"Die kommunale Zusammenarbeit stärkt die Bildung im ländlichen Raum"

"Wir müssen um jeden Schüler kämpfen!" Für den Bürgermeister von Letschin, Michael Böttcher, ist die Bildung im ländlichen Raum das non plus ultra. Sie entscheidet unter dem Vorzeichen des drastischen Schülerrückganges im ländlichen Raum nicht nur über die Zukunft der Gemeinde, sondern auch über den Lebensweg der Kinder und Jugendlichen. Deshalb zieht die brandenburgische Gemeinde mit den Schulen sowie anderen Bildungseinrichtungen an einem Strang.

Bürgermeister Böttcher

Online-Redaktion: Herr Böttcher, welchen Stellenwert hat für Sie Bildung persönlich?

Michael Böttcher: Schule und Bildung haben für mich einen großen Stellenwert. Ich komme aus einer großen Familie mit neun Kindern und habe dort erfahren, dass man mit Bildung das Meiste erreichen kann. Jede und jeder von uns, die oder der den Bildungsweg eingeschlagen haben, konnten sich entsprechend entwickeln. Das zeigt, dass Bildung das größte Kapital ist, das eine Gesellschaft hat. Deshalb ist es für mich eine Herzensangelegenheit, Bildung aktiv zu gestalten.

Online-Redaktion: Wieso ist Bildung aus Sicht der Gemeinde bedeutend?

Böttcher: Bildung ist ein wichtiger Standort- und Wirtschaftsfaktor. Kinder bringen Leben, Kinder bringen aber auch Umsatz. Dienstleistungssektor, Handel sowie das Gewerbe haben einen Vorteil davon, wenn eine Schule vor Ort ist. Schule ist außerdem ein beträchtlicher Arbeitgeber: In diesem Bereich arbeiten in unserer Gemeinde rund 53 Personen, nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Angestellte sowie Mitarbeiter der Gemeinde. Die Schule ist daher als mittelständischer Betrieb zu sehen, der an diesem Standort Wirtschaftskraft bringt.

Unser Schuleinzugsgebiet ist unser eigener Ort mit 140 Quadratkilometern, aber wenn man darüber hinaus geht, betrifft es auch das südliche und nördliche Oderbruch. Ferner wirkt sich Schule auf die infrastrukturelle Entwicklung positiv aus. Rund um eine Schule muss die Infrastruktur weiterentwickelt werden.

Online-Redaktion: Wie gestaltet sich die Entwicklung innerhalb der Schulen?

Böttcher: Wir gehen davon aus, dass sich die Schule in ihrer Form weiterhin verändern wird, sie unterliegt einem ständigen Veränderungsprozess. Wir hoffen allerdings, dass der Gesetzgeber jetzt eine Form gefunden hat, in der Schule wieder zur Ruhe kommen und Kräfte sammeln kann. Die Form der Oberschule begrüße ich daher sehr, denn die Trennung von Haupt- und Realschule halte ich gerade im ländlichen Raum für fehlerhaft.

Die heutige Oberschule erinnert an die Oberschule aus der DDR, weil auch dort neben mittlerem und höherem Schülerpotenzial leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler zusammen lernten. Diese konnten sich gegenseitig ergänzen und erlangten dadurch eine gewisse Leistungskraft und Leistungsbreite. Die Klassen sind meiner Ansicht nach in der integrativen Schulform gestärkter als in Klassen, in die Schülerinnen und Schüler selektiert worden sind. Ich weiß, dass andere Schulen andere Wege gehen - wir gehen den Weg, der für uns der richtige ist.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Ganztagsschulen für sich entdeckt?

Böttcher: Entdeckt haben sie eher die Pädagogen für sich. Sie haben festgestellt, dass man über diesen Weg der Beschulung noch mehr für unsere Kinder erreicht. Wir konnten diesen Weg unterstützen und Rahmenbedingungen setzen, die kontinuierlich verbessert wurden. Die Gemeinde Letschin hat mit der Einführung der Ganztagsschule Mitte der 1990er Jahre begonnen - lange bevor das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) gestartet wurde.

Eine damalige Schulleiterin hat diese Konzeption mitgebracht und die neue Richtung vorgegeben. Wir haben uns das als Gemeindevertretung beziehungsweise Schulträger gemeinsam angeschaut und sind seitdem konsequent diesen Weg weiter gegangen. In einer Ganztagsschule mit gymnasialer Oberstufe erwies sich, dass die Ganztagsschule das effektivere Schulsystem ist, weil die Eltern entlastet werden und sie gleichzeitig eine gewisse Ruhe bringt, während die Kinder selbstständig etwas erlernen und nicht nur etwas beigebracht bekommen. Diesen pädagogischen Ansatz habe ich immer begrüßt.

Online-Redaktion: Nun befindet sich Letschin in einer Region, die besonders stark von Abwanderung und Geburtenrückgang betroffen ist. Wie kann die Ganztagsschule darauf reagieren?

Böttcher: Ohne Schule gibt es keine Familien, die sich hier ansiedeln. Die Grundschule allein hat aufgrund der demographischen Entwicklung keine Perspektive. Wir brauchen also eine Form, die auch die Sekundarstufe I mit einbezieht - also im Prinzip die Verbindung der Grund- mit der Oberschule. Wir haben einen entsprechenden Antrag gestellt, der auch genehmigt wurde. So können die Übergänge für die Kinder fließender gestaltet werden können: Gerade die Betreuung im Ganztagsbereich von der Grundschule bis hin zum Oberschulbereich sichert viele Aspekte, die ansonsten in einem solchen Raum nicht zu realisieren wären.

Online-Redaktion: Wo stoßen Sie mit Ihrer Gestaltungsmöglichkeiten als Kommune an Grenzen?

Böttcher: Ein schwieriges Thema ist bisher die Gestaltung der Busfahrzeiten. Hier gibt es ein großes Problem mit unserem Landkreis. Mit der Schule müssen wir schon um 7:30 Uhr beginnen, obwohl wir vorher um 8:00 Uhr Schulbeginn hatten. Man hat uns vom Landkreis aus kurzerhand um 30 Minuten vorverlegt, ohne dass wir eine Chance hatten, dagegen vorzugehen.

Dabei müsste man doch berücksichtigen, dass die Kinder und Jugendlichen teilweise Anfahrtswege von 45 bis 60 Minuten haben, um den Schulstandort zu erreichen. Angeblich schuldet sich die neue Regelung der Optimierung der Verkehrsströme innerhalb des Landkreises Märkisches Oderland. Da kommt man schon mal ins Zweifeln, was das mit Bildung zu tun hat.

Deshalb hoffe ich, dass wir von unseren Nachbarländern wie zum Beispiel Polen lernen. Polen hat seinen eigenen Schülertransport: Dort werden Kleinbusse angeschafft, die durch Hausmeister oder andere Kräfte dann gelenkt werden, wenn es die Schule erfordert. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ich mit Privatunternehmen, die hier in der Region ansässig sind und die Transportkapazitäten vorhalten, Verträge abschließe. Dazu bräuchten wir aber eine entsprechende Finanzausstattung.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" eingesetzt?

Böttcher: Sie dienten ganz explizit der Schaffung von Angeboten für die Schülerverpflegung. Die Ganztagsschule soll eine warme Mahlzeit pro Tag anbieten. Wir verfügten zwar glücklicherweise über eine Schulküche, diese befand sich aber leider in einem desolaten Zustand. Über die Ganztagsmittel konnten wir dieses Objekt komplett modernisieren.

Der hiesige Essensanbieter, der nicht nur unsere Schule versorgt, sondern etwa 1.000 Kinder im Kreis, kocht hier vor Ort. Dadurch haben wir den maximalen Vorteil, dass wir unseren Schülerinnen und Schülern frische Produkte anbieten. Hinzu kommt, dass wir dieses Angebot in das Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik (WAT) integrieren können.

So ist ein Objekt entstanden ist, das viele Aspekte beinhaltet. Es kann gleichzeitig von der Schule wie auch von den Lieferanten der Schulspeisung genutzt werden. Die Gemeinde stellt darüber hinaus einen kleinen Obolus zur Verfügung, dasmit die Essenspreise mit rund zwei Euro für zwei unterschiedliche Menüs erschwinglich bleiben.

Online-Redaktion: Wie nutzten Sie die Mittel aus dem Konjunkturpaket II?

Böttcher: Wir haben diese Mittel im Schulbereich zur energetischen Sanierung eingesetzt. Es werden insbesondere Türen nach energetischen Gesichtspunkten eingebaut, die komplette Energieanlage wird ausgetauscht, auch malermäßig wird etwas gemacht. Wir modernisieren den Spielplatz und errichten einen Schulgarten. Die Mittel werden also überwiegend im Bildungsbereich investiert.

Online-Redaktion: Die Kommunen möchten mehr Verantwortung für die Bildung übernehmen. Was bedeutet das für Sie als Schulträger?

Böttcher: Bildungsverantwortung übernehmen wir in Letschin schon seit Jahrzehnten. Wir haben die Mitgliedschaft in der Schulkonferenz, des größten Gremiums der Schule, beantragt und uns dort die Stimmberechtigung erkämpft. Wer Geld gibt, sollte auch mitbestimmen können - das ist ein Credo der Gemeinde. Mit der Integration in die Schule kommt man viel näher an die Themen der Schule heran und erfährt, was die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer und die Kinder bewegt.

Im ländlichen Raum ist die Integration von Schule und Gemeinde viel wichtiger als vielleicht im städtischen Bereich, wo genügend Schülerinnen und Schüler vorhanden sind: Wir müssen um jeden Schüler kämpfen! Dazu arbeiten bei uns die Kindertagesstätten, Grund- und Sekundarschulen sowie die anderen Bildungsbereiche eng zusammen.

Die Zusammenarbeit findet auf der Ebene der Leitungen der einzelnen Schulen sowie den Leitungsebenen in der Verwaltung statt. Dabei ist es wichtig, dass man sich von Angesicht zu Angesicht kennt. Die gute Zusammenarbeit kann Schülerströme lenken und leiten.

Und es ist wichtig, auch die Eltern anzusprechen und zu den Konzepten der Schulen zu befragen. Und bis jetzt können wir uns nicht beklagen, denn wir haben in den vergangenen zwei Jahren einen positiven Trend in den Schüleranmeldezahlen, gerade im Bereich der Sek I.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt das Thema Bildungsgerechtigkeit für Sie?

Böttcher: Die letzte Auswertung des Kreises hat ergeben, dass der Sozialstatus in vielen Bereichen und insbesondere im ländlichen Raum sehr schwach ist. Die Schule ist da ein wichtiger Faktor, um Halt zu geben. Wir versuchen den Schülerinnen und Schülern Angebote zu einem moderaten Obolus anzubieten, damit in der Schule keine Zweiklassengesellschaft aufkommt - die gibt es an anderen Stellen schon viel zu oft.

Für uns ist es wichtig, durch unsere Unterstützung einen Effekt für alle zu erzielen und nicht nur für einzelne. Und dieser Effekt für alle muss deutlich sichtbar werden. Kinder aus sozial schwächeren Familien sehen, dass wir ihnen in der Solidargemeinschaft etwas bieten und sie sich nicht ausgeschlossen fühlen müssen.

Online-Redaktion: Eine Gemeinde mit Herz und Verstand: Was bedeutet das?

Böttcher: Letschin ist das Herz im Oderbruch - denn wir liegen innerhalb dieser Region ganz zentral. Uns ist bewusst, dass die Impulse, die von hier ausgehen, auf die Gesamtregion ausstrahlen. Viele unser kleinen Ansätze wie das Starterpaket für Schulanfänger werden von anderen Kreisen aufgegriffen und gehen in die Breite. Deshalb sind wir das Herz in der Region, und darüber sind wir glücklich.

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