Grenzen überwinden - Bildung neu denken

Der vierte Ganztagsschulkongress zum Themenschwerpunkt "Ganztagsschulen werden mehr. Bildung lokal verantworten" am 21. und 22. September 2007 in Berlin war auch ein Treffpunkt für Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus ganz Deutschland. In den Foren erarbeiteten sie gemeinsam mit den Schulen, Experten und Jugendlichen anschauliche Modelle ihrer jeweiligen Bildungslandschaften. Zur Einführung in unsere Kongressberichterstattung bringen wir ein Interview mit Kerstin Hoppe. Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, deren Motto "Grenzen überwinden - Bildung neu denken" lautet, erläutert in einem Gespräch mit der Online-Redaktion ihre Vision einer "Lokalen Bildungslandschaft" unweit von Potsdam.

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe (Mitte).

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die lokale Bildungsplanung für die Gemeinde Schwielowsee und seit wann haben Sie sich auf dem Weg zu einer Bildungslandschaft gemacht?

Hoppe: Vor über zwei Jahren haben wir begonnen unseren Schulstandort komplett umzugestalten. Wir hatten den Mut, ein innovatives Konzept beim Staatlichen Schulamt und dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg einzureichen, das die Schulleiterin der Grundschule mit unserer Steuergruppe erarbeitet hat.

Die Abstimmung mit uns als Schulträger war allerdings ein langer Prozess, weil wir uns von bekannten Wegen verabschiedet haben. So mussten sich die Mitarbeiter/innen des Hortpersonal als pädagogische Fachkräfte neu bewerben. Dabei wurden sie in das neue Ganztagsschulkonzept einbezogen, das deren Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Lehrkräften vorsieht.

Die pädagogischen Fachkräfte sind mehr als Pausenfüller, sie erweitern das Nachmittagsangebot mit Arbeitsgemeinschaften. Sie werden aber auch in unsere "Lerninseln" eingebunden, die in den Pausenzeiten stattfinden. Sie übernehmen nicht nur die Hausaufgabenbetreuung, sondern auch die Förderung der Schülerinnen und Schüler.

Online-Redaktion: Stichwort Innovationen: Welche Rolle spielen sie für die Bildungslandschaft?

Hoppe: Sie sind unerlässlich. Eine wichtige Innovation war die Einrichtung einer Managerstelle, die für die Fach- und Ressourcenverwaltung zuständig ist. Die Managerin ist auf der Ebene einer Fachbereichsleiterin bei mir angesiedelt. Sie ist für die Koordinierung der Nachmittagsbetreuung verantwortlich und sie organisiert die Früh- und Spätbetreuung. Während die Schulleiterin den Schulbetrieb steuert, organisiert die Managerin die kompletten Nachmittags- und Freizeitangebote und die gesamte Ausgestaltung der Pausenzeiten während des Schulbetriebes. Sie arbeiten auf "Augenhöhe" zusammen.

Sehr gute Erfahrungen haben wir mit dem 90-minütigen Blockunterricht gemacht, den wir vor dem Start unseres Ganztagsbetriebes als Test eingeführt haben. Die Kinder können sich viel besser auf den Unterricht konzentrieren, denn es gibt nicht mehr die ständigen Unterbrechungen und den Wechsel der Lehrkräfte. Um den Blockunterricht zu gewährleisten, werden die pädagogischen Fachkräfte und die Lehrkräfte eingebunden.

Die Managerin ist nicht nur für diesen Ablauf zuständig, sondern sie ist auch für das Budget verantwortlich. Darüber hat sie die Möglichkeit, weitere Honorarkräfte in das Nachmittagsangebot einzubinden. Sie erstellt auch die Kooperationsverträge und rechnet beim Staatlichen Schulamt des Landes Brandenburg ab.

Eine Schule kann nur dann fester Bestanteil einer Gemeinde werden, wenn auch die Verwaltung, der Bürgermeister und die politischen Gremien sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Wenn ich also Veränderungen erreichen möchte und das Glück habe, mit einer Schulleiterin zusammenzuarbeiten, die den Mut hat, neue Bildungswege zu gehen, haben wir die Verantwortung diesen Weg mitzugehen und vor allem mitzugestalten. Entscheidend sind dabei die Bedürfnisse der Eltern. Ihre Ansprüche wachsen quasi täglich. Wenn sie ihre Kinder in die Kindertagesstätte oder Schule bringen, möchten sie eine gute Betreuung, die auf Qualität setzt.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat Bildung für Sie?

Hoppe: Unser Ziel ist es, ein moderner Bildungsstandort zu werden und die Ganztagsschulen spielen dabei eine zentrale Rolle. Eltern, die vor der Entscheidung stehen, in welcher Kommune sie leben wollen, fragen insbesondere nach der Qualität der Grundschulen und der Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Für mich persönlich gibt es nichts Wichtigeres als die Bildung, denn darin liegt die Zukunft unserer Gemeinde.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) für die lokale Bildungsplanung?

Hoppe: Der Stellenwert der Ganztagsschule ist stark gewachsen. Als wir vor über drei Jahren anfingen über Ganztagsschulen nachzudenken, war für uns klar: das ist die Chance. Keine Kommune hat genügend Geld, um die Schulen völlig neu zu gestalten. Das fängt zum Beispiel bei den Ausstattungen und Materialien für zusätzliche AG's an.

Das Land Brandenburg fördert nämlich gute Ideen und kleinere Vorhaben im Rahmen einer so gennanten kleinen Förderrichtlinie. Als unser pädagogisches Konzept für die Ganztagsschulen durch Staatliche Schulamt und das Bildungsministerium genehmigt wurde, haben wir die nötigen Fördermittel zum Ausbau der Ganztagsschulen erstmalig zum Schuljahr 2006/ 2007 beantragt. Von den bewilligten durch den Bund geförderten 18.000 Euro haben wir als Kommune 2.000 Euro an Eigenmitteln eingebracht.

Ich kann nun für 20.000 Euro dauerhafte Ausstattungsmittel für die zusätzlichen AG's beschaffen. Darüber hinaus kann ich die Mittel zur Gestaltung des Schulhofes oder der Klassenräume nutzen. So viel Geld hätte ich ohne die Mittel des IZBB niemals investieren können.

Es gibt ferner Mittel aus dem IZBB für große bauliche Projekte im Rahmen einer so genannten großen Förderrichtlinie. Zum Schuljahresbeginn haben wir 450.000 Euro aus dem Bundesprogramm bewilligt bekommen. Dazu kommen 138.000 Euro an Eigenmitteln. Nun haben wir die Möglichkeit, den Speiseraum vernünftig auszubauen. Zunächst soll der Schulhof und dann im nächsten Schritt auch noch die Aula ausgebaut werden. Es gibt nichts Schöneres als mit diesen Mitteln gestalten zu können.  

Online-Redaktion: Zurück zur "Lokalen Bildungslandschaft": wie besetzen Sie den Begriff?

Hoppe: Unsere Albert-Einstein-Grundschule in Caputh ist für mich eine Keimzelle für die "Lokale Bildungslandschaft." Sie ebnet neue Wege für die Bildung in der Gemeinde. Die zweite Grundschule, die wir in der Gemeinde haben, beobachtet die Entwicklungen der Albert-Einstein-Grundschule aufmerksam, das heißt: beide Schulen arbeiten miteinander. Der Blockunterricht, der sich seit zwei Jahren an der Albert-Einstein-Schule bewährt hat, wird mit Beginn des neuen Schuljahres auch an der anderen Grundschule getestet.

Unser zweiter Grundschulstandort möchte sich auch verändern. Die Schule hat zwar noch kein Ganztagsschulkonzept eingereicht, aber sie will die Chance wahrnehmen, sich von innen heraus zu verändern. Ich finde, das ist der erste Schritt.

Mit dem Gelingen unserer Bildungsoffensive werden auch andere Kooperationspartner auf uns aufmerksam. Ob das der Landkreis als Jugendhilfepartner ist, die Wirtschaft, oder andere Partner wie die Kirche und die Sozialvereine. Die Musikschulen und die Vereine sind ja bereits im Boot. Wir haben somit eine Vielfalt an Partnern und Netzwerken. Eine "Lokale Bildungslandschaft" ist für mich so wie für Eva Luise Köhler eine Pflanze, die erblüht, wenn sie gut gepflegt wird.

Online-Redaktion: Welche Erwartungen haben Sie an den vierten Ganztagsschulkongress gestellt?

Hoppe: Um nicht stehen zu bleiben, muss man schauen, was die anderen Bundesländer machen. Der Kongress ist eine hervorragende Möglichkeit zu vergleichen, welche Wege Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen gehen. Insbesondere interessiert mich, was vor unserer Haustür in Berlin und Brandenburg passiert.

Beide Länder träumen davon, ein Bundesland zu werden. Also sollte man sich jetzt schon ein Bild davon machen, wie sich dort die Bildungspolitik und die Bildungslandschaften entwickeln.

Ich kehre mit neuen Impulsen aus dem Kongress zurück, und ich werde meiner Kommune die Botschaft mitteilen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Die Bestätigung dafür habe auf dem Kongress bereits erfahren. Doch nun müssen wir diesen Weg auch weitergehen und dafür sorgen, dass man weiterhin an uns glaubt. 

Online-Redaktion: Was macht Ihr Selbstverständnis als Bürgermeisterin aus?

Hoppe: Als Bürgermeisterin bin ich nicht nur Managerin, sondern ich muss völlig unterschiedliche Partner an einen Tisch bekommen. Ausgangspunkt ist natürlich die Struktur des Rathauses mit ihrer verwaltungstechnischen Arbeit. Man arbeitet nach innen, aber auch nach außen.

Ich bin ferner Repräsentantin der Gemeinde, die nach außen vermitteln will, dass wir eine moderne Kommune mit guten Ansätzen in der lokalen Bildungsplanung sind. Dafür brauche ich die Politik und Menschen, die an mich glauben und mich unterstützen. Die Arbeit als Bürgermeisterin fängt in den Schulen und davor in den Kindergärten an und endet bei den Seniorinnen und Senioren unserer Gemeinde.

Das ist eine große Aufgabe, die aber auch mit sich bringt, dass man von unten und oben die Stöße abbekommt: das reicht vom Landkreis, den Landespolitkern, den Ministerien bis zum Bund. Man muss dabei immer die Waage halten und versuchen nach vorne zu gucken, seine Vision durchzusetzen und die Menschen mitzunehmen.

Online-Redaktion: Ihr Motto heißt: Grenzen überwinden - Bildung neu denken. Was heißt das genau?

Hoppe: Wir haben viele Grenzen überwunden. Doch dafür muss man mit Hartnäckigkeit an die Aufgaben herangehen und darf nicht aufgeben. Ich gebe ein Beispiel, das für mich wegweisend geblieben ist. Im Ortsteil Ferch der Gemeinde Schwielowsee hatten wir ursprünglich keinen DSL-Anschluss, sondern mussten im Rathaus mit einer herkömmlichen ISDN-Leitung arbeiten.

Nachdem ich im Jahr 2003 Bürgermeisterin wurde, habe ich in zweijährigen Verhandlungen mit der Telekom deutlich gemacht, was wir bereit sind zu geben, um für den Ortsteil Ferch einen DSL-Anschluss zu bekommen. So haben wir es geschafft nicht nur das Rathaus in Ferch mit DSL anzubinden, sondern den gesamten Ortsteil.

Kerstin Hoppe ist 42 Jahre, verheiratet. Lehrausbildung zum Ausbaufacharbeiter mit Abitur, Spezialisierungsrichtung Maler. Anschließend Studium der Ingenieurswissenschaften mit Abschluss Diplom-Ingenieur (FH). Über 12 Jahre Büroleiterin in einem Potsdamer Statikbüro. Zwei Jahre Mitarbeit im Bauausschuss Caputh und Teilnahme an kommunalpolitischen Seminaren. Seit Januar 2003 ist Kerstin Hoppe Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, die mit den Ortsteilen Caputh, Geltow und Ferch zusammen 9840 Einwohnerinnen und Einwohner zählt.

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