Baden-Württemberg: Qualitätsrahmen für Ganztagsschulen

Baden-Württemberg wird bald einen „Qualitätsrahmen Ganztagsschule“ haben. Auf einem Fachtag in Stuttgart wurden Eckpunkte vorgestellt und diskutiert. Themen waren auch der Ganztag in der Sekundarstufe I, Inklusion in der Ganztagsschule und eine effiziente Organisation.

© Britta Hüning

Aller guten Dinge sind drei. Und so fanden sich nach zwei „Ganztagsgipfeln“ im November 2016 und im Mai 2017 am 18. Juni 2018 in Stuttgart über 200 Protagonisten der Ganztagsschule in Baden-Württemberg, die schon bei den beiden Gipfeln an der Konzepterarbeitung beteiligt waren – Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern, Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden und Vereinen – zu einem Fachtag ein. Diesmal handelte es sich laut Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann um eine „Arbeitssitzung“, die auf den Ergebnissen der vorherigen Veranstaltungen aufbauen sollte.

Der Teilnehmerkreis bestand aus denjenigen, die innerhalb des letzten Jahres an vier Themen gearbeitet hatten: Qualitätsstandards für gebundene Ganztagsschulen, Fragen zur „Ganztagsschule in der Sekundarstufe I“, dem Thema „Inklusion und Ganztagsschule“ und Fragen einer vereinfachten Organisation und Verwaltung einer Ganztagsschule. Die Ergebnisse wurden in vier Workshops vorgestellt, diskutiert und zu prägnanten Stichpunkten verdichtet.

Susanne Eisenmann auf dem Podium
Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann© Redaktion

Die Ministerin begrüßte die Teilnehmenden: „Die Ganztagsschule ist ein wichtiger Baustein zur Chancengerechtigkeit, für bessere Bildung und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich halte die gebundene Ganztagsschule nach Paragraf 4a auch vom Grundsatz her für gut. Wir wissen aus der StEG-Studie, dass nur bei regelmäßiger Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Ganztagsangeboten Effekte eintreten.“ Gleichzeitig würden sich nur zwei Prozent der Grundschulen für den gebundenen Ganztag entscheiden, weil die Verbindlichkeit viele Eltern abschrecke. Als Konsequenz müsse das Land sich „mit Schulen mit flexiblerem Betreuungsauftrag befassen“ und auch „wieder stärker in die seit 2014 eingefrorene Förderung einsteigen“.

Qualität im gebundenen Ganztag

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„Die gebundene Ganztagsschule muss für Schülerinnen und Schüler einen erkennbaren Mehrwert haben. Dazu reicht nicht nur ein eingereichtes Konzept, sondern dieses muss auch gelebt und ständig weiterentwickelt werden“, führte Susanne Eisenmann aus. Das Land wolle Ganztagsschulen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ausbauen. Um dies sicherzustellen, soll es künftig klare Qualitätsstandards für gebundene Ganztagsschulen geben, festgeschrieben in einem „Qualitätsrahmen Ganztagsschule Baden-Württemberg“.

„Die Eltern erwarten zu Recht ein Angebot von hoher Qualität. Dafür brauchen wir verbindliche Qualitätsstandards“, betonte die Ministerin. Ab dem Schuljahr 2019/2020 sollen sich die pädagogischen Konzepte am bis dahin vorliegenden Qualitätsrahmen ausrichten. Dieser werde künftig auch die verbindliche Grundlage für das in der Ganztagsschule eingesetzte Personal, für die Schulberatung und die Schulverwaltung sein.

Anne Sliwka und Kolleginnen bei der Präsentation des Qualitätsrahmens
Prof. Anne Sliwka (l.) bei der Präsentation des Qualitätsrahmens© Redaktion

Mit der Ausarbeitung des Qualitätsrahmens auf der Basis der von den Expertinnen und Experten aus Praxis und Administration erarbeiteten Ergebnisse hat das Kultusministerium Prof. Anne Sliwka vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg beauftragt. Diese ist auch Mitglied im von der Ministerin berufenen wissenschaftlichen Beirat, der die geplante Neuordnung der Qualitätsentwicklung des baden-württembergischen Schulsystems begleiten und unterstützen soll. Zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen stellte Anne Sliwka im gut besuchten Workshop 1 „Qualität in der Ganztagsschule“ die ersten Überlegungen zum Qualitätsrahmen zur Diskussion.

14 Qualitätskriterien

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Für die Teilnehmenden des Workshops waren „Vielfalt“, „Verlässlichkeit“, „Fachpersonal“ und ein „pädagogisches Konzept“ wichtige Faktoren einer guten Ganztagsschule. Anne Sliwka und ihr Team haben demgegenüber 14 Qualitätskriterien formuliert: Raumnutzung, Mittagessen, Multiprofessionalität, Förderkonzeption, Rhythmisierung, Lehrerkooperation, außerschulische Partner, Kooperation mit Eltern, Kommunikation nach außen, Sport und Bewegung, Kulturelle Bildung, Ruhe und Entspannung, Lehrergesundheit und Zusatzangebote.

Zu jedem Kriterium folgten kurze Ausführungen, so zum Beispiel, dass eine gebundene Ganztagsschule spezifische Räume für unterschiedliche Funktionen brauche, dass Mittagseinheiten pädagogisch gestaltet werden sollen, dass sich Lehrkräfte gemeinsam vorbereiten, zusammen Materialien auswählen und regelmäßig abstimmen sollen. Lerngelegenheiten sollen durch außerschulische Partner erweitert und die Eltern unter anderem durch Eltern-Lehrer-Schüler-Gespräche einbezogen werden. Schule könne „heutzutage nur als professionelle Lerngemeinschaft“ erfolgreich sein. Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte, Eltern und außerschulische Partner müssten sich als eine Gemeinschaft verstehen.

„Für manches einfach mehr Zeit“

Maria Hackl auf dem Podium
Dr. Maria Hackl vom Caritas-Verband der Diözese Rottenburg-Stuttgart © Redaktion

Für den Ganztag in der Sekundarstufe I gilt laut Ministerin Eisenmann: „Ein Mehr an Zeit soll ein Mehr an Möglichkeiten bieten“. Der Workshop 2 „Ganztagsschule in der Sekundarstufe I“ formulierte einige Gelingensvoraussetzungen, die Siglinde Hailer, Schulleiterin der Uhland-Realschule in Göppingen, dem Plenum vorstellte. „Ganztagsschule soll über die Fachbezogenheit hinaus als Lebenswelt verstanden werden und sich über Klassen und die Schule hinaus öffnen“, fasste die Schulleiterin zusammen. „Schülerinnen und Schüler sollen bei den Angeboten mitbestimmen, Ganztagsmodelle am Elternwunsch orientiert sein.“

Dr. Maria Hackl, Referentin für Jugendberufshilfe im Caritas-Verband der Diözese Rottenburg-Stuttgart, berichtete aus dem Workshop 3 „Inklusion und Ganztagsschule“. Zunächst müsse eine Ganztagsschule „Grundsätzliches klären“: Die gesetzliche Regelung von Verantwortlichkeiten, die Schnittstellen zur Jugendhilfe und deren Finanzierung. Es brauche verbindliche Raumkonzepte mit Räumen für unterschiedliche Bedürfnisse und ein realistisches Zeitkonzept für deren Umsetzung. Für multiprofessionelle Teams müssten ausreichend Ressourcen bereitgestellt werden, und die fachliche Unterstützung durch die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) erscheint geradezu als Muss.

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Schließlich ging es um einen „strukturierten Know-how-Transfer“ zwischen SBBZ, allgemeiner Schule und kommunalem Träger. Die Vorschläge waren sehr konkret: „Manche Schülerinnen und Schüler mit einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot brauchen regelmäßige Abläufe, eine starke Rhythmisierung, die strikte Einhaltung von Ritualen, die Möglichkeit, vom gemeinsamen Zeitablauf abzuweichen, um zum Beispiel früher zu gehen oder später zu kommen und für manches einfach mehr Zeit.“

„Qualität vor Schnelligkeit“

Im Workshop 4 ging es schließlich um die „Effiziente Organisation und Verwaltung einer Ganztagsschule“ auch mithilfe von EDV-Software. Hier stellte die Albert-Schweitzer-Schule Fellbach-Schmiden, die seit 2015 Gemeinschaftsschule ist, ihr Konzept vor. Zu diesem gehören zahlreiche Sportangebote des Kooperationspartners TSV Schmiden .

Lehrerinnen unterhalten sich im Lehrerzimmer
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Ein Thema der beiden Ganztagsgipfel war der Verwaltungsaufwand, den insbesondere Schulleitungen beklagt hatten. Hier sagte die Kultusministerin Abhilfe zu. Zahlungsabläufe sollen gestrafft und Prüfverfahren verschlankt werden. Bereits zum Schuljahr 2019/20 sollen neue Abläufe umgesetzt werden. Das Kultusministerium erprobt außerdem im kommenden Schuljahr mit ausgewählten Kommunen, wie Ganztagsgrundschulen bei der Verwaltung ihrer rhythmisierten Ganztagsangebote stärker unterstützt werden können. An fünf Standorten im Land – in Crailsheim, Fellbach, Freiburg, Bruchsal, Michelfeld und Langenau – werden Koordinierungsstellen mit ausgebildetem Verwaltungspersonal eingerichtet. Sie sollen den Schulen bei ihrer Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern organisatorische Hilfestellungen bieten.

Die Koordinierungsstellen sollen eine spürbare Entlastung bei der Akquise von Projektpartnern und die Vertragsverhandlungen bringen, um Zeit für die Schul- und Unterrichtsqualität zu gewinnen. Von der wissenschaftlichen Begleitung des Pilotprojekts durch die Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl erhofft sich die Kultusministerin wertvolle Hinweise für die Übertragung auf weitere Standorte.

„Bei allem gilt: Qualität vor Schnelligkeit“, so Susanne Eisenmann. „Die Ganztagsschule kann nur erfolgreich sein, wenn alle an einem Tisch sitzen. Heute haben wir uns nochmal Kritik, Lob und Ratschläge von Ihnen allen geholt, Ihre Sachkunde ist für uns existentiell. Das Thema hat für uns hohe Priorität und wir arbeiten konsequent daran.“

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