"Lernen ist kein Stress und schadet nicht"

Ganztagsschulen bieten nicht nur die Chance, den Tagesablauf der Schülerinnen und Schüler zu rhythmisieren, sondern eröffnen auch die Möglichkeit, mehr Unterricht zu geben. "Das müssen wir einmal sehr genau prüfen", betonte der Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung und amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz Ties Rabe am Rande des 2. Hamburger Ganztagsschulkongresses gegenüber www.ganztagsschulen.org.

Ties Rabe, Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung und amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz

Online-Redaktion: Heute findet der 2. Hamburger Ganztagsschulkongress statt. Welche "Geschenke" bringen sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit?

Ties Rabe: Unser Geschenk ist unser Bestreben, in den nächsten drei Jahren bis auf wenige Nachzügler alle allgemein bildenden Hamburger Schulen zu Ganztagsschulen auszubauen. Das unterstützen wir mit erheblichen Investitionen.

Online-Redaktion: Kritiker bemängeln, dass sich in Hamburg vieles zu stark auf die Betreuung und zu wenig auf Bildung richte.

Rabe: Es gibt verschiedene Varianten der Ganztagsschule. Da gibt es jene, in denen sich das Personal am Nachmittag zu 40 Prozent aus Lehrern, zu 40 Prozent aus Sozialarbeitern und zu 20 Prozent aus Honorarkräften zusammensetzt. Und da gibt es die Schulen, die mit einem Hort zu einer Ganztagsschule unter einem Dach verschmelzen. Beide Modelle funktionieren und haben ihre Berechtigung. Bildung und Betreuung sind kein Widerspruch, sondern ergänzen einander.

Online-Redaktion: Gelingt Ihres Erachtens die Kooperation zwischen Lehrerinnen und Lehrern auf der einen und Erzieherinnen und Erziehern auf der anderen Seite?

Rabe: Ich finde, dass sich beide Gruppen hervorragend ergänzen. Alle Pädagogen, und dabei denke ich ausdrücklich auch an diejenigen, die in Horten arbeiten, leisten viel für die Bildung der Kinder. Es wäre völlig verkehrt, so zu tun, als könnten Erzieherinnen weniger für die individuelle Förderung und Bildung der Kinder tun. Es ist darüber hinaus ganz wichtig, dass uns bewusst ist, dass Schule nicht am Schulzaun enden darf. Die außerschulischen Kooperationspartner bringen viele neue Ideen in die Schule und damit an die Kinder.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag leisten die Ganztagsschulen für Chancengleichheit?

Rabe: Die Chancengleichheit zu erhöhen, ist ein zentrales Motiv für den Wandel Richtung Ganztag. Aber es ist nicht das einzige. Natürlich spielt daneben die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige Rolle. Aber es geht auch darum, die vielen Erziehungsaufgaben, die Schule übertragen bekommen hat, zu erfüllen. Und diese Herausforderung ist nur durch mehr Zeit und damit im Ganztag zu lösen. Aber ich sage auch: Die Ganztagsschule mit der Arbeitsgemeinschaft Fahrradwerkstatt am Nachmittag macht allein noch keine bessere Bildung. Zusätzlicher Unterricht am Nachmittag und nicht nur eine Rhythmisierung des Schulalltags wären für bessere Bildung durchaus diskussionswürdig.

Online-Redaktion: Sie plädieren für mehr Unterricht?

Rabe: Mehr Unterricht bedeutet mehr Bildung. Bessere Bildung eröffnet neue Chancen. Davon bin ich überzeugt - davon sollten alle Pädagogen, die an ihren Beruf glauben, überzeugt sein. Mehr Unterricht kann Bildungsrückstände ausgleichen und so die Chancengleichheit erhöhen.

Online-Redaktion: Eltern klagen schon jetzt, die Belastungen ihrer Kinder seien zu hoch, sie hätten für nichts anderes mehr Zeit.

Rabe: Lernen schadet und überfordert nicht. Im Gegenteil. Spannende und abwechslungsreiche Schule kann einen hohen Reiz auf die Schülerinnen und Schüler ausüben. Mehr Freizeitangebote werden unsere Bildungsfragen allein sicher nicht lösen.

Online-Redaktion: Entspricht die Lehrerausbildung dem veränderten Auftrag von Schule?

Rabe:  In diesem Bereich muss noch viel verändert werden. Die Ausbildung muss insgesamt noch deutlich praxisnäher werden. Gleichzeitig muss sie die angehenden Pädagogen besser befähigen, ihrer erzieherischen Aufgabe gerecht zu werden. Auch die Fachdidaktik braucht neue Impulse.

Online-Redaktion: Braucht die Bildung nicht die Zusammenarbeit von Bund und Ländern?

Rabe: Wenn Bund und Länder enger zusammenarbeiten, ist das sicher nützlich. Dabei ist aber auch ein Konsens zwischen allen Ländern und dem Bund erforderlich. Es ist unrealistisch zu glauben, man könne allen Ländern eine einheitliche Schulstruktur überstülpen. Eine solche Gewaltreform gäbe viele Flächenbrände. Aber man kann sicher in Bereichen wie der Sprachförderung, der Lehrerausbildung oder auch der sinnvollen Nutzung des Bildungs- und Teilhabepakets kooperieren. Wir haben das Bildungs- und Teilhabepaket unter anderem dazu eingesetzt, an allen Schulen am Nachmittag kostenlosen Nachhilfeunterricht anbieten zu können. Aber die vielen bürokratischen Hürden dabei zeigen auch, wie sinnvoll eine engere Abstimmung ist.

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