Guben in Europa: Eine Ganztagsschule hinterlässt Spuren

Die Europaschule „Marie & Pierre Curie“ in Guben, an der polnischen Grenze, ist ein bisschen Sinnbild für Europa. Die gebundene Ganztagsschule hinterlässt aber auch mit Berufsvorbereitung und Praxislernen „eine Spur in der Stadt“.

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Steigt man in Guben aus dem Zug, weisen Schilder darauf hin, dass wer nach rechts abbiegt, zur polnischen Grenze gelangt. Dort, direkt am anderen Ufer der Lausitzer Neiße, liegt das polnische Gubin. Durch das Potsdamer Abkommen war die Stadt Guben 1945 in einen deutschen und einen polnischen Teil geteilt worden. Heute trennt die Grenze in einem vereinigten Europa die beiden Städte nicht mehr, und auch für Berit Kreisig, die Schulleiterin der Europaschule „Marie & Pierre Curie“, gilt: „Wir sehen die Stadt als Ganzes.“

Die Europaschule ist ein Sinnbild für das heutige Europa. Das zeigt sich bereits im Schulnamen, den sich die Oberschule gegeben hat. Die Physikerin Marie Curie wurde 1867 als Maria Skłodowska in Warschau geboren und ging 1891, weil Frauen in Russland, zu dem Polen damals gehörte, nicht studieren konnten, nach Paris an die Sorbonne. 1894 lernte sie den französischen Physiker Pierre Curie kennen, den sie 1895 heiratete. Ab da forschte das Paar gemeinsam. Zusammen entdeckten sie 1898 das Radium und das Polonium und erhielten 1903 zusammen mit Henri Becquerel den Physik-Nobelpreis. 1911 bekam Marie Curie noch den Nobelpreis für Chemie.

Außenansicht der Europaschule "Marie & Pierre Curie" Guben
© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

Für eine Europaschule, die immer Kontakte zu französischen und polnischen Schulen pflegte, ist der Name „Marie & Pierre Curie“ eine folgerichtige Wahl gewesen. Derzeit bestehen Partnerschaften mit drei polnischen Schulen. Polnisch ist zweite Fremdsprache. Zum Kollegium gehören eine ukrainische und drei polnische Kolleginnen und Kollegen. In jeder Klasse sitzen zwei bis drei polnische Schülerinnen und Schüler. Der heutige Bürgermeister von Gubin, Bartłomiej Bartczak (Jg. 1978), war einst Schüler der Schule, bevor er an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) Jura studierte. „Seit drei Jahren ziehen mehr polnische Familien hierher“, erzählt Berit Kreisig. „Dass die Kinder zweisprachig aufwachsen, ist ein Juwel.“

Europa im Curriculum

Praxislernprojekte führen die Schülerinnen und Schüler inzwischen auch in polnische Betriebe. Die aus Guben stammende Europaabgeordnete Ska Keller war schon zu Gast an der Schule, ebenso wie das Europamobil, ein vom Land Brandenburg gefördertes Projekt. 20 Studentinnen und Studenten aus verschiedenen Ländern der EU fahren per Europamobil in jährlich wechselnde Regionen Europas – bislang in Deutschland, Frankreich und Polen –, um mit Schülerinnen und Schülern Workshops zu europäischen Fragen zu veranstalten. „Wir sehen unsere Zukunft in Europa“, so die Schulleiterin. „Unser neues schulinternes Curriculum stützt diesen Europagedanken.“

© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

270 Schülerinnen und Schüler lernen aktuell an der dreizügigen Oberschule, die auch gebundene Ganztagsschule ist. 34 Lehrkräfte, ein Schulsozialarbeiter, drei Sonderpädagogen – „mein Goldstaub“, sagt Berit Kreisig – arbeiten in der „Schule für gemeinsames Lernen“. An dem Pilotprojekt zur Inklusion nehmen 129 brandenburgische Schulen teil. „Wir haben schon vorher inklusiv gearbeitet, daher fiel es uns nicht schwer, uns für das Projekt zu entscheiden“, erzählt die Schulleiterin.

Die Oberschule verbindet die Bildungsgänge zum Erwerb der erweiterten Berufsbildungsreife (EBR) und der Fachoberschulreife (FOR). Bei entsprechenden Leistungen wird die Berechtigung für die gymnasiale Oberstufe (FORQ) vergeben. „Wir wollen allen Jugendlichen die bestmögliche Bildung ermöglichen“, betont Berit Kreisig. „Durch die zeitlichen Ressourcen des Ganztags und innovative Unterrichtsformen können wir unseren Schülerinnen und Schülern helfen, ihr Leistungspotenzial noch besser auszuschöpfen.“ Das scheint gut zu gelingen: Nur noch wenige Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss.

„Ein Gramm Praxis wiegt schwerer als eine Tonne Theorie“

Schüler beim Kochen
© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

„Der Schritt von der teilgebundenen zur gebundenen Ganztagsschule war auf jeden Fall richtig“, meint die Schulleiterin. „Viele Reibungspunkte fielen dadurch weg. Wir haben viel herumexperimentiert. Einiges liest sich auf dem Papier schön, aber in der Praxis muss es sich bewähren.“

Dienstags, mittwochs und donnerstags gibt es ein Mittagsband von 50 Minuten mit Mittagessen und freien Angeboten in der Schulbibliothek, der Turnhalle, dem Computerkabinett, dem Billardzimmer und auf dem Schulhof. Danach folgen noch einmal zwei Stunden Unterricht. In den GTS-Stunden stehen jahrgangsweise individuelle Förderung, Methodentraining und Kompetenztraining auf dem Stundenplan. Berit Kreisig ärgert, dass für Fahrschülerinnen und -schüler der Bustakt quasi den Unterrichtsschluss vorgibt. „Gemeinsam mit den Eltern kämpfe ich dagegen an.“ Denn nach 14.55 Uhr gibt es noch frei wählbare Arbeitsgemeinschaften – vom Kochen über die Foto-AG bis zum Tauchen.

© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

Einen wesentlichen Schwerpunkt an der Europaschule bildet die Berufsvorbereitung. „Ein Gramm Praxis wiegt schwerer als eine Tonne Theorie“, zitiert die Schulleiterin ein Sprichwort. „Für uns als Praxislernschule steht die Vermittlung anwendungsorientierter Kenntnisse an erster Stelle. Wir unterhalten enge Beziehungen zu den Unternehmen unserer Region und realisieren zusammen mit der Agentur für Arbeit die berufliche Frühorientierung und Berufsberatung vor Ort.“

Los geht es in der 7. Klasse mit dem Berufswahlpass, der Potenzialanalyse, einer Betriebsbesichtigung, der Teilnahme am Zukunftstag und an Ausbildungsbörsen. In der 8. Jahrgangsstufe kommen im Rahmen der vom Land Brandenburg geförderten „Initiative Sekundarstufe I“ einmal pro Halbjahr die Werkstatttage in den Berufsfeldern Holz, Metall, Garten, Hauswirtschaft und Farbe in den Werkstätten des Gemeinnützigen Bildungsvereins hinzu. Im 2. Halbjahr der Klassenstufe 9 und im ersten Halbjahr der Klassenstufe 10 absolvieren die Jugendlichen jeweils ein zweiwöchiges Betriebspraktikum und jeden Freitag einen Praxislerntag. Insgesamt 150 Unternehmen haben mit der Oberschule Kooperationsverträge abgeschlossen, die den Schülerinnen und Schülern wöchentlich einen Einblick in Berufsalltage ermöglichen.

Chemieschüler im Unterricht
© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

In der 10. Klasse findet in einer Projektwoche das „Bewerber-Camp“ statt, in der eine enge Betreuung – ein Betreuer für drei Schülerinnen und Schüler – gegeben ist. Vom Schreiben des Lebenslaufs über Stärken- und Schwächenanalysen bis zu Exkursionen in Krankenhäuser, Seniorenheime, Verwaltung, Stahl- und Papierfirmen und einer fiktiven Jobbörse der „Lausitzer Rundschau“ ist alles dabei. Firmeninhaber, Personalchefs und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Gubener Unternehmen sowie aus dem Umland simulieren Bewerbungsgespräche. „Sie lernen dabei auch Schülerinnen und Schüler kennen, die mit schwachen Noten kommen, aber motiviert sind“, erzählt Berit Kreisig. „Manche haben schon am nächsten Tag den Ausbildungsvertrag unterschrieben.“

Die Mischung macht's im Kollegium

Es ist ein „ganz enges Geflecht“, das der Schule diese ganzen Aktivitäten ermöglicht. „Personell könnten wir alleine nicht alles stemmen. Beim Bewerber-Camp engagieren wir uns alle, da machen auch Eltern und Omas und Opas mit“, meint die Schulleiterin. Ein wichtiger Partner ist die Volkssolidarität, die bei der Durchführung von AGs und Projekten unterstützt. Schön sei es, dass sie nach fast zehn Jahren Schulleitung „die Schule in der Stadt wiedererkennen“ könne: „Ich treffe zum Beispiel ganz viele ehemalige Schülerinnen und Schüler jetzt als Handwerker oder Angestellte in der Verwaltung und in Geschäften wieder. Da sieht man wirklich, dass die Schule eine Spur hinterlassen hat.“

© Europaschule „Marie & Pierre Curie“

Schulleitung und Kollegium durchlaufen laut Berit Kreisig gerade eine kreative Phase. Europaaktivitäten sollen neu angeschoben, Kunst, Kultur und Medientage in den Schulalltag eingebunden werden. Die Schulleiterin wünscht sich, dass einmal der Caterer mit einer Schülerfirma zusammenarbeitet, in der die Schülerinnen und Schüler eigenes Gemüse anbauen und selbst kochen: „Die räumlichen Möglichkeiten dazu haben wir.“ Das zweite Schulgebäude der einst 900 Schülerinnen und Schüler fassenden Schule würde sie gerne als „Haus der Praxis“ einrichten. Dort befinden sich schon heute eine Fahrradwerkstatt, ein Nähmaschinenraum, ein Kreativraum, ein Metallkabinett und eine Lehrküche.

„Natürlich kann ich nichts anordnen, aber als Schulleiterin kann ich solche Ideen streuen und einen Geist für die Schule vermitteln“, so Berit Kreisig. „Dazu sitze ich an der richtigen Stelle, das macht mir Spaß. Manchmal wünschte ich nur, der Tag hätte mehr als 24 Stunden.“

Die Europaschule „Marie & Pierre Curie“ hält ihre Qualität auch unter manchmal schwierigen Bedingungen. Dazu entwickelt sie sich stetig weiter. „Unterrichtsentwicklung ist immer ein Thema. So unterschiedlich wie meine Schülerinnen und Schüler sind meine Kolleginnen und Kollegen. Es gibt Teamplayer und eher Einzelkämpfer. Die Mischung macht's – ich finde das gut. Die Kolleginnen und Kollegen sind erfahren genug, um zu wissen, wie sie am besten in ihrer Klasse arbeiten.“ Zunehmend beobachte sie, wie Lehrkräfte auch außerhalb des Unterrichts mit Schülerinnen und Schülern zusammensitzen, um ihnen etwas zu erklären. Gemäß dem Leitsatz der Schule: „Wir sind eine Schule, in der jeder Schüler eine Chance bekommt.“

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