EU-Projekttag: „Europa gehört zur DNA unserer Schule“

Das Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen ist seit vier Jahren Europaschule. Die teilgebundene Ganztagsschule will Schülerinnen und Schüler für den europäischen Gedanken stark machen, auch in schwierigen Zeiten.

Seit 4 Jahren Europaschule: das Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Heute ist es wieder so weit: Wie jedes Jahr seit 2007 findet der EU-Projekttag an Schulen statt. Bundesweit diskutieren Politikerinnen und Politiker, Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie EU-Parlamentarier am 4. Mai mit Schülerinnen und Schülern über Europa. Besonders für die Europaschulen ist dieser Termin im Kalender dick angestrichen. Die Bezeichnung „Europaschule“ ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich definiert. In Niedersachsen kann eine Schule „Europaschule“ werden, „wenn sie durch die Integration europäischer Themen, das Angebot von mindestens drei Fremdsprachen, die Beteiligung an europäischen Bildungsprogrammen, die Nutzung moderner Kommunikation mit Europa sowie die Pflege vielfältiger Auslandskontakte entsprechende Verdienste“ aufweist.

Oder wie es Schulleiter Holger Wirtz auf den Punkt bringt: „Europa gehört zur DNA unserer Schule.“ Das Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen empfängt heute zum EU-Projekttag die heimische Bundestagsabgeordnete Marja-Liisa Völlers. Völlers, Jahrgang 1984, ist selbst in Stadthagen zur Schule gegangen und unterrichtete später an der benachbarten IGS. „Wir stellen Frau Völlers exemplarisch unser Schüleraustausch-Programm vor, das die Bandbreite unserer europäischen Kontakte zeigt – von den unteren bis zu den oberen Jahrgangsstufen“, kündigte Wirtz an.

„Kleiner Grenzverkehr“ in die Niederlande

Gruppenfoto der Schülerinnen und Schüler vor dem Eingang des Gymnasiums
Die rund 800 Schülerinnen und Schüler können biligualen Unterricht besuchen.© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Da hat das Wilhelm-Busch-Gymnasium viel zu bieten. In der 7. Klasse geht es los mit dem fünftägigen deutsch-niederländischen Austausch mit der Partnerschule in Steenwijk. „Bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern gehen wir das behutsam an und schicken sie nicht gleich zwei Wochen weg“, berichtet der Schulleiter.

De facto sind die rund 20 Schülerinnen und Schüler nur zwei bis drei Tage von zu Hause entfernt, denn in dieser Woche besuchen sich die Stadthagener und die Steenwijker Jugendlichen im „kleinen Grenzverkehr“ mit einem Pendelbus gegenseitig. Sie erkunden gemeinsam die jeweilige Heimatstadt, zeigen sich die Schule, unternehmen eine Fahrradtour – und dass das Freizeitbad „Tropicana“ direkter Nachbar des Wilhelm-Busch-Gymnasiums ist, erweist sich auch als sehr vorteilhaft.

Zertifikate wie DELF oder DELE als Nachweis der Sprachkenntnisse.© Wilhelm-Busch-Gymnasium

In Klassenstufe 8 und 9 weitet sich das Austauschprogramm auf die Länder aus, deren Sprachen am Wilhelm-Busch-Gymnasium unterrichtet werden und in denen auch Sprachzertifikate wie das britische Cambridge Certificate, das französische DELF (Diplôme d'études de langue francaise) und das spanische DELE (Diploma de Español como Lengua Extranjera) erworben werden können. Es geht für zwei Wochen nach England, für die Latein-Schüler nach Rom, für andere nach Spanien und nach Finnland, wo man sich auf Englisch verständigt.

Schülerinnen und Schüler als UN-Botschafterinnen

In der 10. oder 11. Klasse kommt Polen hinzu. Ab Klasse 11 können Schülerinnen und Schüler in den Herbstferien ein Arbeitspraktikum in Großbritannien wahrnehmen. Darüber hinaus stehen die USA und Indien auf dem Reiseplan. „Wir nutzen Kontakte, die sich über unsere Lehrer ergeben haben. So können unsere Schülerinnen und Schüler auch Länder über Europa hinaus bereisen.“

Schulleiter Holger Wirtz vor dem Eingang des Wilhelm-Busch-Gymnasiums
Schulleiter Holger Wirtz: „Ich bin überzeugt, dass einige Freundschaften nur aufgrund des Ganztags bestehen.“© Redaktion

In der 10. Klasse steht noch eine Besonderheit auf dem Stundenplan: Model United Nations (MUN). In dem Projekt schlüpfen Schülerinnen und Schüler in die Rolle von UN-Botschafterinnen und -Botschaftern. Sie simulieren eine UN-Sitzung, in der sie sich mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen. Im letzten Jahr stellte der Kieler Landtag sein Plenum zur Verfügung, sodass sechs Stadthagener Jugendliche mit über 400 Teilnehmenden anderer Schulen vier Tage lang als Diplomatinnen und Diplomaten Themen der realen Weltkonferenz diskutierten und dabei „ihr“ Land vertraten.

Jedes der Gremien, unter anderem die Vollversammlung oder der Menschenrechtsrat, debattierte, rang um Kompromisse, ging Allianzen ein, vertrat Interessen und musste Verbündete finden. Themen waren letztes Jahr im Menschenrechtsrat die Flüchtlinge aus Eritrea und in der Generalversammlung die Rechte und der Status von Binnenflüchtlingen.

Reisen bildet

Musikprojekt: die Sambagruppe bloco loco.© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Erst vor vier Jahren ist das Wilhelm-Busch-Gymnasium, in dem rund 800 Schülerinnen und Schüler lernen, Europaschule geworden. „Die Schülerinnen und Schüler, das Kollegium und die Schulleitung, wir alle, wollten damals bewusst ein Zeichen setzen, dass wir uns für den europäischen Gedanken stark machen in einer Zeit, in der Europa in schwieriges Fahrwasser geriet“, erläutert der Schulleiter die Intentionen der Schule. Das WBG war deutsche Pilotschule im europäischen Netzwerk ELOS, mit dem die Europäische Kommission die europäische und internationale Ausrichtung von Sekundarschulen förderte.

„Bei der Abiturfeier unterhalte ich mich jedes Jahr mit den Schülerinnen und Schülern und frage sie, was so hängenbleibt aus der Schulzeit“, erzählt Holger Wirtz. „Jeder nennt da etwas anderes. Aber was wirklich alle erwähnen, ist der Austausch. Die wirkliche Begegnung wird erst durch einen realen Kontakt mit den Menschen und Kulturen des jeweiligen Landes gewährleistet, der so im Alltag sicherlich nicht zu finden ist. Das erfährt man später kaum als Student oder als Tourist oder als Arbeitnehmer. Es hat sich über die Jahre auch als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung bewährt.“

Schülerinnen und Schüler des Wilhelm-Busch-Gymnasiums in Madrid
Schüleraustausch mit Madrid-Besuch© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Die Nachfrage in punkto Schüleraustausch übersteigt mitunter das Angebot. Die Schule hat die Auslandskontakte, so weit es ihr möglich ist, ausgeweitet, um möglichst vielen Jugendlichen diese Erfahrungen zu ermöglichen. Mit Unterstützung des Niedersächsisches Kultusministeriums gibt es seit 2016/2017 beispielsweise einen Schüleraustausch mit Schulen in Castilla y León, der spanischen Partnerregion des Landes Niedersachsen. Krönender Abschluss des letzten Spanien-Besuches war das Museo Reina Sofia in Madrid, wo die Schülerinnen und Schüler Picassos berühmtes Anti-Kriegs-Bild „Guernica“ sahen. Für 2018/2019 konnte die Fachschaft Französisch gerade „mit Freude bekannt geben“, dass es eine neue Partnerschule in Marseille gibt.

Entschleunigung im Ganztag

Eine bewusste Entscheidung des WBG war 1993 auch der Schritt zur teilgebundenen Ganztagsschule. „Die Schule verspürte damals das Bedürfnis, pädagogisch etwas zu verändern, und führte den verpflichtenden langen Donnerstag und freiwillig wählbare Angebote an den anderen vier Tagen ein“, erzählt Holger Wirtz, der seit 14 Jahren am Ganztagsgymnasium arbeitet, davon sechs Jahre als Schulleiter.

2 Tage für Partizipation und Austausch: das 10. SV-Klassensprecherseminar.© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Die Etablierung des Ganztags ging einher mit einer Veränderung des Tagesablaufs, der laut Holger Wirtz für Entschleunigung gesorgt hat: „Das Doppelstundenprinzip, statt im Extremfall sechs Einzelfächer, nimmt Hektik aus dem Tag und bietet den Lehrerinnen und Lehrern mehr Möglichkeiten, die Unterrichtsstunde mit Wochenplanarbeit und individuellen Angeboten zu gestalten.“

2004 hatte das Gymnasium für den Ausbau des Ganztags IZBB-Mittel erhalten. So konnte unter anderem der Freizeitbereich für die Schülerinnen und Schüler umgebaut werden. Heute kann die Ganztagsschule auch mit vielen versteckt liegenden Sitznischen für die Schülerinnen und Schüler und einer von Eltern und Schülern betriebenen offenen Cafeteria aufwarten. „Die Schüler schätzen beides: die Begegnung im großen, offenen Freizeitbereich und das Zurückziehen in die Sitzecken“, hat Holger Wirtz beobachtet.

„Sich für die Gemeinschaft einsetzen“

Schüler filmen mit einerKamera
© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Noch etwas hat der Schulleiter registriert: „Ich bin überzeugt, dass einige Freundschaften nur aufgrund des Ganztags bestehen. Wir haben hier im Landkreis Schaumburg ein großes Einzugsgebiet. Die Kinder kommen aus weit verstreuten Orten, an denen sie oft die einzigen Kinder oder Jugendlichen sind. Manche melden sich zu den offenen Angeboten an, weil ihre Freunde dort sind.“ Auffällig ist für Wirtz, dass heute nicht mehr alle „wie früher um 13.15 Uhr fluchtartig das Gebäude verlassen“, sondern noch zum Austausch, zum Vorbereiten von Arbeiten und Präsentationen und „auf ein Schwätzchen“ im Gebäude und auf dem Gelände bleiben. Das gelte gleichermaßen für Schüler wie Lehrer. „Dass es bei uns fast überhaupt keinen Vandalismus, keine Graffiti oder sonst etwas gibt, zeigt mir, dass die Schülerinnen und Schüler diesen Ort als ihren Ort wertschätzen.“

Zu den Projekten zählen PC-Seminare für Senioren und ein Krankenhausfest.© Wilhelm-Busch-Gymnasium

Selbst die notorisch einen schlechten Ruf genießenden Schultoiletten präsentieren sich in tadellosem Zustand. Sehr zugute kommen der Schule die Investitionen des Schulträgers, des Kreises Schaumburg. Holger Wirtz ist zufrieden: „Wir können uns wahrlich nicht beschweren. Der Schulträger erfüllt uns jeden Wunsch, und wir haben hier hervorragende räumliche Bedingungen.“ Die werden im nächsten Schuljahr noch besser werden: Dem Betonschulhof aus den 1970er Jahren geht es an den Kragen. Er wird komplett umgestaltet – nach den Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler, die diese mit einer Landschaftsarchitektin entwickelt haben. Dann wird es eine Hügellandschaft, Orte zum Spielen und zum Rückzug und viel mehr Sitzgelegenheiten geben. Vielleicht sogar Hängematten.

Für das kommende Schuljahr hat das WBG einige neue Pläne für den Ganztag. Für die Schülerinnen und Schüler soll es verpflichtend werden, mindestens einmal in den sechs Jahren ihres Schulbesuchs eine buddY-AG, „in der der sie sich für die Gemeinschaft einsetzen“, zu wählen, so Holger Wirtz. „Die Schülerinnen und Schüler können sich schon jetzt freiwillig als Pausen-, Spielecontainer- und Sanitäter-buddYs einbringen und im Cafeteria-Team oder im Schulshop mitarbeiten. Sie können Arbeitsgemeinschaften und die Hausaufgabenbetreuung nutzen. Aber wir finden, dass jeder auch etwas für die anderen tun soll, zum Beispiel in der Umwelt-AG. Wir sind jetzt dabei, ein Repertoire an AG-Angeboten aufzubauen, in denen das umgesetzt werden kann.“

Europa beginnt am Wilhelm-Busch-Gymnasium schon einmal zu Hause.

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