"Investitionen müssen sich am Wohl der Kinder messen lassen"

Allein die Tatsache, dass man Geld in die Modernisierung schulischer Einrichtungen investiert, sichert noch kein gutes Ergebnis. Maßgeblich für Qualität ist, dass die Investitionen auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet werden. Dies führt die Bürgermeisterin der Gemeinde Markranstädt (zuvor auch der Gemeinde Großlehna) in einem Gespräch mit der Online-Redaktion aus. Dem Ausbau der Ganztagsangebote kamen nicht zuletzt die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) zugute.

Porträtfoto Bürgermeisterin Radon

Online-Redaktion: Frau Bürgermeisterin: Welche Bedeutung hat Bildung für Sie?

Radon: Eine besondere Bedeutung. Ich habe stets gerne gelernt. Noch während meiner Tätigkeit als Bürgermeisterin nahm ich ein Studium auf, das ich als Diplom-Wirtschaftsingenieurin abschloss. Lebenslanges Lernen heißt für mich, dass ich mich neben dem Beruf ständig fortbilde.

Meiner Meinung nach sollte mit dem lebenslangen Lernen frühzeitig begonnen werden. Übertragen auf unsere Gemeinde heißt dies, dass wir bereits im Krippenalter beginnen und im Mehrgenerationenhaus noch nicht Schluss ist.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die Bildung für Ihr Amt als Bürgermeisterin?

Radon: Ich bin seit dem Jahr 1990 hauptamtlich Bürgermeisterin der Gemeinde Großlehna. Dort begann ich meine Laufbahn in der Politik. Im Jahr 2003 ist dann mit dem Bundesprogramm IZBB die Diskussion um die Ganztagsschulen aufgekommen. Allerdings hatten wir in Großlehna bereits daran gearbeitet, dass der Übergang von der Kita in die Schule optimal gestaltet wird. Wir waren also auf den Ausbau der Ganztagsschulen vorbereitet.

Unser Augenmerk bei den Ganztagsangeboten gilt der Bewegungsförderung. Wir erkannten, dass die Förderung der Feinmotorik im Schuleintrittsalter verbessert werden muss. Diesen Bereich kann man besonders gut über die Ganztagsangebote stärken. Als wir uns mit der Schulmodernisierung und dem Bau neuer Gebäude beschäftigten, bin ich auf diesen Bereich aufmerksam geworden. Und als das IZBB gestartet wurde, hatten wir den Antrag auf Förderung bereits fertig in der Schublade.

Online-Redaktion: Sie haben sich in der Zwischenzeit als Gemeinde vergrößert: Wie kam es dazu?

Radon: Die Kommune Großlehna sah sich durch die neue Verwaltungsgesetzgebung dazu veranlasst, eine Verwaltungsgemeinschaft mit der Stadt Markranstädt aufzubauen. Ferner legte der Kollege noch vor dem Ablauf seiner Legislaturperiode sein Amt nieder, sodass ich mich beworben habe. Die Wahl gewann ich klar. Markranstädt hat rund 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Dort wurden zwei weitere Grundschulen zu Ganztagsschulen in gebundener Form eingerichtet. Dadurch können wir den Unterricht zugunsten interessanter Angebote rhythmisieren.

Online-Redaktion: Steht die Betreuung oder die Bildung im Vordergrund?

Radon: Unser Ganztagsangebot richtet sich primär auf die Bildung. Gleichzeitig geht es um die ganzheitliche Förderung der Schüler als Persönlichkeit. Vielfältige Angebote im sportlichen und kreativen Bereich gestatten es den Kindern sich auszuprobieren. Dabei ist es wichtig, dass unabhängig von der finanziellen Situation alle Angebote kostenlos sind, wie z. B.  Instrumentalunterricht. Nachdem wir die Kinder mit verschiedenen Musikinstrumenten vertraut gemacht haben, können diese selbst entscheiden, ob sie dann eine Musikschule besuchen oder ein anderes Instrument wählen.

Wir eröffnen den Kindern also Bildungsmöglichkeiten, die sie dann selbst vertiefen können. Mein Credo ist, dass staatliche Schule für alle eine gute Schule sein muss. Es kann nicht sein, dass die Besserverdienenden ihre Kindern an die Privatschulen schicken. Schule muss für alle gleiche Bildungschancen eröffnen. Dies versuchen wir über das Ganztagsangebot sowie über die Qualität der Schulen in Markranstädt zu schaffen.

Online-Redaktion: Wie wurden die Mittel aus dem IZBB verplant?

Radon: Die investiven Mittel sind in Großlehna in den Neubau der Ganztagsschule geflossen, der mit dem Hort kombiniert ist. Die Kinder können auch nach 14 Uhr die Betreuung im Hort bis 17 Uhr besuchen. Die Bundesmittel sind somit dem Ausbau der Ganztagsschule zugute gekommen. Für die Grundschule in Großlehna wurden 2,13 Mio. Euro verplant, während im Stadtteil Kulkwitz in Markranstädt etwa 1,2 Mio. Euro einschließlich der Ausstattung verplant wurden.  

Online-Redaktion: Welche Impulse erhielten die Ganztagsschulen dadurch?

Radon: Allein die Tatsache, dass man Geld in Neubauten oder die Modernisierung schulischer Einrichtungen investiert, sichert noch kein gutes Ergebnis. Maßgeblich ist, dass die Investitionen auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt werden. Bei der Gestaltung des Ambientes haben wir uns bereits in der Entwurfsplanung eingebracht. Wenn man heute die Kollegen, die dort arbeiten nach dem Unterrichtsklima fragt, empfinden sie dieses als überaus angenehm und entspannend. Wir wünschen uns, dass sich die positive Wirkung überall entfaltet.

Was die Umsetzung des Ganztagsprogramms betrifft, also die Rhythmisierung des Schultages, gibt es gute Erfahrungen in allen Grundschulen. Diese arbeiten intensiv mit Vereinen, freien Trägern und Honorarkräften zusammen und die Kinder erfahren dadurch zusätzliche Impulse. Einen Teil der Angebote finanziert das sächsische Kultusministerium. Es hat eine Förderrichtlinie zum Ausbau der Ganztagsangebote verabschiedet, die einen Teil unserer Honorar- und Sachkosten erstattet. Daraus können Angebote im Bereich Musik oder Sport finanziert werden.

Online-Redaktion: Gute Bildung erfordert einen satten Magen. Ist das Mittagessen auch bei Ihnen ein Knackpunkt?

Radon: Überhaupt nicht. Die Schulspeisung beinhaltet nach der sächsischen Ganztagsschulrichtlinie das Angebot eines Mittagessens. Das heißt, an allen Grundschulen, Mittelschulen und Gymnasien wird ein warmes Mittagessen angeboten. Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler in den Grundschulen ist nahezu 100 Prozent.

Online-Redaktion: Wie wird die Verpflegung organisiert?

Radon: Die Grundschulen arbeiten mit unterschiedlichen Caterern zusammen, da die Schulen ja in den Ortsteilen verstreut sind. Das Essen wird von den Kindern gut angenommen. Wir bieten ferner Obst und Gemüse in den Schulen an, sodass die Kinder neben kostenfreiem Tee oder Getränken stets etwas Vitaminreiches zur Verfügung haben. Die wenigen Kinder, die nicht an der Schulspeisung teilnehmen, können sich mit Brot versorgen, das ebenfalls kostenlos ausliegt. Wenn ein Kind sein Frühstück vergessen hat, kann es auf Brot oder Äpfel zurückgreifen.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung spielt das Team für das Gelingen Ihrer Vorhaben?

Radon: In meinem Rathausteam gibt es eine Reihe engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gerade auf der Führungsebene der Fachbereichsleiter, die übrigens ausnahmslos mit Frauen besetzt ist, ist Teamarbeit angesagt. Die Frauen haben den nötigen familiären und sozialen Hintergrund. Ferner sitzen wir regelmäßig bei Dienstberatungen zusammen und besuchen gemeinsam Fortbildungen. Jede Fachbereichsleiterin hat ja noch eine eigene Mannschaft hinter sich und deshalb ist die Teambefähigung der Fachbereichsleitung vonnöten. Wichtig ist, dass wir in der Führungsebene einen Konsens haben und diesen in die Arbeitsebene übersetzen.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Fachressorts in Bezug auf die Ganztagsschulen strukturiert?

Radon: Wir haben zunächst einen Bereich, der sich rein mit den Finanzen beschäftigt. Ferner gibt es ein Amt, das sich ausschließlich mit Bauvorhaben, Stadtplanung und ähnlichen Fragen beschäftigt. Dann haben wir ein Amt für allgemeine Verwaltung: Personalamt, Bürgerbüro, Pass- und Meldewesen.

Schließlich habe ich ein Amt eingerichtet, das genau die Themen, die Sie angesprochen haben, bündelt. Den Namen des zuständigen Ressorts habe ich aus dem Bauch heraus gefunden: "Stadtmarketing, Wirtschaftförderung, Schulen und Kultur". Alle Bereiche sind eng miteinander verknüpft. Wichtig ist auch die Verbindung mit den Unternehmen, damit die Schülerinnen und Schüler in Praktika vermittelt werden. An der Schnittstelle dieses Amtes sind auch die Vereine angesiedelt, die wir für die Ganztagsangebote brauchen.

Online-Redaktion: Sie arbeiten auch eng mit den Schulleitungen zusammen.

Radon: Diese Kooperation ist aus dem klassischen Stadtmarketingprozess hervorgegangen. Wir haben dafür die Schulen unterschiedlicher Stufen, also Grundschule, Mittelschule, Gymnasium, aber auch die Kindertagesstätten an einen Tisch gebracht. Hintergrund ist, dass das Land Sachsen mehr Bildung in die vorschulischen Einrichtungen einbringen möchte. Diesen Bedarf haben wir schon vor zwei Jahren erkannt, sodass wir Beratungen anregten, die zunächst unter der Moderation der Stadtverwaltung entstanden sind.

Mittlerweile lädt jede Schule abwechselnd zu Beratungsrunden ein. Ich halte es für wichtig, dass der Übergang von der Kindereinrichtung zur Grundschule, Grundschule zur Mittelschule oder Grundschule zum Gymnasium gut gestaltet wird. Wichtig ist ferner der Austausch der Grundschulen untereinander. Außerdem spielen eigene Erfahrungen eine große Rolle.

Ich habe selbst zwei Kinder. Sie wurden 1988 geboren, und da ich seit 1990 Bürgermeisterin bin, habe ich aus eigener Erfahrung die Notwendigkeit der Gestaltung der Übergänge kennen gelernt. Heute bin ich darin fit wie ein Turnschuh. Natürlich spielt die Beförderung der materiellen Voraussetzungen durch die Gesetzgebung eine wichtige Rolle.

Online-Redaktion: Was verstehen Sie unter Qualität?

Radon: Ganz wichtig ist die schulische Ganztagsbetreuung, die wir an allen Schulen eingeführt haben. Beim bestehenden Angebot brauchen wir eine bessere Qualität. Dazu müssen wir aber mehr finanzielle Mittel einsetzen. Hier geraten wir in den Kommunen leider an gewisse Grenzen. Zwar bekommen wir gegenwärtig eine gewisse Förderung aus Landesmitteln, allerdings wurde diese reduziert, da sich viele weitere Kommunen in Sachsen dazu entschlossen haben, Ganztagsangebote einzurichten.

Im Ergebnis bekommen wir als Stadt weniger Mittel zugewiesen, als noch einige Jahre zuvor. Nun muss ich deutlich mehr Eigenmittel zur Verfügung stellen, um zumindest das gegenwärtige Niveau zu halten. Wenn wir Verbesserungen der Qualität der Ganztagsangebote erreichen möchten, müssen die Mittel deutlich erhöht werden. Hier stellt sich die Frage, ob das eine kommunale Aufgabe ist oder ob sich das Land verstärkt einbringen sollte.

Online-Redaktion: Was inspiriert Sie denn, sich für Ganztagsschulen einzusetzen?

Radon: Die gegenwärtige Situation befriedigt mich noch nicht, da bislang nicht die Qualität erreicht worden ist, die ich mir vorstelle. Hier ist noch viel Arbeit nötig. Wir erleben ferner, dass in der Gesellschaft weiterhin Vorbehalte gegenüber den Ganztagsschulen bestehen. Wir müssen daher den Eltern erklären, dass ihr Kind einen langen Tag hat, wenn es die Ganztagsschule von 7:00 bis 14:00 Uhr besucht und anschließend im Hort betreut wird.

Unsere Erfahrungen belegen, dass die Kinder den Ganztag unterstützen. Es macht ihnen nämlich Spaß, wenn der Unterricht rhythmisiert wird. Dabei kommt es ihnen entgegen, wenn sie zwischen verschiedenen Angeboten wie Sport, Entspannung oder naturwissenschaftlichen Experimenten wählen können.  Wir möchten ganz explizit, dass sich die Kinder in der Schule wohlfühlen. Wenn wir dies erreichen, dann erst haben wir unser Ziel erreicht. Dazu gehört aber, dass wir uns daran orientieren, was für die Schülerinnen und Schüler gut ist. Auch die Investitionen und die Modernisierung müssen sich an diesem Ziel messen lassen.

Das betrifft zum Beispiel die Einrichtung der Klassenzimmer. Sind dort Tische und Stühle vorhanden, die ergonomisch an die Kinder angepasst sind? Wie ist das Raumklima? Was können wir gestalterisch bewirken, damit die Kinder gerne den Unterrichtsraum betreten? Schließlich haben sie in der Schule einen langen Arbeitstag. Nach der Arbeitsstättenverordnung gibt es klare Richtlinien für die Erwachsenen - doch bei den Kindern haben wir eine konventionelle Möblierung. Da genau gehört künftig unser Augenmerk hin. Wenn wir die Werte der Kinder anerkennen, geben sie das Vertrauen später wieder zurück.

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