Ganztags gesund in Bad Tennstedt: Sebastian-Kneipp-Grundschule

Schon Goethe lobte die Heilkraft des Schwefelwassers von Bad Tennstedt. „Kneippen“, also Wassertreten gehört nun zum Gesundheitskonzept der Sebastian-Kneipp-Grundschule: „Das sind wir!“ Gesundheit und Ganztag gehen Hand in Hand.

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Manchmal muss man in die Ferne reisen, um zu erahnen, wie gut das Nahe ist. Als Schulleiterin Christina Jenke und ihre Hortkoordinatorin Annett Kocsis Mitte April in Dresden auf der Tagung „Ganztag gesundheitsförderlich gestalten“ ihre Sebastian-Kneipp-Schule vorstellten, überraschten und erfreuten sie die Reaktionen mancher Zuhörerinnen auf ihre Präsentation. „Eine Lehrerin meinte, als sie die Bilder unserer Schule sah, sie möchte sich mitsamt ihrer Klasse einpacken und von uns mitnehmen lassen. Viele sagten, wie schön es bei uns sei“, berichtet Christina Jenke.

Der Eindruck trog nicht. Wer sich auf den Weg nach Bad Tennstedt, einer Kleinstadt im thüringischen-Unstrut-Hainich-Kreis, macht, denkt bei der Sebastian-Kneipp-Schule nostalgisch an eine alte Dorfschule im besten Sinne. Am Schulgelände der offenen Ganztagsschule fließt ein kleines Flüsschen vorbei, hinter dem Haus schnattern die Gänse. Die Atmosphäre auf dem Schulhof und im Schulhaus ist gemütlich. „Und bei uns ist die Welt noch relativ in Ordnung“, meint Ines Jahn.

Gruppenfoto der Schulleitung der Sebastian-Kneipp-Grundschule
(v.l.) Christina Jenke, Annette Kocsis und Ines Jahn© Redaktion

Doch nicht alles ist perfekt. Das Schulgebäude von 1937 bedarf der Sanierung. „Manche Eltern machen auf dem Absatz kehrt, wenn sie am Tag der offenen Tür unsere Schule kennenlernen“, bedauert die Schulleiterin. „Mit der modernen Einrichtung der neuen Privatschule, die in der Gegend eröffnet hat, können wir nicht mithalten.“ Aber Schule ist eben nicht nur äußerliche Ausstattung. „Viele melden ihre Kinder bei uns an, weil sie das Familiäre an unserer Schule schätzen. Und unser Konzept. Manche Schülerinnen und Schüler sind von anderen Schulen wieder zu uns umgemeldet worden“, berichtet Ines Jahn, die stellvertretende Schulleiterin.

Ganztag aus Schule und Hort

Goethe weilte 1816 zur Kur in Bad Tennstedt und lobte die Heilkraft des Schwefelwassers.© VG Bad Tennstedt

171 Schülerinnen und Schüler besuchen die zweizügige Sebastian-Kneipp-Schule. Davon sind wiederum 119 am Nachmittag im Hort, der als Partner die Ganztagsangebote verantwortet. Im Land Thüringen werden alle Grundschulen mit der Schule-Hort-Kombination als offene Ganztagsschulen geführt, der Hort ist schulgesetzlicher Bestandteil der Grundschule. Pädagogische Grundlage für beide ist der Thüringer Bildungsplan.

Der Hort der Sebastian-Kneipp-Schule ist auch in das Schulhaus integriert, aber wenn es nach der Schulleiterin geht, könnte es noch ein bisschen mehr sein: „Der Hort hat seinen eigenen Eingang und seinen Extrabereich, das ist eine optische Trennung. Manche Eltern verstehen ihn auch als von der Schule getrennt. Wir sehen uns aber als eine Einheit.“ Das zeigt sich unter anderem daran, dass Hortleiterin Annett Kocsis an der wöchentlichen Besprechung teilnimmt. „Wir bereiten alles gemeinsam vor“, berichtet sie. „Uns ist es wichtig, dass wir uns regelmäßig austauschen.“

Schülerinnen und Schüler beim Tautreten
Auf Kneipps Spuren: Tautreten© Sebastian-Kneipp-Schule

Im Unterricht sind so viele der fünf Erzieherinnen im Einsatz wie möglich, und am Nachmittag sind mitunter Lehrkräfte im Hort eingesetzt. Gemeinsam bestreiten Schule und Hort auch den Elternnachmittag. Um mehr Eltern die Teilnahme zu ermöglichen, hat die Grundschule den Elternabend umgestaltet. Die Kinder – auch Geschwister – werden an dem Nachmittag im Hort betreut. „Das war eine Idee von einer Fortbildung. Sie ist bei unseren Eltern super angekommen“, erzählt Annett Kocsis.

Gesundheitserziehung war der Schlüssel

Die Kräuter des Schulgartens werden beim Essen und Teekochen verwendet.© Sebastian-Kneipp-Schule

Gemeinsam absolvierten Erzieherinnen und Lehrkräfte auch die dreijährige Ausbildung, um Zertifizierte Kneipp-Gesundheitslehrerin beziehungsweise -Erzieherin zu werden. Gebraucht hätte es dazu eigentlich nur zwei Kolleginnen. Die Idee kam über eine Lehrerin, die Kontakt zum „Verein der Kneippfreunde Bad Tennstedt und Umgebung“ hatte. „Die Idee, die Lehren von Sebastian Kneipp in den Schultag und in den Unterricht zu integrieren, hat uns begeistert“, erinnert sich Christina Jenke. „Wir wollten unsere Schule weiterentwickeln, uns eine Identität geben, und die Gesundheitserziehung war der Schlüssel. Wir haben uns über die Kneipp-Schulen informiert und gesagt: Das sind wir! Da waren wir uns so schnell einig wie bei keinem anderen Thema.“

Mit dem Verein arbeitet die Schule bis heute eng zusammen. Die Kneippfreunde halten zum Beispiel Seminare für Eltern. „Alles was wir brauchen, um gesund zu bleiben, hat uns die Natur reichlich geschenkt“, lautete ein Motto von Sebastian Kneipp (1821–1897), der eine ganze Gesundheitsbewegung ausgelöst hat, die bis heute Anhänger findet.

Schülerinnen und Schüler beim Wassertreten
Das „Kneippen“ im Kurpark gehört fest zum Programm.© Sebastian-Kneipp-Schule

Elemente von Gesundheit und Bewegung hat es auch an der Grundschule schon immer gegeben. Es gab ein Kräuterbeet und einen Schulgarten – das Fach Schulgarten ist in Thüringen obligatorisches Unterrichtsfach. 2008 aber begannen die Lehrkräfte und die Erzieherinnen, die fünf Säulen der Kneippschen Lehre – Wasser, Pflanzen, Bewegung, Ernährung, Balance – konsequent in den Unterricht und die Ganztagsangebote einzubauen und auch den Tagesablauf im Sinne von An- und Entspannung zu rhythmisieren. Mit Hilfe des Schulfördervereins und der Eltern richtete die Schule einen Raum der Stille, eine Bibliothek und einen Kreativraum ein. Auch eine Kletterwand entstand.

Im September 2013 erhielt die Grundschule den Besuch einer Mitarbeiterin des Kneipp-Bundes, das Dachverbandes der rund 600 Kneipp-Vereine in Deutschland. Die Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen überzeugte. Im März 2014 erhielt die Schule die Zertifizierung. Um das neue Konzept sichtbar zu machen, erfolgte kurz darauf die Umbenennung in Sebastian-Kneipp-Schule.

„Manche Kinder wollen am Ende des Tages nicht nach Hause“

Kräuterpflege im Kurpark© Sebastian-Kneipp-Schule

Zweimal wöchentlich gibt es jetzt ein Obst- und Gemüsefrühstück und Vollmilch für alle Kinder. Täglich kochen die Schülerinnen und Schüler Tee – aus Teemischungen, die sie selbst hergestellt haben. Im Schulgarten ernten sie die Kräuter, die dafür benötigt werden. Auch zum gemeinsamen Kochen und Backen setzt man die Kräuter und das Gemüse ein. Bewegung an der frischen Luft gehört sowieso zum täglichen Programm, genauso wie die gelernten Atem- und Entspannungstechniken. Immer wieder geht es in die ausgedehnte Kneipp-Landschaft des Kurparks Bad Tennstedt zum „Kneippen“, also zum Wassertreten. Das Goethe-Haus erinnert daran, dass der Dichter hier 1816 für sieben Wochen zur Kur weilte. Er soll die Heilkraft des Schwefelwassers gelobt haben.

In der Sebastian-Kneipp-Schule sind seit 2010 alle Unterrichtsfächer mit Kneippschen Themen verbunden, in einem schulinternen Lehr- und Lernplan, unterteilt für Schön- und Schlechtwetterphasen,. „An diesem Leitfaden, den jeder in die Hand kriegt, können sich alle orientieren. Das ist eine ungeheure Arbeitshilfe“, erläutert die Rektorin. Lehrkräfte und Erzieherinnen haben seitdem eine Veränderung bemerkt: „Die Kinder sind ausgeglichener, und es ist ruhiger geworden“, beschreibt das Annett Kocsis. „Manche Kinder wollen am Ende des Tages nicht nach Hause. Wenn die Mama am Zaun auftaucht, betteln sie, noch bleiben zu dürfen. Das ist der beste Lohn.“

gruppenfoto des Stadtorchesters Bad Tennstedt
Das Schulorchester ist Bestandteil des Stadtorchesters Bad Tennstedt.© Stadtorchester Bad Tennstedt

Der Nachmittag bietet den Schülerinnen und Schülern neben der Hausaufgabenbetreuung verschiedene AGs, darunter eine Orchester-AG, eine Computer-AG, eine Theater-AG und wechselnde Gruppen mit kreativen und musischen Angeboten. „Wir sind stolz, dass bei uns alle Kinder an der Leseförderung teilnehmen“, freut sich Christina Jenke. Und auch hier sind die Erzieherinnen involviert. Geplant sind noch eine Lesewoche und mehr Mathematikförderung. Um 17 Uhr endet der Schultag.

Die Schulleiterin hätte nichts dagegen, wenn sich ihre Schule zur gebundenen Ganztagsschule wandeln würde. „Wir könnten noch besser über den ganzen Tag rhythmisieren, haben das auch schon mal überlegt. Eine Hürde sind bislang unsere Busfahrpläne.“

Schulorchester mit Salzmann-Preis

Seit 2008 leitet Wolfgang Friedrich ehrenamtlich das Schulorchester.© Sebastian-Kneipp-Schule

Momentan spielen 24 Schülerinnen und Schüler im Schulorchester, das seit 2008 ehrenamtlich von dem Jazz-Posaunisten und ehemaligen Leiter der JenaBigBand und des Schott-Orchesters, Wolfgang Friedrich, geleitet wird. Die Musikschule in Bad Tennstedt leiht Instrumente aus; später haben die Eltern die Möglichkeit, diese für ihre Kinder zu kaufen. Wolfgang Friedrich ist täglich an der Schule, er gibt musikalischen Einzel- und Gruppenunterricht und hat auch die Chorleitung inne. Für sein Engagement hat er 2016 den Salzmann-Preis erhalten; die Schule hatte ihn vorgeschlagen. Der Preis wird vom Thüringer Bildungsministerium für langjähriges Wirken im Bildungsbereich vergeben. Motto des berühmten Pädagogen Salzmann (1744–1811): „Studiere deine Kinder, aus ihren Anlagen und Neigungen entwickle deinen Erziehungsplan.“

„Das Orchester möchten wir nicht mehr missen“, freut sich Ines Jahn. „Die Aufführungen unserer Kinder sind sehr begehrt.“ Das Schulorchester ist seit 2012 sogar Bestandteil des Stadtorchesters Bad Tennstedt. Aktuell hofft die Schule darauf, dass der Dachboden ausgebaut wird. Der Schule fehlt noch eine Aula; Aufführungen und Veranstaltungen finden in der ehemaligen Turnhalle statt. „Uns wäre ein zentraler Ort wichtig“, sagt Christina Jenke.

Von den Schülern selbst gestaltete Latten bilden den Schulzaun.© Redaktion

Ein schöner Brauch der Sebastian-Kneipp-Schule ist übrigens die Verabschiedung der Schülerinnen und Schüler nach der 4. Klasse von der Grundschule: Jedes Kind darf zur Erinnerung eine Latte des Gartenzauns individuell gestalten. „Eine Schülerin will ihre gerade ganz schwarz anmalen“, erzählt Annett Kocsis. „Sie sei so traurig, dass sie unsere Schule verlassen muss.“

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