Lehrer: „Von etwas begeistert sein und die Begeisterung weitergeben“

Thomas Kolitsch vom Martin-Rinckart-Gymnasium im sächsischen Eilenburg erhielt den Deutschen Lehrerpreis 2017. Für manche Schülerinnen und Schüler ist er „kein gewöhnlicher Lehrer“. Deshalb haben sie ihn für den Preis nominiert.

Thomas Kolitsch© Thomas Kolitsch

Das Martin-Rinckart-Gymnasium in Eilenburg (Sachsen) ist eine Schule mit Ganztagsangeboten und versteht sich in seinem pädagogischen Konzept als „sportlich und künstlerisch profiliert“. Die Angebote reichen von Chor, Schulband und Tanzgruppe, verschiedenen Sportangeboten einschließlich Golf über die Schülerzeitung bis zu den „Young Engineers (Junior und Advanced)“. Sie sind immer klassen- und jahrgangsübergreifend, denn es geht auch um Ziele wie „Leben und Lernen in der Gemeinschaft“ und die Förderung sozialer Kompetenzen. Die offene Ganztagsform hat vielfältige Gründe. Einer davon ist das weite Einzugsgebiet des Gymnasiums, das teilweise sogar über die sächsische Landesgrenze reicht.

Doch das Martin-Rinckart-Gymnasium ist im vorigen Jahr besonders durch einen seiner Lehrer bundesweit bekanntgeworden: Deutsch- und Englischlehrer Thomas Kolitsch, der Anfang des Jahres den „Deutschen Lehrerpreis“ des Philologenverbandes und der Vodafone Stiftung in der Rubrik „Schüler zeichnen Lehrer aus“ erhielt. Der Preis gilt „besonders engagierten Lehrern, die das verantwortungsvolle Miteinander von Schülern und Lehrern fördern“.

Seine Klasse hatte ihn für den Preis nominiert. Ein Schüler schrieb: „Schon seit der ersten Stunde wusste unser Kurs: Das ist kein gewöhnlicher Lehrer!“ Wir wollen wissen, was damit gemeint ist, und fragen Thomas Kolitsch im Interview.

Online-Redaktion: Herr Kolitsch, warum wollten Sie Lehrer werden?

Thomas Kolitsch: Ich wollte gar nicht Lehrer werden.

Gruppenfoto auf der Bühne bei der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises
„Von etwas begeistert sein und die Begeisterung weitergeben“© Deutscher Lehrerpreis / Nürnberger

Online-Redaktion: Das scheint ja nicht geklappt zu haben...

Kolitsch: (lacht) Ich bin das Kind einer Lehrerin und eines Lehrers. Das Abitur habe ich sogar an dem Gymnasium abgelegt, an dem mein Vater Schulleiter war. Ich wollte auf keinen Fall das machen, was meine Eltern machten. Also habe ich erstmal ein Journalistik-Studium in Leipzig begonnen, das mir aber überhaupt nicht gefiel. So begann ich eine Ausbildung als Krankenpfleger und habe auch in dem Beruf gearbeitet. Aber irgendwie trage ich wohl doch das Lehrer-Gen in mir. An der Universität Leipzig begann ich schließlich ein Lehramtsstudium für Deutsch und Englisch. Und damals merkte ich schon in den wenigen Momenten, die ich unterrichten durfte, dass das mein Ding ist. Seit Februar 2015 unterrichte ich nun am Martin-Rinckart-Gymnasium in Eilenburg.

Online-Redaktion: Es hat sich also alles für Sie gefügt?

Kolitsch: Ganz genau. Ich bin aber trotzdem froh, dass es genauso, auch mit diesen krummen Wegen vorher, gelaufen ist. Dass ich nicht nie was anderes als Schule gesehen habe. Ich habe das Gefühl, dass mir das in vielerlei Hinsicht zugutekommt.

Schüler-Laudator Stefan Löwe (re.): „Kein gewöhnlicher Lehrer“ © Deutscher Lehrerpreis / Nürnberger

Online-Redaktion: Was hat den Ausschlag gegeben für den Lehrerberuf?

Kolitsch: Was ich in meinem Leben am allerliebsten mag – sei es mit Freunden, meinen Kindern, mit Fremden – ist, in einem Raum zu sitzen und über Bücher zu reden. Und jetzt darf ich das machen und werde dafür sogar bezahlt. Ich kann das noch gar nicht so recht glauben. Sein Hobby zum Beruf machen – das klingt wie ein Klischee. Aber bei mir ist es tatsächlich so. Und das ist intellektuell genauso anspruchsvoll, wenn ich mit Fünftklässlern über Gedichte rede, wie wenn ich mit Zwölftklässlern arbeite. Die Herausforderungen sind ähnlich.

Online-Redaktion: Was macht Sie als Lehrer aus?

Kolitsch: Ich glaube, es sind zwei Sachen. Das Erste ist eine große Liebe zu dem, was ich tue. Zur Literatur, von Shakespeare über Kafka bis Stephen King. Und gleichzeitig eine Verbundenheit mit den Schülerinnen und Schülern, mit denen ich in einem Raum sitzen darf. Ich empfinde das als Geschenk und sage das auch so.

Das Zweite: Die Klasse, die mich für den Lehrerpreis nominiert hat, ist die erste gewesen, die ich zum Abitur geführt habe. Bei dieser Klasse ist es mir, glaube ich, gut gelungen, zu kommunizieren, was mir wichtig ist, wo ich mit ihr hinwill, aber auch zuzugeben, wenn ich etwas nicht wusste. Und ich habe zugehört, was den Schülerinnen und Schülern wichtig war. Das Schönste, was im Zuge des Lehrerpreises ein Schüler gesagt hat, war für mich: dass ich ein Lehrer sei, der sich freut, wenn die Schülerinnen und Schüler was schreiben oder sagen, was ich nicht gewusst habe, weil ich dann das Gefühl habe, selbst was zu lernen.

Schülerinnen in der Bibliothek
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Die Neugier leitet Sie?

Kolitsch: Mir wird wirklich schnell langweilig. Und die Aussicht, den Schülerinnen und Schülern zum Beispiel fünf Charakteristika von Hamlet vorzugeben, die dann im Unterricht abzufragen und in der Klausur schließlich darauf zu warten, dass genau diese fünf Wörter vorkommen, und wenn nicht, gibt’s Punktabzug – da würde ich wahnsinnig. Der Idealfall ist für mich, dass auch die Schülerinnen und Schüler so neugierig werden, dass sie von sich aus am Nachmittag mal was nachschlagen, um am nächsten Tag im Unterricht mitreden zu können. Und wenn eine Schülerin oder ein Schüler im Unterricht einen Zusammenhang erkennt: „Ach deshalb ist das so!“, dann ist das einer der kostbaren Momente, für die sich die Arbeit schon gelohnt hat.

Online-Redaktion: Nun entscheiden Sie nicht allein, was Sie im Unterricht machen. Welchen Spielraum haben Sie?

Kolitsch: Ich bin natürlich durch die Lehrpläne und alles, was am Ende mit Prüfungen zu tun hat, eingeschränkt. Diesen Rahmen empfinde ich aber nicht als sonderlich einengend. Wenn ich auf die Literaturliste der Sekundarstufe II in Deutsch schaue, dann stehen da viele Autoren und Bücher, die ich selbst auch nicht anders aussuchen würde. In Englisch bin ich sogar ganz frei: Da kann ich so viel an Literatur vermitteln, wie ich möchte. Und wie ich das mache – da wird mir, wie dem ganzen Kollegium, unglaublich großes Vertrauen von Seiten der Schulleitung entgegengebracht: Wir haben das gelernt, wir haben das studiert, wir werden das schon richtig machen.

Online-Redaktion: Wie erleben Sie Teamarbeit im Kollegium?

© Britta Hüning

Kolitsch: Wir sind 68 Kolleginnen und Kollegen. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen haben mir massive Berufserfahrung voraus. Jederzeit und überall kann ich hingehen und fragen, wenn ich etwas nicht weiß oder mir unsicher bin. So war es beispielsweise, als ich nicht genau wusste, wie ich bei meinem ersten Abitur ein Worturteil formulieren sollte. Das ist jetzt aber keine institutionalisierte Teamarbeit. Die habe ich auf keiner meiner Stationen bislang kennengelernt.

Online-Redaktion: Wie schätzen Sie den Einfluss des Elternhauses auf den Bildungserfolg ein?

Kolitsch: Bis zu einem gewissen Alter der Schülerinnen und Schüler ist der Einfluss des Elternhauses überhaupt nicht zu überschätzen. Ob ein Kind in einem Haushalt aufwächst, in dem es Bücher gibt, wo es mal ein Museum von innen sieht, wo seine Interessen gefördert werden, kann einen Riesenunterschied machen. Wir Lehrer können die Schüler, wie es so schön heißt, „abholen, wo sie stehen“. Auch ich kann bei jemanden, der noch nie ein Buch gelesen hat, die Liebe zur Literatur wecken. Aber die Grundlagen werden im Elternhaus gelegt.

Online-Redaktion: Haben Sie sich irgendwo Anregungen geholt, wie man unterrichtet? Hatten Sie ein Vorbild oder einen Mentor?

Lehrer und Klasse im Kreis im Musikunterricht
© Britta Hüning

Kolitsch: Da muss ich meinen Vater nennen, der Musik- und Deutschlehrer war. Ich hatte ein Jahr bei ihm Unterricht. Bei ihm habe ich erlebt, wie es aussieht, wenn man zu Hause etwas vorbereitet, das man dann im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Wie man von etwas begeistert ist und diese Begeisterung weitergibt. Wie eine Schülerantwort dem Unterricht eine neue Richtung geben kann und die Schülerinnen und Schüler den Raum und die Zeit bekommen, eigene Gedanken zu formulieren und zu verfolgen.

Wer reinkommt mit dem Satz „Wir müssen die nächsten zwei Wochen Grammatik machen“, der kann die nächsten zwei Wochen schon vergessen. Ich muss vermitteln wollen, dass eine der großartigsten Sachen der deutschen Sprache der Konjunktiv ist. Und auch wenn manche Lehrer den Satz „Wozu brauche ich das später?“ hassen mögen, sollte sich jeder hin und wieder mit dieser Frage vor den Spiegel stellen und eine Antwort darauf finden.

Online-Redaktion: Gibt es eine Situation, von der Sie im Nachhinein sagen, die hätte ich anders lösen sollen?

© Britta Hüning

Kolitsch: Jeden Tag. Das Faszinierende ist ja, dass ich das Feedback direkt bekomme. Nach zehn Minuten merke ich meist, ob etwas funktioniert oder nicht, ob der Impuls, den ich gebe, funktioniert, ob das Interesse überspringt. Aber ich kann auch total schiefliegen. Ich habe einmal zweieinhalb Monate mit den Schülerinnen und Schülern an einem Stück von Euripides gearbeitet und war selbst so begeistert, dass ich den Eindruck hatte, die sind alle voll dabei. Und als es dann an die Auswahl der Prüfungsthemen ging, haben alle gesagt: Das bitte auf keinen Fall, das fanden wir fürchterlich. Da muss ich in Zukunft genauer aufpassen.

Doch wenn mal was nicht gut gelaufen ist, habe ich als Lehrer ja grundsätzlich den Vorteil, dass ich die Klasse am nächsten Tag wiedersehe. Habe ich zum Beispiel eine flapsige Bemerkung gemacht und sitze dann abends zu Hause und denke, dass das jetzt nicht so passend gewesen ist, dann gehe ich am folgenden Tag in die Klasse und entschuldige mich.

Online-Redaktion: Hat sich Ihr Leben durch den Lehrerpreis verändert?

Kolitsch: Es ist alles sehr aufregend und schön gewesen, aber für mich hat sich – toi, toi, toi – nichts geändert. Darüber bin ich arg erleichtert.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Thomas Kolitsch, Jg. 1976. Abitur in Meerane (Landkreis Zwickau). Zivildienst in einem Seniorenheim. 1995/1996 Journalistik-Studium an der Universität Leipzig, 1996–2002 Ausbildung und Berufstätigkeit als Krankenpfleger. 2002–2007 Lehramtsstudium Deutsch und Englisch an der Universität Leipzig mit anschließender Tätigkeit an der Universität. 2012–2014 Referendariat am Sächsischen Landesgymnasium für Sport in Leipzig. Seit Februar 2015 Lehrer für Deutsch und Englisch am Martin-Rinckart-Gymnasium in Eilenburg.

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