annehmen. Schwarz konkretisiert: "Den entscheidenden Vorteil des Forschungsvorhabens sehe ich darin, dass es uns zeigt, welche Programmteile angenommen werden und welche nicht."

Darüber hinaus komme dem Forschungsvorhaben das Verdienst zu, den bundesweiten Austausch voranzubringen, den es vorher so nicht gegeben habe. Einen Beitrag zur Verbindung von Theorie und Praxis sowie zur Kooperation auf hessischer Landesebene und zwischen Schulen und Schulträgern leistet die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hessen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS).

Mit ihr wie mit den Forschern pflegt Wolf Schwarz einen engen Austausch: "Wir arbeiten sehr gut zusammen." Hessen investiere neben den Bundesmitteln eigene Personal- und Sachmittel in die Serviceagentur. Die Serviceagentur unterstützt und berät die Schulen bei der Entwicklung und dem Ausbau ihres Ganztagsprogramms.

Ein System von Referenzschulen für Hessen

Gemeinsames Ziel der Zusammenarbeit sei es, Fortbildungen für das pädagogische Personal sowie die Kooperation der Ganztagsschulen mit den außerschulischen Partnern auszubauen: "Die Schulen können die Serviceagentur auch als Hotline nutzen", erläutert Schwarz. Man wolle ein System von Referenzschulen entwickeln, an dem sich neu errichtete Ganztagsschulen orientieren können. Eine solche mustergültige Einrichtung ist die Linnéschule in Frankfurt, die im Herzen der hessischen Metropole liegt.

Es ist ein kalter Wintertag, an dem Wolf Schwarz die Schule besucht. An diesem Morgen liegt aber noch ein besonderes Ereignis in der Luft: Gäste aus Südostasien haben sich eingefunden. Nachdem im vergangenen Jahr Prof. Ludwig Stecher, langjähriger Koordinator des StEG-Konsortiums, die internationale Konferenz in Busan zum Thema After-School-Programme besuchte, wollte sich nun eine südkoreanische Delegation ein eigenes Bild über den Erfolg der Ganztagsschulen und die Gestaltung der Nachmittagsangebote in Hessen machen.

Zum Beispiel die Linnéschule Frankfurt

Die Linnéschule hat gegenwärtig 278 Schülerinnen und Schüler, 26 Lehrkräfte, zwei Sozialpädagogen sowie drei Herkunftslehrer aus Kroatien, Italien und der Türkei. Da viele Kinder vor dem Grundschulbesuch keine Kindertagesstätte besucht haben, gibt es die Eingangsstufe. Die Schule hat viele Kooperationspartner, darunter das Sozial- und Jugendamt, ferner Sportvereine oder Künstler. "Ganz viele Professionen arbeiten in unserer Schule auf gleicher Ebene zusammen", erklärt Schulleiterin Helga Vogt. Die Gebühren für die Teilnahme der Kinder am Nachmittagsangebot hängen allerdings von dem Geldbeutel der Eltern ab.

Zur südkoreanischen Delegation gehörten Mitarbeiter des Korean Educational Development Institute (KEDI), Schulinspektoren, Schulleiter sowie Lehrkräfte. Sie besuchten verschiedene Klassen. Ein Teil ging gemeinsam mit Wolf Schwarz in die Klasse 4a. "Wie kann man Strom aus einer Solarzelle gewinnen?" lautete das Thema. Der junge Klassenlehrer demonstrierte, wie das Licht eines Overheadprojektors einen kleinen Ventilator in Betrieb setzt. Danach erläuterte er die Prinzipien des Stromkreises.

Obwohl die Klasse überaus heterogen zusammengesetzt ist, fällt sie durch eine angenehme Gruppendynamik auf. Die Schülerinnen und Schüler beteiligen sich rege am Unterricht. Als sich gegen 9:30 Uhr draußen die Sonne durch die Wolken gekämpft hat, gelingt es dem Lehrer zu zeigen, wie ihre Energie durch die Solarzelle den Motor des Ventilators in Bewegung setzt. Aus dem Experiment wurde ein indirektes Plädoyer für Zukunftstechnologie.

"Das Beste daran ist, dass ich meine Freunde treffe"

Der neunjährige Grundschüler Lion, dessen Mutter koreanischer Herkunft ist, erzählt, was ihm neben dem Sachkundeunterricht an der Ganztagsschule gefällt: "Das Beste daran ist, dass ich meine Freunde treffe." Als sozialer Treffpunkt steht die Ganztagsschule insbesondere bei den jüngeren Schülergruppen hoch im Kurs. Doch ein weiterer Vorteil der Linnéschule als Ganztagsschule liegt darin, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben am Nachmittag erledigen können.

Ihre Eltern sind froh darüber und sind meist überzeugte Anhänger der Ganztagsschule. Die Schulleiterin ist sich sicher: "Für die Entwicklung der Ganztagsschule braucht es Jahre." Der weitere Ausbau bleibe daher Schwerpunkt der Schulentwicklung.

Etwas anders sieht es gegenwärtig in Südkorea aus, wie Dr. Hong-Won Kim vom KEDI erklärt: "Viele Eltern geben sehr viel Geld für die Nachhilfe aus. Die südkoreanische Regierung möchte daher die privaten Anstrengungen reduzieren." Und er fügt hinzu: "Wir waren überrascht, dass es viele Ähnlichkeiten hinsichtlich der Ganztagsschulen in Deutschland und in Südkorea gibt."

Alle hessischen Schulen bis 2015 Ganztagsschulen?

Nach dem Besuch der Linnéschule informierte Wolf Schwarz seine Gäste auch über die Hindernisse beim Ausbau der Ganztagsschulen in Hessen: Ersten gebe es einen großen zusätzlichen Ressourcenbedarf für Personal und Ausstattung. Zweitens seien viele Lehrkräfte in Studium und Ausbildung nicht auf die Ganztagsschule vorbereitet und es bestehe daher ein großer Fortbildungsbedarf. Zugleich müssten Vorbehalte überwunden werden, und drittens erfordere eine gelingende Ganztagsschule Eltern, die mit der Schule eng kooperieren. Leider gibt es viele, für deren Kinder diese Kooperation besonders wichtig wäre, die diese Kooperationsangebote nicht oder selten wahrnehmen.

Vor drei Jahren habe das Land ein eigenes mehrjähriges Programm zum Ausbau der Ganztagsschulen aufgelegt: "Das Ministerium hat viel Geld für die Ganztagsschulen ausgegeben", erläutert Schwarz. So werden jährlich 46 Millionen Euro für zusätzliches Personal aufgewendet. Bis zum Jahr 2015 wolle Hessen alle 1.800 Schulen der Primarstufe und der Sekundarstufe I, für die das Land jährlich ca. 2,5 Milliarden Euro bereitstelle, in Ganztagsschulen umwandeln.

In Hessen gibt es drei Ganztags-Modelle, die aufeinander aufbauen: Die pädagogische Mittagsbetreuung, die mindestens drei Nachmittage mit Mittagsbetreuung bis 14.30 Uhr vorsehe, bilde den Einstieg. Darauf baue die offene Ganztagsschule auf, die an fünf Tagen ein freiwilliges Angebot bis 17 Uhr anbiete. Schließlich gibt es die gebundene Ganztagsschule, an der alle Schülerinnen und Schüler an fünf Tagen bis 17 Uhr verpflichtend teilnehmen. Die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern entscheiden darüber, welche Angebote wahrgenommen werden.

Zwei Tage in Begleitung von Wolf Schwarz verdeutlichen: Die Ganztagsschulen, die in Hessen eine lange Tradition haben, befinden sich auf einem guten Weg.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)