Team Carolinum: Das Ganztagsgymnasium in Neustrelitz

Ob Drachenboot-AG, Rettungsschwimmer, CaroAces-Forscher oder Schulmensa – im gebundenen Ganztag lässt sich laut Schulleiter Henry Tesch alles „intelligent in den Tagesablauf einbinden“.

Das Carolinum: 1803 als „Gelehrten- und Bürgerschule“ gegründet.© Redaktion

Das Gymnasium Carolinum ist mit rund 1.100 Schülerinnen und Schülern nicht nur das größte in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch eines der traditionsreichsten. Herzog Carl zu Mecklenburg-Strelitz gründete in der Residenzstadt 1803 die „Gelehrten- und Bürgerschule“, und die Bürger verliehen ihm zu Ehren 1811 der Schule seinen Namen. Mitglieder des Lehrerkollegiums wirkten als Prinzenerzieher am Strelitzer Hof. Der fortschrittliche Regent ließ 1816 sogar einen Turnplatz nahe der Schule errichten.

Mehr als bewegt ist die Geschichte des Schulgebäudes: Der Bau war 1806 gerade abgeschlossen, als napoleonische Truppen in Neustrelitz einrückten. 1925 bezogen Realgymnasium und Gymnasium mit 610 Schülern den heutigen Schulstandort am Glambecker See. Doch schon 1939 wurde das Gebäude als Wehrmachtslazarett beschlagnahmt, um 1945 in die Hand der Sowjetarmee überzugehen und als „Haus der Offiziere“ nicht mehr öffentlich zugänglich zu sein. Das Gymnasium zog ins Stadtinnere, wurde 1949 in Max-Planck-Oberschule umbenannt und 1951 als Clara-Zetkin-Oberschule zur Spezialschule für Sprachen und Informatik ausgebaut. 1997 erstand nach fast 60 Jahren wieder das Carolinum.

Vom Dach bis zum Keller: Ein Schulleiter, der jeden Winkel kennt

Schulleiter Henry Tesch
Henry Tesch: Seit 2002 Schulleiter des Carolinum, 2006–2011 Bildungsminister von MV.© Redaktion

Einer, der jeden Winkel der Gebäude kennt und zu jedem Raum eine Geschichte erzählen kann, ist Schulleiter Henry Tesch. 1990 begann er hier als Lehrer für Deutsch und Geschichte, 1998 wurde er stellvertretender Schulleiter, 2002 Schulleiter. 2006 wurde Henry Tesch zum Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern berufen. Als Bildungspolitiker war er maßgeblich am Ausbau der Ganztagsschulen im Land beteiligt. Und Tesch gehört zu jenen ehemaligen Ministern, die der Schule so verbunden sind, dass sie nach der Amtszeit zurückkehren.

Wie innig die Beziehung ist, wird deutlich, wenn der ausgebildete Historiker und Stiftungsratsvorsitzende der „Stiftung Mecklenburg“ eine Besuchergruppe buchstäblich vom Keller bis auf das Dach des Carolinum führt und zwischendurch in der Bibliothek mit Lesesaal die Historisch-literarische Zeitschrift „Carolinum“ des Schulvereins erläutert. Vom Dach übersieht man die ganze Stadt, darunter die Überreste des Residenzschlosses, das Tesch wie viele in der Stadt gern wiederaufgebaut sähe.

Blick von Schuldach auf die Stadt.© Redaktion

Der Blick fällt auch auf den angrenzenden Glambecker See. Die Werbung mit der „nahe gelegenen Bademöglichkeit“ auf der Schulhomepage ist starkes Understatement, denn der „Glammi“ ist bevorzugter außerschulische Lernort der Schule. „Die Schülerinnen und Schüler sind früher auf der Havel gerudert und aus dieser Tradition ist unsere Drachenboot-AG entstanden“, erzählt der Schulleiter. In einer so wasserreichen Gegend wie Neustrelitz ist das im Wortsinne naheliegend, auch die Kooperation mit dem Wassersportverein (WSV) Neustrelitz.

Schule im Paddelfieber

Das gebundene Ganztagsgymnasium bietet für die 7. und 8. Klassen den Drachenbootsport als Neigungsunterricht an und als Kurs in der Abiturstufe. Im Winter findet das Training nebenan in der Strelitzhalle statt. Es vermittelt Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und vor allem: Koordination im Team. Im Drachenboot hat mit Steuermann und Trommler fast eine ganze Schulklasse Platz. Die Carolinum Dragons gehören zu den Spitzenmannschaften der jährlichen Landesschülermeisterschaft.

Schülerinnen und Schüler in einem Drachenboot
Drachenbootfahren direkt vor der Schulhaustür auf dem Glambecker See.© Gymnasium Carolinum

2008 konnte am Glambecker See eine Kanustation eingeweiht werden, mit Hilfe des Schulvereins – und Jost Reinhold. Der Sohn eines Lehrers war 1948 Abiturient am Carolinum, bevor er zum Studium nach Mailand und später in die Schweiz ging. Seit 1992 unterstützt seine Stiftung soziale und kulturelle Projekte in der Region und der „Ehemalige“ seine Schule. „Ohne das Engagement des Schulvereins ist das Drachenbootfahren kaum möglich“, meint Henry Tesch, der an vielen Stellen auf Reinholds Engagement verweist.

Auch den Zierker See nutzen die Carolinum Dragons für ihr Training. „Viele Schülerinnen und Schüler sind auch Mitglied im WSV, das befruchtet sich gegenseitig.“ Ebenso verhält es sich mit der Rettungsschwimmer-Ausbildung, die das Gymnasium in Kooperation mit dem DRK Wasserwacht organisiert. „Rettungsschwimmen ist Teamarbeit und hat eine starke soziale Ausrichtung“, betont Sportlehrer Wolfgang Wossidlo. „Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit und Kooperation werden entwickelt. Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können, steht über der reinen Sportivität.“

Eine Hommage an das IZBB (2003–2009).© Redaktion

Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse können am Spezialkurs Rettungsschwimmen jeweils für ein Semester teilnehmen. Die Wasserwacht bietet zur Vorbereitung bereits ab Oktober ein Schwimmtraining in der Schwimmhalle Neubrandenburg oder der Müritztherme Röbel an. Der eigentliche Rettungsschwimmkurs beginnt nach den Winterferien. Ziel ist das Rettungsschwimmerabzeichen in Silber. Nach bestandener Prüfung dürfen die Schülerinnen und Schüler als Ausbilder an Schwimmlagern teilnehmen und Stranddienste in Neustrelitz, Wesenberg, Mirow und Feldberg absichern, auch bei Wassersport-Veranstaltungen.

First Lego League: Technik und Forschung

Aber nicht nur im Wasser feiern die Schülerinnen und Schüler Erfolge, sondern auch an Land. Für die CaroAces heißt das: „Wer auf den Olymp will, muss im Keller anfangen.“ Denn dort befinden sich seit 2003 die Räume des Wettkampfteams der Caroliner Roboteringenieure. Einmal wöchentlich – vor Wettkämpfen auch tageweise, worauf der eigens angeschaffte Kühlschrank hindeutet – treffen sich hier die Schülerinnen und Schüler des naturwissenschaftlichen Profils im Neigungsunterricht.

Schüler der CaroAces montieren mit Lego
Im Arbeitsraum des CaroAces-Teams wird Englisch gesprochen.© Gymnasium Carolinum

„Wer zum Lego-Team stoßen will, muss sich zunächst im Informatikunterricht empfehlen“, erläutert Lehrer Andreas Löskow. Dort eignen sich die Schülerinnen und Schüler die Grundkenntnisse im Konstruieren und Programmieren von Robotern des Systems Lego-Mindstorms an.  Die Ausbildung beginnt in Klasse 7 und setzt sich in Klasse 8 fort. Die vielversprechendsten Talente werden CaroAces. Seit 2003 beteiligt sich die MINT-EC-Schule an der First Lego League, dem Forschungs- und Roboterwettbewerb aus den USA, an dem inzwischen weltweit Schülerinnen und Schüler aus über 90 Ländern teilnehmen.

Die CaroAces forschen jahrgangs- und fachübergreifend zum jährlich wechselnden Thema, planen, bauen, programmieren und testen vollautomatische, autonome Roboter, um die jeweils aufgetragene Mission zu meistern. Der Wettkampf verlangt von den Jugendlichen, wie richtige Ingenieure nachzuweisen, dass sie sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigt haben. Die Ergebnisse müssen sie vor Publikum präsentieren und sich in einem Kolloquium den Fragen der Juroren stellen – in den höheren Wettbewerbsklassen in englischer Sprache. Um die Sprachhürde geringzuhalten, hat das Schülerteam entschieden, schon in der Vorbereitung – auch mit Siebt- und Achtklässlern – untereinander englisch zu sprechen.

© Gymnasium Carolinum

Aber es zählt nicht nur Technisches. „Wichtig ist, dass wir gut als Team funktionieren“, wie Sophie, Anna und Lukas erzählen. „Die Wettkampfkategorie steht gleichberechtigt neben den anderen.“ Seit 2004 haben die CaroAces regionale, nationale und internationale Erfolge erreicht, zuletzt wurden sie in Detroit – wie schon 2017 in England – Vizeweltmeister. Das hat für die Schülerinnen und Schüler durchaus Bedeutung für die Zukunft, wie Schulleiter Tesch anmerkt: „Manchen sind Plätze an amerikanischen Universitäten und Ausbildungsverträge angeboten worden.“

„Das Mittagessen ist so wichtig wie Mathematik“

Aktivitäten wie Drachenboot und LEGO Mindstorms lassen sich in einer Ganztagsschule „intelligent in den Tagesablauf einbinden“, erläutert der Schulleiter. Das Carolinum hat bereits im Schuljahr 2003/2004 mit dem gebundenen Ganztag begonnen. „Was wir hochhalten, ist die Zeit. In einer so dünn besiedelten Gegend mit einem Einzugsgebiet im Radius von 70 Kilometern haben die Schülerinnen und Schüler teilweise wenig Möglichkeiten, solche Angebote in ihren Heimatdörfern zu finden, wie wir sie hier bieten.“

Tesch hat von Anfang an für die gebundene Ganztagsschule gekämpft, auch gegen Widerstand von Eltern, weil er davon überzeugt war, dass sich eine komplette Bildung am besten über den ganzen Tag mit allen Kindern und Jugendlichen verwirklichen lässt. „So können wir fachübergreifend, personell und kreativ ganz andere Möglichkeiten schaffen.“ Der Schulleiter meint aber auch: „Man muss eine Menge zulassen, als Bedenkenträger bekommt man nichts zuwege.“ Denn im Lauf der Zeit sind auch Projekte zu Erfolgsgeschichten geworden, die anfangs mit Skepsis gesehen wurden.

Handyschrank
Sonderanfertigung: Ein Handyschrank neben jeder Klassentür.© Redaktion

Zum Beispiel die Schulverpflegung in der Mensa, die seit 2004 im zweiten Gebäude der Schule vollständig durch den Schulverein betrieben wird. Schülerinnen und Schüler sind im Wechsel mit zwei Köchinnen für das Mittagessen verantwortlich. Sie kaufen die Zutaten, schnippeln Gemüse, kochen mit und machen anschließend auch die Tische sauber. Auch hier gab es anfangs Widerstände. Doch „Meine Tochter macht sich die Hände nicht schmutzig“ gibt es für Schulleiter Tesch nicht. Für ihn lernen die Jugendlichen wertvolle Soft Skills: „Das Mittagessen ist so wichtig wie Mathematik.“ Und auch diese Idee setzte sich durch. „Die Essenszahlen sind explodiert“, freut er sich. Kein Wunder: Der Besucher fühlt sich wie im Restaurant.

Nach 15 Jahren Erfahrung mit dem Ganztag zieht Henry Tesch ein positives Fazit: „Die Eltern tragen den gebundenen Ganztag mit, und meine Kolleginnen und Kollegen sind ins Gelingen verliebt, wie ich immer sage. Sie leben das Engagement vor.“

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